Mittelrhein

Wo gab es Wasser?

Betrachten wir die Topographie. Eine Wasserleitung in die „Unterstadt“ konnte nur vom Kästrich-„Massiv“ her kommen, aber ob von Quellen am Abhang, von einer an der Flanke entlang geführten Leitung, oder von ganz oben, vom Plateau herunter, ist damit nicht gesagt.
Betrachten wir die einschlägige Literatur. (Ich kann keine Fußnoten machen: Ernst J. Schneider, Mainzer Brunnen von der Römerzeit bis heute,, Erweiterter und ergänzter Sonderdruck, Mainzer Altertumsverein, o. J. (1975); Barbara Eckel, Die Entwicklung der Wasserversorgung und Abwasserentsorgung in Mainz, Mainz (Diss.) 1996, beschränkt sich für die Frühgeschichte auf Schneiders Darstellung.) Schneider meint, die Legionäre „und die Bewohner der canabae nutzten zweifellos die damals schon vorhandenen Quellen am Abhang des Stephansberges (z. B. Kirschborn, Guldenborn)“, eine weitere Quelle entsprang „im östlichen Zitadellengraben“.  Mich überzeugt das nicht.
Zwar ist es auffällig, dass das Lager militärisch wenig sinnvoll über die Hangkante hinunterreicht. Natürlich kann das aus Platzgründen so sein, aber es hätte vielleicht auch den Effekt, dass kleinere Quellen dort unten einbezogen werden konnten. Hangaufwärts von Aliceplatz und Bilhildisstraße entsprangen der Grabborn und eine weitere Quelle. Zwischen Walpodenstraße und Alicenberg ist/war dementsprechend ein Städtischer Brunnen. Im untersten Keller der MAB am Ende der Emmerich-Joseph-Straße (also auf der gewachsenen Erdoberfläche) existiert wohl noch heute der Brunnen, mit dem das Bier gebraut wurde. Der wurde allerdings, wie mir mein Vater erzählte, der dort Braumeister war, später tiefgebohrt und erreichte dann unter der Rheinsohle einen besonders guten Grundwasserstrom, der vom Donnersberg her kommen soll.
Insgesamt kann das alles nicht für ein Zweilegionenlager gereicht haben. Denn das Kästrichplateau bietet nur an den Abhängen Quellen; auf dem Plateau selbst sind Brunnen  unergiebig, Quellen nicht vorhanden.

Rupprecht sagt selber über die Römerstein-Leitung: „Um das auf einem wasserarmen Untergrund stehende Legionslager mit genügend Frischwasser versorgen zu können… Inwieweit auch die Zivilstadt unterhalb des Lagers mitversorgt wurde, ist noch offen.“  (Artikel Mainz in: Heinz Cüppers (Hrsg.), Die Römer in Rheinland-Pfalz, Stuttgart 1990, S. 459f.) In diesem Zusammenhang muss man zunächst eine historische Dimension beachten. Rupprecht sagt selber, archäologische Befunde „datieren die Erbauung der Anlage in flavische Zeit (69–96 nChr), in der zudem der erstmalige Ausbau des Legionslagers in Stein erfolgt (unter Kaiser Vespasian). Entsprechend der vorherigen Holz-Erde-Konstruktion des Lagers dürfte auch die Wasserleitung als unabdingbare Voraussetzung für das längst auf Dauernutzung angelegte Lager einen hölzernen Vorläufer gehabt haben.“ Merkwürdigerweise hat er aber noch 1994 geschlossen, „wäre die gesamte Wasserleitungsanlage von der Quelle … bis zum Wasserbassin mit Verteiler und dem von dort als Druckrohrleitung durch das ganze Stadtgebiet führenden Röhrensystem vollständig in die Frühphase der römischen Stadtgeschichte einzuordnen, also in das 1. Jahrhundert.“ (Christian v. Kaphengst und Gerd Rupprecht, Mainz, in: Die Wasserversorgung antiker Städte, hrsg. v. d. Frontinus-Gesellschaft, Mainz 1988, S. 199–203, unveränderte Neuauflage 1994.)

Er rechnet hier also die Jahre von 69 bis 89 zur Frühphase von Mainz.

Was nun immer „Frühphase“  bedeuten mag: Es muss von Anfang des Lagers an, seit der augusteischen Zeit, eine Wasserversorgung von außerhalb gegeben haben. Ob aber (nur) von Finthen her?

Wäre es nicht sinnvoller gewesen, das Wasser aus der Hechtsheimer Gemarkung vom Kesseltal/Attigbusch (¿Wasserkastell, Attach?) herzuleiten, also dem Oberlauf des Wildgrabens? Gewiss kamen dazu Quellen am Fuße des Großbergs, insbesondere die heutige des Wildgrabens (49°57’19,2” N, 8°17’22,0”, 165 m/NN). Von dort hätte eine Wasserleitung genügend und gleichmäßiges Gefälle zum Lager und müsste nicht das kleinste Tälchen überbrücken. Ob es archäologische Befunde gibt, die so gedeutet werden können, weiß ich nicht. Großer Steinbauten bedurfte es jedenfalls nicht. Am Fuße des Hechtsheimer Bergs (nahe bei der z. Zt. umgebauten Autobahnauffahrt MZ-Hechtsheim) wäre noch eine Höhe von mindestens 145 m/NN gegeben. Messtischblätter und Stadtpläne bieten dann leider keine Höhenlinien mehr. Bis zum höchsten Punkt des Lagergeländes (ca. 126 m/NN) sind es keine 5 km Luftlinie. 0,4 % Gefälle wären das Zehnfache des durchschnittlichen Gefälles des Pont-du-Gard-Aquädukts nach Nîmes.

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