Sprendlingen in Rheinhessen

Der Wißberg und seine Umgebung - von F. J. Spang.

"Teufels Hirnschale" am Wißberg bei Sprendlingen.[Bild: Ursula Schnell]

Marschieren wir nun längs der Zinne des Wißberges weiter nach Westen zu der Sprendlinger Ecke, die vom findigen Geist der Volksseele wegen der daselbst durch die früheren Steinbrüche entstandenen kahlen Stellen „Des Teufels Hirnschale“ genannt wird! Dort tut sich unseren Blicken das Nahetal auf mit all seinen Reizen, überflutet von Licht und Sonnenschein:

„Da lieget ausgebreitet in stets verjüngter Pracht ein weiter Gottesgarten, vom Himmel reich bedacht.“

Ein herrliches, gesegnetes Ländchen mit seinem bunten Flurenteppich: der alte Nahegau! Im Westen schauen wir Kreuznach und den Rotenfels, im Nordwesten den Höhenzug des Soonwaldes, das Bingerloch und den Rochusberg mit seiner herrlichen Kapelle und gegenüber auf der Rheingauseite das Niederwalddenkmal.
Unten, dicht beim Berge, dehnt sich behaglich Sprendlingen mit seiner aufblühenden Industrie aus. Daneben lugen, ganz versteckt hinter prangenden Obstbäumen, Pleitersheim und Badenheim mit dem imposanten Zwiebeltürmchen seines Kirchleins; rechts, am Fuße des Bosenberges, im wiesenreichen Tal der Appel (Apfla = Appelbach) schaut ernst der mächtige Bau des einstigen Augustinerklosters von Pfaffen-Schwabenheim zu uns herauf. Im Norden grüßt uns St. Johann, das frühere Meigelsheim, mit seiner mit herrlichen Fresken gezierten spätgotischen Hallenkirche. Ihm gegenüber liegt Wolfsheim, malerisch in Grün gebettet, überragt von der weithin sichtbaren Wolfsheimer Effe (heute gefällt.).  
Beim Aufstieg auf den Wißberg erkennt man sehr leicht den Wechsel der Erd- und Gesteinsschichten.Der Wißberg ist ein großes Kalksteingebilde, dessen ursprünglich weiße Färbung ihn weithin sichtbar machte und wohl zu der Bezeichnung „weißer Berg“ führte.
Der Berg besteht aus Cerithienkalk und Corbiculakalk und trägt eine Haube von eisenschüssigem, rotbraunen Ackerboden mit zahlreichen Eisensteinen, die noch vor Jahrzehnten abgebaut wurden.
Die Dinotheriensande, die in einer mächtigen Schicht die Kalke überziehen, haben uns ein anschauliches Bild der fremdartigen Tierwelt jener Zeit aufbewahrt.

Fotostrecke zur Bodenbeschaffenheit des Wißberg[Bild: Ursula Schnell]

Nach Nordosten dacht sich die Wißberger Hochebene ganz allmählich ab. Der eisenschüssige Boden verschwindet, und fruchtbarer Löß überzieht den ganzen Osthang. Dem Löß, der über allen rheinhessischen Hügeln lagert und deren Abhänge bedeckt, verdankt Rheinhessen seine Fruchtbarkeit. Von ganz besonderer Fruchtbarkeit aber ist die sog. Schwarzerde, die wir wie sonst in Rheinhessen namentlich im Wißberggebiet finden. Die Schwarzerde bildet sich nur in Steppengebieten unter ganz besonders trockenen klimatischen Einflüssen und ist außerdem humusreich. Löß und Schwarzerde sind für den Ackerbau jeder Art günstig. So ist in ihrer geologischen Beschaffenheit unsere Heimat seit Urzeiten geeignetes Siedlungsland; es bot dem Menschen schon in der frühesten Zeit das tägliche Brot. […]

Im Verlauf der Hallstattzeit zogen aus dem Hunsrück neue Scharen heran über die Nahe und dehnten sich in dem fruchtbaren Wies- und Appelbachtale aus, so „Am Hauböhl“ und „Langliese“ bei Sprendlingen. „Auf dem „Ebental“ und „Auf der Platt“ bei St. Johann, „Auf Heimers Rech“ nach der „Desenheimer Höhe“ zu und in der „Haarschnur“ bei Gau-Bickelheim, auf dem Hügelzug von Wallertheim nach dem „Borntal“ (über der Backsteinfabrik von Hofmann und Schick), „Auf der langen Schlecht“ bei Gau-Weinheim,  rundum auf dem Höhenzug Wolfsheim-Vendersheim und endlich auf dem Wißberg.
In hoher Blüte stand jetzt das Töpferhandwerk; das zeigt uns die Technik, die Schönheit der Form und der Zierweise. Unser Wißbergvölkchen hatte seine eigene Töpferei. Geeignete Kieselsteine dienten zum Glätten, fossile Muscheln zum Auswerken der mit der Hand ohne Töpferscheibe geformten Gefäße. Hauptsächlich wird das Töpfern eine Art Heimarbeit gewesen sein; die Gefäße sind zumeist aus dem Lehm, den ihnen der Wißberg lieferte, gefertigt.
Untersuchen wir nämlich die Tonscherben, so fällt uns sofort die außerordentlich reiche Durchsetzung des Tones mit ganz kleinen Bohnerzen auf, die ja in dem Wißberger Lehm reichlich vorhanden sind.

Nachweise

Redaktionelle Bearbeitung: F. J. Spang

Auszüge aus:

  • Rheinhessen in seiner Vergangenheit. Eine Reihe heimatkundlicher Schriften herausgegeben von Prof. Dr. G. Behrens. Mainz 1923, hier Bd. 3, S.6-7 und 17.

Aktualisiert am: 17.11.2014