Die evangelische Kirche in Armsheim von K.E. Schuhmacher

Das Bild zeigt die evangelische Kirche in Armsheim mit neuem Farbanstrich, Jahr 2008.
Bild: Grafik Agentur Schäfer

Anstelle einer früheren, dem Remigius geweihten Kirche, wurde von 1431-1471 in der damaligen Stadt Armsheim eine Wallfahrtskirche zu Ehren des „wundertätigen Blutes Jesu Christi“ in beeindruckendem gotischen Stil gebaut. Ihre Errichtung ist vornehmlich der damaligen Armsheimer Kirchengemeinde mit ihrem tatkräftigen Pfarrer Konrad Odenkemmer, dem Erzbistum Mainz mit Erzbischof Konrad und den Trägern der politischen Herrschaft der Stadt Armsheim, dem Grafen Friedrich III. von Veldenz (1360-1444) und seinem Schwiegersohn, dem Pfalzgrafen Stephan von Pfalz-Simmern-Zweibrücken (1385-1459) zu verdanken. Sie gilt heute als einer der schönsten Dorfkirchen Rheinhessens (Dehio).

 

Der mächtige, über 60 Meter hoch aufragende Turm dominiert als dreifach gegliedertes Bauwerk die Kirche und schließt sie gleichsam wie ein schützendes Westwerk zur alten Stadtmauer hin ab. Der quadratische und wuchtige Unterbau des Turms mit einem Bogenfries zur halben Höhe und einer begehbaren Galerie („Umgang“) trägt einen achteckigen, durch schlanke gotische Fenster gegliederten, Aufbau. Durch seine Treppen- und Wärtertürmchen, Wasserspeier, große und kleine Fialen, durch das feine Maßwerk der Galeriebrüstung, gewinnt dieser Teil des Turmes das Gepräge einer Stadtkirche. Einen nicht minder imposanten Kontrapunkt stellt der über 14 Meter hohe Hochchor mit seinem dreiseitig steil abgewalmten Dach im Osten dar.

Der Haupteingang auf der Südseite wird durch eine Vorhalle mit einem prächtigen Netzgewölbe und farbenfroher floraler Bemalung geschützt. Über dem Eingang kündet in lateinischer Sprache ein repräsentativer Gründungstein von der feierlichen Grundsteinlegung des großen Bauvorhabens am 9. Mai 1431. Ein kunstvolles Relief mit der Darstellung von zwei anmutigen gewandeten Engeln, die ein Korporale und einen Messkelch halten, zeugen von der im Gründungstext aufgeführten, besonderen Weihe und Widmung der Kirche als Kirche zur „Verehrung des Wundertätigen Blutes unseres Herrn Jesu Christi“.

 

Das Langhaus ist dreischiffig als Hallenkirche angelegt (19 Meter lang 16,50 Meter breit). Zwischen dem Mittelschiff und den beiden Seitenschiffen tragen massige Rundsäulen und jeweils drei Jochbögen die Gewölbe. Das Mittelschiff überspannt ein klares, ruhiges Kreuzgewölbe, das seine Lebendigkeit von einer reichen, farbenfrohen und vielgestaltigen Deckenmalerei erhält. Elegant gewundene Blumen und Pflanzen wachsen gleichsam aus den zentralen ringförmigen Schlusssteinen heraus und füllen mit bunten Blüten und Rankenwerk in weitem Bogen die Gewölbefelder. Auf den vertikalen Seiten werden die Felder durch stilisierte Wasserwellen, aus denen Teichgewächse hervorlugen, eingerahmt. Auf den Längsseiten züngeln in kräftigem Feuerrot in Halbkreisen angeordnete heftig flackernde Flammen. Die Seitenschiffe, jeweils etwa halb so breit, aber ebenso hoch wie das Mittelschiff, werden von verspielten Gewölbeformen überspannt und mit markanten Schlusssteinen abgeschlossen ( z.B. Octogon, Davidsstern, kurpfälzisches Wappen, Segnende Hand) .

 

Hinter dem Schlussbogen des Langhauses öffnet sich in vollendeter gotischer Baukunst der fast 14 Meter hohe Chorraum. Der Chorbau wird dominiert von sechs mächtigen, harmonisch gegliederten Fenstern. Nach Osten und Süden hin lösen sie fast vollständig die Wände auf. Zwischen den Fenstern führen fein geformte Dienste nach oben, um sich in der Höhe der Spitzbögen der Fenster in gewölbetragende Rippen aufzuteilen. Das Gewölbe weist neben einem baldachinartigen Kreuzrippengewölbe im Bereich des ersten Südfensters ein strahlendes Sternengewölbe im Mittelpunkt des Chorbaus auf. Auf dem alles überstrahlenden Schlussstein erkennen wir einen Engel mit einem Kelch und einem Korporale. Die Wiederaufnahme der Darstellung des Gründungsteins an dieser zentralen Stelle unterstreicht die Widmung der Kirche als Wallfahrtskirche, in deren Chorraum eine Reliquie mit dem wundertätigen Blut Jesu Christi die Wallfahrer zur Verehrung einlud. Zwei weitere auffällige Gestaltungsmerkmale des Gewölbes künden von spätmittelalterlicher Lebensempfindung. Von zwei Zwickeln des Sternengewölbes blicken jeweils drei Köpfe und von den seitlichen Gewölbefeldern sieben Narrengesichter mit lustigen Kappen z.T. recht spöttisch auf die Besucher herab.

Wie die in der Sakristei eingebauten Reste zeigen, so war die Kirche 1440 mit künstlerisch hervorragenden Buntglasfenstern ausgestattet worden. Bei einem Hagelsturm (1859) wurden große Teil der Fenster zerstört. Bis auf wenige Reste in den Maßwerken der Spitzbögen wurden die zersplitterten Gläser entfernt. Im Jahre 1914 hat der renommierte Frankfurter Glaskünstler Prof. Otto Linnemann die drei östlichen Chorfenster mit den Heilsstationen von Jesus Christus als sakrale Kunstwerke neu gestaltet und eingebaut. In den Jahren 2006-2008 schloss der bedeutende Glaskünstler Prof. Hans-Gottfried von Stockhausen die Lücken im Chor mit drei prächtigen Fenstern. Herausragend ist sein figürlich gestaltetes Fenster der Seligpreisungen.

 

Die Barockorgel wurde 1739 von der bekannten Orgelbauerfamilie Stumm erbaut. Gründungsjahr, die Namen des Pfarrherrn, des Organisten und der Kirchenältesten sind auf den originalen Pfeifen zu lesen. Im Jahre 1760 erfolgte die Vergoldung der Schnitzereinen an den Seiten und auf den imposant gegliederten Pfeifen.

Neben dem mittelalterlichen Kanzelfuß mit den Symbolen der Evangelisten sind mit imposanten Grabsteinen (Sybold von Löwenstein, Conrad Odenkemmer) und Wappen noch weitere Sehenswürdigkeiten in der Kirche.

 

Literatur: Wolfgang Bickel, Die Kirche ‚Zum Heiligen Blut’ in Armsheim als Spiegel ihrer Zeit, Wernersche Verlagsgesellschaft 2005.