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Die Mittelrheingemeinden Heimbach, Weis und Gladbach zwischen Grundherrschaft und Industrialisierung (1680-1880). Ländliche Gesellschafts- und Wirtschaftsstruktur im Umbruch

von Reinhard Lahr

Meine 1995 erschienene Dissertation setzt sich vorwiegend mit dem Kausalzusammenhang von Bauernbefreiung, Industrialisierung und historischer Demographie auseinander.[Anm. 1] Die zentrale Untersuchungsaufgabe bestand darin, am Beispiel dreier mittelrheinischer Landgemeinden, die heute Stadtteile Neuwieds sind, zu veranschaulichen, wie die regionale und ständische Lebensordnung auf die durch Verfassungsreformen und Industrialisierung veränderten Bedingungen reagierte. Die örtliche Gesellschafts- und Wirtschaftsstruktur wurde über eine Zeitspanne von 200 Jahren untersucht.

Die Basisdaten der Studie ermittelt die historische Demographie. Der bevölkerungsgeschichtlichen Situation und Entwicklung wurden dann im zweiten Schritt der politisch-administrative Umbruch, dessen Neuerungen durch die Französische Revolution bewirkt wurden, und der sozioökonomische sowie soziokulturelle Wandel zugeordnet. Zentrale "Themen" des 19. Jahrhunderts, beginnend mit der Säkularisation, über den Pauperismus, die großen Auswanderungswellen der Jahrhundertmitte bis hin zum Vereinswesen und zur Wahlrechtsproblematik, wurden in einen einheitlichen Darstellungs- und Erklärungskontext eingebunden.

Die Beziehung zum Wirtschaftswandel ist durch die geographische Lage der Gemeinden im Neuwieder Becken, also in der Nachbarschaft zur Eisen- und Sandsteinindustrie, gegeben.

Obgleich in den drei Orten Heimbach, Weis und Gladbach, die als Kirchspiel parochial organisiert waren, erst nach 1860 industrielle Betriebsstätten, vor allem zur Herstellung von Ziegeln und Bimssteinen, errichtet wurden, zählte die weitere Region nach der "Historischen Wirtschaftskarte der Rheinlande" für die Zeit um 1820 zu den Ballungsräumen der Schwerindustrie. Frühere und bedeutendere Akzente industriellen Wirtschaftens setzten die benachbarten Bürgermeistereien Bendorf und Niederbieber mit den späteren Kruppschen Gußstahlhütten zu Sayn und Mülhofen, der Concordiahütte und dem Blechwalzwerk Rasselstein der Familie Remy, wo bereits 1824 ein Puddelwerk entstand.

Dieser Beitrag beschränkt sich auf die Vorgehensweise und die wichtigsten demographischen Forschungsergebnisse.

Zunächst wurden sämtliche im Archiv gewonnenen sozialstrukturellen Angaben dem – aus der Analyse des zuvor angelegten Familienbuchs und mit zusätzlichen kirchlichen Quellen versehenen – Vitaldaten-Raster beigefügt. Die Fülle der neuen Datenbank verblüffte, ließ die Zahl der nach 1680 und vor 1881 geschlossenen Ehen mit genauen Angaben auf über 3.000 anwachsen. Es gab im gleichen Zeitraum 12.851 Geburten.

Zur datentechnischen und statistischen Aufbereitung der zunächst unkodierten Informationen eignete sich am ehesten das am Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen unter Leitung von Manfred Thaller entwickelte Datenbankprogramm "kleio".[Anm. 2]

Da die bisherigen Eintragungen bereits in feste Formen gebettet waren, mußten deren regelmäßig wiederkehrende Schemata genutzt werden, um eine Übereinstimmung mit der hierarchisch funktionierenden Datenbankstruktur „kleios“ zu erreichen.

Der obersten Ebene, dem Familienvater, wurden sämtliche Personengruppen und Sachverhalte untergeordnet, zunächst die Eheschließung, davon abhängig die Frau, von ihr die Kinder. Diese sogenannte Strukturvereinbarung definiert die Beziehungen der Personen untereinander und die Reihenfolge der Elementarinformationen.[Anm. 3] Ihnen konnten wiederum alle lebens- und sozialstrukturellen Daten zugewiesen werden. Diverse „logische Objekte“ stellen den Bezug zu Zahl, Zeit, Geschlecht, Stand etc. dar. Schließlich bewirkte die Definition der „logischen Umwelt“, das heißt die Zuweisung von Wertgrößen (Pfennigen oder qm) deren Gehalt und Umrechnung. Gute Beispiele sind der Wechsel diverser Währungseinheiten und Feldmaße während des Untersuchungszeitraumes. Aufgrund dieser Vereinbarung konnten die örtliche Lage oder die jeweilige Klasse von Gebäuden/Grundstücken den Elementarinformationen direkt zugeteilt werden.

Nachdem die umfangreiche Struktur erstellt war, wurden die Daten entsprechend den Vereinbarungen modifiziert. Schwierigkeiten traten bei der Auswertung des Datenmaterials zutage. Die Vielzahl von Berufen und deren Kombinationen würden einzelne Abfragen und die Weitergabe an ein Statistikpaket erschweren, ja unmöglich machen. In der Gruppierung von Berufsangaben durch Zuweisung eines systematischen Zahlenwerts – also die Einrichtung sogenannter Thesauren[Anm. 4] – lag die Lösung des Problems. Doch auch dieses Vorgehen barg Nachteile, die den Informationsgehalt der Auswertung mindern konnten; herausragende Einzelfälle wären Kategorisierungen zum Opfer gefallen.

Erst in der Gesamtbetrachtung von Kategorisierung und exemplarischem Exkurs oder Einzelfallbestimmung konnte eine sinnvolle Annäherung an die historische Realität erreicht werden.

Der Berufsthesaurus kodiert insgesamt 31 berufliche Sektoren. Ihnen liegen sechs große Sparten zugrunde: der agrar- und forstwirtschaftliche Bereich, der handwerklich-gewerbliche, der Handels-, der Dienstleistungsbereich, der Sektor aller Tagelöhner und Arbeiter und schließlich jener der industriellen Unternehmer. Der handwerklich-gewerbliche Sektor zerfällt seinerseits in die Gruppe der Nahrungs- und Genußmittel produzierenden Berufe, der Textilien- und Bekleidung erstellenden, der Holz verarbeitenden, der Leder erzeugenden, der Metall- und der Bauhandwerker.

Aus dem Berufsthesaurus geht eine Sozialindizierung nach bestimmten Vermögensverhältnissen nicht hervor. Sie wird durch die Zufügung eines "+" und "-" im einzelnen zwar erahnbar, tritt aber in den Hintergrund und muß wie die Biographie von Einzelindividuen in der Datenbank verborgen bleiben.

Die Zuweisung zu sozialen Schichten erschien besonders diffizil. Bei Mehrfachnennungen von Berufen entschied häufig die Gewichtung eines Berufs über den ausschlaggebenden Stellenwert für die Einordnung zur jeweiligen Schicht. Folgendes Beispiel mag dies erläutern: Ein Tagelöhner betrieb im Nebenberuf eine kleine Landwirtschaft, konnte also nicht ohne weiteres der Unterschicht zugeordnet werden. Ein Landwirt, der sich nebenbei als Fuhrmann oder Tagelöhner betätigte, stünde zunächst auf derselben sozialen Stufe wie vorgenannter, da jedesmal die gleichen Berufe auftauchen, lediglich die Gewichtung eine andere ist. Ein ähnliches Problem besteht bei der Nennung von nur einem Beruf. Ein Kleinbauer mit rund zehn Morgen Eigenland konnte nicht derselben Schicht zugerechnet werden wie ein mittlerer Landwirt mit einem Grundeigentum von 30 Morgen. Ebenso konnte ein Handwerker Inhaber eines Betriebs sein, also Gesellen beschäftigen, oder aber selbst nur Geselle sein.

Das Schichtenmodell wurde sowohl nach Gesichtspunkten der beruflichen Kategorisierung als auch nach Faktoren eines bestimmten "Sozialindex" konstruiert. Dieser richtete sich nach steuerlichen Angaben, das heißt dem Vermögen. Von einer präzisen Einteilung, wie Sachse sie in seinem "multiplen Sozialindex" in Anlehnung an Boltes Verfahren entworfen hat,[Anm. 5] mußte im vorliegenden Fall Abstand genommen werden, da sich der die westdeutsche Grundherrschaft auszeichnende Pächterstand in den steuerlichen Schatzungen nicht wiederfand, es sei denn, die genannte Person hatte neben ihrem Pachtgut auch Eigentum aufzuweisen. Im übrigen mußte es dem Gutachten des Verfassers überlassen werden, wie er die Höhe der Pacht und das Sozialprestige des einzelnen bei der Bestimmung des Sozialindex gewichtete. Da nach etwa 1825 sowohl Zeit- als auch Erbpachtverhältnisse (letztere schon früher) wegfielen, entsprach die damalige steuerliche Bemessung dem tatsächlichen Vermögensstand des betreffenden Bürgers. Spätere Einstufungen nach "Klassenmodici" (Steuerklassen bei Dreiklassenwahl) erleichterten die Zuordnung. Außerdem war die Ämterführung (gemeint sind Ehrenämter) bei der Vergabe sozialer Indices hilfreich.

Die feinen sozialen Unterschiede, die sich sowohl bei der steuerlichen Erfassung als auch dem beruflichen Stellenwert innerhalb des dörflichen Sozialgefüges niederschlugen, führten zur Überlegung, die gesellschaftliche Schichtung nach fünf Abstufungen vorzunehmen. Neben der üblichen Dreiteilung in Ober-, Mittel- und Unterschicht wurde die zahlenmäßig stärkste Gruppe, die Mittelschicht, in drei Gruppen gegliedert. Die Mitglieder der oberen Mittelschicht tendierten eher zur Oberschicht, hatten ihr gegenüber jedoch weniger Vermögen und Sozialprestige. Zur mittleren Mittelschicht zählte das klassische Handwerk, zur unteren Mittelschicht das einfache Handwerk mit Tendenz zum Tagelohnverdienst. Auf der untersten Stufe der Schichtenskala standen die gering besteuerten Tagelöhner, später auch Industriearbeiter sowie die als besteuerungsunfähig bezeichneten „Dorfarmen“. Der Oberschicht wurden die Höchstbesteuerten und renommiertesten Bürger der Gemeinden zugerechnet.

Nachdem die Datenfülle durch Erstellung weiterer Thesauren (Wohnort, Herkunft) den statistischen Anforderungen genügte, wurden die "kleio"-Dateien auf die Weitergabe an das amerikanische Statistikpaket SPSS-PC+ vorbereitet. Alle wesentlichen, für die Erstellung einer sinnvollen Tabelle notwendigen Daten mußten durch den „translatio-Befehl“[Anm. 6] in ein für SPSS lesbares Format transformiert werden.

Erst durch die Auswertung des Datenmaterials mit Hilfe von SPSS konnten Resultate – aussagefähige Tabellen und Graphiken – erzielt werden, ohne die eine wissenschaftliche Diskussion nach den genannten Fragestellungen unmöglich gewesen wäre.

Die Ergebnisse der Studie

Die demographischen Strukturen paßten sich dem neuentstehenden sozioökonomischen Gefüge an, das durch das Verschwinden der Grundherrschaft, die Bildung privaten Eigentums (Allodifikation) und die einsetzende Industrialisierung ausgeformt worden war.

Erste Reaktionen manifestierten sich in einer starken Bevölkerungszunahme von 1800 bis 1850, die das bisherige Wachstum um mehr als das Dreifache übertraf. Eine sehr hohe Geburtenzahl zeichnete sich zwischen 1800 und 1820 ab. In der Zeit bis 1870 stagnierte die Entwicklung und expandierte dann infolge der Industrialisierung erneut.

Die traditionell-katholische und überwiegend agrarische Prägung aller Schichten verhinderte geburtenregulierende Maßnahmen während dieser Zeit. Steigende Fruchtbarkeitsziffern unterstrichen diese konservative Haltung. Sie resultierten aus kürzeren Geburtenintervallen und aus der langen Gebärtätigkeit – sie reichte stets über die Altersgrenze von 40 Jahren hinaus.

Da Industriearbeiter aufgrund ihrer frühen und guten Verdienstmöglichkeiten schon relativ jung eine Ehe eingehen konnten, und zwar mit ebenfalls jungen Frauen, entsprach die Kinderzahl solcher Ehen jener der kinderreichen oberen Stände. Dies hatte zur Folge, daß sich Dreigenerationenfamilien bildeten.[Anm. 7] Das relativ hohe Heiratsalter und die niedrige Lebenserwartung Erwachsener von maximal 60 Jahren hatten in vorindustrieller Zeit meist verhindert, daß Großfamilien entstanden. Die Kernfamilie war keine Erscheinung der Industrialisierung, sie hatte zumindest in Realteilungsgebieten – also auch in den untersuchten Gemeinden – schon lange vorher bestanden.

Obgleich die industrielle Produktionsform zur Formierung der Kleinfamilie geradezu prädestiniert war, verhinderten die Bodenständigkeit und die damit einhergehende konservative Denkweise der sich überwiegend selbst versorgenden Arbeiter im Kirchspiel die Ausprägung proletarischen Bewußtseins. Von politischen Organisationsbestrebungen der Arbeiterschaft konnte hier vor 1880 keine Rede sein. Allein die sozioökonomische Abgrenzung von anderen Schichten führte zur Bildung gleichgesinnter, durch gleiche Arbeitsformen geprägter Selbsthilfe- und Wohltätigkeitsvereine.

Figur 1: Prozentuale Verteilung aller Heiraten im Kirchspiel Heimbach nach Wochentagen

Einen nicht zu unterschätzenden Einfluß auf die demographische Entwicklung hatte zumindest bei der Kinderzahl der Katholizismus. Den meisten Eltern lag Familienplanung aus diesem Grund fern. Die kirchlichen Abstinenzvorschriften wurden jedoch außer bei der Wahl des Hochzeitstermins kaum eingehalten. Konzeptionen in der Advents- und Fastenzeit waren nicht weniger zahlreich als zu jedem anderen Zeitpunkt im Jahr. Der Arbeitsrhythmus des landwirtschaftlichen Kalenders hatte bei der terminlichen Abstimmung von Hochzeit und Niederkunft das gleiche Gewicht wie die von der Amtskirche vorgeschriebenen Verhaltensmaximen. Erst nach 1860 änderten sich die "Vorlieben"; die bis dahin bevorzugten Heiratsmonate Januar, Februar und November verloren zugunsten des Mai und der Sommermonate Juni bis September an Bedeutung.

Interessante Ergebnisse brachte auch die Untersuchung des wöchentlichen Heiratsrhythmus'. Die Wahl der in Frage kommenden Wochentage wurde durch religiöse und praktische Erwägungen stark beeinflußt. Da sonntags, am Tag des Herrn, überschwengliches Feiern generell nicht oder nur ungern geduldet wurde, die samstags stattfindenden Hochzeiten sich bis in den nächsten Morgen erstrecken und somit den Sonntag entweihen konnten, zudem die freitäglichen Fastenvorschriften den festlichen Speiseplan eingeschränkt hätten, blieben in katholischen Gegenden nur wenige Tage übrig, an denen man getrost und ausgiebig das große Fest begehen konnte. Außerdem mußten langwierige Vorbereitungen getroffen werden, die zumeist nicht innerhalb eines Tages vonstatten gingen. Und wenn schon einmal gefeiert wurde, so wollte man nicht wegen der kirchlichen Vorschriften mitten in der Nacht damit aufhören. In den meisten katholischen Gemeinden war aus diesem Grunde der Dienstag der beliebteste Festtag im Wochenrhythmus. Seine Bedeutung stieg auch im hiesigen Kirchspiel von 44 Prozent Ende des 17. Jahrhunderts und annähernd 70 Prozent um 1750 auf 77 Prozent in den Jahren 1860 bis 1879.

Sonntags beging ein Drittel aller Brautpaare der Heiratskohorten des späten 17. Jahrhunderts das Jubelfest. Diese Zahl sank bis 1750 auf magere acht Prozent. Eine Parallele zu Zschunkes Oppenheimstudie wird augenscheinlich. Auch hier heirateten bis 1750 mehr als 20 Prozent aller katholischen Paare sonntags, unmittelbar nach der obligatorischen dritten Ausrufung der Eheproklamation in der Sonntagsmesse. Da dies aber von der Obrigkeit nicht länger geduldet wurde, ging auch hier deren Anteil auf nur 3 Prozent zurück.[Anm. 8]

Der Montag rangierte im Kirchspiel in der Folgezeit an zweiter Position beliebter Termine. Relativ viele Mitglieder der Unterschicht gingen an einem Mittwoch den Bund fürs Leben ein. Vielerorts, so auch hier, blieb dieser Tag für solche Ehepaare reserviert, die heiraten mußten, bei denen die Braut schwanger ging oder einer der Brautleute ein uneheliches Kind mit in die Ehe brachte. Der Brautgottesdienst wurde in aller Stille mittwochs abends gehalten, die Braut durfte keinen Myrtenkranz tragen, es fand keine Festpredigt statt, musikalische Begleitung jeglicher Art, auch bei der anschließenden Feier, war untersagt.

Figur 2: Außereheliche Geburten und voreheliche Konzeptionen, gemessen an der Zahl aller Erstgeburten

Die Geburten verteilten sich im letzten Viertel des Untersuchungszeitraums gleichmäßig auf das gesamte Jahr; die Differenz zwischen dem geburtenreichsten und dem geburtenärmsten Monat (September und Juni) betrug während der Jahre 1840 bis 1879 lediglich 1,6 Prozent.

Etwa zur selben Zeit verringerte sich der Altersabstand zwischen den Ehepartnern, die Ehedauer wuchs, weil man in jüngerem Alter heiratete und weil epidemische oder "antizyklische Mortalitätskrisen" abklangen. Die Wiederverehelichungsquote sank bei den meisten Sozialgruppen, ausgenommen der mittelständischen Bauern, da der Rollenergänzungszwang allmählich an Bedeutung verlor.

Gleichzeitig wuchs die geographische Mobilität bei der Heirat. Bis 1860 war der Anteil ortsfremder Ehepartner – ausgenommen in den Jahren vor 1803 – relativ niedrig, der Grad lokaler Endogamie recht hoch. Gründe für diese Bodenständigkeit sind in der Realteilung, dem fast in jedem Haushalt anzutreffenden Besitz von Ackerparzellen, also einer arbeiterbäuerlichen Mentalität, in hohem Eigenheim- sowie relativ niedrigem Mietwohnanteil zu suchen.

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts nahmen voreheliche Konzeptionen und uneheliche Geburten permanent zu. In den letzten zwanzig Jahren des Untersuchungszeitraums (1860-1879) waren bei mehr als der Hälfte aller erstgeborenen Kinder die Mütter ledig beziehungsweise zum Zeitpunkt der Heirat schwanger.

Zwischen 1840 und 1890 vervielfachte sich die Zahl der in den Taufbüchern registrierten unehelichen Geburten. Während in den 150 Jahren zuvor nur 48 "Illegitimitätsfälle" registriert wurden, waren es in dieser relativ kurzen Zeit mehr als dreimal so viele. Sie entfielen überwiegend auf die Unterschicht, also die Tagelöhner, selten auf Industriearbeiter. Vereinzelt wurden bereits in der dritten Generation Kinder unehelich geboren. Dies bestätigt die Laslett'sche These der "bastardy prone sub-society", die besagt, daß ein Großteil unehelicher Kinder von Müttern geboren wurde, die selbst unehelich zur Welt kamen.[Anm. 9]

Figur 3: Prozentuale Verteilung der Todesfälle nach Altersgruppen

Unter den Angehörigen landwirtschaftlich und handwerklich geprägter Familien funktionierte indessen die Sozialkontrolle immer noch recht gut. Die unteren Schichten divergierten in ihren Verhaltensmustern; un- und voreheliche Geburten waren bei Tagelöhnern viel häufiger als bei Hüttenarbeitern, deren "Klassenstolz" infolge qualifizierter, moderner und regelmäßiger Arbeits- und Lohnverhältnisse wuchs. Ebenso gingen die – in konservativen Denkschemata verhafteten – Tagelöhner nach dem Tod ihrer Frauen recht bald wieder eheliche Bindungen ein, während dies bei der neu entstehenden Industriearbeiterschaft weniger der Fall war.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Alterssterblichkeit etwas höher als zuvor. Der von Imhof[Anm. 10] und Knodel[Anm. 11] herausgestellte Trend, daß die Säuglingssterblichkeit bis etwa 1870 kontinuierlich anstieg, um dann allmählich abzusinken, bestätigt sich auch in der vorliegenden Untersuchung. Die Hauptursachen lagen in der Änderung der Stillgewohnheiten, aufgrund derer die intergenetischen Intervalle kürzer wurden, sowie in einer zunehmenden Arbeitsbelastung der Frauen, die mit der Intensivierung der Landwirtschaft zusammenhing.

Die Säuglingssterblichkeit zeigt im Vergleich mit anderen Regionalstudien außerdem, daß sich das mittelrheinische Kirchspiel in das weithin beobachtete Nord-Süd-Gefälle integrierte. Bei 21,5 Prozent verstorbener Säuglinge (incl. Totgeburten) der Jahre 1800 bis 1879 lagen die norddeutschen Gemeinden zur selben Zeit 6 bis 12 Prozentpunkte darunter, während in süddeutschen Dörfern weit höhere Sätze erreicht wurden.

Die allgemein vertretene Maxime, daß die Säuglingssterblichkeit und Totgeburtenquote um so höher sei, je geringer der soziale Status war,[Anm. 12] fand hier keine Bestätigung. Hierin wurde ein Stadt-Land-Gefälle deutlich. Den Müttern auch der vermögenden ländlichen Schichten gewährte das immerwährend harte und arbeitsame Leben im Gegensatz zu den städtischen Oberschichtfrauen in der Regel nur geringe Entlastung. Ebenso übertraf das Arbeitspensum einer Bauersfrau jenes einer Handwerker- oder Tagelöhnerfrau. Es kann herausgestellt werden, daß die Lebenserwartung der oberen Schichten um einige Jahre höher als bei den niederen Ständen und Berufsgruppen ausfiel. Dies galt für beide Geschlechter.

Die Resultate des demographischen Teils meiner Untersuchung reihen sich in den Zyklus bisher erschienener Parochialstudien ein. Sie bestätigen die Ergebnisse bevölkerungs- und mentalitätshistorischer Arbeiten im Hinblick auf die Handlungsweise katholischer Familien sowie die besonders im ländlichen Bereich aus der Realteilung erwachsenen Verhaltensmaximen, sowohl hinsichtlich der geographischen Mobilität als auch der Ausbildung politischen Bewußtseins.

Im zweiten Teil der Arbeit werden unter anderem mentalitätsspezifische Eigenheiten beschrieben. Kurz zu erwähnen ist das gesunde Selbstbewußtsein der Kirchspielbewohner. Es äußerte sich im 18. Jahrhundert vornehmlich in der Austragung juristischer Streitigkeiten, deren Ausgang zwar überwiegend zugunsten der Grundherren entschieden wurde, gelegentlich aber auch die Landeskinder in ihrem Veto bestärkte. Die unscharfe Trennung der Eigentums- und Hoheitsrechte war ohnehin eine Schwachstelle innerhalb des alten Rechtsgefüges. Obgleich die Prozeßfreudigkeit dieser Zeit bereits in anderen Studien Erwähnung fand, blieb eine eingehende Untersuchung der einzelnen Sachverhalte bisher aus.

Die Vehemenz dieser Form bürgerlichen Widerstandes gegen grundherrschaftliche Belange bricht bereits Jahrzehnte vor dem Zusammenbruch des feudalen Systems mit der althergebrachten Ordnung. Erst aus der Reflexion dieses Sachverhalts erwächst die Kenntnis, daß die von liberalem Gedankengut getragene Reformpolitik des 19. Jahrhunderts nicht nur wegen der territorialen Neuordnungen im Zuge französischer Okkupationspolitik und neuer marktwirtschaftlicher Erkenntnisse notwendig wurde, sondern das Verständnis der "Untertanen" bereits lange zuvor von den restriktiven Erscheinungsformen des alten Systems Abschied genommen hatte.

Anmerkungen:

  1. Reinhard Lahr: Die Mittelrheingemeinden Heimbach, Weis und Gladbach zwischen Grundherrschaft und Industrialisierung (1680-1880). Ländliche Gesellschafts- und Wirtschaftsstruktur im Umbruch (Geschichtliche Landeskunde 43), Stuttgart 1995. Zurück
  2. Manfred Thaller: Kleio 3.3.1. – Ein Datenbanksystem (Halbgraue Reihe zur historischen Fachinformatik Serie B: Softwarebeschreibungen), St. Katharinen 1991; – Peter Thomas Becker, Werner: Ein Tutorial (Halbgraue Reihe zur Historischen Fachinformatik. Serie A: Historische Quellenkunden 1), St. Katharinen 1991. Zurück
  3. Becker, Werner, kleio (wie Anm. 2), S. 17ff. sowie Peter Becker: Leben, Lieben, Sterben: Die Analyse von Kirchenbüchern (Halbgraue Reihe zur Historischen Fachinformatik. Serie A: Historische Quellenkunden 5), St. Katharinen 1989, S. 70ff. Zurück
  4. Becker, Werner, kleio (wie Anm. 2), S. 187ff. Zurück
  5. Wieland Sachse: Göttingen im 18. und 19. Jahrhundert. Zur Bevölkerungs- und Sozialstruktur einer deutschen Universitätsstadt (Studien zur Geschichte der Stadt Göttingen 15), Göttingen 1987, S. 130ff. – Den „mehrdimensionalen Bewertungsschlüssel“ entnahm er der Darstellung Karl Martin Bolte, Dieter Kappe, Friedhelm Neidhardt: Soziale Ungleichheit (Beiträge zur Sozialgeschichte. Reihe B: Struktur und Wandel der Gesellschaft 4), Opladen 1975, S. 86ff. Zurück
  6. Becker, Werner, kleio (wie Anm. 2), S. 231ff. und S. 247ff. Zurück
  7. Michael Mitterauer: Auswirkungen von Urbanisierung und Frühindustrialisierung auf die Familienverfassung an Beispielen des österreichischen Raums. In: Werner Conze (Hg.): Sozialgeschichte der Familie in der Neuzeit Europas, Stuttgart 1976, S. 241-270; – Peter Laslett: La famille et le ménage: approches historiques. In: Annales E.S.C. 1972, S. 847-872, hier S. 866f. Zurück
  8. Peter Zschunke: Konfession und Alltag in Oppenheim. Beiträge zur Geschichte von Bevölkerung und Gesellschaft einer gemischtkonfessionellen Kleinstadt in der frühen Neuzeit (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz 115), Wiesbaden 1984, S. 179f. Zurück
  9. Peter Laslett: The bastardy prone sub-society. In: Bastardy and its comparative history, London 1980, S. 217-246. Zurück
  10. Arthur E. Imhof: Unterschiedliche Säuglingssterblichkeit in Deutschland. 18. bis 20. Jahrhundert – Warum? In: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft 7, 1981, S. 343-382, hier S. 354ff. Zurück
  11. John Knodel: Demographic behavior in the past. A study of fourteen German village populations in the eighteenth and nineteenth centuries. Cambridge 1988, S. 68. Zurück
  12. Imhof, Säuglingssterblichkeit, S. 358, Abbildung 8; – Arthur E. Imhof: Die gewonnenen Jahre. Von der Zunahme unserer Lebensspanne seit 300 Jahren oder von der Notwendigkeit einer neuen Einstellung zu Leben und Sterben, München 1981, S. 122f.; – Thomas Kohl: Familie und soziale Schichtung: Zur historischen Demographie Triers 1730-1860 (Industrielle Welt, 39), Stuttgart 1985, S. 135; – W. H. Hubbard: Familiengeschichte. Materialien zur deutsche Familie seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, München 1983, S. 122. Zurück