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„Bin wohl wieder voll gewest?“ – Über den Kreuznacher „Pfaltz Sprung“ von 1603

von Jörg Julius Reisek

Friedrich IV., Kupferstich von D. Custos, 1600

Pfalzgraf Friedrich IV., gen. der „Aufrichtige“ (1574-1610), war weithin als vergnügungssüchtiger Kurfürst bekannt. Feste, Jagden, Spiel- und Trunksucht dominierten sein Leben und brachten ihm einen frühen Tod. Durch den Ausbau des Heidelberger Schlosses und der Gründung von Mannheim ruinierte er die Finanzen seines Landes gründlich. Er war der Vater des „Winterkönigs“ Friedrich V.

Eine traurige Berühmtheit erlangten die Tagebucheinträge des Kurfürsten. „Bin wohl wieder voll gewest“ hielt er in unterschiedlichen Varianten für die Nachwelt fest. Dies regte August Schneider zur Schöpfung des Liedes „Kurfürst Friedrich“ an, das von Karl Hering 1887 vertont wurde. Die fünfte Strophe des beliebten Studentenliedes lautet wie folgt:

„Als der Kurfürst kam zu sterben,

Machte er sein Testament,

Und es fanden seine Erben

Auch ein Buch in Pergament.

Drinnen stand auf jeder Seit:

Seid vernünftig, liebe Leut,

Dieses geb ich zu Attest:

Heute wieder voll gewest.“

Pfalz-Sprung. 12.6.[19]21?, Zeichnung
?Der Pfalzsprung?, Bauaufnahme für den Antiquarisch-Historischen Verein

Im Frühjahr 1603 bereiste Friedrich IV. mit Gemahlin und Gefolge das Nahetal. Dabei logierte die Gesellschaft zweimal in Kreuznach. Am 4. März geschah nahe dem Weichbild der Stadt eine „Sensation“. Der Kurfürst wurde übermütig und trieb sein edles Roß zu einer sportlichen Höchstleistung an. Dabei wurde ein neun Meter breiter Entwässerungsgraben übersprungen. Dem glücklichen Ausgange folgte die Würdigung mittels einer Denkmalsetzung. Johann Goswin Widder erinnerte 1788 in seiner Pfalzbeschreibung daran: Am Fuße des Galgenberges „befindet sich auch der sogenannte Pfalzsprung, woselbst Kurf. Friedrich IV. im J. 1603 über einen 27 Schuhe breiten Laufgraben mit seinem Pferde zum Erstaunen vieler Zuschauer gesezt haben solle. Zum Denkmal wurden zween viereckigte Steine über die Erde in nämlicher Entfernung gegen einander aufgerichtet, auf welchen beiden nebst dem Kurpfälzischen Wappen und dem Bildnisse des springenden Pferdes“ Inschriften zu sehen sind.

Das Ensemble wurde 1928 aus dem Pfalzsprung entfernt und im Garten des Heimatmuseums aufgestellt. Seit 1986 wird es im Schloßparkmuseum aufbewahrt und aus konservatorischen Gründen im Magazin gelagert.

Am 10. März kehrten die illustren Gäste nach Kreuznach zurück. Die Stadtratsprotokolle berichten uns folgendes: „Unser gnädiger Churfürst & Herr ist von Kirn wieder hierher gekommen und hat auf dem Schloß mit dero Gemahlin den Mittags-Imbiß gehalten. Allda ist ihnen wieder [!] der Wein verehret worden in 30 Flaschen, waren 18 Viertel 99er Gewächs [etwa 120 Liter]. Sind am Nachmittag noch gen Alzey verreist.“ Friedrichs Äußerungen über diesen Ausflug sind nicht bekannt. Die erste Strophe des oben erwähnten „Saufliedes“ soll hierfür stellvertretend stehen:

„Wütend wälzt sich einst im Bette

Kurfürst Friedrich von der Pfalz;

Gegen alle Etikette

Brüllte er aus vollem Hals:

Wie kam gestern ich ins Nest?

Bin scheint´s wieder voll gewest!

Nachweise

Verfasser: Jörg Julius Reisek

Redaktionelle Barbeitung: Dominik Kasper

Weitere Hinweise:

Die Stelen wurden von Karl Geib (Historische Topographie, I: S. 119-120, II: S. 101-102) und von Eberhard J. Nikitsch (Inschriften des Landkreises Bad Kreuznach, Nr. 439 u. Abb. 206: Plan / Skizze von 1751) ausführlich beschrieben. Auch im Nahelandkalender 1964 können interessante Details (z. B. „Falschsprung“!) nachgelesen werden. Alle Titel sind in der Heimatwissenschaftlichen Zentralbibliothek verfügbar.

Erstellt: 17.12.2010