Krummenau im Hunsrück

Zur Geschichte von Krummenau

Die Textauszüge entstammen der Ortschronik: Krummenau 1086-1986 von Dr. Carla Regge(-Pyper) zum 900jährigen Bestehen des Ortes. Das Inhalts- sowie Quellen- und Literaturverzeichnis kann in der rechten Spalte als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die gesamte Chronik ist bei der Gemeinde Krummenau oder direkt bei der Autorin zu erwerben.

Krummenaus älteste Spuren

Erste Erwähnung

Aus dem Dunkel der frühen Geschichte taucht am 20. November 1086 erstmals der Name Krummenau auf. Eine Handschrift vom Ende des 18. Jahrhunderts – aufbewahrt im Archiv des Museums Wasserburg Anholt der Fürsten Salm-Salm im fernen Isselburg-Anholt in Westfalen – ist der einzige Beleg. Sie berichtet, daß an diesem Tag der Mainzer Erzbischof Wezilo zu seinem Anniversarium »auf Veranlassung der Grafen Emicho, Berthold und Eberhard und anderen Getreuen und Ministerialen« der Kirche St. Christophorus von Ravengiersburg ein Hofgut im Dorf Lindenschied und drei »mansos in Runa und Crummenauwe in pago Nachgowe«[Anm. 1] (drei Hufen in Rhaunen und Crummenau in der Grafschaft des Nahegaues) geschenkt haben soll. Dazu gehörten »alle Gebäude, Flächen, Höhrige, Äcker, Wiesen, Wälder.«

Üblicherweise waren solche frommen Schenkungen mit Auflagen verbunden. Für diese sollte dem Seelenheil des Stifters zuliebe jeden Freitag eine Messe gelesen und nach seinem Tod eine Seelenmesse gesungen werden.[Anm. 2]

Unklar ist, ob diese Schrift eine authentische Wiedergabe einer Schenkungsurkunde darstellt. Es bestehen Vermutungen, es könnte eine Fälschung des Schreibers J. G. F. Schott sein. Eventuell hat Schott lediglich eine Archivalnotiz zu einer Urkunde ausgebaut, um diese gewinnbringend zu verkaufen. [Anm. 3] Mit großer Wahrscheinlichkeit ist Krummenau älter als 900 Jahre.

Von der Römerzeit zum Mittelalter

Die Römer hatten sich auch in dem zu Obergermanien gehörenden Hunsrück nie sicher fühlen können. Ab Mitte des vierten Jahrhunderts setzten verstärkt Germaneneinfälle ein. Bevor die Franken um 475 das Land an der Mosel und auf dem Hunsrück unter Zerstörungen in Besitz nahmen, verließen die römischen Kolonistenfamilien die Gegend und zogen sich mit den römischen Truppen zurück. Nur die Hochfläche des Hunsrück blieb weitgehend unberührt. Ein neuer Besiedlungsprozeß begann mit Einzelhöfen, Rodungen, Ortsgründungen, Gebietseinteilungen in Gaue.

Das ganze Mittelalter hindurch bildeten die alte Römerstraße und ein »graues Kreuz« an der Kreuzung dieser Straße mit dem Pfad von Krummenau nach Hirschfeld wichtige Markierungspunkte für die Grenze des Hoheitsbezirks, zu dem Krummenau gehörte. »Aus dem kroen Kruytz in die Steynstraß immer dann die Steynstraß hin,« lautete eine von vielen Grenzbeschreibungen von 1509. Und in einem Weistum von 1508: »Aufs dem Geräusch in die Idarbach, auf der Idarbach in Bintzwieß, aufs Bintzwißen in den kroen Stein, aufs dem kroen Stein wider in das kroe Kreütz.« [Anm. 4] Noch 1711 wurde ein Kreuz an der Römerstraße in einer Landkarte angegeben, obwohl schon Protokolle von 1461, 1469 und 1504 vermerkten, daß es längst nicht mehr vorhanden war. Stattdessen bildete ein »grauer Stein« bei der jetzigen Hockenmühle eine Markierung. [Anm. 5]

Krummenaus Zugehörigkeit

Krummenau gehörte innerhalb der bezeichneten Grenzen zum Hochgerichtsbezirk Rhaunen. Darin hatten die Wildgrafen von Schmidtburg, später diejenigen von Dhaun als Hochgerichtsherren, den »Blutbann zu richten über Hals und Halsbein, über Dieb und Diebin.« [Anm. 6]

Am 29. September 1399 verlehnten Johann und Friedrich, Wildgrafen zu Dhaun, Gericht und Leute zu Crummenau dem Pfalzgrafen Ruprecht und erhielten dafür einen Schirmbrief für dieses und andere Dörfer. [Anm. 7] 1461 und 1469 wurden die Wildgrafen von Dhaun und Kyrburg als Hochgerichtsherren erwähnt, 1493, 1508 und 1558 die von Dhaun. [Anm. 8] 1633 kam das Hochgericht allein an die zu Rheingrafen gewordenen Dhaun.[Anm. 9] Ab 1789 gelangten die Hoheitsrechte an die Fürsten von Salm-Salm. Die Bewohner waren den jeweiligen Grundherrschaften »hofhörige Unterthanen«,[Anm. 10] an welche »Leibbede, Frohnden, Abkauf« zu entrichten waren. Schatzung und Jurisdiktionsstrafen gingen an die Hochgerichtsherren.

Das bedeutete für die Untertanen starke Einschränkungen und große Abgabelasten. 1515 hatte Krummenau folgende Gefälle an das Grafenschloß Dhaun zu leisten: 33 Malter Holz-und Wildhafer und 1 Malter Hafer, sowie zusammen mit anderen Dörfern ein Malter Zinskorn, 31 Malter vier Simmer Beedhafer, 120 Malter Zoll-und Rauchhafer. Und an Geld von einem Krummenauer Erben 15 Albus und 8 Albus von Waldwiesen.[Anm. 11]

Kunde von einem Kloster

Bis heute hält sich in Krummenau die Überlieferung von einem Kloster. Bis zur Einführung der Reformation 1555 soll ein Kloster »St. Laurentius« beliebter Wallfahrtsort für die ganze Umgebung gewesen sein. Diesen »Heiligen Laurentius« sollen nun die Laufersweiler den Krummenauern gestohlen haben, so daß derselbe sich jetzt in Laufersweiler befindet. Die Dorfkirche aus dem Jahr 1747 soll gegenüber der Stelle, wo das Kloster gestanden haben soll, errichtet worden sein.[Anm. 12] Laut Überlieferung sollen die mächtigen Eichenbalken der Kirchenempore sowie die Balken des 1977 abgerissenen Wohnhauses Kroll aus diesem Kloster stammen.

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Krummenau von 1794 bis heute

Französische Zeit (1794-1814)

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts begann in Europa die Umgestaltung der überholten Feudalordnung zur bürgerlichen Gesellschaft. Die Ereignisse der Französischen Revolution (1789) beschleunigten diese Entwicklung, vor allem in den linksrheinischen Gebieten.

Unmittelbar betroffen wurde der Hunsrück von den Auswirkungen der Revolution durch die Revolutionskriege zwischen Frankreich und dem feudalen Europa. Zahlreiche Durchmärsche von französischen, preußischen und österreichischen Truppen brachten der Bevölkerung hohe Belastungen durch Abgaben und Einquartierungen. Diese waren umso größer, je schlechter die Truppen ausgestattet waren. Vor allem den Franzosen fehlte es an Nahrung und Kleidung, manche von ihnen waren barfuß.

Der Winter 1794/95 muß für die Bevölkerung und auch für die französischen Soldaten, von denen viele krank waren, besonders hart gewesen sein. Die Franzosen gingen lange nicht in Winterquartiere, sondern zogen, wenn in einer Gegend nichts mehr zu holen war, in die nächste. Laut Bericht des Lehrers Korb kamen auch ins abgelegene Krummenau Franzosen und plünderten im Dorf. Die Krummenauer mußten Fourage liefern und Soldaten fahren.[Anm. 13]

Mit der Besetzung des Hunsrücks 1794 durch die französische Armee begann die 20jährige französische Herrschaft. Die Feudalordnung wurde allmählich beseitigt. Die Privilegien des Adels und der hohen Geistlichkeit wurden aufgehoben. Sie verloren ihre grundherrlichen Rechte: Gerichtsbarkeit, Polizeigewalt, Jagdrechte, Zehnten und Fronden. Ihr Eigentum wurde beschlagnahmt. Güter, Wälder und Bergwerke übernahm die französische Verwaltung. Die Leibeigenschaft, sofern sie noch bestanden hatte, wurde abgeschafft. Zur Enttäuschung der Bevölkerung vollzog sich die Aufhebung der zahlreichen Abgaben nur Schritt für Schritt bis 1798.

1798 wurde das linke Rheinufer in Departements, Arrondissements, Kantone und Mairien eingeteilt. Krummenau gehörte zum Saar-Departement, Arrondissement Birkenfeld, Kanton Rhaunen und Mairie Rhaunen.

Nach dem Frieden von Luneville 1801 wurde das linke Rheinufer Frankreich offiziell zugesprochen. Alle französischen Gesetze traten nun in Kraft. Mit der Einführung des Code Civil (1804) festigten sich im linksrheinischen Gebiet die bürgerlichen Verhältnisse. Es war die Grundlage zur Sicherung des Privateigentums und verkündete die Gleichheit aller vor dem Gesetz.

Die Befreiung von dem feudalen System nahm weite Teile der Bevölkerung für Frankreich ein. Aus den Hunsrückern Franzosen zu machen, gelang jedoch nicht. Die Einführung der französischen Sprache, des neuen Kalenders, die patriotischen Feste usw. waren von oben erzwungen und erhielten nicht die Chance einer allmählichen Entwicklung in Übereinstimmung mit den gewachsenen Strukturen im Hunsrück. Was die Bevölkerung gegen Fankreich einnahm, waren die zahlreichen Einberufungen für die napoleonische Armee. Es gab viele Versuche diesen Zugriffen zu entgehen, von denen nur wenige zum Erfolge führten.

Preußische Zeit (ab 1814)

Durch den Sieg der Alliierten über Napoleon endete 1814 die französische Herrschaft. Die eroberten Rheinlande wurden von den Verbündeten militärisch besetzt, der Steinschen Zentralverwaltung unterstellt und anschließend von der Österreichisch-Bayerischen Landesadministration mit Sitz in Kreuznach, später in Worms verwaltet.

Auf dem Wiener Kongress 1815 wurden die Rheinlande Preußen zugesprochen. Seit der verwaltungsmäßigen Neugliederung der Rheinlande 1816 gehörte Krummenau zur Bürgermeisterei Rhaunen. Sie umfaßte außerdem: Bollenbach, Gösenroth, Hausen, Horbruch, Hottenbach , Lindenschied, Oberkirn, Rhaunen, Schwerbach, Stipshausen, Sulzbach, Weitersbach und Woppenroth. Die Bürgermeisterei Rhaunen gehörte zum Kreis Bernkastel im Regierungsbezirk Trier. Mit der Eingliederung in den preußischen Staat wurden die preußischen Gesetze eingeführt. Die französischen hatten sich jedoch so fest verankert, daß sie in Teilen an das allgemeine deutsche Recht angeglichen werden mußten.

Zu Beginn der preußischen Herrschaft zählte Krummenau 110 Einwohner. 1733 waren es noch rund 60 Bewohner gewesen. Bis 1835/46 stieg die Zahl auf 136 und erreichte 1871 mit 140 Einwohnern die bisherige Höchstgrenze! Die wirtschaftlichen Möglichkeiten des Bauerndorfs konnten mit dieser Entwicklung nicht mithalten, so daß einige arme Einwohner das Risiko der Auswanderung wagen mußten. Von 1846 bis 1851 wanderte niemand von Krummenau aus, zumindest nicht mit amtlicher Genehmigung. Ab dann sind einige Auswanderer erwähnt[Anm. 14]:

Jahr Name Alter Beruf Ausw.-Land Mitg. Vermögen:
1852 Heinz Wilhelm ? Maurer Amerika 120 Rth.
1853 Jakob Klein ? ? Amerika ?
1854-56 Daniel Bremm 26 Messerschmied Nordamerika 120 Rth.
1854-56 Catharina Bremm 20 Nordamerika
1854-56 Peter Bremm 10/12 Nordamerika
1854-56 Michel Trarbach 34 ? Nordamerika 175 Rth.
1854-56 Elisabeth Trarbach 34 Nordamerika
1854-56 Nicolaus Trarbach 4 Nordamerika
1854-56 Anna Bleisinger[Anm. 15] 28 ? Nordamerika nichts
1854-56 Michel Lahm 18 Schreiner Nordamerika ?
1863 Heinrich Reuter ? ? ? ?
1884 Carl Paul 25 Schreiner Amerika ?
1885 Adam Paul 27 Ackerer Amerika ?

Alle machten sich auf den Weg »zwecks Gründung einer besseren Zukunft«. Krummenau wurde durch die Abwanderung der überschüssigen Bevölkerung entlastet und zahlte gerne für die Abtretung der begehrten Gemeindenutzungsrechte Reiseunterstützungen von ein paar Talern.[Anm. 16]

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zogen einige Krummenauer in die inzwischen entstandenen Industriegebiete. Die Einwohnerzahl war nun rückläufig. 1884 hatte das Dorf 118 Einwohner, die sich auf 21 Familien verteilten. 97 waren evangelisch, 21 katholisch. 3 Häuser standen aufgrund der Abwanderung leer.[Anm. 17] 1895 erreichte Krummenau mit 107 Einwohnern den tiefsten Stand, erst um 1900 ging es ein wenig aufwärts.

Die preußische Regierung griff mit ihrer straffen Verwaltung recht schroff in die Gemeinden ein (siehe Kapitel Landwirtschaft und Wald) und errang erst einmal wenig Sympathien. Erst in der Zeit nach der im Hunsrück wenig beachteten Gründung des Deutschen Reichs 1871 entwickelte sich schließlich preußisches Nationalgefühl. Der deutsch-französische Krieg 1870/71 fand dagegen mehr Beachtung, denn aus Krummenau nahm Adolf Müller daran teil. Bei seiner Heimkehr bewilligte ihm die Gemeinde eine Siegessumme von 5 Talern.[Anm. 18]

Es begann die Zeit, in der zwar »seine Majestät unser Kaiser Wilhelm als beliebter Landesherrscher« gelobt wurde, aber die »nationale Hochstimmung« hielt sich in Grenzen. Wiederholt beschwerte sich Krummenau, von seiten der preußischen Behörden als »Stiefkind« behandelt zu werden.[Anm. 19] Zumindest erhob man diesen Vorwurf, wenn es darum ging, Forderungen und Eingriffe der Verwaltung abzuwehren oder bestimmten Forderungen nach Unterstützung Nachdruck zu verleihen. Ansonsten schien man in dem kleinen, versteckt liegenden Dorf abgesehen von innerdörflichen Reibereien recht zufrieden, wenn man nur halbwegs in Ruhe gelassen wurde und nicht gerade zu den Ärmsten gehörte.

In der Tat lag der kleine Ort im Abseits. Keine Straße führte durch das Dorf. Die einzige befestigte Straße Rhaunen-Weitersbach-Horbruch führte durch den »Crummer-Wald« an Krummenau vorbei. Die Unterhaltung des zu Krummenau gehörenden Teiles dieser Bezirksstraße brachte noch zusätzliche Belastungen und wurde nur unter Zwang ausgeführt. Alle anderen Wege zu den Nachbardörfern Wahlenau, Niederweiler und Laufersweiler waren unbefestigt und nur unter Mühen mit Fuhrwerken passierbar. Im Dorf selber reichte noch eine einzige Brücke über den Idarbach/Altbach in der Mitte des Dorfs; Baujahr dieser Steinbrücke ist wahrscheinlich 1806.

Die preußische Regierung hatte sich zum Ziel gesetzt, dahingehend zu wirken, daß jedes Dorf mit jedem seiner Nachbardörfer durch einen gesteinten Weg verbunden wurde.

In Krummenau allerdings zeigte aktives Interesse am Wegebau nur der auf Handelswege zur Kundschaft angewiesene Müller Jakob Paul. Auf sein Betreiben wurde 1884 ein Stück des Weges nach Wahlenau weitergebaut.

Seit Baubeginn der Hunsrücker Eisenbahnstrecke Trier-Langenlonsheim 1899 gewann die Verbindung zum Bahnhof Büchenbeuren (ab 1902) über Niederweiler an Bedeutung. Trotz mehrerer Eingaben des Müllers ab 1899 erkannte der Gemeinderat bis 1907 kein öffentliches Interesse an dieser Wegstrecke an. Selbst dann ließ der Bau des Weges noch lange auf sich warten. Derweil mußte man sich eben behelfen.

Im Dorf selbst konnte 1913 das stattliche Schulhaus eingeweiht werden. Zur besseren Erntefahrt in die Spießwiese wurde 1912 eine Brücke gebaut.[Anm. 20]

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Der erste Weltkrieg (1914-1918)

Gerade noch rechtzeitg war im Kreis Bernkastel mit der Stromversorgung angefangen worden, bevor, wie in vielen Gemeinden des Nachbarkreises Simmern, die begonnenen Vorarbeiten durch den Ausbruch des Krieges liegen blieben. Krummenau wurde somit noch 1915 an die Stromversorgung angeschlossen.

Der Mobilmachungsbefehl am 1. August 1918 hatte die Bewohner »in unserem stillen Krummenau in größte Bestürzung« versetzt. Ein Kriegsausbruch hatte niemand ernstlich erwogen. Nach und nach prägten die Auswirkungen des Krieges in immer stärkerem Maße das Leben im Dorf.

Die schwerwiegenden Probleme bei der Lebensmittelversorgung waren schon bei Kriegsbeginn absehbar, aber erst 1915 wurde ein Zuteilungssystem eingeführt. Krummenau mußte nun von Kriegsjahr zu Kriegsjahr größere Mengen an Getreide und Kartoffeln abgeben, ebenso Gemüse, Stroh, Heu, Ölfrüchte, Butter und Eier.

Durch die schmerzlichen Einberufungen vieler Krummenauer Männer fehlten zunehmend Arbeitskräfte. Die Arbeit lastete auf Frauen, Alten und Kindern. Die Schulkinder bekamen im Sommer zeitweise schulfrei, um in der Landwirtschaft mitanpacken zu können. Ab 1916 erhielten mehrere Familien zur Entlastung kriegsgefangene Russen zugeteilt, später auch Franzosen und Engländer. Untergebracht waren sie im alten Schulhaus am Bach und wurden von einem Mann aus Horbruch bewacht. Einer der Russen ergriff die Flucht. 1918 arbeiteten 10 Kriegsgefangene in Krummenau.

Nach und nach fanden Städter aus der Saarbrücker Gegend den Weg ins Dorf, um Lebensmittel zu ergattern. Die Preise stiegen, der Schwarzmarkt blühte.

Auch der Schulbetrieb litt unter den Kriegsauswirkungen. 1915 mußte wegen Einberufung des Lehrers 7 1/2 Monate der Unterricht ausfallen. Unter der Vertretung einer Lehrerin beteiligten sich die Schulkinder eifrig an den verschiedensten Sammlungen. Alles wurde verwertet: Metall, Papier, alte Glühbirnen, Weißdornfrüchte, Ähren, Obstkerne, Haselnüsse, Eicheln, Wildgemüse, Wolle usw. 1918 endlich führte außen- und innenpolitischer Druck zur Beseitigung der Monarchie, womit der Weltkrieg beendet wurde. Beim Rückmarsch des deutschen Heeres im Herbst hatte Krummenau 4mal Einquartierung. Das ganze Dorf quoll über mit Menschen, Pferden und Fuhrwerken. Höfe, Scheunen, Ställe und die Wiesen waren belegt. Franzosen und Amerikaner kamen nur vereinzelt wegen Lebensmitteln in den Ort. Von den 25 Kriegsteilnehmern kehrten 4 Krummenauer nicht mehr zurück: sie waren tot oder vermißt.[Anm. 21]

Weimarer Republik (1919-1933)

Mit dem Ende der Monarchie wurde zum ersten Mal in Deutschland eine bürgerlich-demokratische Republik errichtet, die mit den harten politischen und wirtschaftlichen Friedensbedingungen belastet war. Bei der Wahl zur verfassungsgebenden Nationalversammlung am 19. 1. 1919 wurde nach dem allgemeinen und gleichen Wahlrecht für Männer und erstmals für Frauen gewählt. Diese Wahl fand auch in Krummenau starke Beachtung, denn sie wird in der Chronik ausdrücklich erwähnt. Die Ergebnisse in Krummenau:[Anm. 22] Demokraten 44 Stimmen, Sozialisten 11, Zentrum 14 Stimmen.

Die linksrheinischen Gebiete und somit auch der Hunsrück wurden nach Kriegsende bis zum Jahr 1930 von Frankreich besetzt. Stark betroffen wurde der Hunsrück durch die rigorose Beschlagnahmung von Holz zur Sicherung der Friedensbedingungen. Auch der Krummenauer Wald wurde durch außerordentliche Fällungen in der Kriegs-und Nachkriegszeit sehr gelichtet.[Anm. 23]

Die Aufgabe der Zwangswirtschaft ging nach dem Krieg langsam vonstatten. Die Preise für die freigegebenen Produkte stiegen und brachten Beamte, Angestellte und Arbeiter in Bedrängnis. Krummenaus Bauern interessierten sich sehr für Landwirtschaftsversammlungen, auf denen gegen jegliche Zwangswirtschaft protestiert und höhere Preise gefordert wurden. 1919 spielte man mit dem Gedanken eines Bauernstreiks.[Anm. 24] Seit Frühjahr 1923 zerrann der Wert des Reichsgeldes ins Nichts. Ab nun beherrschte der Tauschhandel vollends den Markt. Der Einkauf des Gemeindenutzungsrechts erfolgte 1923 in 4 1/2 Zentner Korn.[Anm. 25] Ab Ende 1923 trat mit Einführung der Rentenmark eine Stabilisierung ein.

Die 20er Jahre waren nicht nur eine Zeit wirtschaftlicher und politischer Krisen, sondern auch eine Zeit der Neuerungen auf allen Gebieten, die bis in die Dörfer hineinwirkten. Durch den Krieg und die folgenden politischen Umwälzungen war sozusagen ein Entwicklungsschub ausgelöst worden. In Krummenau wurde während der wirtschaftlich angespannten Situation nach dem Krieg 1919-1921 endlich der Weg nach Niederweiler gebaut: »Es wurde alles aufgeboten, den Weg mit billigsten Mitteln« noch 1921 fertigzustellen! Man duldete nun keinen Aufschub mehr! Das zu Niederweiler gehörige Wegestück blieb allerdings lange in schlechtem Zustand, denn Niederweiler hatte größeres Interesse, seinen Weg nach Sohren auszubauen. So wußte der Arzt Dr. Schüler aus Büchenbeuren »ein Lied auf diesen schönen Verbindungsweg zu singen. Denn oft mußte er sein Auto im Dreck stecken lassen«. Krummenau forderte massiv den Niederweiler Ausbau dieser einzigen Verbindung zur Bahn, zum Arzt und zur Apotheke: »das auch einmal das abgelegenste Dorf Crummenau einen richtigen Aufschlußweg erhält«.1928 wurde die Gemeinde Niederweiler zum Ausbau gezwungen, zumal sie bereits eine Beihilfe dafür erhalten hatte.[Anm. 26]

1932/33 startete dann das bisher größte Straßenbauprojekt in Krummenau in Verbindung mit dem Bau der Wasserleitung und der Kanalisation. Die Kreisstraße Horbruch-Krummenau-Weitersbach-Rhaunen wurde durch den Ort gebaut. Mit diesem Bau begann die Veränderung der Dorfmitte. Von den Gebäuden am Idarbach/Altbach: »Backes«, Wiegehäuschen, Schule, Scheuer, Schmiede und Schuppen (von der alten Brücke aus gesehen) mußte der »Backes« der Straße weichen. Auch die alte Schule wurde abgerissen. Ein neues größeres Gemeindehaus wurde gebaut. 1926/27 wurde im Zuge der Sportbewegung das aus Gründen der Moral heiß umkämpfte Laufersweiler Schwimmbad am Idarbach gebaut und auch von Krummenauern gerne benutzt. Man war freizügiger geworden, alte Moralvorstellungen hatten sich gelockert. Durch den Einbruch der Wirtschaftskrise Ende der 20er Jahre hatten diejenigen, die ab Kriegsende saisonweise im Saargebiet gearbeitet hatten, Mühe, Arbeit zu finden. Sie blieben im Dorf, waren froh, wenn zeitweise Gemeindearbeiten vorhanden waren. Wiederholt mußte die Gemeinde Unterstützungen leisten.[Anm. 27] Die Landwirtschaft gewann nun an Bedeutung, aber ab 1928 sanken als Auswirkungen der Krise die Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse.

Ab 1929 war der politische Zustand der Republik beängstigend. Während der letzten Jahre ihres Bestehens wurde den Nationalsozialisten der Weg gebahnt, indem entscheidende demokratische Grundrechte außer Kraft gesetzt wurden.

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Nationalsozialismus (1933-1945)

Die Zeit des Nationalsozialismus erfordert eine genauere Betrachtung, für die hier nicht der Rahmen gegeben ist.[Anm. 28] Trotzdem möchte ich einige Informationen anführen.

Die nationalsozialistische Bewegung erreichte den Hunsrück im Vergleich zu anderen Gegenden relativ spät: um 1930. Das Ende der französischen Besetzung im linksrheinischen Gebiet hatte zu wachsender nationalistischer Agitation geführt. In Gegenden mit überwiegend evangelischer Bevölkerung konnte die NSDAP zuerst Fuß fassen. Vor allem junge Menschen fühlten sich angesprochen. 1932 hatten sich große Teile der Hunsrücker Bevölkerung für die NS-Bewegung entschieden.

Wahlergebnisse bei den Reichstagswahlen vom 6. 11. 1932 und 5. 3. 1933 im Amt Rhaunen[Anm. 29]:

Stimmber.: Nationalsoz.: Sozialisten: Kommunisten: Zentrum:
6. 11. 1932 3258 1497 131 201 514
5. 3. 1933 3275 2088 72 42 610
Deutsch-
nationale:
Radikaler Mittelstand Deutsche
Volksp.:
Staatspartei: Christlich
Soz. Volksd.:
6. 11. 1932 65 3 37 5 19
5. 3. 1933 68 – 12 19 11

Mit der Machtergreifung wurde der Terror legalisiert, Rassismus wurde zum politischen Grundsatz.

Krummenaus Bürgermeister Adolf Zirfaß blieb auch 1933 weiter im Amt und führte die Gemeindeangelegenheiten bis 1945. In einigen Hunsrücker Gemeinden waren dagegen 1933 kommissarische Vorsteher eingesetzt worden, die eine bessere Gewähr für die Durchsetzung der nationalsozialistischen Ziele boten als die gewählten.

Die nächste Ortsgruppe der NSDAP, der Krummenau angehörte, war in Horbruch. Hier fanden auch alle NS-Versammlungen im großen Saal des Gasthauses Barth statt.

Mit der Machtergreifung 1933 sollte die gesamte Bevölkerung in der NSDAP oder ihren zahlreichen hierarchisch aufgebauten Verbänden organisiert werden. Die Kinder wurden in der HJ (Hitlerjugend) und im BDM (Bund Deutscher Mädchen) organisiert, die sich 1934 im Saal auf dem »Backes« einen Jugendraum einrichteten. Als Mindestbeweis an gutem Willen gegenüber dem Regime war 1936 aus jeder Familie ein Mitglied in der unpolitischen NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt); 20 Einwohner traten dem Luftschutzbund bei, zu dessen Untergruppenführer Lehrer Dahmen bestimmt worden war. 1935 wurde die NS-Frauenschaft in Krummenau gegründet, Frau Dahmen leitete sie. Wer von den Männern nicht in der Partei oder in der SA organisiert war, hatte mit Schwierigkeiten zu rechnen. Nichtmitglieder wurden z. B., wie in vielen Gemeinden üblich, von der Arbeit im Wald ausgeschlossen, allerdings wurde auch einmal ein Auge zugedrückt. In der Regel versuchten die Betroffenen diesem Druck auszuweichen, indem sie sich von vornherein woanders Arbeit suchten. Jedoch kam es auch in Hunsrücker Betrieben zu Entlassungen. Dem Druck, sich zu organisieren, waren vor allem die unabhängig Beschäftigten ausgesetzt, so mußten z. B. die Lehrer mit gutem Beispiel vorangehen. Die Bauern waren im Reichsnährstand zusammengefaßt. Ortsbauernführer war von 1935-1938 Wilhelm Thomas, dann wurde Adolf Lorenz als Nachfolger ernannt.[Anm. 30] Offene Gegnerschaft gegenüber dem Regime gab es in Krummenau nicht, aber einige, die nicht so mitzogen.

Den Terror gegen Juden erlebte man in Krummenau mit, wenn auch nicht ganz so hautnah wie im benachbarten Laufersweiler. Mit Juden Handel zu treiben wurde verboten. Einige Mutige hielten sich nicht an dieses Verbot.

Die politischen Veränderungen waren gravierend. In den überschaubaren Hunsrücker Dörfern überwogen Anpassung und Angst. Bespitzelungen und Denunziantentum waren weit verbreitet. Manche dörflichen Streitigkeiten versuchte man mittels der Politik zu lösen.

Veränderungen auf wirtschaftlichem Gebiet waren dagegen weit weniger durchschlagend als es die Propaganda vorgab.

Die Lage der Landwirtschaft verbesserte sich in dieser Zeit durch festgesetzte Preise, blieb jedoch hinter der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung zurück. Noch lief die Krummenauer Landwirtschaft in alten Bahnen. Die Mechanisierung ließ noch lange auf sich warten.

Was sich dagegen entscheidend veränderte, war das gesellschaftliche Ansehen der Bauern, das durch die rassistische Blut- und Boden-Ideologie eine enorme Aufwertung erfuhr. Im Zusammenhang mit der Blut- und Boden-Politik wurde das Erbhofgesetz geschaffen, das das Anerbenrecht gegenüber der Realteilung durchsetzen sollte. Da das Gesetz erst ab Besitzgrößen von 7,5 ha galt, gab es in Krummenau nur einen Erbhof: den der Familie Zirfaß. Vorteile bot dieses Gesetz nicht, denn bei jeder betrieblichen Entscheidung mußte erst eine Genehmigung eingeholt werden.[Anm. 31]

Die Voraussetzung für einen tiefgreifenden Wandel in der Landwirtschaft schuf die 1935 begonnene Flurbereinigung, die bereits seit Jahren in Angriff genommen werden sollte (siehe Kapitel Landwirtschaft).

Auf dem Distrikt »Volken« wurden durch den Arbeitsdienst, der in Rhaunen sein Lager hatte, Drainagen gelegt.

Durch den Kriegsausbruch kam die Umlegung nicht mehr zum vollen Abschluß. Im Zuge der Umlegung wurde der Mühlteich im Dorf zugemacht. Die kleine, schmale Insel im Altbach verschwand.

1938/39 wurden die obere und die untere Dorfbrücke aus Bruchsteinen im Stil der alten Brücke gebaut. Für Fahrzeuge konnte die untere Brücke durch den Krieg jedoch nicht mehr in Betrieb genommen werden.

Der Ausbruch des zweiten Weltkrieges versetzte das Dorf wieder in eine Art Ausnahmezustand, währenddessen der Alltag weiter bewältigt werden mußte.

Zur Arbeitsentlastung kamen kriegsgefangene Franzosen, die in Horbruch im alten Pfarrhaus untergebracht waren. Morgens wurden sie nach Krummenau und abends wieder zurückgeführt, bewacht von Georg Winter aus Horbruch. Von der Bevölkerung sollten sie ferngehalten werden, sie durften nicht mit am Tisch essen.

Durch Einquartierungen von Militärs behielten die Einwohner Kontakt zu Auswärtigen.

Bald nach Kriegsausbruch war der Schulsaal von der Militärbehörde beschlagnahmt worden. Der Unterricht mußte für einige Zeit in einem Privathaus weitergeführt werden. 1940/41 fand nur an 3 Tagen pro Woche Unterricht statt, da der Lehrer in Weitersbach Vertretung machen mußte. Nach seiner Einberufung gab es bis 1946 nur unregelmäßig Unterricht, zeitweise gingen die Kinder nach Horbruch zur Schule.

Ab 1944 war der Hunsrück Luftangriffen ausgesetzt. Im März 1945 wurde im Idarwald ein Bombenteppich abgeworfen, über dessen Hintergründe heute noch gerätselt wird. 200-300 Bomben fielen allein auf Krummenaus Gemarkung, hauptsächlich im Wald. Es entstand ein Schaden von 10-12 ha Hochwald. MilitärischeEinrichtungen gab es derzeit in diesem Teil des Idarwaldes keine. Eventuell stand der Angriff in Zusammenhang mit dem Munitionsverladebahnhof in Hochscheid, so daß im Idarwald ein Munitionslager vermutet worden war. Zur Zeit des Bombenabwurfs befanden sich fünf Waldarbeiter im Gefahrengebiet; verletzt wurde niemand.

Mit den offensichtlicher werdenden Niederlagen sank die Begeisterung für das NS-Regime. Im März 1945 wurde der Volkssturm als »letztes Aufgebot« organisiert. Im Dorf wurden zwei Panzersperren gebaut. Der Rückzug der deutschen Truppen erfolgte am 16. 3. 1945 nachts in Richtung Rhaunen zur Nahe. Kurz darauf am Vormittag des 17. 3. folgten die Amerikaner von Trarbach, Wahlenau kommend, nach. Sie zogen sofort weiter. Zu kämpfen wie in Schlierschied kam es zum Glück nicht. Damit endete der zweite Weltkrieg für Krummenau.[Anm. 32] Insgesamt 6 Gefallene und Vermißte hatte Krummenau zu beklagen.

Nachriegszeit (1945 bis 50er Jahre)

Mit der amerikanischen Besetzung hörten die Vertretungen der Gemeinden, des Landes und der Kreise auf zu bestehen.

Der Bitte des Ortsbürgermeisters Adolf Zirfaß Anfang April 1945 um Amtsentlassung wurde erst einmal nicht entsprochen. Im August wurde Otto Bonn als kommissarischer Bürgermeister eingesetzt.

Im Juli 1945 wurde die amerikanische Besetzung durch die Franzosen abgelöst. Der Neuaufbau der Verwaltung und einer staatlichen Ordnung begann bei den Gemeinden, ging weiter bei den Ämtern, den Kreisen bis zur Bezirksregierung. 1946 wurde das Land Rheinland-Pfalz gegründet. Krummenau gehörte nach dem Neuaufbau weiter zum Amt Rhaunen, Kreis Bernkastel, Regierungsbezirk Trier. Bei den Wahlen zum ersten deutschen Bundestag war die Wahlbeteiligung hier sehr gering.

Bis die letzten Kriegsgefangenen zurückkehrten, dauerte es recht lange. Heinrich Bartenbach kam erst im Oktober 1949 nach Hause.

Nach dem Krieg kamen Flüchtlinge nach Krummenau und mußten untergebracht werden. Die Bevölkerungszahl stieg von 118 im Jahr 1948 auf 129 im Jahr 1950 an. Die Zeiten, in denen der Zuzug fremder Familien fast unmöglich war, gehörten endgültig der Vergangenheit an. Schon während des Krieges hatte man sich Fremden gegenüber öffnen müssen, wodurch die Bereitschaft Neuerungen anzunehmen, gefördert wurde. Wieder kamen Städter wegen Lebensmitteln.

Großes Ärgernis im Dorf war die Ortstraße, die sich nach langen Jahren ohne Instandsetzung in einem katastrophalen Zustand befand, und eine Gefahr für Mensch und Tier darstellte.

Die Weichen für eine wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung wurden erst durch die Währungsreform als dem großen Einschnitt in der Nachkriegszeit gestellt.

1952/53 konnte der Ausbau der Kreisstraße Krummenau-Rhaunen in Angriff genommen werden. Die Kosten für den Bau in der Ortslage teilten sich Kreis und Gemeinde je zur Hälfte.[Anm. 33] Die restlichen Gebäude am Idarbach/ Altbach mussten der Straße weichen. Wiegehäuschen, Schmiede und Schuppen wurden abgerissen. Der Verkehr, der bis dahin noch über die alte Dorfbrücke gegangen war, führte nun über die erst nach dem Krieg fertiggestellte untere Brücke. Der Bach mit seinen natürlichen Ufern wurde zwischen dem Gasthaus Fett/Weiler und der alten Brücke auf bei den Seiten mit Stützmauern eingefaßt und sozusagen »gezähmt«. Die großen Bachwacken auf einem Teil dieser Strecke wurden entfernt. Dieses Bauprojekt leitete quasi eine neue Ära in Krummenau ein. Der Ort veränderte sich in einem bisher unbekannten Tempo.

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Die jüngste Entwicklung Krummenaus

Ab Mitte der 50er Jahre verbesserte sich allmählich die wirtschaftliche Situation der Einwohner. Außerdem bahnte sich eine Veränderung der Berufsstruktur im Dorf an (vgl. Kapitel Landwirtschaft).

Ausdruck dieses wirtschaftlichen Aufschwungs war eine rege Bautätigkeit, die sich nach und nach entfaltete. Von den 28 Wohngebäuden im Jahre 1968 waren erbaut worden:

bis 1900 15 Häuser
1901-1948 5 Häuser
1949-1968 8 Häuser

Ältere Gebäude wurden außen und innen modernisiert. Besonders die recht einträgliche Vermietung von Wohnraum an stationierte Amerikaner ab den 50er Jahren erforderte modernen Wohnkomfort: sanitäre Anlagen, elektrische Küchengeräte usw. Auch wenn sich die modernen Gebäude nicht immer harmonisch in das alte Dorfbild einfügen, ist Krummenaus Charakter doch sichtbar geblieben. Als Verlust für das Dorf kann der Abriß des alten stattlichen Fachwerkhauses Kroll 1977 angesehen werden, das als einziges Gebäude ein Mansardendach aufwies.

Durch die zunehmende Motorisierung erweiterte sich der Aktionsradius der Bewohner. 1958 gab es 8 Autos in Krummenau, der Stolz der Besitzer. Inzwischen ist der Pkw-Besitz zu einer Selbstverständlichkeit und mangels öffentlicher Verkehrsverbindungen auch zu einer Notwendigkeit geworden, so daß 1984 in Krummenau 48 Autos in Betrieb waren. Durch den Autoverkehr wurde die Befestigung der Straßen mit Teerbelag notwendig:

  • 1956 Ausbau der Straße nach Weitersbach
  • 1960 Ausbau der Straße nach Niederweiler
  • 1967 Ausbau der Straße nach Rorbruch.

In der Ortslage wurden Wege gebaut (1954, 1960). Gehwege wurden angelegt zur Sicherung vor den Gefahren des Straßenverkehrs (1967, 1979). Durch den steigenden Einsatz von T raktoren mußten die Wirtschaftswege ausgebaut werden (ab 1962).[Anm. 34]

Nach den zweiten Weltkrieg begannen die Alliierten mit der Errichtung zahlreicher militärischer Einrichtungen im Hunsrück. Auch Krummenau wurde davon berührt. 1952/53 errichteten die Franzosen ein Munitionsdepot von 127 ha Größe im Idarwald. Das Depot liegt zum größten Teil auf der Gemarkung Weitersbach und mit einer 10-12 ha großen Teilfläche auf der Gemarkung Krummenau. 1963/64 wurde das Depot von der Deutschen Bundeswehr übernommen. Seitdem gab es dort viele zivile Arbeitsplätze. Auch einige Männer aus Krummenau waren dort als Wachpersonal beschäftigt. Vor zwei Jahren wurde das Depot in ein Lager für militärische Ersatzteile umgewandelt.

Die Zufahrt vom Verladebahnhof Hochscheid zum Depot führte bis vor einem Jahr für alle Transporte durch Krummenau. Heute geht sie über Horbruch. 1979 hatte der Gemeinderat die geplante neue Zufahrtsstraße durch den Gemeindewald einstimmig abgelehnt, denn man befürchtete einmal um wertvolle Waldbestände und zum anderen um Beeinträchtigungen des Erholungswertes der Landschaft.

Wie in allen ländlichen Gegenden Westdeutschlands finden im Hunsrück wiederholt Manöverübungen statt; dabei kam es 1963 zu einem Unfall.

Spielende Kinder aus Krummenau hatten von Manövereinheiten zurückgelassene Munition im Wald gefunden und das Pulver aus den gesammelten Patronen angezündet. Dabei erlitt der 9jährige Berthold Weiskopf Brandverletzungen an Händen und im Gesicht.

Eine gewaltige Veränderung für das gesamte Tal von Horbruch bis Rhaunen brachte der Bau der Talstraße von 1969 bis 1972, ein 10-Millionen-Projekt. Bereits 1920 war der Bau einer Straße durch das Tal im Gespräch gewesen. In der Umlegung (1935-39) wurde das Land für die geplante Talstraße ausgewiesen, konnte aber wegen Ausbruch des Krieges nicht verwirklicht werden.

Geplant wurde die Talstraße im Jahre 1966 vom Kreis Bernkastel als bessere Anbindung des Amtes Rhaunen an die Kreisstadt Bernkastel, zu einer Zeit also, in der die territorialen Veränderungen durch die Verwaltungsreform absehbar waren: ein Politikum.

In der Tat fiel diese Straße nach der Verwaltungsreform in die Zuständigkeit des Kreises Birkenfeld, der die meisten Kosten trug, neben hohen Zuschüssen vom Land. Am 16. 11. 1972 wurde die 6,2 km lange Talstraße durch Verkehrsminister Holkenbrink dem Verkehr übergeben.

Durch den Straßenbau bekam die Ortsstraße von Krummenau in Richtung Niederweiler eine neue Führung. Früher bog die Straße an der unteren Dorfbrückerechtwinklig nach links, um nach 50 m ebenfalls wieder rechtwinklig nach rechts in Richtung Niederweiler weiterzugehen. Nunmehr verläuft die Straße in gerader Linie durch das Dorf und führt vor dem Hause Bast durch eine Unterführung, die für die Talstraße gebaut worden war.

Der gesamte Sockel der Talstraße wurde bis in Brückenhöhe aufgeschüttet. Durch diesen hohen Wall wurde ein Teil des Dorfes ab dem Hause Bast vom übrigen Dorf abgetrennt. Der Idarbach/Altbach unterhalb Krummenaus wurde mit Stahlrohren versehen. Diese ursprünglich nicht geplante Bachverrohrung soll durch eine Fehlberechnung der Planer notwendig geworden sein. Die Bauernmühle unterhalb Krummenaus mußte der Talstraße weichen (sie stand etwa dort, wo heute die zweite Brücke ist).

Bergseits der Talstraße wurden an zahlreichen Stellen Sprengungen vorgenommen. Fünf Brückenbauwerke entstanden auf der rund 5 km langen Strecke bis Rhaunen.

Nach einhelliger Meinung der Krummenauer hat die Talstraße bis heute für die Einheimischen noch keinen Vorteil gebracht. Einmal fehlen zur Zeit Anschlüsse an beiden Enden der Ausbaustrecke, zum anderen wird vor allem die fehlende Anbindung an öffentliche Busse sehr vermißt. Das Verkehrsaufkommen hat sich seitdem vergrößert. Die aus Richtung Rhaunen kommenden Amerikaner fahren nun diese Strecke zum Flugplatz Hahn. Auch der Lastverkehr Nahe - Mosel geht durch dieses Tal. Für den Fremdenverkehr dagegen hat sich die Straße vorteilig ausgewirkt. Die Strecke ist landschaftlich sehr reizvoll und bietet durch ihre erhöhte Führung gute Einblicke in das schöne Tal.

Zutiefst betroffen wurden die Krummenauer durch schwere Verkehrsunfälle auf der »Schnellstraße«, die zwei Einwohnern das Leben kosteten. 1974 verunglückte der 6jährige Michael Weber tödlich, als er beim überqueren der Straße von einem Pkw erfaßt wurde. Er hatte mit mehreren Kindern zwischen Bach und Talstraße ein Hexenfeuer für den 1. Mai (Mainacht) aufgebaut und dabei die Straße überquert. 1979 verunglückten die Eheleute Gretel und Oskar Zirfaß, als ihr Traktor am Ortsausgang in Richtung Horbruch mit einem Pkw zusammenstieß. Gretel Zirfaß starb an ihren schweren Verletzungen. Oskar Zirfaß konnte sich nach längerem Krankenhausaufenthalt von seinen Verletzungen erholen. Der Fahrer des Pkw kam mit leichteren Verletzungen davon.

Wie bereits erwähnt, kam Mitte der 60erJahre die rheinland-pfälzische Verwaltungsreform ins Gespräch. Auf einer Bürgerversammlung 1968 wehrte sich Krummenau gegen eine Angliederung an den Landkreis Birkenfeld und sprach sich für die weitere Zugehörigkeit zum Kreis Bernkastel aus. Doch die Reformbeschlüsse brachten später die Entscheidung gegen die Bürger.[Anm. 35] 1970 erfolgte im Rahmen der Reform eine territoriale Neugliederung: das Amt Rhaunen wurde mit Ausnahme von Lindenschied und Woppenroth in den Landkreis Birkenfeld, Regierungsbezirk Koblenz eingegliedert. Die Amtsverwaltung Rhaunen wurde Verbandsgemeindeverwaltung. Sie um faßt die Gemeinden: Asbach, Bollenbach, Bundenbach, Gösenroth, Hausen, Hellertshausen, Horbruch, Krummenau, Oberkirn, Rhaunen, Schauren, Schwerbach, Stipshausen, Sulzbach und Weitersbach. Krummenaus Orientierung zu einigen Gemeinden des Kreises Simmern wurde nicht Rechnung getragen. Die heutige Grenze des Landkreises Birkenfeld verläuft nordwestlich von Horbruch, so daß Krummenau durch seine Randlage von der Kreisstadt Birkenfeld recht weit entfernt liegt.

Im Zuge der Gebietsreform erfolgte eine Veränderung der Aufgabenbereiche. Die Zuständigkeit für die Wasserversorgung, Abwasserbeseitigung, die Schule, formal auch des Brandschutzes ging von der Ortsgemeinde an die Verbandsgemeinde Rhaunen über. Da Krummenau über ausreichend Trinkwasser verfügt, hat die Gemeinde noch eine eigene Wasserversorgung. Alle sonstigen Aufgaben wurden in der Entscheidung der Ortsgemeinde belassen.

Eine weitere Veränderung des Dorfes steht in naher Zukunft durch die Erschließung des 1983 ausgewiesenen Neubaugebietes »In der Spießwiese« an. Da es keine vorhandenen Bauplätze in Krummenau gibt, sollen für Krummenauer Einwohner und solche, die es werden wollen, langfristig 20 Bauplätze bereitgestellt werden. Zur Zeit wird mit dem Bau einer neuen Brücke zum Baugebiet unterhalb der oberen Dorfbrücke begonnen. 1987 wird die Errichtung der ersten Wohnhäuser, 3 bis 4 Häuser je nach Bedarf erfolgen.

Einwohnerzahlen von Krummenau[Anm. 36]

Jahr: Bevölkerung:[Anm. 37] Bevölkerungdichte je km2:
1515 7 Hausgesesse

35

1556 10 Feuerstätten

50

um 1599 32 Seelen
1606 10 Häuser

51

1620 6 Hausgesäße

30

1628 — Hausgesäße
1641 9 Hausgesäße

45

1650 — Unterthanen
1708 — Unterthanen
1733 12 Unterthanen 60
1815/23

110

25
1835/46

136

1871

140

32
1895

107

1910

115

1939

124

29
1948

118

1950

129

30
1961

124

1970

126

1980

112

26
1986 Stand 1. 4.

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Quellen- und Literaturverzeichnis

Verfasserin: Dr. Carla Regge-Pyper

Redaktionelle Bearbeitung: Dominik Kasper

Quellen und Literatur:

  • Olto Beck, Beschreibung des Regierungsbezirks T rier, Trier 1871.
  • Eduard Ernst Bierau, Das Bauernhaus des Hunsrück und Hochwaldes, Berncastel-Cues 1933.
  • Walter Diener, Hunsrücker Volkskunde, Bonn 1962.
  • K. G. Faber, Andreas van Recum 1765-1828, Bonn 1969.
  • Wilhelm Fabricius, Das Hochgericht Rhaunen, Bonn 1901.
  • Klaus Freckmann (Herausgeber), Flachs im Rheinland Anbau und Verarbeitung, Schriftenreihe des Freilichtmuseums Sobernheim, Nr. 6, 1979.
  • Reinhard Gildemeister, Wald, Bauernland und Holzindustrie im östlichen und mittleren Hunsrück, Bonn 1962.
  • Ernst Gillmann, Unsere Kirche im Rheinischen Oberland, Simmern 1954.
  • Franz Hamm, Hunsrücker Wirtschaftsleben vom frühen Mittelalter bis heute, Teil I, Teil 11, Teil 111, Trier 1909.
  • F.- W. Henning, Landwirtschaft und ländliche Gesellschaft in Deutschland Band 2, Paderborn 1978.
  • Christian Keller, Hunsrücker Bauernbarock im Idarwald in: Kreis Bernkastel, 1969.
  • Christel Köhle-Hezinger, Lokale Honoratioren in: Hans-Georg Wehling, Dorfpolitik, Opladen 1978.
  • Lothar Müller, Die Landwirtschaft auf dem Hunsrück mit besonderer Berücksichtigung des Kreises Simmern, Bonn 1906.
  • Wilhelm Müller-Wille, Die Ackerfluren im Landesteil Birkenfeld, Bonn 1936.
  • Carla Regge, Chronik der Verbandsgemeinde Kirchberg, Kirchberg 1983.
  • Georg Rolejf, Die rheinische Landgemeindeverfassung seit der franz. Zeit, Berlin/Leipzig 1912.
  • Helmuth Schareina, Evangelische Kirchengemeinden Kleinich, Hirschfeld, Horbruch und Krummenau in: Ev. SonntagsbI., Glaube und Heimat, 18. 7. '82.
  • Josej Schmidthusen, Der Niederwald im linksrheinischen Schiefergebirge, Bonn 1934.
  • Wolfgang Seibrich, Die Entwicklung der Pfarrorganisation im linksrheinischen Erzbistum Mainz, Mainz 1977.
  • Gabriel Simon, Die genossenschaftlichen Bauernmühlen auf dem Hunsrück in: Rheinische Vierteljahresblätter Jg. 27 Heft 1/4, Bonn 1962.
  • Martin Sinemus, Die Geschichte des Kirchspiels Kleinich, Cleinich 1925.
  • Suren-Loschelder, Deutsche Gemeindeordnung 1935, Berlin.
  • Nicolaus Thiel, Der Kreis Bernkastel, Leipzig 19 1 1.
  • Hans Vogts, Die Kunstdenkmäler des Kreises Bernkastel, Düsseldorf 1935.
  • Willi Wagner, Das Augustinerchorherrenstift Ravengiersburg, Simmern '77.
  • Statistisches Landesamt Rheinland-Pfalz, Die Bevölkerung der Gemeinden in Rheinland-Pfalz 1815 bis 1980, Bd. 299.

Benutzte Archive:

  • Landeshauptarchiv Koblenz (LHA)
  • Hessisches Staatsarchiv Darmstadt (HStAD)
  • Evangelisches Kirchenarchiv Kleinich
  • Hunsrücker Zeitung, Simmern
  • Nahe-Zeitung, Idar-Oberstein
  • Verbandsgemeindeverwaltung Rhaunen
  • Archiv Schloß Anholt
  • Statistisches Landesamt Rheinland-Pfalz
  • Katasteramt Idar-Oberstein
  • Bergamt Bad Kreuznach
  • Forstamt Rhaunen

Unterlagen der Gemeinde Krummenau:

  • Gemeinderatsprotokolle
  • Schulchronik
  • Ortschronik
  • Wetterberichte/Landwirtschaft

Erstellt: 26.04.2010

 

Anmerkungen:

  1. HStAD HS 137 B Nr. 92 Zurück
  2. Willi Wagner, Das Augustinerchorherrenstift Ravengiersburg S. 83 Zurück
  3. Dr. Wolfgang Seibrich, Kirn, Schreiben an Verbandsgemeinde Rhaunen 1984 Zurück
  4. Nicolaus Thiel, Der Kreis Bernkastel, S. 299 Zurück
  5. Wilhelm Fabricius, Das Hochgericht Rhaunen, S. 20 und 28 Zurück
  6. ebenda S. 2f Zurück
  7. Schloß Anholt, Bestand Nr. 25/439 Salm Kyrburg Zurück
  8. Wilhelm Fabricus, a.a.O. S. 2 Zurück
  9. ebenda Zurück
  10. ebenda S. 6 Zurück
  11. ebenda S. 95f Zurück
  12. Nicolaus Thiel, a.a.O. S. 326 und Bericht des Lehrers Korb 1884 Zurück
  13. Schulchronik Krummenau Zurück
  14. LHA Best. 655/186 Nr. 263 und 264 Zurück
  15. Anna Bleisinger aus der Familie des armen Schulkandidaten Bleisinger ging wahrscheinlich mit der Familie Trarbach nach Nordamerika, da beide Familien miteinander verwandt waren. Zurück
  16. Gemeinderatsprotokolle Krummenau Zurück
  17. Schulchronik Krummenau Zurück
  18. Gemeinderatsprotokolle Krummenau Zurück
  19. ebenda Zurück
  20. ebenda Zurück
  21. Landwirtschaft/Wetterberichte und Ortschronik Krummenau Zurück
  22. Ortschronik Krummenau Zurück
  23. LHA Best. 655/186 Nr. 1314 Zurück
  24. Ortschronik Krummenau Zurück
  25. Gemeinderatsprotokolle Krummenau Zurück
  26. LHA Best. 655/186 Nr. 1314 Zurück
  27. LHA Best. 655/186 Nr. 1460 Zurück
  28. vgl. Carla Regge, Chronik der Verbandsgemeinde Kirchberg, S. 237-262 Zurück
  29. Hunsrücker Zeitung Zurück
  30. Ortschronik Krummenau Zurück
  31. F.-W. Henning, Landwirtschaft und ländliche Gesellschaft in Deutschland Bd. 2 S. 211f Zurück
  32. Ortschronik Krummenau Zurück
  33. ebenda Zurück
  34. ebenda Zurück
  35. ebenda Zurück
  36. Zusammengestellt aus: Bevölkerungsliste der Wildgrafschaft Dhaun in: Gemeindliche Unterlagen, Die Bevölkerung der Gemeinden in Rheinland-Pfalz 1815 bis 1980, Bd. 299, Statistisches Landesamt Rheinland-Pfalz und Chronik Krummenau Zurück
  37. Die Bevölkerungszahlen von 1515, 1556,1620, 1641, 1733 sind Durchschnittswerte. Es ist möglich, daß außer diesen wildgräflichen Untertanen noch weitere Personen zu Krummenau gehörten, die nicht abgabepflichtig waren. Zurück