Koblenz am Mittelrhein

0.Koblenz im Ersten Weltkrieg

Am 31. Juli 1914 wurde der Belagerungszustand über die „Festung Coblenz“ verhängt. Das bedeutete, dass sämtliche Rhein- und Moselbrücken mit Ketten gesperrt, Soldaten auf den Brückenpfeilern und der Festung Ehrenbreitstein stationiert wurden und dass das Kriegsrecht in Kraft trat.

Die Stimmung der Einwohner war in den ersten Augusttagen sowohl durch eine offenkundige Kriegsbereitschaft als auch durch zunehmende Nervosität geprägt. Einerseits wurde die Mobilmachung mit begeisterten Hurra-Rufen auf dem Jesuitenplatz begrüßt und der Auszug der ersten Truppen feierlich begangen. Andererseits zeugen Hamsterkäufe, Verhaftungen „verdächtiger“ Personen und das Fehlverhalten bewaffneter Zivilisten von einer eher angespannten Atmosphäre in der Stadt an Rhein und Mosel.[Anm. 1]

0.1.Koblenz als militärischer Stützpunkt

Truppentransport über die Rheinbrücke
Rückkehr der Truppen am 7. 12. 1918 in Koblenz

Durch die strategisch günstige Lage in der Nähe der Westfront bezog die Oberste Heeresleitung am 16. August 1914 zunächst in Koblenz Quartier. Mit dem Oberpräsidium der Rheinprovinz und dem Generalkommando des VIII. Armeekorps stellte die Stadt somit einen wichtigen militärischen und politischen Standort dar, sodass sich zeitweise bis zu 40.000 Soldaten innerhalb der Stadtmauern versammelten. Die zahlreichen Kasernen und Festungskasematten in Koblenz und Umgebung – welche bereits zu Friedenszeiten eine 5.000 Mann starke Garnison beherbergten – wurden nun zum Aufenthaltsort der Reservetruppen und zur Ausbildungsstätte neuer Einheiten aus freiwilligen Kriegsdienstleistenden. Reichte der Platz dort nicht aus, wurden die Soldaten zeitweise in Gasthäusern, Schulen, diversen anderen öffentlichen Gebäuden und in Privatwohnungen untergebracht.

Der Kaiser residierte bis zu seiner Abreise nach Luxemburg am 30. August 1914 im Dienstwohngebäude des Oberpräsidenten der Rheinprovinz Rheinbaben in der heutigen Stresemannstraße. Zu Beginn des Krieges bestand die Hauptaufgabe der Militärs in der geregelten Koordination der nachrückenden Truppen. Die letzten Soldaten verließen erst am 7. Dezember 1918 die Stadtmauern und wurden am Friedrich-Mohr-Denkmal von Bürgermeister Clostermann mit folgenden Worten verabschiedet: „Und nun bitten wir Sie, bringen Sie allen unseren Brüdern auf der anderen Seite des Rheins viele tausend Grüße. Sagen Sie Ihnen, sie möchten uns nicht vergessen, wie wir sie nicht vergessen werden.“

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0.2.Die Situation der Bevölkerung

Bei der Verteilung von Brot bildeten sich Schlangen

Unterstützung erhielt die militärische Führung von dem Vaterländischen Frauenverein in Koblenz. Er wurde von der preußischen Königin und späteren Kaiserin Augusta gegründet und zählte im Ersten Weltkrieg fast 60.000 Mitgliederinnen. Sie sammelten u.a. Liebesgaben, Nahrungsmittel und Kleidung und leisteten einen entscheidenden Beitrag zur Bewältigung des Alltags.

Viele Koblenzerinnen arbeiteten außerdem in einem der städtischen Lazarette. Schon vor Kriegsausbruch verfügte die Stadt über drei Garnisonslazarette, mehrere Hilfslazarette und das Militär-Seuchenlazarett. Bis 1918 kamen weitere Noteinrichtungen, zum Beispiel in der Schenkendorfschule, hinzu. Bereits im August 1914 sei das Lazarett "voller Verwundeter" gewesen, berichtet Ellen van den Bergh. "Nun tritt uns die Not des Krieges deutlicher vor Augen, die ersten Witwen gehen unter uns herum, von dem und jenem hört man, dass er verwundet ist [...] unsere Arbeit, wenn sie uns auch nicht mit ihnen zusammenführt wird ernster und stiller. Die Verwundeten sind sehr verschieden gestimmt, die einen lachen und wollen recht bald wieder zur Truppe [...] die anderen bes. die aus dem nördl. Belgien kommen, erzählen von der furchtbaren Not .[Anm. 2]

Um die stetig größer werdende Nahrungsmittelknappheit entgegen zu wirken, richtete die Stadtverwaltung Kartoffel-, Garten-, Milch- und andere Versorgungsämter ein. Am Florinsmarkt befand sich eine Kriegsküche, die unter anderem Schulkindern ein tägliches Frühstück bot. Die staatlich gelenkte Lebensmittelrationierung war bereits wenige Monate nach Beginn des Krieges notwendig, da das Deutsche Reich ernährungswirtschaftlich nicht ausreichend vorbereitet war. Hinzu kam, dass der permanente Aufenthalt der Reserveeinheiten in Koblenz mehr und mehr zu einer Last für die Einheimischen wurde, denn auch die Versorgung der Soldaten musste in erster Linie mit den landwirtschaftlichen Erzeugnissen der Region bewerkstelligt werden. Diese waren jedoch bald aufgebraucht und konnten durch den hohen Arbeitskräftemangel trotz regelmäßiger Erntehilfe der Schulkinder und einiger zur Zwangsarbeit verpflichteten Kriegsgefangenen nicht reorganisiert werden. Am 15. März 1915 wurden daher Brotkarten eingeführt, wobei 1917 von den ursprünglich 105 Bäckereien nur noch 26 die Bürger versorgen konnten. Eine weitere Erschwernis war das baldige Erliegen des regionalen Handels sowie das Fehlen jeglicher Importgüter, die normalerweise über den Rhein kamen. Nach dem Steckrübenwinter 1916/17 versuchte die Stadtverwaltung mit Hilfe von fahrbaren Kriegsküchen, die Not der Bevölkerung zu lindern, und konnte bis zu 1.000 Menschen täglich mit Nahrungsmitteln wie z.B. Brot und Suppe ausstatten.

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0.3.Bombenangriffe auf die Stadt Koblenz

Foto eines deutschen Soldaten in Ausgangsuniform (Name unbekannt).
Die Aufnahme stammt aus dem Fotostudio von Arno Graeb in Koblenz

Neben der Hungersnot litt die Bevölkerung in Koblenz unter der Angst vor dem Kriegsgeschehen an der nahegelegenen Westfront in Belgien und Frankreich. Fliegeralarm stand in den Jahren von 1914 bis 1918 für die Menschen an der Tagesordnung. Als aber am 12. März 1918 die Warnsirenen heulten, dachten die Stadtbewohner es handle sich um eine zuvor angekündigte Luftschutzübung. Die 23 Bomben, die daraufhin in der Innenstadt auf den Kaiser-Wilhelm-Ring (heute Friedrich-Ebert-Ring) abgeworfen wurden, kosteten 15 Menschen das Leben. Bis zum Ende des Krieges erlitt die Stadt sechs weitere Luftangriffe, die aber keine weiteren Tote forderten.[Anm. 3]

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0.4.Das Ende des Krieges in Koblenz

Blick von der Festung Ehrenbreitstein 1919. Am Deutschen Eck weht die amerikanische Flagge.

Schon bald war in Koblenz nur noch wenig von der anfänglichen Kriegsbegeisterung zu spüren. Neben den eigenen Existenzängsten bewirkte auch die Veröffentlichung der ersten offiziellen Verlustlisten Ende August 1914 einen Stimmungsumschwung bei großen Teilen der Bevölkerung. 1918 kam es zu Plünderungen und gewaltvollen Ausschreitungen. Vergleichbar mit den politisch motivierten revolutionär-sozialistischen Umsturzversuchen in Köln oder Trier war die Situation in Koblenz aber zu keinem Zeitpunkt.

Die französische Fahnenwache auf der Festung Ehrenbreitstein.

Der unmittelbar nach Ende des Ersten Weltkrieges amtierende Soldatenrat rief die Koblenzer vielmehr zu „Ruhe und Selbstdisziplin“ auf und entschied sich noch am 9. November 1918 zum Erhalt der städtischen Behörden. Doch bereits im darauffolgenden Monat marschierten amerikanische Truppen in Koblenz ein und übernahmen als Teil der allierten Rheinlandkommission die Kontrolle über die Stadt.

Am 27. Januar 1923 wurden die Amerikaner schließlich von französischen Besatzungstruppen abgelöst, welche noch bis 1929 in Koblenz stationiert waren.

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Quellen und Literatur:

  • Andre, Elsbeth [Hrsg.]: Kaiser - Koblenz - Krieg. 1914 an Rhein und Mosel. Katalog zur Ausstellung des Landeshauptarchivs Koblenz vom 11 Juli bis 30. Oktober 2014. 2014 Koblenz. (Veröffentlichungen der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz 119).
  • Bellinghausen, Hans: 2000 Jahre Koblenz: Geschichte der Stadt an Rhein und Mosel. Boppard 1971.
  • Golecki, Anton: Vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende der Weimarer Republik. In: Energierversorgung Mittelrhein [Hrsg.]: Geschichte der Stadt Koblenz. Band 2 Vond er französischen Stadt bis zur Gegenwart. Koblenz 1993, S. 119-169.
  • Vaterländischer Frauenverein: Die Kriegstätigkeit des Vaterländischen Frauenvereins in Coblenz [1914-1916], Koblenz 1916.

Verfasser: Katharina Thielen

Erstellt am: 20.03.2013, akt. 30.07.2014

Anmerkungen:

  1. Nach Dorfey, Beate: „...und der Kriegsgott verteilt blutrote Lorbeeren" Koblenzi im Ersten Weltkrieg. In: Kaiser - Koblenz - Krieg. 1914 an Rhein und Mosel. Katalog zur Ausstellung des Landeshauptarchivs Koblenz vom 11 Juli bis 30. Oktober 2014. 2014 Koblenz. (Veröffentlichungen der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz 119), S. 1-42, hier S. 10f. kam es zu Verletzungen einiger Offiziere durch „minderjährige Personen mit Gewehr“ und dem Beschuss deutscher Truppenflugzeuge. Zurück
  2. Aus dem Briefwechsel von Ellen van den Bergh mit ihrem Mann Hugo, zitiert nach Goebel, Christine: "Liebes Käthchen, das Packet mit den Socken erhielt ich gestern..." Feldpostbriefe - Vermittler zwischen Front und Heimat, Zeitzeugen des Ersten Weltkrieges. In: Kaiser - Koblenz - Krieg. 1914 an Rhein und Mosel. Katalog zur Ausstellung des Landeshauptarchivs Koblenz vom 11 Juli bis 30. Oktober 2014. 2014 Koblenz. (Veröffentlichungen der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz 119), S. 42-62, hier S. 45. Zurück
  3. Golecki, S. 122f. Zurück