Das Wunderliche Wasser-Thier – Hirngespinst oder Realität?

Im Jahre 1689 erschien ein Flugblatt, das von einer merkwürdigen Begebenheit berichtete: Im September 1688 sei eine eigenartige Kreatur den Rhein zu Berg geschwommen – ein „wunderliches Wasser-Thier“, etwas über 4 Meter lang und mit „grossem Gebrüll und Brautzen“. Angeblich sei es bis Basel gekommen, wurde jedoch einige Monate später im April 1689 bei Stammel unterhalb von Köln tot aufgefunden. Der Körper wies mehrere Schusswunden auf, wurde vermessen und abgezeichnet. Nach dieser Zeichnung wurde ein Flugblatt angefertigt, das dem heutigen Betrachter den Verdacht aufdrängt, man habe damals im Rhein einen Wal gesichtet. Eine an sich absurde Vorstellung, wenn sich nicht dieser Fall im Jahre 1966 wiederholt hätte – in einer Zeit, als die Rheinverschmutzung gerade ihren Höhepunkt erreicht hatte. 2001 erschien in WDR-Online ein Artikel, der über diese Begebenheit berichtet:

"Hier schwimmt ein weißes Ungeheuer im Rhein", meldeten am 18. Mai 1966 zwei Binnenschiffer der Polizei in Duisburg. Die schnell herbeigeeilten Kollegen der Wasserschutzpolizei taten das Naheliegende: Die beiden Schiffer mussten ins Röhrchen pusten, Verdacht auf Trunkenheit am Ruder. Doch die beiden waren stocknüchtern und schnell stellte sich heraus: Was sie erzählten, war alles andere als Seemannsgarn - tatsächlich schwamm ein weißer Beluga-Wal im Rhein.

Expertenrat war nun gefragt. Der aus dem Duisburger Zoo herbeigeeilte Direktor Wolfgang Gewalt sprach von "einer zoologischen Sensation". "Man is det een Wurm" platzte es aus dem 38-jährigen gebürtigen Berliner heraus, als er den gut vier Meter langen und rund 35 Zentner schweren Meeressäuger sah. Schnell stand sein Entschluss fest: Fangen wollte er das Tier, das schon bald von Menschen und Medien auf den Namen "Moby Dick" getauft worden war. Sein Kalkül: Die Besucher würden in Massen in seinen Zoo am Kaiserberg strömen.

Zuerst mit geliehenen Netzen eines Duisburger Tennisclubs, dann mit Schnellbooten der Bundeswehr und eingeflogenen Walfangexperten aus Übersee. Doch der Direktor hatte die Rechnung ohne den Wal gemacht. "Moby" dachte nicht im Traum daran, seine Freiheit im chemieverseuchten Wasser des Rheins mit sauberem Salzwasser in Gefangenschaft zu tauschen. Stattdessen narrte er seine Häscher. Indianische Walfangmethoden, schussbereite Affenjäger mit Pfeil und Bogen - alles war vergeblich. Selbst ein "Volltreffer" aus einer Betäubungspistole beeindruckte ihn nicht, der weiße Wal tauchte im letzten Moment immer wieder ab und entwischte seinen Verfolgern ein ums andere Mal. Die Experten gingen damals davon aus, das Tier habe sich in den Rhein "verirrt". Zoodirektor Wolfgang Gewalt rechtfertigte seinen Jagdtrieb damit, der Beluga-Wal werde im Süßwasser des Rheins über kurz oder lang zugrunde gehen. Der Tierarzt im Duisburger Zoo, Manuel Garcia-Hartmann, sieht das aus heutiger Sicht anders. Beluga-Wale hätten eine sehr empfindliche Haut, erzählt er. "Ich glaube, der Wal wusste ganz genau, aus welcher Richtung die Strömung kommt. Ich unterstelle ihm sogar einen gewissen Vorsatz bei seinem Ausflug in den Rhein", sagt der Zoologe weiter. Einmal in zehn Jahren würden Weißwale vor der europäischen Küste gesichtet. Hartmann selbst hat zwar noch keinen Wal, dafür aber einen Seehund im Duisburger Hafen fotografiert. Das, so klagt er schmunzelnd, interessiere aber jetzt zum 35-jährigen "Wal-Jubiläum" niemanden. "Die Seehundfotos will keiner haben, die wollen alle nur Moby Dick."

"Moby Dick" entwickelte sich schnell zum Medienstar. Wo auch immer er aus den schmutzigbraunen Fluten auftauchte, die Kameras standen bereit. Journalisten aus der ganzen Welt begaben sich auf Bilderjagd. Boote wurden gechartert und selbst aus der Luft, vom Zeppelin aus, wurde versucht, ihn mit abgeworfenen Brötchen zum Auftauchen zu bewegen. Hans-Peter Riehl, heute WDR-Studiochef in Kleve, war als 23 Jahre alter Reporter von Beginn an dabei. "Die Kollegen dachten, das wäre ein Scherz, sonst hätten die nicht mich jungen Pimpf geschickt", erzählt Riehl.

Die Schauspielerin Nicole Heesters erinnert sich mit glänzenden Augen an den Augenblick, als sich "Moby Dick" an der Düsseldorfer Rheinpromenade die Ehre gab, kurz aufzutauchen. "Die Allee war voller Menschen. Seit Stunden warteten wir darauf, dass der Wal sich zeigt". Plötzlich, so erzählt die 64 Jahre alte Tochter von Johannes Heesters, sei ein Aufschrei durch die Menge gegangen, und sie habe für vier Sekunden seinen weißen Rücken an der Oberfläche gesehen. "Von diesem kurzen Augenblick zehre ich noch heute, sagt die Hamburgerin, die zur Zeit am Kölner Schauspielhaus engagiert ist. Besonders die Kölner schlossen "Moby Dick" schnell in ihr Herz. Karnevalisten verewigten den weißen Wal in zahlreichen Varianten auf ihren Karnevalsorden. Etwas weiter flussabwärts sorgte der Wal im Sommer 1966 dann sogar für die Unterbrechung einer Bundespressekonferenz. Als der Meeressäuger im Wasser gesichtet wurde, ließen Politiker und Journalisten in Bonn alles liegen und stehen. "Moby" hatte Popstarqualitäten. Der Zeit voraus war der WDR: Ohne dass der Wal gefragt wurde, gab der Westdeutsche Rundfunk die Komposition eines "Moby Dick-Lied" in Auftrag. "Was will der weiße Wal im Rhein / Er hat gehört im Rhein soll Wein statt Wasser sein / Was will der weiße Wal? / Das wissen wir genau: / Der weiße Wal wär gern einmal / so richtig blau." So lauteten die schlichten Zeilen dieses Karnevalschlagers.

Der Wunsch eines Großteils der Bevölkerung war es, dem Wal seine Freiheit zu lassen. Nachdem der Beluga-Wal fast vier Wochen lang zwischen Emmerich und Bonn flussauf- und flussabwärts geschwommen war, machte er sich im Juni 1966 auf den Weg zurück ins Meer. Von holländischer Seite war ihm schon zuvor "freies Geleit" zugesichert worden. Dort sprach man von "barbarischen deutschen Jagdmethoden". Doch "Mobys" erster Fluchtversuch schlug fehl. Die Sorge wuchs, Moby könnte mittlerweile zu geschwächt sein, um den Weg in die offene See noch zu finden. Doch am 16. Juni 1966 war es dann soweit: Eskortiert von zwei Polizeiwagen am Ufer, schwamm "Moby Dick" mit zehn Stundenkilometern der Nordsee entgegen - der Wal hatte diesmal den richtigen Weg in die Freiheit gewählt.

Quelle: http://online.wdr.de/online/news/wal_rhein/index.phtml (gekürzt); redakt. Bearb. ar