Mittelrhein

Ludwig Berger

Ludwig Berger  war einer meiner Mentoren. In Artikeln und Beiträgen  und mit mancher meiner Arbeiten habe ich meiner Dankbarkeit Ausdruck verliehen; ich fand für sein Buch „Theatermenschen“ den rechten Verleger, verlangte ihm das Libretto zu der Operette „Der Walzerkrieg“ ab und war für die Uraufführung im Staatstheater am Gärtnerplatz verantwortlich.

Unten stelle ich einen entsprechenden Text aus dem Jahr 1992 ein, ein Aufruf ohne Folgen. Wichtiger ist mir mein Beitrag Prospero in Schlangenbad zu einer Ausstellung im Mainzer Rathaus.

Über Bergers Verwandtschaft und Vorfahren bin ich noch am Forschen und Formatieren, demnächst in diesem Web-Theater. Hier dazu nur ein Zitat von Carl Zuckmayer:

Ludwig Berger entstammte einer Familie…, die ganz und gar in diesem Raum, in diesem rhein-mai¬nischen, fränkisch-hessischen Raum verwurzelt und geschichtlich und gegenwärtig dazugehörig war. Jeder hier weiß, was die Familie Bamberger für Mainz und für die Kultur Westdeutschlands überhaupt bedeutet hat. Es waren Bankiers, es waren immer aber auch Menschen im höchsten und weitesten Sinne der Kultur.  Es war eine Familie, in der das Kulturelle vom Leben und vom Geschäftlichen und Beruflichen nicht getrennt war. Kultur war da nicht etwas für Sonntag abends oder für Sonntag nachmittags oder für den Feiertag. Kultur war etwas, was ganz und gar vom Aufwachsen bis zum Ende zu diesen Menschen gehörte, und die aus ihnen selbst immer wieder wie aus einem lebendigen Quell gespeist und bereichert wurde…    

Über Bergers Beziehung zu einem anderen bedeutenden Mainzer, Viktor (Mordechai) Goldschmidt, im regionet noch nicht biographiert, korrespondiere ich gerade mit der von- Portheim-Stiftung in Heidelberg (Völkerkundemuseum) und den mit ihr verbundenen For-scherinnen Dr. Clara Schlichtenberger und Gabriele von Sivers-Sattler.

Vgl. Clara Schlichtenberger, Die Ordnung der Welt : die Sammlungs-Grammatik Victor Goldschmidts, des Gründers der völkerkundlichen Sammlung der von Portheim- Stiftung in Heidelberg, und die seiner Kuratoren.   Pfaffenweiler: Centaurus-Verl.-Ges., 1998  (= Kulturen im Wandel ; Bd. 8). Zugl.:  Tübingen, Univ., Diss., 1996.  ISBN: 3-8255-0200-7.

Wichtig ist, nicht nur in diesem Zusammenhang, dass ein unveröffentlichtes Manuskript Bergers in Darmstadt von Literaturfreunden herausgegeben wurde (noch nicht im Katalog der Mainzer Stadtbibliothek!) herausgebracht wurde:
C-Dur, ein Roman von Ludwig Berger, Hrsg. von Dieter Zeitz (Hessische Beiträge zur deutschen Literatur), Darmstadt, Justus-von-Liebig-Verlag, 2004 (ISBN 3-87390-181-1)

Ms. für SWF Landesstudio, auch etwas anders in der AZ: 1992

Die Tyrannei der runden Jubiläen hat ja immer auch ihr Gutes. Wenigstens dann kann sich der Kulturbetrieb mit schlechtem Gewissen der – wie man bereitwillig zugibt – viel zu lange vernachlässigten Frauen und Männer erinnern. Was aber, wenn eine Heimatstadt und ein Heimatland nicht einmal dann eines Mannes gedenken, dem sie so viel verdanken, und der ihnen noch immer helfen könnte, wenn sie sich ein bisschen um ihn und seinen Geist bemühten?
Ich gestehe, auch ich habe nicht an Ludwig Bergers hundertsten Geburtstag gedacht. Das heißt, an seinem Geburtstag habe ich schon an ihn gedacht. Wer vergißt schon den Dreikönigs-Tag, Shakespeare’s „Twelfth Night“, das Ende der Rauhnächte, an dem – man möchte abergläubisch werden – dieser Magier in allen Künsten Geburtstag hatte. Aber daß dieser 6. Januar 1992 sein hundertster Geburtstag war, daran habe ich nicht gedacht. Zu lebendig und zu jung ist mir dieser große Mann im Gedächtnis, als daß ich ihm ein so rundes Jubiläum zugerechnet hätte.
Es ist aber nicht so, daß Berger in den Zentren deutschen Kulturlebens vergessen worden wäre. Die Initiative KOMMUNALES KINO in Hamburg und die Deutsche Kinemathek in Berlin veranstalteten eine Doppelehrung:  Gleichberechtigt und gleichgewichtig neben einer Serie „Ernst Lubitsch zum 100. Geburtstag“ lief dort eine „Ludwig Berger zum 100. Geburtstag“, nicht gleichzeitig freilich: in Hamburg kam der gerade drei Wochen jüngere Ernst Lubitsch zuerst dran.
Nun war das natürlich nicht die erste halbwegs umfassende Berger-Retrospektive: Ich hatte das Glück, schon 1962 (auch in der AZ) über eine in der Pariser Cinémathèque zu berichten. Dort trugen nach den „Trois Valses“ junge Cinéasten – Lotte Eisner versicherte, es seien berühmte Regisseure dabei gewesen – den siebzigjährigen Regisseur und seine anwesenden Hauptdarsteller Yvonne Printemps und Pierre Fresnay im Triumph auf den Schultern rund um den Saal. Dort sah ich auch Bergers letzten Film von 1947, einen Ballett–Traum–Film auf Musik von Maurice Ravel, der das direkte Vorbild für den natürlich schlagkräftigeren „Amerikaner in Paris“ wurde. Weitere Festivals gab es inzwischen schon zweimal in Berlin (Akademie der Künste und Kinemathek) und im Kommunalen Kino Frankfurt. Jedesmal wurde der Fundus der präsentierten Filme erweitert, durch restaurierte oder neugefundene Rollen.
Auch in Hamburg gab es wieder einen Berger-Film, den man verloren geglaubt hatte: Berger, in Deutschland verfemt, drehte 1935/36 in den Niederlanden einen „Pygmalion“, von dem George Bernard Shaw, der Kino eigentlich hasste, höchlichst begeistert war. Jetzt kann ich mir auch den Grund dafür vorstellen: Nicht nur, weil Berger sich eng an Shaws Dialoge hielt, sondern vor allem, weil er die Liza Doolittle, auf holländisch eine Liesje Doeluttel, mit einem Instrument auftreten ließ, was dem Musikkenner Shaw gewiß gefiel. Mit dem Akkordeon war sie eine Schwester von Bergers unvergesslich widerborstigen und doch sehr weiblichen Frauengestalten, die sich auch durch Musik verwirklichen, wie z. B. die Prinzessin Alix und Franzi und Steffi im „Walzertraum“ (1925) oder die Kati Lanner im „Walzerkrieg“ (1933). Neben den genannten Filmen sah man jetzt noch „Ein Glas Wasser“, den abendfüllenden Stummfilm von 1923, „Ich bei Tag und du bei Nacht“ von 1932 und die englische Originalversion des berühmten „Dieb von Bagdad“ von 1940. Natürlich fehlten einige wichtige Streifen, alle Fernseh-Arbeiten und leider auch die Titel aus Bergers Hollywood-Zeit, die er selber für „abscheulich“ hielt. Ich würde aber schon einmal gern einen sehen.
In Hamburg und Berlin widmete man Berger überdies eine kleine, aber inhaltsschwere Broschüre, die erste einer Reihe FILM-MATERIALIEN, herausgegeben von Hans-Michael Bock und Wolfgang Jacobsen. Auf 50 Seiten sind darin Texte Bergers, alte und neue Kritiken, eine Bibliographie und eine vollständige Filmographie inklusive der vielen Fernseharbeiten enthalten. Sie wurde und wird wohl noch kostenlos abgegeben im Kommunalen Kino im METROPOLIS, Dammtorstr. 20, 2000 Hamburg 36.
Nun gibt es ja keine unüberwindlichen Schwierigkeiten mehr, Filme Bergers zu versammeln, zu versichern und vorzuführen. Insofern werden sich die Hamburger und Berliner auch garnicht so viel einbilden auf ihre Berger-Ehrung. Es ist für sie tägliches Brot, daß sie auch die großen Meister der Filmgeschichte würdigen. Traurig ist es nur, wenn die Heimatstadt Mainz – die sogar eine Medienstadt sein will – den einzigen großen Mainzer Filmmann einfach totschweigt. Da es ein Stadtkino praktisch ja nicht gibt, und der Kulturdezernent  dreimal einen Vorschlag eines wirklich vollständigen Berger-Festivals zusammen mit ZDF und SWF ablehnte, empfahl ich dem Vorsitzenden von Villa Musica ein Berger-Festival mit Akzent auf seine in jeder Filmgeschichte als „klassisch“ bezeichneten Musik-Filme. Ich erhielt nicht einmal eine Antwort.
Berger war freilich mehr als nur ein Filmregisseur und -autor. Seine Stücke, seine Musiktheaterarbeiten, seine Bücher, seine unveröffentlichten Manuskripte, darunter eine grundlegende Shakespeare-Analyse, all das hätten Stadt und Staatstheater verlebendigen können. Jockel Fuchs sagte bei der Beerdigung Bergers im Waldfriedhof 1969: „Wir müssen uns klar darüber sein, daß wir unsere Zukunft nicht bewältigen können, wenn wir nicht Geist von Ludwig Bergers Geist in unserer Stadt lebendig erhalten.“ Der Geist von Jockel Fuchs ist noch lebendig in Mainz.