Historische Gesellschaft Bingen

Von Turnvater Jahn bis Karl Marx

BUCHVORSTELLUNG Historische Gesellschaft präsentiert „Who is Who der Rheinromantik“ / Autor ist Dr. Matthias Schmandt

(cts). Sechs Jahre lang entzifferten Hobbyforscher schnörkelige Unterschriften. Die Historische Gesellschaft präsentierte im Museum am Strom das Ergebnis: Das „Who is Who der Rheinromantik“, die Auswertung der historischer Besucherbücher von Burg Klopp.

Die Montagsgruppe des Binger Museums hatte sich eine mühselige Detektivarbeit aufgeladen: Um Trends und Tendenzen des frühen Rheintourismus aufzustöbern, vertieften sich sieben Heimatforscher in uralte Bücher voll mit Signaturen. Der Abstecher zum Klopp-Hügel galt vor knapp 200 Jahren als Sterne-Attraktion im Baedecker. Die Bücher bieten einen Rückschluss auf den Querschnitt der Rheinreisenden.

74 000 Signaturen sollten die Quelle für historische Studien sein - eine wahre Sisyphusarbeit. Die Mühe lohnte. Der Laie staunt über so viel Prominenz. Dichter und Maler, Schöngeister und Politiker zog der unschlagbare Ausblick vom Burgberg in ihren Bann. Turnvater Jahn machte ebenso in Bingen Station wie der damals 18-jährige Struwwelpeter-Autor Heinrich Hoffmann. Otto von Bismarck mit seiner frisch angetrauten Johanna trug sich ein und Karl Marx mit seiner späteren Ehefrau Jenny aus Trier.

Autor und Museumsleiter Dr. Matthias Schmandt ist stolz auf die Einmaligkeit der Quelle. „In anderen Rheinstädten bilden Hotelregister nur die Oberschicht ab.“

Das Besucherzimmer des Bergfrieds stand jedem Reisenden offen. Dienstmädchen trugen sich ein, Militärregimenter, Drechslergesellen genauso wie Kappenmacher. Für Historiker sind die Signaturen sozialgeschichtlich einmalige Quellen. Wer waren diese ersten Rheinreisenden? Woher kamen sie hauptsächlich? Wie veränderte sich das Reiseverhalten? Um Forschungsmaterial zu filtern, mussten oft sehr unleserlichen Sütterlin-Federstriche ins Lesbare übersetzt werden. Pioniergeist und Kombinationsgabe war gefragt. Lupe und historische Bücher lagen stets griffbereit. Die rissigen Seiten der Bände hielten überraschende Ergebnisse parat. „Aus Frankfurt kam jeder zehnte Reisende“, so Schmandt. Bingen war für die Sommerfrische populär. Bereits vor 200 Jahren bildete Tagestouristen aus Rhein-Main die größte Gruppe. Daran will Oberbürgermeisterin Birgit Collin-Langen mit der Kulturufer-Initiative anknüpfen.

Viele Holländer waren unter den Einträgen. „Sie waren also fast genauso wichtig für die Rheinromantik wie die viel zitierten Engländer“, erklärte Schmandt. 60 Prominente griff sich Mitautorin Margarete Köhler für eine lebendige Folge biografischer Skizzen heraus.

Eine dem Buch beigefügte CD bietet zusätzliche Aufbereitungen der Daten. Altes Kartenmaterial verknüpft Herkunftsorte der Touristen mit dem Schienennetz und den Effekten aufs Reiseverhalten.
AZ: 21. Juni 2010