Sagen und Legenden der rheinischen Heimat
aus: Katholischer Kirchenkalender für das Dekanat Bingen 1948/49
Die Gründung des Klosters Rupertsberg
Von Hanny Franke
Einst lag Sankt Hildegard, die Äbtissin der Jungfrauenklause auf dem Disibodenberg, krank in ihrer Zelle auf hartem Lager und hatte eine Erscheinung, in der Gott ihr den heiligen Rupertus zeigte. Eine himmlische Stimme sprach zu ihr: "Siehe, das ist der fromme Rupertus, dessen Gebeine ruhen, wo die Nahe in den Rhein mündet. Unbekannt liegt das Grab unter den Trümmern seines Gotteshauses und Nesseln und Dornen wuchern darauf. Mit dem Pilgerstab in der Hand wandere dorthin und baue ein Gotteshaus und daneben eine Klause für fromme Seelen." Ein Engel aber schwebte vom Himmel hernieder und setzte ein Kreuzlein an einen wilden, herrlich duftenden Rosenstrauch, zum Zeichen, dass allda des Heiligen Gebeine ruhten....
Alsbald stand die Heilige auf in voller Kraft und schritt, von ihren Freundinnen Hiltrude und Clementia begleitet, hinüber zur Burg Sponheim, wo Hildtrudens Vater wohnte. Dem tat sie kund, was sie innerlich erlebt hatte. Der Graf zog mit ihnen gegen Bingen, wo Hildegard einen blühenden Rosenstrauch fand, auf den der Engel das Kreuz gesteckt hatte. Da knieten alle in heiliger Andacht nieder und priesen den Herrn.
Als man das Jahr 1147 zählte, erhob sich das Gotteshaus mit dem Altar an der Stelle des Rosenstrauches. Bald stand auch das Kloster fertig da, und nach der Weihe von Kirche und Kloster durch den Bischof von Worms zog Hildegard mit achtzehn Klosterfrauen vom Disibodenberg hinab, immer naheabwärts, bis die Türme von Bingen aus der Dämmerung auftauchten, nach ihrer neuen Heimat, dem Rupertsberg.
Der hartnäckige Laienbruder
Als der heiligen Hildegard in einem Gesichte befohlen wurde, auf dem Rupertsberge ein Kloster zu bauen, waren die Mönche des Disibodenberges, wo Hildegard Meisterin der Frauenklause war, traurig wegen des bevorstehenden Verlustes dieser großen Frau. Einige wurden sogar schroff und wollten in den Wegzug Hildegards nicht einwilligen. Besonders war ein Laienbruder namens Arnold, der auf dem Disibodenberger Landgut bei Weiler, in der Nähe des Rupertsberges, tätig war, der Heiligen aufsässig. Er wetterte und fluchte sogar. Da schwoll plötzlich seine Zunge an, so dass er nicht mehr sprechen konnte. Als er um sein Leben fürchten musste, erkannten er und seine Umgebung, dass die schwere Krankheit eine Strafe des Himmels war für sein Verhalten gegen Hildegard. Durch Zeichen gab er seinen Mitbrüdeern zu verstehen, man möge ihn in das alte Kirchlein auf dem Rupertsberg bringen. Hier angelangt, gelobte er, gegen Hildegard und ihre Übersiedlung nichts mehr zu unternehmen, ja, sich selbst am Klosterbau zu beteiligen. Von diesem Augenblick an wich das furchtbare Leiden, und von der Stunde an war Bruder Arnold der Fleißigste an der Baustelle des neuen Klosters.
Vom Hildegardisbrünnlein auf dem Rupertsberg
Als das Kloster Rupertsberg erbaut war, fehlte ein Born lebendigen Wassers, und alles Wasser musste man aus der Nahe holen. Wie und wo man auch grub, auf der steilen Uferhöhe fand sich keine Quelle. Da lag ein Plätzchen in dem Felsen, unfern des Klosters, gar heimlich, friedlich und stille, wo ein Holunderstrauch ein Laubdach und danebenstehende Haselstauden eine Wand bildeten. Als nun eines Tages die heilige Hildegard die Armen, die sich an ihrer Pforte gesammelt, gespeist und getröstet hatte, da eilte sie in ihr verborgenes, grünes Betkämmerlein, um dem lieben Gott zu danken, weil er es ihr vergönnt hatte, das Werkzeug seiner Liebe zu sein. Während des innigen Gebetes fielen ihre Tränen zur Erde, in den Rasen und in das Gestein, und siehe, ihre Tränen wurden zur lebenden, segnenden Quelle, die rein und hell vervorsprudelte und reichlich herabrieselte über das Gestein. Da staunte die heilige Jungfrau und pries des Herrn Gnade.
Dann grub sie mit ihren schneeweißen Händen ein Brünnlein und legte Steine darum, dass sich das Wasser sammle. Das Brünnlein rinnt heute noch und heißt das Hildegardisbrünnlein.
(wird fortgesetzt)