Mainz in Rheinhessen

0.Mainz im Ersten Weltkrieg

0.1.Mainz zwischen Kriegsbegeisterung und Friedenswille

„Der gestrige Sonntag stand auch in Mainz im Zeichen der Kriegserwartungen. [...] Und alle sind sich einig in der Treue zu Österreich! [...] Begeisterungs-Ovationen brachen bei Städtischen Sommerkonzerten in der dicht besetzten Stadthalle aus. Die Kapelle spielte als Zugabe den 'Hoch-Deutschmeistermarsch', was sofort mit anhaltenden Hochrufen und Händeklatschen aufgenommen wurde und so lange anhielt, bis noch 'Deutschland, Deutschland über alles', 'Die Wacht am Rhein' und 'Heil dir im Siegerkranz' intoniert wurden. Das Publikum sang stehend mit und blieb noch lange in erregter 'Kriegsstimmung' für den Bundesgenossen."  <anm> Diese und alle weiteren zitierten Pressestimmen sind Wolfgang Stumme: Kriegsbeginn und Augusterlebnis im Spiegel der Mainzer Presse.[Anm. 1] - So schildert das Mainzer Journal am 27. Juli 1914 die Stimmung in der Stadt Mainz kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs.

Der Auszug deutscher Soldaten[Bild: Bundesarchiv]

Im gesamten Kaiserreich war Anfang des 20. Jahrhunderts eine patriotisch gesinnte bzw. zumindest regierungsloyale Grundhaltung verbreitet, die sich am 1. August 1914 bei der Ankündigung der Mobilmachung durch den Gouverneur der Festung Mainz Hugo von Kathen auch in Mainz in der überwiegend freudigen Zustimmung der Bürger zeigte.[Anm. 2]

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Doch bei näherer Betrachtung der zeitgenössischen Quellen bestätigt das Beispiel Mainz, dass von einer allumgreifenden Kriegsbegeisterung nicht gesprochen werden kann. Die Menschen in den ländlicheren Regionen fürchteten durch den Einzug der männlichen Arbeitskräfte um ihre Ernte und hatten angesichts der Nähe zu Frankreich schon bald Angst vor militärischen Übergriffen.[Anm. 3]

Auch in der Politik wurde Widerstand laut. Das Mainzer Journal berichtet im bereits zitierten Artikel von „große[n] Gegendemonstrationen gegen die Protestversammlungen der Sozialdemokraten“ und führt am 31. Juli weiter aus:

„In diesen schweren Stunden, wo alle Völker Europas mit Sorge dem Ticken der Schicksalsuhr lauschen, zugleich aber auch die Kräfte sammeln und die Sehnen straffen, um in der Stunde der Not um Hab, Gut und Ehre zu kämpfen und dem Vaterlande zu geben, was dem Vaterlande gebührt geht die deutsche Sozialdemokratie hin und hält Massenprotestversammlungen gegen Krieg und Kriegsgeschrei ab.“

Dieser öffentliche Vorwurf an die Mainzer Sozialdemokratie steht im direkten Zusammenhang mit dem zuvor reichsweit bekanntgewordenen Aufruf zum Kampf um den Frieden. Auch in Mainz wurde diese Forderung veröffentlicht:

„Verurteilen wir auch das Treiben der groß-serbischen Nationalisten, so fordert doch die frivole Kriegsprovokation der österreich-ungarischen Regierung den größten Protest heraus.[…] Das klassenbewusste Proletariat Deutschlands erhebt im Namen der Menschlichkeit und der Kultur flammenden Protest gegen die verbrecherischen Treiben der Kriegshetzer. Es fordert gebieterisch von der deutschen Regierung, dass sie ihren Einfluss auf die österreischiche Regierung zur Aufrechterhaltung des Friedens ausübe, und falls der schändliche Krieg nicht zu verhindert sein sollte, sich jeder kriegerischen Einmischung enthalte. Kein Tropfen Blut eines deutschen Soldaten darf […] geopfert werden.“ [Anm. 4]

Ohne Erfolg – Zwar hielt man an der Prämisse im Rahmen der sog. „Burgfriedenspolitik“ fest, stimmte den Kriegskrediten und damit faktisch auch dem Krieg, im Reichstag am 4. August jedoch zu und rechtfertigte dies in der Presse wie folgt:

„So viel steht jedenfalls fest, dass wir zu jeder Zeit all unsere Kräfte für die Verständigung aller Kulturvölker eingesetzt und uns gegen den Krieg erklärt haben, aber ebenso steht fest, dass wir niemals daran gedacht haben, uns wehrlos einem angreifenden Gegner preiszugeben.“

Indirekt ist diesen Zeilen der Glaube in einen ungewollten Verteidigungskrieg gegen Russland und Frankreich hineingeschlittert zu sein und nun als notwenige Konsequenz am Krieg teilnehmen und das Vaterland verteidigen zu müssen, impliziert. Auch innerhalb weiter Teile der Bevölkerung wurde diese Rechtfertigung, die eher einer Ausrede gleich kam, akzeptiert und bewirkte, dass sich in Mainz binnen weniger Tage zahlreiche Freiwillige zum Kriegsdienst meldeten. [Anm. 5]

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0.2.Die Situation der Bevölkerung in Mainz während des Ersten Weltkriegs

Anschlag zur verordneten Einquartierungspflicht

In den darauffolgenden Tagen begann man in der Stadt am Rhein mit den Vorbereitungen für den kommenden Kriegszustand. An der Stadtbefestigung wurden umfangreiche Sanierungsarbeiten durchgeführt, da die Mainzer Garnision als Hauptruppenstation für nachrückende Truppen eine wichtige Etappe für die Richtung Frankreich marschierenden Militärs darstellte. Durch die ständige Anwesenheit deutscher Soldaten in Mainz und Umgebung wurde deren Unterbringung und Verpflegung schon bald zur Last für die Bevölkerung. Ab dem 3. August war jeder Mainzer dazu verpflichtet, die Männer in ihren eigenen Häusern und Wohnungen aufzunehmen.

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Gleichzeitig sorgten aber die Berichte über das rasche Vordringen der deutschen Armee und die ersten Siege an der Front zu „brausendem Jubel“[Anm. 6] und schon bald passierten französische Kriegsgefangene den Mainzer Hauptbahnhof. Diese Tatsache trug zusätzlich dazu bei, dass der in Mainz hauptsächlich gegen Frankreich gerichtete Siegeswille zunächst aufrecht erhalten werden konnte.

Hungerdemonstration auf dem Halleplatz, Sommer 1918.

Doch schon im darauffolgenden Jahr lässt sich das allmähliche Schwinden der anfänglichen Euphorie feststellen. Ein wesentlicher Grund dafür, war der Zerfall der regionalen Wirtschaft.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das Leben der Menschen in Mainz geprägt von wirtschaftlichem Aufschwung und dem neu errungenen Großstadt-Status durch die 1908 erfolgte Eingemeindung der Stadtteile Mombach, Kastel und Kostheim. Im Laufe des Jahres 1915 wurde die Notlage des gesamten Reiches jedoch auch in Mainz spürbar: Der Handel über den Rhein kam zum Erliegen, nahezu jeder Bereich litt unter hohem Arbeitskräftemangel und noch immer mussten vor Ort stationierte Soldaten beherbergt und versorgt werden.

Kriegsgefangene russische Soldaten, die 1915-1918 in Finthen zur Feldarbeit eingesetzt waren.

Um diese Misstände zu beheben und Wucherpreise zu verhindern, führte die Stadtverwaltung unter Oberbürgermeister Dr. Karl Emil Göttelmann deshalb schon früh sog. "Brotkarten" ein. Es folgte die Lebensmittelrationierung von Getreide, Gemüse und Brennstoff. Frauen arbeiteten in der Rüstungsindustrie, so zum Beispiel in der Metallwarenfabrik Louis Busch, in der Granaten und Munition hergestellt wurden. In der Landwirtschaft der umliegenden Dörfer wurden im Laufe der Zeit zunehmend Kriegsgefangene zur Zwangsarbeit verpflichtet.[Anm. 7]

Die Stadthalle Mainz als Lazarett im Ersten Weltkrieg.

Desweiteren wurde das „Amt für Unterstützung von Kriegsfamilien“ eingerichtet, das 1915 bereits über 9000 Familien zu versorgen hatte. Auch der „Ortsausschuss der Stadt und des Landkreis Mainz zur Fürsorge für Kriegsbeschädigte“ kümmerte sich zu diesem Zeitpunkt schon um über 200 Hinterbliebenen.[Anm. 8]

 

 

0.3.Die Mainzer Nagelsäule

Die Einweihung der Nagelsäule am 1. Juli 1916.

In dieser Situation entschloss sich Göttelmann zu einer Spendenaktion, deren Erlöß den notleidenden Familien in Mainz zu Gute kommen sollte. Nach dem Vorbild anderer Städte sollte eine Säule aufgestellt werden, in welcher der jeweilige Spender für einen bestimmten Preis einen Nagel schlagen konnte, um so notleidenden Mitbürgern finanziell helfen zu können. Damit war die Idee zur heute noch am Liebfrauenplatz stehenden Nagelsäule formuliert und wurde sogleich mittels einer Ausschreibung in die Tat umgesetzt.

Großherzog Ernst Ludwig von Hessen schlägt den ersten Nagel ein.
Die Urkunde, die jeder Spender bekam.
Das "Eiserne Buch" wog 25 kg und wurde von der Schöfferhofbrauerei gestiftet und von Adolf Gelius entworfen.

 

Zur dieser Zeit diente das heutige Denkmal jedoch nicht nur dem praktischen Spendenzweck, sondern sollte außerdem als Sinnbild der vaterländischen Treue und Opferbereitschaft den noch vorhandenen Siegeswillen der Mainzer demonstrieren. Als solches wurde sie ein Jahr später nach langer Planung, Organisation und tatkräftigen Spendeneinnahmen mit über 150.000 Mark  feierlich eingeweiht. Die Einweihungsfeier, an der eine Großzahl der Mainzer teilnahmen, begann mit einer eindrucksvollen Rede des Oberbürgermeisters, die vorrangig das Ziel verfolgte, die Einwohner der Stadt zum Durchhalten zu animieren. Der Erste der sich dann mit einem Nagel im Eichenholz der 7m hohen Säule verewigen durfte, war Großherzog Ernst Ludwig Karl Albrecht Wilhelm von Hessen (*1868-†1937).

 

Ihm folgten bis 1918 fast 30.000 weitere Spender bevor die Aktion schließlich am 20. August 1918 mit 161.978,40 Mark Reinerlös abgeschlossen wurde. Die Namen der Wohltäter sind heute noch im „Eisernen Buch“ nachzulesen.[Anm. 9]

 

 

0.4.Das Ende des Krieges in Mainz

Rückmarsch der deutschen Fronttruppen durch Mainz, 28.11.1918. Hier: Marsch über die Straßenbrücke, vom Kasteler Brückenkopf aus aufgenommen um 10 Uhr vormittags.

Die Aufstellung der Mainzer Nagelsäule konnte die Not der Mainzer aber nur bedingt lindern und nicht über die verbreitete Kriegsmüdigkeit hinwegtäuschen. Noch im gleichen Jahr kam es in Mainz und den umliegenden Gebieten zu Hungerdemonstrationen.

Das ständige Eintreffen von Verlustlisten, Luftangriffe britischer Bombenwerfer am 9. März 1918 [Anm. 10]und Berichte von der Front machten das Kriegsgeschehen auch in der Heimat allgegenwärtig.

30.11.1918: Das Büropersonal der Firma Elster u. Co stiftete den heimkehrenden Kriegern Wein und andere Genußmittel.

Feldpost hatte während des Ersten Weltkrieges einen extrem hohen Stellenwert und wurde zum Teil in Regionalzeitungen abgedruckt, um dem Volk einen authentischen Eindruck der Situation an der Front zu vermitteln. Auf Grund der damals herrschenden Zensur könnte man vermuten, dort rein positive Kriegsdarstellungen vorzufinden. Doch die Themen der publizierten Berichte und Briefe reichten von Kriegsbegeisterung, Fronterfahrungen, Siegesgefühle über nüchterne Schilderung des alltäglichen Zurechtkommens bis hin zu Feindbegegnungen, Verletzungen, Krankheit Drill und Todesangst. [Anm. 11]

Französische Autos-Mitrailleuses, die am 9. Dez. 1918 eintrafen, und sich vor dem Gouvernement postierten. (Schillerplatz 1)

Der Waffenstillstand am 11. November wurde daher weitgehend als Erleichterung empfunden, auch wenn er in Mainz nicht zu einer Besserung der Lage führte, sondern Plünderungen, Gefangenenbefreiungen und die Absetzung des Großherzogs von Hessen durch den neuen Arbeiter- und Soldatenrat im Zuge der Novemberrevolution bewirkte.

Abbildungen: Sofern nicht anders angegeben, stammen alle hier verwendeten Fotos aus dem Bestand des Stadtarchivs Mainz.

Literatur:

  • Mainz und der Erste Weltkrieg. In: Mainzer Geschichtsblätter 14 (2008). Veröffentlichungen des Vereins für Sozialgeschichte Mainz e.V.
  • Kreuz - Rad - Löwe. Rheinland-Pfalz. Ein Land und seine Geschichte. Hrsg. v. Friedrich P. Kahlenberg / Michael Kißener, 3 Bde. Mainz 2012.

Verfasser: Katharina Thielen

Erstellt am: 29.03.2013

Anmerkungen:

  1. In: Mainz und der Erste Weltkrieg. Mainzer Geschichtsblätter 14 (2008). S. 45-60 entnommen. Zurück
  2. Der Mainzer Anzeiger berichtet am 29. Juli von „Sympathie-Kundgebungen und begeisterten Ovationen für die verbündete Nachbarregierung.“, denn „seit dem großen Kriege von 1870 hat bei uns kaum ein kriegerisches Ereignis solche Anteilnahme erweckt, als der österreichisch-serbische Konflikt.“ Zurück
  3. Witkopf, Helga: Die großherzogliche Gemeinde Bretzenheim bei Mainz im Ersten Weltkrieg. In: Mainz und der Erste Weltkrieg. Mainzer Geschichtsblätter 14 (2008). S. 94f. stellt diese Ängste für Bretzenheim heraus. Zurück
  4. Mainzer Volkszeitung, 27. Juli 1914. Zurück
  5. Wittkopf, S. 95 nennt ca. 4000 Freiwillige, die sich unmittelbar nach der Bekanntgabe der Mobilisierung in Mainz zum freiwilligen Kriegsdienst gemeldet hatten. Zurück
  6. Mainzer Journal, 24. August 1914. Zurück
  7. Der Mainzer Anzeiger spricht am 28. Oktober 1914 von 10.000 russischen Soldaten, von welchen ca. 20 laut Wittkopf, S. 97 in Bretzenheim zur Feldarbeit eingesetzt wurden. Zurück
  8. Frank Teske: Die Nagelsäule. Zur Geschichte eines Mainzer Denkmals. In: Mainz und der Erste Weltkrieg. Mainzer Geschichtsblätter 14 (2008). S. 79 spricht von 9.311 Familien, die vom "Amt für Unterstützung von Kriegsfamilien" und 208 Hinterbliebenen, die vom „Ortsausschuss der Stadt und des Landkreis Mainz zur Fürsorge für Kriegsbeschädigte“ unterstützt wurden. Zurück
  9. Nach Teske, S. 87f. gingen die Spendengelder in der Folgezeit vor allem an die Hessische Sammlung der Nationalstiftung für die Hinterbliebenen der im Kriege Gefallenen, den Kreisverein Mainz des Roten Kreuz und an die Stadt selbst, die auch Einrichtungen wie die Kriegskinderfürsorge, den Verein der Ferienkolonien und den Nationale Frauendienst unterstützte. Zurück
  10. Es folgten weitere am 9. Mai 1918 (11 Tote) und am 15. September 1918 (Sachschäden am Gutenbergplatz und in der Johanniskirche). Zurück
  11. Eine Auswahl an Feldpost von Soldaten aus der Region liefert Fritz Schellack: Soldatenalltag im Ersten Weltkrieg im Spiegel von Feldpostbriefen. In: Mainz und der Erste Weltkrieg. Mainzer Geschichtsblätter 14 (2008), S. 61-78. Zurück