Worms in Rheinhessen

Borbetomagus - Zentralort der civitas Vangionum

Der Ort Borbetomagus

Wie bei römischen Militärstandorten üblich, so hat sich auch in Worms um das Kastell während des 1. Jhd. n. Chr. eine Zivilsiedlung entwickelt. Diese kleinstadtähnlichen Siedlungen nennt man Vicus. Die Siedlung auf Wormser Gebiet hieß in der Antike Borbetomagus und war in ihrer Hochzeit um das Jahr 200 n. Chr. etwa um die Hälfte größer als der innere Stadtbereich von Worms im Mittelalter.[Anm. 1] Da Borbetomagus der Hauptort der civitas Vangionum war, ist von einem stadtähnlichen Ausbau des Ortes ab ca. 90 n. Chr. auszugehen – dem Zeitpunkt, zu dem die römische Provinz Germania superior eingerichtet war. Es kann somit mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass es in der Siedlung öffentliche Gebäude wie Thermen und ein Theater gegeben hat, obgleich diese bisher noch nicht gefunden wurden.[Anm. 2] Eine civitas war eine Verwaltungseinheit im römischen Reich, die ein bestimmtes Territorium mit nichtrömischer Bevölkerung zusammenfasste. Sie besaß immer eine gewisse Autonomie und meistens einen städtisch ausgebauten Zentralort. Benannt waren die civitates oft nach ihrem Hauptort oder, wie im Falle der hier erwähnten civitas Vangionum, nach einem Bevölkerungsverband, der in jener Region siedelte: dem Volksverband der Vangiones.[Anm. 3]

Im Laufe der Jahre wurden im Wormser Stadtgebiet viele Funde des antiken Ortes entdeckt.

Die Lokalisierung des Ortsgebietes

Der Mittelpunkt der Siedlung lag wahrscheinlich an der Römerstraße, zwischen Wollstraße und Pankratiusstraße. Denn dort wurde ein Meilenstein aus dem Jahr 253 n. Chr. gefunden, der im Gegensatz zu anderen Meilensteinen keine Entfernungsangabe zum Mittelpunkt des civitas-Hauptortes trägt, da sich der Stein an eben diesem Punkt befand. Man spricht von caput viae, dem Ausgangspunkt einer Straße. Ein weiterer Meilenstein (Datierungsvorschlag: 293-305 n. Chr.) wurde 1885 an der Klosterstraße gefunden und gibt eine Entfernung von einer Leuge zur Stadtmitte an (ca. 2,25 km).[Anm. 4] Eine Begrenzung des römischen Stadtgebietes ist durch die Funde von Gräberfeldern möglich, da die Bestattungspraxis der Römer es vorsah, die Verstorbenen außerhalb des Stadtgebietes beizusetzen. Im südlichen Teil von Worms auf dem Gelände des ehemaligen Klosters Maria Münster (heute in etwa zwischen Klosterstraße und Speyerer Straße), im Westen am Bollwerk und im Kirchgartenweg, sowie im Norden in der Judengasse wurden entsprechende Gräberfelder gefunden.[Anm. 5]

Öffentliche und private Gebäude

Dort, wo heute der Wormser Dom steht, befanden sich zu römischer Zeit wahrscheinlich das Forum von Borbetomagus und eine Marktbasilika, deren Mauerreste und Reste des Fußbodens womöglich unter dem Dom gefunden wurden.[Anm. 6]

Ein weiteres Gebäude, dessen Funktion allerdings unklar ist, wurde 1989 an der ehemaligen Stiftskirche St. Paul gefunden. Die Reste des Gebäudes wiesen eine Hypokaustanlage (eine römische Warmluftheizung für den Fußboden), einen Keller, einen Glasschmelzofen, einen runden Backofen und einen Kalkofen auf.[Anm. 7] Eventuell wurden in diesem Gebäude Gläser hergestellt.

Bereits ein Jahr zuvor wurde ganz in der Nähe dieser Stelle eine etwa sieben Meter breite, römische Straße in Ost-West-Richtung gefunden.[Anm. 8]

Beim Bau des Raschi-Hauses im Jahr 1980 (östlich der Synagoge) fand man ebenfalls römische Mauern. Diese liefen aufeinander zu und bildeten eine Häuserecke.[Anm. 9]

Nördlich und südlich der Schönauer Straße (B47) wurden Teile von repräsentativen Häusern mit Kellerräumen, Portiken (Säulengängen), eigenen Brunnen und Hypokaustanlagen entdeckt. In einem jener Häuser wurde außerdem ein Münzhort (ein Depotfund von gleichzeitig vergrabenen Münzen) entdeckt, dessen Schlussmünzen in die Jahre 341/346 n. Chr. datieren.[Anm. 10]

An der Speyerer Straße wurde eine römische Brücke entdeckt. Der Fluss, den man mit dieser Brücke überqueren musste, war vermutlich der heute etwas südlicher fließende Eisbach. Die Brücke bestand aus großen Steinpfeilern, über die Holzdielen gelegt wurden.[Anm. 11]

Mögliche Tempelbauten

Das römerzeitliche Mauerstück in der mittelalterlichen Stadtmauer, welches lange Zeit für einen Teil der römischen Stadtmauer gehalten wurde, ist möglicherweise ein Gebäuderest eines Jupitertempels[Bild: Sarah Spieß]

Aufgrund einiger gefundener Weihealtäre und Überlegungen zu antiken Quellen, rekonstruierte Frau Grünewald die Lage einiger Heiligtümer in Borbetomagus. Der Haupttempelbereich lag demnach nördlich des Domes, an der höchsten Stelle der Stadt, etwa bei dem Heylshof. Laut dem römischen Autor Vitruv mussten nämlich die Tempel der Kapitolinischen Trias (die Götter Jupiter, Juno und Minerva) „[…] an der höchstgelegenen Stelle, von der der größte Teil der Stadt zu sehen ist […]“ erbaut werden.[Anm. 12] Das römerzeitliche Mauerstück in der mittelalterlichen Stadtmauer, welches lange Zeit für einen Teil der römischen Stadtmauer gehalten wurde, ist möglicherweise ein Gebäuderest eines Jupitertempels.[Anm. 13]

Nördlich von diesem Bezirk, zwischen Martinspforte und Liebfrauenkirche –also außerhalb des angenommenen Stadtgebietes – wurden außerdem Weihealtäre für Iupiter optimus maximus und Iuno regina, sowie eine Weiheinschrift an Merkur und Rosmerta gefunden.[Anm. 14] In der Klostergasse, auf dem heutigen Gelände der Stadtwerke, wurde ein Weihestein eines Amandus, Sohn des Velugnus aus Deva (dem heutigen Chester in England) an Mars Leucetius gefunden. Die Inschrift lautet:

[in honorem] / domus divinae / Marti Loucetio / sacrum Amandus / Velugni f(ilius) Devas

“Zu Ehren des göttlichen Kaiserhauses. Dem Mars Loucetius das Opfer. Amandus, Sohn des Velugnus, aus Deva.“[Anm. 15]

Laut Vitruv sollte der Marstempel in den römischen Städten außerhalb des Stadtgebietes sein, die mögliche Lokalisierung des Marstempels in der Klostergasse wäre also möglich.[Anm. 16]

Handwerk und Ausbildung

Im Süden der Siedlung wurden mehrere Töpfereien gefunden. In diesem „Industriegebiet“ wurden wahrscheinlich unter anderem die sogenannten „Wormser Gesichtskrüge“ gefertigt.[Anm. 17]

Aufgrund der Funde von bronzenen und knochigen Griffeln und Tintenfäßchen geht man außerdem von einem Schulbetrieb in Borbetomagus aus. Aus Neuhausen – einem anderen Ort in der civitas Vangionum - ist ein Sarkophag eines „Lehrers der Rechenkunst“ (doctori artis calculaturae) bekannt. Die vangionische Bevölkerung wurde also anscheinend schulisch ausgebildet.[Anm. 18]

Nachweise

Verfasser: Lutz Luckhaupt

Verwendete Literatur:

  • Galsterer, Hartmut (Bonn), "Civitas”, in: Der Neue Pauly, Herausgegeben von: Hubert Cancik,, Helmuth Schneider (Antike), Manfred Landfester (Rezeptions- und Wissenschaftsgeschichte). Consulted online on 24 January 2017 [URL: dx.doi.org/10.1163/1574-9347_dnp_e235100] First published online: 2006.

  • Grünewald, Mathilde: Die Römer in Worms. Worms 1986.
  • Grünewald, Mathilde: Worms. Borbetomagus, Hauptort der Civitas Vangionum. In: Heinz Cüppers (Hrsg.): Die Römer in Rheinland-Pfalz. Stuttgart 1990, S. 673-679.
  • Grünewald, Mathilde: Worms von der vorgeschichtlichen Epoche bis in die Karolingerzeit. In: Gerold Bönnen (Hrsg.): Geschichte der Stadt Worms. Darmstadt ²2015, S. 44-101.

Aktualisiert am: 25.01.2017

Anmerkungen:

  1. Grünewald, Mathilde: Worms. Borbetomagus, Hauptort der Civitas Vangionum. In: Heinz Cüppers (Hrsg.): Die Römer in Rheinland-Pfalz. Stuttgart 1990, S. 673-679, hier S. 675. Zurück
  2. Grünewald, Mathilde: Die Römer in Worms. Worms 1986, S. 29-30. Zurück
  3. Galsterer, Hartmut (Bonn), "Civitas”, in: Der Neue Pauly, Herausgegeben von: Hubert Cancik,, Helmuth Schneider (Antike), Manfred Landfester (Rezeptions- und Wissenschaftsgeschichte). Consulted online on 24 January 2017 [URL: http://dx.doi.org/10.1163/1574-9347_dnp_e235100] First published online: 2006. Zurück
  4. Grünewald, Mathilde: Worms von der vorgeschichtlichen Epoche bis in die Karolingerzeit. In: Gerold Bönnen (Hrsg.): Geschichte der Stadt Worms. Darmstadt ²2015, S. 44-101, hier S. 70. Zurück
  5. Grünewald 1986, S. 25-26. Zurück
  6. Grünewald 1990, S. 677. Zurück
  7. Ebd. Zurück
  8. Ebd., S. 675. Zurück
  9. Ebd., S. 677. Zurück
  10. Ebd. Zurück
  11. Grünewald 1986, S. 32. Zurück
  12. Grünewald 2015, S. 71. Siehe auch Vitruv. De architectura I, VII, 1. Zurück
  13. Grünewald 2015, S. 71. Zurück
  14. Grünewald 1990, S. 677. Zurück
  15. Grünewald 1986, S. 67. Der Stein befindet sich heute im Museum im Andreasstift in Worms. Zurück
  16. Grünewald 2015, S. 71. Siehe auch Vitruv. De architectura I, VII, 1. Zurück
  17. Grünewald 1990, S. 677-678. Zurück
  18. Grünewald 1986, S. 47. Scheinbar ist der Sarkophag verschollen. Zurück