Sprendlingen in Rheinhessen

Das Rathaus von Sprendlingen - von Fritz Schellack

Das Sprendlinger Rathaus.[Bild: Fritz Schellack]

"Das Rathaus zu Sprendlingen ist interessant durch seine schöne Lage. Es befindet sich gerade in dem Punkt, wo sich drei Hauptstraßen treffen. Ein wenig seitwärts steht die stattliche Kirche und um dieselbe ist ein schöner freier Platz".

So beschrieb Jakob Hirschmann das Rathaus in Sprendlingen in einem Bericht von 1855.

Nach der bisher bekannten Überlieferung wurde das Sprendlinger Rathaus im Jahre 1604 erbaut. Als Beleg für diese Annahme gilt die Inschrift in der Rathausfassade in Richtung der St. Johanner Straße: Nach Christi Geburt Jahr 1604 den 26. März. Das war in diesem Hause: Merkt in der Gmein ward allda gelegt der erste Stein Gott behüts vor Unfall auf Erden bis alle Menschen fromm und selig werden. Faut: L.W.M. Vierer P.B.B.M.A.S.J.S. 1604.

Die Inschrift braucht nicht bezweifelt zu werden, jedoch erscheint der Hinweis interessant, dass es in einer Beschreibung des Fleckens Sprendlingen aus dem Jahre 1601 heißt: In dieser gemein hatt der würth uf dem Rathauß den brodkauff, undt gibt solcher wegen desselben wie auch auß dem Hauß 20 fl (Florin = Gulden) der Gemeinen, dar von sie das Hauß und ander Notwendigkeit in baw erhalten.

Rathausgebäude seit 1892
"Im Jahre 1863 wurde das jetzige in der St. Johanner Straße gelegene Rathaus gebaut, von einem Gasthausbesitzer namens Jakob Dörschug, der in demselben eine große Gastwirtschaft betrieb, aber später nach Amerika auswanderte. Im Jahre 1873 kaufte die Gemeinde Sprendlingen das oben genannte Haus und richtete es her zu einem Schulhaus, bis zum Jahre 1892 ein neues Schulhaus gebaut wurde. Das alte Rathaus auf dem Marktplatz wurde verkauft und das alte Schulhaus zu einem Rathaus gemacht."
Das Rathaus blieb bis nach dem Zweiten Weltkrieg in Privatbesitz. Die Gemeindeverwaltung befand sich in einem Gebäude an der St.-Johanner-Straße, dahinter der frühere gemeindeeigene Stierstall. Die letzte Renovierung des Sprendlinger Rathauses fand 1996/97 statt. Mit seiner historistischen Architektur, dem sehenswerten Rathaussaal und weiteren Nutzungsmöglichkeiten für Vereine, mit der Ortsbürgermeisterei, mit der Altentagesstätte und der Gemeindebücherei stellt das Gebäude ein wichtiges Kommunikationszentrum in der Ortsmitte dar.

Einsturz 1894
"Am 20. April 1894 stürzte das alte Rathaus in Sprendlingen, das im Jahr 1604 gebaut wurde, mit einem furchtbaren Gepolter mittags um ½ 4 Uhr in sich zusammen. Georg Neidlinger aus Alzey, der das alte Rathaus gesteigert hatte, wollte es zu einer Wirthschaft herrichten und waren deshalb sämtliche Wände herausgerissen im Innern des Hauses. Durch das Ausgraben des Kellers gab die hintere Mauer nach und durch den Druck stürzte das ganze Gebäude zusammen, wobei sämtliche Arbeiter beinahe ums Leben gekommen wären. Es wurde hernach ganz abgerissen bis auf den Turm, der stehen geblieben war. Die Steine wurden dann mit Brettern umzäunt.

Baugesuch 1894
Vom 28. Juli 1894. Neidlingers Bauwesen. Der Gemeinderat von Sprendlingen beschließt über das Gesuch des Jakob Neidlinger zu Alzey, wegen Erlaubnis zur Erbauung eines Hotels zu Sprendlingen und beschloß, dem Bauherr Neidlinger die Weiterverwendung zum Neubau beziehungsweise Erneuerung des gegenwärtig an der Baustelle als Überrest von dem ehemaligen Gemeindehaus noch vorhandenen Treppenthurms zu gestatten, obgleich derselbe nach dem Marktplatze zu theilweise vor der daselbst festgestellten Straßenbaufluchtlinie steht resp. vorspringt.

Zeichnung des Sprendlinger Rathauses.[Bild: Fritz Schellack]

Abriß des alten Treppenturms
"Am 7. Mai 1895 wurde das noch vom von dem alten Rathause stehende Treppenthurm abgerissen. Sodann wurde angefangen Keller auszuheben und wurde nachher der Grundstein gelegt zum Neidlingerischen Haus. So wurde gearbeitet Tag für Tag daran bis jetzt am 8. September 1895 beinahe vollendet ist. Es ist das zweitgrößte Haus des Ortes. Das ganz Gebäude ist ein Prachthaus in altdeutschem Stiele und ein schöner Zierrat für den Ort Sprendlingen. Nebenbei ist noch zu bemerken, daß die sich im alten Rathaus befindliche steinerne Tafel auf der vorderen Seite neben dem Balkon des jetzigen wieder eingemauert ist. [...]."

Einweihung
"Weiter heißt es am 1. April 1896: heute wurde das Neidlingerische Haus "Hotel zum Alten Rathaus" eingeweiht. Die Einweihung geschah durch ein Festessen, wobei 40 Mann sich daran betheiligten. Musik durfte keine gehalten werden, da es gerade in der Karwoche war, und so wurde das neue Hotel dem Verkehr übergeben."

Nachrichten über das Rathaus (nach Anton Stüber)
Die Aufzeichnungen von Anton Stüber, einem an historischen Dingen überaus interessierten Sprendlinger Bürger, werden von Frau Agathe Hitzel verwahrt. Anton Stüber hatte noch Gelegenheit, Archivalien des alten Sprendlinger Gemeindearchivs einzusehen. Das Gemeindearchiv wurde 1974 in das Landesarchiv nach Speyer abgegeben. Aus dem dort vorhandenen Findbuch geht hervor, dass der alte Bestand des Gemeindearchivs bedauerlicherweise nicht mehr vollständig vorhanden ist. Über den Verbleib der als fehlend bezeichneten Bestände, etwa mehrerer gebundener Ausgaben des Alzeyer Kreisblattes oder Gesetzessammlungen, etc.), ist nichts bekannt. Bei den privaten Aufzeichnungen von Anton Stüber handelt sich um zahlreiche über Jahrzehnte hinweg handgeschrieben Hefte und um zusammengetragene Dokumente (Zeitungsausschnittsammlung, Geldscheine, Quittungen etc.).

Altes Rathaus in Sprendlingen.[Bild: Fritz Schellack]

Gefängnis im alten Rathaus
"Am 25. Juni 1604 wurde das kaum fertig gewordenen und zugewölbte Gefängnishäuschen im Rathaus zu Sprendlingen in ersten Gebrauch genommen, und ihm ein Einwohner zugewiesen. Der auf dem St. Johanner Markt ungebührend Faustrecht geübt. Die Anlage und Beschaffenheit des besagten Häuschens ist ganz geeignet, dem darin wohnenden von dem Geräusche der Welt abzuziehen und ihn zur stillen Beschauung seines Innern und gemüthlichen Betrachtungen anzuweisen. Ein geschickter Steinmetz wollte den Namen des ersten Bewohners des Häusleins für die Nachwelt nicht verloren gehen lassen. Er gravierte in den Thürrahmen Hermann Weisels Kämmerlein 1604."

Flucht aus dem Gefängnis
"Am 13. Juli 1712 ist ein auf dem Rathaus gefangen gewesener Gauner durchgebrochen und desertiert. Derselbe wurde auf dem St. Johanner Markt wegen Diebstahl gefangen genommen, aufs Sprendlinger Rathaus in Haft gesetzt."

Bußprediger im Rathaus
"Am 30. Juli 1718 sind Bußprediger gekommen, welche zehn Tage lang auf dem Rathause logierten und jeden Tag in der Kirche predigten zur Erbauung der ganzen katholischen Gemeinde und vielen Volks aus der nahen und fernen Umgegend."

Die steinerne Bank
"Am 23. Juli 1747, als die Straße vorm Rathaus bis an die St. Johanner Pforte gepflastert worden ist, hat man am Rathause eine steinerne Sitzbank, welche an der vorderen Front des Rathauses von einem Eck bis zum anderen reichte. Sie kostete beim Steinhauer samt Zoll 10 Gulden 7 Albus. Diese Rathausbank wurde zur Versammlung und Unterhaltung der Bürger benutzt, 95 Jahre lang. Abgebrochen und weggeräumt wurde sie, als das Straßenpflaster und die Brücke über den durch das Dorf fließenden Wiesbach gebaut wurde, 1844.

Spielleute
"Am 30. November 1770 wurde Zinßgeld eingenommen von einem Spieler im Rathaus, nämlich einem Schattenspieler, der acht Tage hier logierte und seine Spiele produzierte: einen Gulden, zwei Albus und von einem Marionettenspieler für acht Tage Logis und Vorstellungen zu geben: einen Gulden, zwei Albus."

Strafgeräte
"Am 21. Mai 1775 wurde das Halseisen am Rathaus repariert und wieder befestigt, das ein zorniger Mann entzwei geschlagen hatte. Dieses Halseisen war noch etwas Schlimmeres als die so genannte Stuppeiche, welche die Diebe im Dorf herumtragen mussten. Wer an dem Halseisen stand, der hatte schon eine schwere Strafe zu verbüßen und einen großen Schimpf auf sich geladen. Der oben genannten zornige Mann soll wie erzählt wurde, seine an das Halseisen angeschlossene Frau befreit haben, dadurch dass er mit der Holzaxt das Eisen entzwei schlug. - Ein kühnes Stück von einem Mann, seiner Ehefrau mit der Axt so nahe am Halse zu hacken."

Unterbringung der Landwirtschaftsschule
In Paragraph vier der von Bürgermeister Hirschmann unterzeichneten Statuten zur Errichtung einer landwirtschaftlichen Fortbildungsschule in Sprendlingen heißt es: "Lokal: Das Lokal für die Fortbildungsschule ist der Rathaussaal. Ein durch Anschaffung der Subsellien (Schulmöbel) in der katholischen Schule vacant gewordener Tisch und einige Bänke sind in diesen Saal gebracht worden, damit es wenigstens für den Anfang am Raum und an Bequemlichkeit nicht fehlt."

Nachweise

Verfasser: Dr. Fritz Schellack

Redaktionelle Bearbeitung: Ann-Kathrin Zehender

Literatur:

  • Landesamt Denkmalpflege (Hrsg.): Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz. Band 18.1: Kreis Mainz-Bingen. Bearb. v. Dieter Krienke. Worms 2007.

Aktualisiert am: 17.11.2014

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