Schloss Waldthausen
Im Wald bei Budenheim errichtete Hans Bühling aus Pforzheim zwischen 1908 und 1910 für Baron Martin Wilhelm von Waldthausen eine repräsentative Villa in der Art eines staufischen Palasgebäudes mit bergfriedartigem Turm. Das Gebäude ist in seiner konservativen Stilhaltung ein charakteristischer Bau der Spätphase des deutschen Kaiserreiches. Im großen Schlosspark finden sich verschiedene Nebengebäude (Torbau, Kesselhaus, Stall) der Erbauungszeit.
Von Harald Strube
Die Geschichte des Schlosses Waldthausen ist hochinteressant und anekdotenreich. Sie beginnnt damit, dass Martin Wilhelm aus der alten Essener Familie der von Waldthausen, den Besitzern etlicher Kohlegruben, Stahlwerke, Rheinschiffen und großer Ländereien, sich als Rittmeister eines Mainzer Husaran-Regiments vor dem Ersten Weltkrieg wegen Majestätsbeleidigung bei einer Kaiser-Parade der Strafverfolgung entziehen musste und in die Schweiz ging. Dort erwarb er die Staatsbürgerschaft und in Liechtenstein den Freiherren-Titel. Vermutlich um Kaiser Wilhelm II. zu brüskieren (er war vermögender als der Kaiser, den er mit dem Götz-Zitat bedacht hatte), entschloss er sich 1907 zum Bau eines in jeder Hinsicht protzigen Schlosses im Lennebergwald. Hierzu erwarb er 1908 378 Morgen Wald von der Gemeinde Budenheim und beauftragte den Gewinner einer Ausschreibung, den Architekten Hans Bühling in Pforzheim, mit dem Bau. Die bürokratischen Hemmnisse für die Genehmigung überwand der "Kohlenbaron" in allen Ämtern mit größter Bravour. Das gesamte Gelände wurde mit einem Bretterzaun umgeben, was bei der Bevölkerung große Empörung auslöste. Die Schlossvilla war mit etlichen Nebengebäuden, Ställen, Gärten und einem Park umgeben und mit neuester Technik ausgestattet. Die Materialien und Einrichtungsgegenstände kamen z.T. von weither (z.B. Sandstein aus Maulbronn) und sogar aus dem Ausland (etwa die Hausorgel aus England). Viele Mainzer Handwerksbetriebe profitierten von dem luxuriösen Bau (Bembe, Gerster, Hettergott, Struth), wie überhaupt die ungeheuren Gesamtkosten (man sprach von 18 Mio Goldmark) sich sehr geschäftsbelebend auswirkten. Martin Wilhelm von Waldthausen, der auch in der Schweiz ein Domizil besaß und sich dort oft aufhielt, hat wohl seine Prunkwohnung nicht häufig und lange nutzen können. Er starb 1928 (geboren war er 1875). 1913 hatte er noch durch weitere Wladkäufe dafür gesorgt, dass sein Anwesen vom Forsthaus "Ludwigshöhe" nicht mehr eingesehen werden konnte. Dieses wurde Ende 1913 abgetragen und als "Wendelinusheim" neben der Gonsenheimer Wendelinus-Kapelle wieder aufgebaut. Am 9.1.1941 wurde das Schloss an die NSV in Berlin verkauft. Von der Rechtsnachfolgeschaft hatte das Land Rheinland-Pfalz wenig, denn zunächst hatten die Amerikaner und dann die Franzosen die Villa beschlagnahmt. Berüchtigt ist die Initiative des Generals Koenig, der sich für 5 Mio Mark dort eine Residenz schuf, die er aber wegen Rückruf nach Frankreich nicht mehr nutzen konnte. 1956 übernahm der Bund das Gelände für die Bundeswehr. Ende der 70er Jahre erwarb die Stadt Mainz das Schloss und verkaufte es am 6.12.1982 an den Sparkassen- und Giroverband des Landes, der hier in dem gründlich renovierten Gebäude ein Bildungszentrum eingerichtet hat. Die Umgebung des Hauses ist seitdem frei zugänglich.
Quelle: Dehio; Text: Harald Strube, redakt. Bearb. S.G., AKZ
