Rheinhessen

Die rheinhessischen „Heidentürme“

Worms, St. Paulus

Die Entstehungsgeschiche der orientalischen Kuppeln auf vier rheinhessischen Kirchtürmen zu erzählen, ist mit einigen Schwierigkeiten verbunden. Man weiß zwar, dass sie in der Zeit um den Ersten Kreuzzug entstanden sein müssen, doch ob die Kreuzzüge auch wirklich als „»Medium« der Übertragung“[Anm. 1] dienten, wer sie errichtet hat und welche Bedeutung ihnen zukam, läßt sich auch heute nur mutmaßen.[Anm. 2] Auch die Etymologie der Bezeichnung „Heidenturm“ liefert keine sichere Erkenntnis. Dass der Name mittelalterlichen Ursprungs ist, scheint jedenfalls schwer zu belegen.[Anm. 3] Wahrscheinlicher ist eine Entstehung der Bezeichnung in der Zeit zwischen dem 16. und der Mitte des 19. Jahrhunderts. Für diesen Zeitraum lässt sich der Name zumindest in anderen Kontexten nachweisen.[Anm. 4] Im Zuge neuerer dendrochronologischer Untersuchungen aus den Jahren 2001 und 2002 an alten Bau- und Stützhölzern konnten aber einige ältere Annahmen falsifiziert und weitere Forschungen ermöglich werden.
Vier Sakralbauten zwischen Worms und der Rheinschleife am Kühkopf präsentieren eine zumindest im deutschen Kulturkreis einzigartige Bekrönung aus verschachtelten Giebeln und kleinen Kuppeln. Häufig wurde vermutet, dass den rheinhessischen Baumeistern jene Zentralbauten, die jeder arabischen Kleinstadt ihre unverkennbare Prägung geben, als Vorbild dienten. Ein direktes Vergleichsbeispiel zu finden, scheint jedoch nicht nur aus methodischen Gründen schwierig.[Anm. 5] Folgen Sie unserem kurzen Rundweg „Heidentürme in Rheinhessen“ durch Anklicken einer Station.

 

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Westturm der evangelischen Kirche in Alsheim

Im Zusammenhang mit einer Renovierung der Türme von St. Paul in Worms konnte der Leiter der kirchlichen Denkmalpflege im Bistum Mainz, der Dom- und Diözesankonservator Dr. Hans-Jürgen Kotzur 2003 durch eine wissenschaftliche Untersuchung der hölzernen Zuganker in den beiden Turmaufsätzen die Entstehung auf die Zeit zwischen 1100 und 1105 für den Südturm[Anm. 6] und auf die Jahre 1107 und 1108 für den Nordturm datieren.
Die Historiker haben stets eine Verbindung zu den Kreuzzügen hergestellt - sowohl ersten (1096-1099), als auch zum zweiten (1147-1149), den Bernhard von Clairvaux 1146 in Vézelay ausrief, gelegentlich aber auch zum dritten Kreuzzug (1189-1192), an dem Kaiser Friedrich I. Barbarossa (1152-1190 ) und der englische König Richard Löwenherz (1189 bis 1199) teilnahmen. Nur die Eindrücke aus dem Heiligen Land - so der Grundgedanke dieser Spekulation - können diese Architekturform inspiriert haben. Neben den Kreuzzügen wären aber auch ein andere Vermittlungsarten aus dem Heilige Land denkbar, bspw. Pilgerreisen, Handelsbeziehung und Buchmalerei.[Anm. 7] Offen bleibt die Frage, welchem Zweck die Bauten dienten, eine Interpretation als „Siegeszeichen und Mahnmal“ im Bezug auf die Kreuzzüge hat Kotzur vorgelegt.[Anm. 8]

Guntersblum, evangelische Kirche

Folgeuntersuchungen an den Turmhelmen in Dittelsheim und Guntersblum wiesen auf eine zeitliche Übereinstimmung, so dass nunmehr in allen drei Fällen zuverlässig die Zeit zwischen 1100 und 1110 für die Aufmauerung der orientalischen Turmkronen festgeschrieben werden kann. Das aber bedeutet, dass zwischen Worms und Mainz Anfang des 12. Jahrhunderts zeitlgeich an drei orientalischen Objekten dieser Art gearbeitet wurde. Einzig für die evangelische Kirche in Alsheim, die nur stilistisch in die Reihe der „Heidentürme“ einzuordnen ist, liegen keine Ergebnisse vor. Dort hat kein Holz die Jahrhunderte überdauert.

Dittelsheim, evangelische Kirche

Die neue Datierung, die das bisher für Dittelsheim angenommene Baujahr 1144 hinfällig macht, hat nun aber auch erhebliche Bedeutung für den Symbolgehalt dieser Architekturen.
Der 1. Kreuzzug war 1099 mit der Einnahme Jerusalems durch das Christenheer zu Ende gegangen. Im Hochgefühl des Triumphes - so Hans-Jürgen Kotzur - hätten die Rückkehrer ihre Erinnerungen an das Heilige Land in architektonische Formen gegossen. Doch die Turmaufsätze seien zugleich auch als Mahnung gemeint gewesen, nicht nachzulassen im Kampf gegen die Seldschuken. Denn nach Abzug des Kreuzfahrerheers waren in Jerusalem nur wenige christliche Ritter verblieben, so dass jederzeit die Rückeroberung durch die „Heiden“ befürchtet werden mußte. Die rheinhessischen „Heidentürme“ waren somit „Siegeszeichen und Mahnmale“[Anm. 9] in einem.
Hans-Jürgen Kotzur ist sogar auf architektonische Vorbilder gestoßen: er hat sie in armenischen Zentralbauten einerseits und fatimidischen, also ägyptischen Moscheen und Mausoleen des 11. Jahrhunderts andererseits ausgemacht. Publiziert sind die Forschungen Kotzurs im Doppelheft III-IV (2003) der Zeitschrift „Lebendiges Rheinland-Pfalz“. Der Text ist hier im Volltext online verfügbar. Für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema, regen wir dazu an, parallel zu diesem Text auch den neueren Beitrag von Eduard Sebald (siehe unten) zu lesen.

Nachweise

Verfasserin: Daniela Bachl und Dominik Kasper

Redaktionelle Bearbeitung: Dominik Kasper

Literatur:

Erstellt: 2005

Geändert: 17.10.2011

Anmerkungen:

  1. Sebald, S. 113. Zurück
  2. So kann trotz umfassender Untersuchungen der Bausubstanz kein sicherer Beweis für eine direkte Verbindung zu den Kreuzfahrern gefunden werden, da urkundliche Belege fehlen, vgl. Sebald, S. 106. Zurück
  3. Sebald kann keinen Nachweis des Begriffs in älteren Wörterbüchern finden, setzt den Wortsinn aber mit anderen, auffindbaren Heidenkomposita wie Heidenburg oder Heidengrab in Kontext. Diese Ausdrücke gelten als „volkstümliche Bezeichnungen für vorgeschichtliche und frühgeschichtliche Wehranlagen und Mauerreste“, Sebald, S. 106. Zurück
  4. Vgl. Sebald, S. 107f Zurück
  5. Vgl. Kotzur, S. 38 und Sebald, S. 106. Zurück
  6. Sebald hat hier mit Recht eingewandt, dass die dendrochronologische Untersuchungergebnisse für die beiden Hölzer des Südturms, nämlich 1085 +/- 7 und 1098 +/- 7, auch ein andere Interpretation erlaubt: Als Vollendungsdatum für den Südturm wäre auch das Jahr 1092 denkbar, vgl. Sebald, S. 109 Zurück
  7. Vgl. Sebald, S. 113f. Zurück
  8. Kotzur, S. 19f. Zurück
  9. Kritisch anzumerken wäre hier wieder, dass es eher unwahrscheinlich erscheint, die Türme „unbedeutender Dorfkirchen“ als Siegeszeichen auszubauen, Sebald, S. 111 Zurück