Vereinigung der Heimatfreunde am Mittelrhein

Geschichte der Vereinigung der Heimatfreunde am Mittelrhein

von Erich Hinkel

I. Gründung und Ziele

Nach vielen Vorverhandlungen fanden sich am 14. Juni 1950 unter Vorsitz des Kreisdeputierten Blattner geschichtsinteressierte Bürger aus dem Kreis Bingen im Sitzungssaal der Burg Klopp in Bingen ein, um en Kreisverband der Heimatfreunde "Binger Land" zu gründen. Anwesend waren:

  • Kreisdeputierter Heinrich Blattner
  • Studienrat Dr. Johannes Kohl
  • Kunsthistoriker Dr. Ernst Emmerling
  • Lehrer Johann Ganß
  • Studienrat Dr. Richard Dereich
  • Schriftsteller Peter Welter
  • Kreisschulrat Franz Burkard
  • Assessor Wilhelm Lebrecht
  • Kreisoberinspektor Claus Palm
  • die Bürgermeister von Bingen, Gau-Algesheim und Heidesheim.

Außer diesen Gründungsmitgliedern sind folgende weitere Erstmitglieder überliefert:

  • Landrat Anton Trapp
  • Pfarrer Jacob Peter Jakob
  • Redakteur Josef Adolf Schmitt-Krämer
  • Berufsschullehrer Josef Effenberger
  • Kreiskassenverwalter Fritz Pillat
  • Inspektor-Anwärter Willi Urbach.

Es war damals durchaus nicht selbstverständlich, eine Vereinigung zugründen, die das Wort Heimat im Namen führt. Es war die Epoche, in der man nach dem Mißbrauch der Begriffe durch die Nationalsozialisten alles, was von Geschichte fundiert war, dem Zeitgeist unerwünscht blieb. Aus dem umfangreichen Gründungsprotokoll können im wesentlichen folgende Ziele der Vereinigung entnommen werden:

  • Förderung des Heimatgedankens als unverzichtbares Element der 
  • Landkreis-Selbstverwaltung.
  • Zusammenarbeit zwischen Laien und Wissenschaftlern.
  • Zusammenfließen lokaler und regionaler Regungen der Geschichtsarbeit, die Eigenständiges respektieren.
  • Öffnung der engeren Heimat zur Weite, und zwar über den Umweg der Geschichte.

Kreisdeputierter Blattner brachte es in der Gründungsversammlung auf den Punkt:

Wir haben in der Verwaltung gewiß eine Fülle vordringlicher Probleme materieller Art, die uns Tag für Tag umstricken. Ich glaube aber, es ist notwendig, das ebenso wichtige kulturelle Gebiet und insbesondere die Situation der kommunalen Heimatpflege hier im engsten Kreise zu besprechen und im Landkreis, den Städten und Gemeinden, die Folgerungen daraus zu ziehen. Heimatpflege hat nichts gemeinsam mit romantischer Schwärmerei. "Heimat ist Gottesgeschenk", so las ich kürzlich. Dem, der die Heimat hat, wird sie immer wieder neu geschenkt. Aber er muß sie auch immer wieder neu erringen und sie mit seinem eigenen geistigen Leben erfüllen. Das soll der Leitgedanke unserer heutigen Zusammenkunft sein.

Erster Repräsentant wurde Studienrat Dr. Johannes Kohl. Dankbar erkoren die Gründer Pfarrer Jacob Peter Jakob, Badenheim, zum Ehrenmitglied.
Es wird in dem Gründungsprotokoll auch über die Aktivitäten der Heimatgemeinschaften berichtet, die auf Initiative des Landratsamtes für mehrere Bereiche gebildet wurden: Stadt Bingen, Bingen-Vororte, Ingelheim und Selztal sowie Gau-Algesheim, Sprendlingen und Gensingen. In allen Orten sollten Vertrauensleute gewonnen werden. Diese Heimatgemeinschaften legten den Schwerpunkt auf den Natur- und Denkmalschutz.
Die Heimatgemeinschaften können durchaus als Vorläufer derHeimatfreunde gewertet werden, denn alle Sprecher und Vertrauensleutewaren später Mitglied der Vereinigung und wirkten als Leiter der Heimatgemeinschaften in der Vereinigung mit. Ende der 1960er Jahre sind die Heimatgemeinschaften untergegangen. Im Heimatjahrbuch 1966 werdensie letztmalig erwähnt.
Seitens des Landratsamtes Bingen unter der Leitung von Landrat Trapp und des Kreistages wurde die Gründung der Heimatfreunde lebhaft begrüßt. Alle politisch Verantwortlichen sahen die Heimatpflege alssubsidiäre Aufgabe der Vereine und Verbände, die allerdings der Unterstützung der Landkreisselbstverwaltung und der Gemeinden bedurften. So wurde anerkannt, daß die Heimatfreunde ihren Aufgaben für den Landkreis in eigener Verantwortung gerecht werden. Andererseits haben sich die Heimatfreunde immer als Partner des Landkreisesverstanden.
Im Mitteilungsblatt zur Rheinhessischen Landeskunde (Heft 2/1950) berichtete Dr. Johannes Kohl über die Gründung:

Dieser Zusammenschluß aller interessierten Kreise und Kräfte erfolgte aus der Erwägung heraus, daß die Heimatpflege nicht nur auf dem Wege der Verwaltung und durch behördliche Anordnung betrieben werden kann, sondern daß sie in erster Linie aus der freiwilligen Zusammenarbeit aller Volkskreise erwachsen muß.

Der 1. Vorsitzende Josef Loos umschrieb die Aufgaben anläßlich des Festaktes zum 35jährigen Bestehen der Vereinigung so:

Im kommunalen Gefüge besitzen Städte und Gemeinden, Ortsgemeinden und Verbandsgemeinden sowie die Kreise als autonome staatsbezogene Einheiten des freiheitlichen Staates konkrete Aufgaben. Diese Gemeinschaftsformen ermöglichen es dem Bürger, in rechtlich gesicherter Weise Bereiche, die ihm nahestehen, zu beeinflussen und mitzugestalten. Das sichert Vielfalt und unterscheidet das Kommunale vor zentral gesteuerter Normung. Dazu besitzen die kommunalen Einheiten Rechtspositionen. Rechtspositionen sind aber auch gesetzliche Realitäten. Dazu gehören heimatliche Bezüge. Verwaltungsakte sind wichtig und notwendig. Wichtiger aber sind beseelende und belebende Kräfte, die das Heimatliche bewußt erleben und in seinen Teilbereichengemeinschaft stiftend in das Kommunale einfließen lassen.

Leider sind die Aufzeichnungen der Anfangszeit der Vereinigung nicht systematisch gesammelt worden. Erst mit der Übernahme des Amtes des 1. Vorsitzenden durch Josef Loos wurden regelmäßige Protokolle geführt und seit 1979 die Tätigkeit der Vereinigung jeweils jährlich im Heimatjahrbuch dokumentiert.