Der Turm der evangelischen Pfarrkirche in Dittelsheim - das Rätsel der rheinhessischen "Heidentürme"

Worms, St. Paulus

Die Entstehungsgeschiche der orientalischen Kuppeln auf vier rheinhessischen Kirchtürmen lag bisher weitgehend im Dunkeln. Man wusste zwar, dass sie in Verbindungen mit den Kreuzzügen entstanden sein müssen, denn schließlich heißen sie seit jeher "Heidentürme". Doch woher sie kommen, wer sie errichtete und welche Bedeutung ihnen zukam, ließ sich nur mutmaßen. Im Zuge umfangreicher Renovierungsmaßnahmen sind jetzt aber Untersuchungen an alten Bau- und Stützhölzern möglich geworden, die neue Erkenntnisse gebracht haben.
Vier Sakralbauten zwischen Worms und der Rheinschleife am Kühkopf präsentieren eine zumindest im deutschen Kulturkreis einzigartige Bekrönung aus verschachtelten Giebeln und kleinen Kuppeln. Es sind Miniatur-Ausgaben jener Zentralbauten, die jeder arabischen Kleinstadt ihre unverkennbare Prägung geben.

St. Paul in Worms
• Ev. Pfarrkirche in Dittelsheim (Sarazenenturm)
Ev. Pfarrkirche in Alsheim
Ev. Pfarrkirche Guntersblum (früher St. Viktor)

Alsheim, evangelische Kirche

Beide Geheimnisse scheinen jetzt gelüftet. Im Zusammenhang mit einer Renovierung der Türme von St. Paul in Worms konnte der Leiter der kirchlichen Denkmalpflege im Bistum Mainz, der Dom- und Diözesankonservator Dr. Hans-Jürgen Kotzur durch eine wissenschaftliche Untersuchung der hölzernen Zuganker in den beiden Turmaufsätzen die Entstehung auf die Zeit zwischen 1100 und 1105 für den Südturm und auf die Jahre 1107 und 1108 für den Nordturm datieren.
Die Historiker haben stets eine Verbindung zu den Kreuzzügen hergestellt - zumeist zum zweiten (1147-1149), den Bernhard von Clairvaux 1146 in Vézelay ausrief, gelegentlich aber auch zum dritten Kreuzzug (1189-1192), an dem Kaiser Friedrich I. Barbarossa (1152-1190 ) und der englische König Richard Löwenherz (1189 bis 1199) teilnahmen. Nur die Eindrücke aus dem Heiligen Land - so der Grundgedanke dieser Spekulation - können diese Architekturform inspiriert haben. Offen blieb dennoch die Frage, welchem Zweck sie dienten, und offen blieb auch die exakte Datierung.

Guntersblum, evangelische Kirche

Folgeuntersuchungen an den Turmhelmen in Dittelsheim und Guntersblum wiesen auf eine zeitliche Übereinstimmung, so dass nunmehr in allen drei Fällen zuverlässig die Zeit zwischen 1100 und 1110 für die Aufmauerung der orientalischen Turmkronen festgeschrieben werden kann. Das aber bedeutet, dass zwischen Worms und Mainz Anfang des 12. Jahrhunderts zeitlgeich an drei orientalischen Objekten dieser Art gearbeitet wurde. Einzig für die evangelische Kirche in Alsheim, die eine nur mit viel Phantasie in die Reihe der "Heidentürme" einzureihende Variante aufweist, liegen keine Ergebnisse vor. Dort hat kein Holz die Jahrhunderte überdauert.
Die neue Datierung, die das bisher für Dittelsheim angenommene Baujahr 1144 hinfällig macht, hat nun aber auch erhebliche Bedeutung für den Symbolgehalt dieser Architekturen.
Der 1. Kreuzzug war 1099 mit der Einnahme Jerusalems durch das Christenheer zu Ende gegangen. Im Hochgefühl des Triumphes - so Hans-Jürgen Kotzur - hätten die Rückkehrer ihre Erinnerungen an das Heilige Land in architektonische Formen gegossen. Doch die Turmaufsätze seien zugleich auch als Mahnung gemeint gewesen, nicht nachzulassen im Kampf gegen die Seldschuken. Denn nach Abzug des Kreuzfahrerheers waren in Jerusalem nur wenige christliche Ritter verblieben, so dass jederzeit die Rückeroberung durch die "Heiden" befürchtet werden mußte. Die rheinhessischen "Heidentürme" waren somit Siegeszeichen und Mahnmale in einem.
Hans-Jürgen Kotzur ist sogar auf architektonische Vorbilder gestoßen: er hat sie in armenischen Zentralbauten einerseits und fatimidischen, also ägyptischen Moscheen und Mausoleen des 11. Jahrhunderts andererseits ausgemacht. Ein Rätsel der Architekturgeschichte ist damit wahrscheinlich gelöst. Publiziert sind die Forschungen Kotzurs im Doppelheft III-IV (2003) der Zeitschrift "Lebendiges Rheinland-Pfalz", das von der Landesbank Rheinland-Pfalz herausgegeben wird.

Der Sarazenenturm in Dittelsheim

Die gesamte Kirchenanlage wurde in den Jahren von 1969 bis 1973 von Grund auf instandgesetzt. Das Erdgeschoss des Chorkirchenturmes (im Osten des Kirchenschiffes) war in gotischer Zeit - wie die als Konsolen dienenden Köpfe erkennen lassen - überwölbt; es diente als Sanktuarium (Altarraum). Die Möglichkeit, daß Dittelsheim im Chorkirchenturm eine Heilig-Grab-Verehrung hatte, ist nicht auszuschließen; ebenso könnte diese Stätte auch Ziel geistlicher Pilgerfahrten gewesen sein. Die einmalige Orgel wurde 1785 von Friedrich Carl Stumm eingebaut.

Dittelsheim, Sarazenenturm

Der Turm beginnt mit einem quadratischen, sich nach oben zusammenziehenden Stock, dem sich vier schmälere mit Fenstern durchbrochene und mit Giebeln abgeschlossene Vorlagen anfügen. Die Kuppel hat innen zwar abgerundete Ecken, aber aus diesen schneiden sich vier Bögen heraus, die wiederum ein Quadrat bilden, in dessen Winkeln Zwickelgewölbe den Übergang zu dem innen runden, außen achteckigen Tambour bilden, welcher die eigentliche Kuppel trägt.
Die Achteckseiten haben kleine Rundbogenfenster und sind mit Giebeln abgeschlossen. Die aus Tuffstein gewölbte Kuppel ist außen mit dreieckig eingeschnittenen Rinnen versehen, die ihr ein melonenartiges Aussehen verleihen. In den Giebeln des Abschlusses sind rundbogige, teilweise vermauerte Fenster gebrochen. Vier in den Hauptachsen liegende Seiten der drei achteckigen Stockwerke des Turmes haben ein großes, fast die ganze Wandbreite und Höhe des Stockwerkes ausfüllendes Kuppelfenster.

red. Bearb. db