Historische Gesellschaft Bingen

Das "Gedächtnis der Stadt"

Bericht der Allgemeinen Zeitung vom 25.10.2010 - BINGEN

Von Christine Tscherner

ARCHIV Akten kehren nach 45 Jahren Exil in Speyer nach Bingen zurück

Wie Kronjuwelen lagern uralte Akten aus Bingen in Speyer. Das „Gedächtnis der Stadt“ umfasst 70 Regalmeter im klimatisierten Magazin der Domstadt. Fünf Jahrhunderte Wirtschafts- und Finanzgeschichte fehlen den Bingern. Sie sollen nach 45 Jahren Exil zurück.

Zugegeben, den Durchschnittsbürger juckt vielleicht wenig, ob Heiratsurkunden oder Grundbucheinträge von 1365 greifbar sind. Historiker wie Dr. Matthias Schmandt hätten gern Licht im Dunkel. Für dem Leiter des Binger Kulturamts kommt die Verbannung der Binger Altakten einem schmerzvollen Gedächtnisverlust gleich. Ein schwarzes Geschichtsloch klafft, wo detailreiches Wissen die einst bedeutende Bürgerstadt hell in Szene setzen könnte.

„Archive sind unverzichtbar“

Schmandt zitiert ein Positionspapier des Deutschen Städtetags: „Die Arbeit der Archive ist unverzichtbarer Bestandteil kommunaler Kulturarbeit.“ Für den Amtsleiter gießen die Worte Öl ins Feuer.

Denn das Binger Archivgut sieht er als Schatz, vergleichbar nicht einmal mit Köln oder Frankfurt, zumindest aber die umfangreichste historische Aktensammlung in Rheinhessen.

Für die Rekonstruktion der Stadthistorie ist der fehlende Zugriff auf Altakten folgenschwer: Mit der Auslagerung aus Platzgründen 1965 zunächst nach Koblenz, dann nach Speyer reißt die wissenschaftliche Arbeit über Bingen abrupt ab. Nur selten melden sich Studierende, die für das fast unbeackerte Binger Geschichtsfeld nach Speyer reisen. „Und dann gibt es noch rund 1000 Urkunden im Darmstädter Archiv“, weiß Schmandt.

Er zeichnet ein traurig-tragisches Bild vor dem Kulturausschuss, verweist auf die vergebene „Bildungschance erlebbarer Geschichte“. Von der Museumspädagogik abgeleitet weiß er: „Ein echtes altes Stück Geschichte riecht einfach anders als Bilder und Texte im Lehrbuch.“

Gebetsmühlenartig fordert Schmandt seit Jahren zum Mitgefühl für das Stadtarchiv auf. Als Amtsleiter für Kultur rückt er die unausgepackten Kisten auf Platz zwei seiner Prioritätenliste - direkt hinter den Strukturumbau der Stadtbibliothek (die AZ berichtete).

„Als Historiker habe ich Geduld gelernt.“ Klar, heute oder morgen zerfallen die alten Akten schon nicht zu Staub. Aber auf Dauer ist das gesamte 18. Jahrhundert und die hessische Zeit von 1815 bis 1945 kaum aufgearbeitet.

Nur die Hälfte der rund 4000 Akten in Bingerbrück sind erfasst, ein Fünftel gilt als „gut erschlossen“. Für Auswertung oder gar Interpretation und Gewichtung fehlt Zeit und Personal. Das Bild vom Weihnachtspaket malt Schmandt gern. „Pakete öffnen ohne eine Ahnung, was darin verborgen sein könnte.“

Anscheinend ist die kindliche Vorfreude nur bei Historikern groß. Denn seit Jahren stößt Schmandts Wunsch nach Wahrung des historischen Erbes auf eher taube Binger Ohren. Von der Leitbild-Diskussion fühlt sich der Amtsleiter nun gestärkt. Die Historische Gesellschaft gab Finanzspritzen zu Inventarisierung eines Archivteils. Ratsprotokolle wurden digitalisiert, die Erschließung der alten Dokumente gestartet.

Doch die Kronjuwelen mit Akten bis ins Jahr 1365 bleiben in Speyer, so lange das jüngere Archiv in Bingerbrück nicht beackert ist. Die Bedingung ist klar.

Wie wichtig ist den Stadträten Wahrnehmbarkeit ihres Archivs? Internetpräsenz und Online-Recherche des Archivmaterials, Geld für einen zeitgemäßen Leseraum mit Internet-Anschluss und Microfilm-Printer müssen die Fraktionen beratschlagen.

 

http://www.allgemeine-zeitung.de/region/bingen/bingen/img9562562.htm