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0.20 Renaissancerathäuser in Rheinhessen - Baustil und Bedeutung

"GEORG FRIEDRICH VON GREIFFENCLAU VOLLRATHS / CHURFÜRST VON MAINZ FÜRSTBISCHOF VON WORMS / ERBAUTE DIESES HAUS IM JAHRE DES HERREN 1615".

Diese Bauinschrift, bestehend aus Eigenname, weltlichem und kirchlichem Titel des Erbauers sowie der Jahreszahl der Errichtung des Gebäudes findet sich, eingraviert in roten Sandstein, an der Fensterbrüstung des Renaissencerathauses im historischen Ortskern von Gonsenheim, versehen mit einem schmückenden Wandrelief in der Mitte.

Das stattliche Rathaus in der Nähe der katholischen Pfarrkirche St. Stephan (Rheinhessendom) gilt als eines der schönsten Renaissancebauten in Rheinhessen.

Die Geschichte der Gebäudespezies "Rathaus" ist lang:
Bereits im antiken Griechenland gab es Rathäuser. Der Versammlungsraum der griechischen Polis, in welchem der Rat zusammenkam, war das sog. "Bouleuterion". Im "Prytaneion" hingegen war die Verwaltung untergebracht.
Aus römischer Zeit sind keine Rathäuser im klassischen Sinne bekannt.

Daher erfolgt der Zeitsprung direkt ins Jahr 1250:
Im Hochmittelalter entwickelten sich Rathäuser vor allem in Folge des einsetzenden Stadt- und Marktrechts. Dieser Prozeß ging in den späteren Jahrhunderten sukzessive auch auf die Dörfer über.
Das Rathaus als solches wandelte sich im Laufe der Zeit zu einem "multifunktionalen" Gebäude. Es war ebenso Gerichtsort wie auch Versammlungsraum für Sitzungen des Gemeinderates, Bürgermeisterdomizil, auch innerörtlicher "Marktplatz".

Viele Gebäude dieser Art verfügten im Erdgeschoss zusätzlich noch über einen separaten "Spritzenraum " sowie über ein sogenanntes "Betzekämmerchen", das berüchtigten "Buschkleppern" (Wilddieben), Herumstreunern und im Dorf straffällig geworden Bürgern als Arrestzelle diente. 

Das Rathaus befand sich wegen seiner herausragenden kommunalen Bedeutung fast immer im Ortskern, bildete mit dem sogenannten "Freien Platz" und der Kirche das örtliche Machtzentrum und war auch immer schon Anlaufstation für die Bevölkerung.

Die ältesten  Rathäuser in Rheinhessen stammen aus dem 16. Jahrhundert, aus der Zeit der Renaissance (1400-1620). Der Begriff "Renaissance" bedeutet wortwörtlich "Wiedergeburt" und der sog. Baustil ist eine Wiederbelebung, eine stilistische Reminiszenz, an den antiken Baustils der Römer und Griechen ab dem 6. Jahrhundert v. Chr.

Sieben Merkmale zeichnen die Bauten der Renaissance aus:

  • Symmetrische Grundformen
  • Antike Säulenanordnungen
  • Kuppeln
  • Tonnen- und Kreuzgratgewölbe
  • Arkaden
  • Rustikamauerwerk - grob behauene Stirnflächen, die einen unbearbeiteten Bauzustand vortäuschen
  • Fries und Gesims - horizontale Gestaltungselemente von Wandflächen und Fassaden

0.1.Übersicht

Ausführlich vorgestellt werden 20 Renaissancerathäuser aus Rheinhessen, zwölf im Landkreis Mainz-Bingen, sieben im Landkreis Alzey-Worms und mit Frei-Laubersheim eines aus dem Landkreis Bad Kreuznach.

0.1.1.Alzey

Das Bild zeigt das alte Rathaus in Alzey.
Altes Rathaus in Alzey.[Bild: Harald Strube]

Das Rathaus am Fischmarkt 3 wurde im Jahre 1586 gebaut und ist somit das älteste Gebäude der Stadt überhaupt. Es handelt sich dabei um einen dreigeschossigen Spätrenaissancebau der sogenannten "pfälzischen Bauschule". Weil das Alzeyer Rathaus ein Zeugnis der ehemaligen Bedeutung der Stadt als Nebenresidenz und Sitz des bedeutendsten Oberamtes innerhalb der Kurpfalz während des 18. Jahrhunderts ist, unterscheidet es sich deutlich von den anderen rheinhessischen Bauten dieser Art. Der markante, polygonale Treppenturm beherbergt ein Glockenspiel mit einer Figur des Volker von Alzey. Heute wird das Alzeyer Rathaus noch als solches genutzt.
Die Inschrift am Turmportal verrät das Jahr der Grundsteinlegung und die beteiligten Personen:"Mit Gott - Errichtet wurde dieses Gebäude im Jahre des Heils 1586 und der Grundstein wurde am 12. März gelegt durch den Bürgermeister Jakob Koch und seinen Gehilfen Wilhelm Heintz, David Gutrich und Nikolaus Balstarius".[Anm. 1]

0.1.2.Appenheim

Das Bild zeigt das Rathaus in Appenheim.
Das Appenheimer Rathaus wurde im 17. Jahrhundert gebaut.[Bild: Harald Strube]

Das ehemalige Rathaus in der Hauptstraße 28 an der Kreuzung Hauptstraße mit der Ober- und Niedergasse wurde um 1600 erbaut. Aus dieser Zeit stammt auch das Fachwerk mit den vergitterten Fensterbrüstungen und geschnitzten Eckpfosten. Anfang des 18. Jahrhunderts wurde die westliche Giebelwand erneuert und das Fachwerk verputzt. Das Rathaus wurde 1630 und von 1706-1737 als Kapelle, danach bis 1936 als Schule, sowie zusätzlich als Spritzenhaus genutzt. In den Jahren 1982 und 1983 erfolgte die Restauierung des Gebäudes, man legte das Fachwerk frei und öffnete im Erdgeschoss einen Durchgang. Gut erhalten ist das schmuckvolle Fachwerkobergeschoss und die südöstlich reich geschnitzte Ecksäule mit Engelskopf.
Das alte Rathaus dient der Ortsgemeindeverwaltung heute noch als Dienstsitz.

0.1.3.Bechtolsheim

Rathaus in Bechtolsheim[Bild: Harald Strube]

Das Rathaus in der Langgasse 44 an der Ecke Rathausgasse wurde in den Jahren 1592/93 an Stelle eines um 1350 erwähnten Vorgängerbaus errichtet. Der Renaissancefachwerkbau wurde über eine massive, ursprünglich ungeteilte Erdgeschosshalle gesetzt und das Gebäude wird von einem Krüppelwalmdach bekrönt. Einige Architekturfragmente aus dem 12. und 16. Jahrhundert sind außerdem darin eingemauert worden. Das Fachwerkobergeschoß wurde nach einem Brand 1689 im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts neu erstellt und der sehenswerte Bau in den Jahren 1964/65 außen renoviert sowie 1981 innen modernisiert. Bei dieser Gelegenheit wurden die nachträglich zum Teil vermauerten Zwillingsarkaden wiederhergestellt. Das Rathaus stellt ein wichtiges Geschichtszeugnis mit straßenbildprägender Funktion allein schon wegen seinem Vortreten in den Straßenraum dar. 

0.1.4.Bodenheim

Bodenheimer Rathaus, der reiche Renaissance-Fachwerkbau wurde 1608 errichtet.[Bild: Rudolf Stricker]

Das Gebäude mit Satteldach und ausgezeichneten Innenstuckarbeiten in der Rathausstraße 1 wurde 1608 zunächst als neues Gerichtsgebäude vom Ritterstift St. Alban errichtet und ist ein typischer Vertreter der fränkisch-hessischen Fachwerkbauweise der Renaissancezeit nach 1555. Das Rathaus gilt auch als eines der schönsten Fachwerkhäuser in Rheinhessen. Das Erdgeschoss war ursprünglich eine offene Halle mit Rundbuchöffnungen. Sämtliche Eckpfosten, einzelne Rundpfosten und verschiedene Querhölzer sind mit stilisierten Trauben, Reblaub und auch "Fratzen" reich geschmückt. Auf der Rückseite des Rathauses befindet sich sogar ein Holzkopf mit herausgestreckter Zunge!

0.1.5.Bretzenheim

Das Rathaus vor 1575 erhielt vor kurzem einen neuen Anstrich. Das Erdgeschoss des Trums mit den winzigen Fenstern war früher das Gefängnis. Der Erbauer des Rathauses, Heinrich von Sebolt, verzichtete im Fachwerk ungewöhnlicherweise auf Querstreben, wie sie am Nachbarhaus (Rathausstraße 2) zu sehen sind.[Bild: Harald Strube]

1575 wurde das Gebäude zunächst auch als Gerichtsgebäude errichtet. 1792/93 sowie 1797 bis 1814 diente das heute als Rathaus genutzte Anwesen für die französischen Besatzer der linksrheinischen Gebiete als Verwaltungssitz. Nach dem Abzug der Franzosen war es die "Großherzogliche Bürgermeisterei" in der neu gegründeten Provinz Rheinhessen.
Das Erdgeschoss des Rathauses ist gemauert, darüber erhebt sich das hölzernes Fachwerkgeschoss. An der westlichen Seite lehnt sich ein kleiner turmartiger Vorbau, der vermuten lässt, dass sich hier früher ein Gefängnis befunden hat. Zeitweise wurden im Rathaus auch Löschgeräte der örtlichen Feuerwehr aufbewahrt, die ihr Wasser aus dem nahen, inzwischen zugeschütteten, Weiher (Weede) bezogen.[Anm. 2]

0.1.6.Büdesheim

Das alte Rathaus von Büdesheim[Bild: Rudolf Stricker]

Das alte Rathaus in der Burgstraße 2 wurde 1539 an der Stelle eines Gerichtsgebäudes aus dem Jahre 1441 erbaut und 1786 erstmals umgebaut. Es erhielt ein steiles Walmdach und den sechsseitigen Glockendachreiter. Heute ist im Erdgeschoss ein großer Saal für Veranstaltungen jeglicher Art vorhanden. Im Obergeschoss befand sich früher das Ratszimmer, heute sind dort Wohnungen zu finden. Um 1700 wurde auf der Ostseite ein turmartiger Anbau mit einer Arrestzelle ("Betzekammer") hinzugefügt, im 19. Jahrhundert folgte schließlich der eingeschossige Anbau an der Ostseite.
Bis zur Eingemeindung in die Kreisstadt Bingen 1929 wurde das Anwesen als Rathaus genutzt. Danach diente das Gebäude als Fruchtspeicher sowie im 19. und 20. Jahrhundert als Mädchenschule und Polizeidienststelle.

0.1.7.Dolgesheim

Das Bild zeigt das Rathaus von Dolgesheim
Das Dolgesheimer Rathaus.[Bild: Georg Dahlhoff]

Die Renaissance-Erdgeschosshalle des Fachwerkbaus in der Gaustraße 33 stammt aus dem Jahre 1594 und das Fachwerkobergeschoss wurde von 1794 bis 1801 barock überformt. Das in die Jahre gekommene Gebäude wurde 1928 und 1984 grundlegend renoviert und in den 2010er Jahren ausgiebig saniert und ist weiterhin in Benutzung. Das Rathaus ist ein freistehender Satteldachbau in Trauflage, vor dessen Westseite sich die Straße erweitert. Das auf der Südostecke abgeschrägte, in Massivbauweise erstellte Erdgeschoss, anfangs mit einer Halle versehen, wurde infolge jüngerer Nutzungen als Schule von 1858 bis 1887 und Lehrerwohnung innen baulich verändert. Dazu kommen im Obergeschoss das Rats- und Bürgermeisterzimmer. Am vermauerten traufseitigen Renaissance-Stichbogenportal, das zwei kleinformatige Fenster flankieren, befindet sich ein gearbeitetes Wappen, ein Steinmetzzeichen sowie die Jahreszahl der Erbauung.
Das schmucke Gebäude ist eines der im Kern ältesten Rathäuser des westlichen Rheinhessens mit hervorragender lokalhistorischer Bedeutung und stellt einen dominierenden Blickpunkt im Straßenraum von Dolgesheim dar.

0.1.8.Finthen

Altes Rathaus in Finthen im Jahr 1969.[Bild: Leo Eggers]

Das alte Rathaus in der Poststraße 55 hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Das Gebäude wurde um 1600 errichtet. Nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) als doppelgeschossiges Gebäude mit Krüppelwalmdach und einem Dachreiter mit Glocke wieder aufgebaut, befand sich im Erdgeschoss eine offene Bogenhalle, in der Gericht gehalten wurde. Im Obergeschoss befand sich der Ratssaal. Der Dachreiter wurde wahrscheinlich um 1806 und die Arkadenbögen 1854 zugemauert. Die Räume des alten Rathauses dienten besonders im Erdgeschoss als Spritzenhaus und die übrigen Räume zeitweise als Männerwohnheim. Schließlich war das Gebäude für eine bestimmte Zeit der Sitz der örtlichen Bürgermeisterei. Das Gebäude wurde schließlich umgebaut und beherbergt seit 1970 die örtliche Sparkasse.

0.1.9.Frei-Laubersheim

Das historische Rathaus von 1603 hatte im Erdgeschoss ursprünglich eine offene Halle. Im Jahr 2006 wurde es durch die UNESCO in die Liste besonders zu schützender Kulturgüter aufgenommen.[Bild: Harald Strube]

Das Rathaus wurde 1603 gebaut. Der mächtige Massivbau mit einem Krüppelwalmdach und kleinem Dachreiter besitzt an der Ecke ein Fachwerk mit gemusterten Brüstungen und ein Haubendach. Im ursprünglich offenen Erdgeschoß dient eine schwere dorische Säule aus der Renaissancezeit als Deckenstütze. Die seitliche Freitreppe in ihrer jetzigen Gestalt stammt hingegen aus dem 19. Jahrhundert. Auf der rechten Seite des Rathauses befindet sich außerdem ein Prangerstuhl, der ein aus einem Sandsteinblock gehauener richtiger Stuhl ist.
Im Inneren des Rathauses kann man das sogenannte "Betzekämmerche", auch "Narran" oder "Hundehaus" genannt, sehen. Derjenige, der dort einsaß, wurde durch ein Gitter von den Besuchern des Rathauses abgetrennt, die durch dieses durchschauen und den Einsitzenden so narren oder hänseln konnten.[Anm. 3]

0.1.10.Gau-Algesheim

Das Rathaus von Gau-Algesheim wurde 1726 zu seiner heutigen barocken Form umgebaut, der ursprüngliche Bau wurde bereits im 15. Jh. errichtet.[Bild: Horst Goebel]

Das alte Rathaus ist am Marktplatz Nr. 1 zu finden. Es handelt sich dabei um einen Umbau eines um 1480 errichteten, aber 1631 durch die Schweden im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) zerstörten spätgotischen/frührenaissanceischen Gebäudes. Das Mansardendach mit Dachreiter steht hinter einem geschweiften Schildgiebel. Zwei Wappenreliefs geben mit 1726 das Jahr des Umbaus an, der unter dem Erzbischof und Kurfürsten Lothar Franz von Schönborn vollzogen wurde. Bei dem Rathaus handelt sich um einen offenen Hallenbau und an jeder Ecke des Gebäudes befindet sich eine Steinfigur und zwar die der "Justitia" (Gerechtigkeit), "Prudentia" (Weisheit) und die der Klugheit. Im Rathaus sind außerdem einige Gedenktafeln mit Stadtwappen zu bestaunen. So ist auch eine dem erfolgreichen Wiederaufbau des Gebäudes anno 1726 gewidmet.[Anm. 4]

0.1.11.Gau-Bickelheim

Rathaus
Das Gau-Bickelheimer Rathaus[Bild: Harald Strube]

Die ehemalige offene dreischiffige Halle im Erdgeschoss des alten Rathauses am Römer 4 stammt wegen seiner typischen Bauweise vermutlich aus dem 16. Jahrhundert und wurde aber im 18. Jahrhundert barock überformt. Darin befindet sich ein Kreuzgewölbe von 1563 auf vier abgehängten Säulen, die im Inneren vermauert wurden. In den Ecknischen stehen eine Madonna mit Kind und der Namenspatron der örtlichen katholischen Kirche, der "Heilige Martin".
Früher diente das Rathaus nicht nur dem jeweils amtierenden Bürgermeister als Amtsstube, sondern war auch das gesellschaftliche Zentrum des Dorfes. An der Rückseite des auch "Gemeines Wirtshaus" genannten Ratshauses befinden sich zwei ornamentierte Türstürze und am Eingangsportal ist ein sogenannter "Scheitelstein" mit Zunftwappen zu sehen.
Das im Dorfzentrum auf dem "Römer" befindliche stattliche Rathaus prägt sowohl das Platz-, als auch das Ortsbild.

0.1.12.Gonsenheim

Das Bild zeigt das alte Gonsenheimer Rathaus
Der Renaissancebau mit Volutengiebel und seitlichem Treppenturm stammt aus dem Jahr 1615.[Bild: Volker Schreiber]

Das Gebäude mit Volutengiebel und seitlichem Treppenturm in der Pfarrstraße 1 stammt aus dem Jahre 1615, erbaut durch den Dompropst und späteren Mainzer Kurfürsten Georg Friedrich Greiffenklau Vollrad. Es handelt sich dabei um einen Renaissancebau, der zusammen mit der Pfarrkirche St. Stephan das Ortszentrum von "Alt-Gunsenum" bildet. Im Erdgeschoss befindet sich eine Halle mit stuckierter Flachdecke auf Sandsteinsäulen aus der Zeit um 1700. Das Hauswappen von Georg Friedrich Greiffenklau-Vollrads ist in den Erker sehenswert integriert. Die östliche Giebelfront als Hauptfassade hat eine rustizierte Eckquaderung mit reichem, von Zierobelisken bekröntem Rollwerkgiebel. Neben der zu Beginn beschriebenen Inschrift unter der Fensterbrüstung, befindet sich noch eine weitere mit dem Wappen des Schultheißen (Bürgermeister) am Gebäude:
"MIT VLEIS HAT BETRACHT, WIE DIES  /  RATHAUS DER GMEINWOL GEMACHT / JAKOB LUDWIGH SCHULTHEIS / ALHIER ZU GONSENHEIM  /  1615"
Das Rathaus ist ein qualitätsvoller Bau und ist wegen seiner exponierten Lage von städtebaulicher Bedeutung.

0.1.13.Mettenheim

Rathaus in Mettenheim.[Bild: Torsten Schrade]

Das Rathaus als barock überformter Renaissancebau in der Hauptstraße 1 wurde in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts errichtet und später in Teilen verändert. Das Obergeschoss ist ein einfacher Fachwerkbau und seitlich davon befindet sich ein runder Treppenturm. Im außen veränderten Erdgeschoss zum Dorfplatz hin war der Spritzenraum zur Hauptstraße zugewandt. Ebenfalls im Gebäude war die Eichstube des Dorfes. Der dritte Raum des Rathauses diente zeitweise als Gottesdienstraum, Schule und Bürgermeisterbüro. Im Ratssaal im Obergeschoss ist eine farbig bemalte Holzbalkendecke mit auf Konsolen ruhenden Unterzügen zu bewundern, diese ist mit auf das Rathaus bezogenen Inschriften und ornamentaler Verzierung versehen. Das Rathaus und die nahe evangelische Kirche haben die Wirren des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) unbeschadet überstanden und zählen zu den schönsten Bauwerken in Rheinhessen.

0.1.14.Münster-Sarmsheim

Das 1501 verbürgte Rathaus in Münster wurde 1520 in der Rheinstraße 36 gegenüber der katholischen Pfarrkirche endgültig errichtet, im 19. und frühen 20. Jahrhundert auch als Schulhaus genutzt. Der Bau ist ein massiver zweigeschossiger Putzbau unter einem Satteldach mit verschiefertem Giebel. Das Obergeschoss ragt außerdem über eine Kehle heraus. Ferner führt eine Außentreppe auf der Südseite des Gebäudes in den Ratssaal im ersten Stock. Trotz mehrfachem Umbau ist die ursprüngliche Struktur des Renaissancerathauses heute noch zu erkennen. Neben Büdesheim und Gau-Algesheim ist das Rathaus von Münster eines der ältesten Rathäuser in der Region um Bingen.

0.1.15.Nieder-Flörsheim (Flörsheim-Dalsheim)

Das Bild zeigt das Nieder-Flörsheimer Rathaus
Das Rathaus wird erstmals 1705 in Schriftquellen erwähnt. [Bild: Torsten Schrade]

Das Rathaus in der Alzeyer Straße 12 wird erstmals 1564 als "offenes gemeines Rathaus" erwähnt. Noch einmal 1705, diesmal als "Kapellenrathaus" genannt, weil infolge der Pfälzischen Kirchenteilung im Erdgeschoss ein katholisches Kapellchen eingerichtet wurde. Dort, im sog. "Bethaus", konnten die sich in der Minderheit befindlichen Katholiken ihren Glauben weiterhin leben. Das Kreuzigungsgemälde am Hochaltar stammt aus der Zeit um 1750. Das Obergeschoss mit schlichtem Fachwerk wurde Mitte des 18. Jahrhunderts neu errichtet. Der ursprüngliche Renaissancebau verfügt über ein Krüppelwalmdach und darüber hinaus über eine seitliche Freitreppe. Unter der Treppe befindet sich ein dunkler ungemütlicher Raum, der als sogenannte "Betzekammer", sprich Arrestzelle, zeitweilig genutzt wurde.[Anm. 5]

0.1.16.Nieder-Ingelheim

Altes Rathaus in Nieder-Ingelheim.[Bild: Georg Dahlhoff]

Im Jahre 1487 ist zum ersten Mal im Ort ein Rathaus im sogenannten "Saalgebiet" erwähnt worden. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts wird ein zweites Rathaus auf dem Markt vor dem Saal genannt. Weil dieses im Laufe der Zeit baufällig geworden war, beschloss der Gemeinderat im März 1857 den Abriss des alten und den Neubau eines neuen Rathauses. So wurde das gut proportionierte Gebäude in den Jahren 1859 bis 1862 mit Handwerkern aus der Region am Francois-Lachenal-Platz 1 neu errichtet. Das hessische Wappen am Balkon wurde vom Bildhauer Georg Herwegh geschaffen. Das Gebäude beherbergt außerdem ein Museum und ist ortsbildprägend.

0.1.17.Nieder-Saulheim

Das alte Rathaus steht direkt neben der evangelischen Kirche.[Bild: Bernhard Marschall]

Das alte Rathaus steht in der Straße Auf dem Römer 8 / Ecke Wedengasse direkt neben der evangelischen Pfarrkirche. Das Erbauungsdatum ist unsicher, vielleicht war es sogar schon 1571 oder erst 1671. Einst konnte man durch rundbogige Eingänge der früheren Gerichtshalle ins Erdgeschoss gehen. Im oberen Stockwerk tagte das Dorfgericht der adligen Gerichtsherren und der damals schon vorhandenen Dorfschöffen. An der Westseite des Gebäudes befand sich der Pranger, die Innenräume sind mit ausgeprägten Stuckarbeiten beziehungsweise mit einem Deckengemälde, das die "Germania" zeigt, verziert. In einem achteckigen Turm im Renaissancestil mit Haubendach führt eine Steinspindel nach oben. Am Eingang zum Rathausturm befand sich außerdem die sogenannte "Betzekammer" oder im Ort auch ortstypisch "Bolles" genannt. Im Erdgeschossdurchgang des Rathauses führte früher eine Pforte auf den nahen Friedhof.[Anm. 6]

0.1.18.Oppenheim

Das Rathaus in Oppenheim.[Bild: Elmar Rettinger]

Das Rathaus wurde nach einem Brand des alten Rathauses 1621 in die Merianstrasse 2 an die Stelle, wo noch nach 1436 das alte Münzhaus war, verlegt und neu errichtet. Nach dem großen Stadtbrand am 31. Mai 1689 im Rahmen des Pfälzischen Erbfolgekrieges baute man zunächst nur den östlichen Gebäudeteil im Jahre 1709 wieder auf und der westliche wurde erst 1879 hinzugefügt.
Das Rathaus ist noch im Renaissancestil gehalten.Das Gebäude besteht aus zwei Teilen mit jeweils drei Obergeschossen und die Fassaden werden von markanten Stufengiebeln gekrönt. Die beiden Giebelspitzen tragen einen Adler mit ausgebreiteten Flügeln. Außerdem sind alle Giebel an allen vier Gebäudeecken mit Türmchen verziert. An der östlichen Seite des unter Denkmalschutz stehenden Rathauses ist die "Oppenheimer Elle" aus Stein in die Wand eingelassen, die mit einer Länge von 62 cm früher auf Märkten als Maßeinheit diente. Die im Haus integrierte dreiteilige tonnengewölbte Kelleranlage ist der Anfang eines weitverzweigten Gangsystems, das in die sog. "Oppenheimer Unterwelt" führt.[Anm. 7]

0.1.19.Rommersheim

Das ehemalige Rathaus wurde um 1600 erbaut und im 18. Jahrhundert im Barockstil baulich verändert. Das Rathaus  diente zeitweise als Schmiede und als Spritzenhaus. Das Gebäude mit der Adresse Rathaus 2 trägt ein Fachwerk über einem massiven Erdgeschoss. Seitlich davon befindet sich eine überdachte Freitreppe und ist mit einem Krüppelwalmdach ausgestattet. Im Erdgeschoß befand sich auch die sog. "Betzekammer", in die Wegelagerer und sündig gewordene Einwohner des Ortes eingesperrt waren. Außerdem befinden sich im Erdgeschoss große Rundbogenfenster in der Süd- und Ostseite. Im Obergeschoss und am Giebel ist ein schönes Fachwerk mit zwei- und dreiteiligen Fenstererkern vorhanden, die mit Rauten, gebogenen und genasten Zierformen ausgestattet sind.
Von 1974 bis 1976 wurde das Rathaus schließlich zu einem Wohnhaus umgebaut und existiert heute noch.

0.1.20.Sprendlingen

Das Sprendlinger Rathaus.[Bild: Fritz Schellack]

Das Rathaus am Marktplatz 2 wurde wahrscheinlich im Jahre 1604 erbaut. Daneben gibt es aber auch die Mitteilung, dass schon vor 1601 ein anderes Haus als Rathaus genutzt wurde, beziehungsweise dass ein Vorgängerbau existierte. Der zwei- bis dreigeschossige Putzbau, der teilweise Fachwerk, gotische und Renaissanceelemente enthält, besitzt gaubenbesetzte Satteldächer jeweils mit Treppen- bzw. Schweifgiebel.
Die nach der evangelischen Pfarrkirche hin gerichtete Hauptschauseite wird durch den markanten, runden leicht aus der Mittelachse nach links gerückten Treppenturm mit schräg gestellten Öffnungen und einem polygonalen Fachwerkaufsatz unter einer Schweifhaube (Wetterfahne) akzentuiert.
Das Rathaus stürzte wegen Baufälligkeit 1894 ein und wurde zunächst direkt verkauft. Der Rückkauf des Rathauses am Marktplatz erfolgte dann wieder am 27. November 1951. Nach einer umfangreichen Innen- und Außenrenovierung des platzbildprägenden Gebäudes folgte 1996/97 die Neukonzeption des Marktplatzes, die bis zum Jahr 1998 in wesentlichen Teilen vollendet wurde.[Anm. 8]

Nachweise

Verfasser: Wolfgang Höpp

Weiterführende Literatur:

  • Landesamt Denkmalpflege (Hrsg.): Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz. Band 2.3: Stadt Mainz. Vororte. Bearb. v. Dieter Krienke. Worms 1997.
  • Landesamt Denkmalpflege (Hrsg.): Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz. Band. 18.1: Kreis Mainz-Bingen. Bearb. v. Dieter Krienke. Worms 2007.
  • Landesamt Denkmalpflege (Hrsg.): Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz. Band. 18.2: Kreis Mainz-Bingen. Bearb. v. Dieter Krienke. Worms 2011.
  • Landesamt Denkmalpflege (Hrsg.): Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz. Band. 18.3: Kreis Mainz-Bingen. Bearb. v. Dieter Krienke. Worms 2011.
  • Landesamt Denkmalpflege (Hrsg.): Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz. Band. 20.1: Kreis Alzey-Worms. Bearb. v. Dieter Krienke und Michael Huyer. Worms 2013.
  • Landesamt Denkmalpflege (Hrsg.): Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz. Band. 20.2: Stadt Alzey. Bearb. v. Dieter Krienke und Michael Huyer. Worms 2014.
  • Landesamt Denkmalpflege (Hrsg.): Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz. Band. 20.3: Kreis Alzey-Worms. Bearb. v. Dieter Krienke und Ingrid Westerhoff. Worms 2018.
  • Landesamt Denkmalpflege (Hrsg.): Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz. Band. 20.4: Kreis Alzey-Worms. Bearb. v. Ingrid Westerhoff. Worms 2021.

Erstellt am: 13.09.2022

Anmerkungen:

  1. Karl Friedrich Becker u.a. (Hrsg.): 1750 Jahre Alzey. Festschrift. Alzey 1973. Zurück
  2. Falck, Ludwig: Vierhundert Jahre Bretzenheimer Rathaus. Mainz 1975. Zurück
  3. Blaufuß, Alfred: 1200 Jahre Frei-Laubersheim. Bad Kreuznach 1967. Zurück
  4. Helm, Karl-Heinz: Gau-Algesheimer Chronik 766-1966. Festschrift zur 1200 Jahrfeier. Gau-Algesheim 1966. Zurück
  5. Zillien, Felix: Das Rathaus in Nieder-Flörsheim. In: Heimatjahrbuch Alzey-Worms 37 (2002), S. 111-116. Zurück
  6. Decker, Jakob: 1200 Jahre Nieder-Saulheim 763-1963. Nieder-Saulheim 1963. Zurück
  7. Hanschke, Julian: Oppenheim am Rhein. Baugeschichte-Baudenkmäler-Stadtgestalt. Karlsruhe 2010. Zurück
  8. Homepage der Gemeinde. Autoren Hannelore Herda / Karl-Heinz Weller. Zurück