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0.23 Kapellenrathäuser in Rheinhessen - Zwei in Einem?

Rheinhessen, von der regionalen Tourismusbranche gerne beworben als das "Land der tausend Hügel", hat neben der architektonischen Besonderheit der sogenannten, oftmals zu Gasträumen umgestalteten, "Kuhkapellen" noch eine weitere bauliche Besonderheit aufzuweisen, nämlich die "Kapellenrathäuser", auch "Kirchenrathäuser" genannt. Bei den 23 Kapellenrathäusern in der Region von Alzey bis Worms handelt es sich um eine in Stein gemauerte typisch rheinhessische Verbindung von Kirche und Staat, eine sichtbar gewordene Ausdrucksform weltlichen und kirchlichen Machtanspruchs auf kommunaler Ebene.

Infolge der tiefgreifenden und umwälzenden Reformation anno 1517 war die Monopolstellung der katholischen Kirche zwar gebrochen; jedoch zerfiel die hoffnungsvoll angetretene protestantische Bewegung noch im selben Jahrhundert in die Splittergruppen der Lutheraner, Reformierten und Calvinisten.

Nach dem Frieden von Rijswijk 1697, der den Pfälzischen Erbfolgekrieg beendete, brachte die Pfälzische Kirchenteilung in Form der "Kurpfälzischen Religionsdeklaration" im Jahre 1705 unter der Ägide des katholischen pfälzischen Kurfürsten Johann Wilhelm (1638-1717), genannt Jan Willem, zumindest etwas Ordnung, Ruhe und Zuversicht in ein damals politisch schwer gebeuteltes und religiös zutiefst verunsichertes Rheinhessen. In dieser Zeitepoche konnte sich innerhalb eines Menschenlebens je nach konfessioneller Ausrichtung des Herrschers die Konfessionszugehörigkeit mehrfach ändern, wie es beispielsweise in Undenheim von 1556 bis 1650 acht Mal passiert ist.

Ab 1705 wurden alle Kirchen, Pfarrhäuser und sogar Schulen, die sich im Einflussbereich der Kurpfalz befanden, zwischen Reformierten und Katholiken im Verhältnis fünf zu zwei aufgeteilt. Sonderregelungen gab es in der Region nur für die Oberamtsstädte Alzey und Oppenheim.

Die Calvinisten und die inzwischen in die Minderheit geratenen Lutheraner blieben allerdings ganz außen vor. Diesen wurden nur noch jene Kirchen zugestanden, die sie im sogenannten "Normaljahr" 1624, also mitten im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648), besaßen oder danach gebaut hatten.

Die Pfälzische Kirchenteilung, die 1713 vollzogen war, löste vor Ort natürlich spürbare Reaktionen aus, die unter anderem zum Bau von Kapellenrathäusern führten, welche nun von Anfang bis Mitte des 18. Jahrhunderts rund um die Region von Alzey bis Worms entstanden.

Blieben die Angehörigen einer Konfession, besonders die Katholiken, nach dieser grundlegenden Prozedur ohne geeignete Räumlichkeit zur weiteren regelmäßigen Ausübung ihres Glaubens, versuchten die Beamten des Pfälzer Kurfürsten in extra großzügig gebauten Rathäusern dieser Gruppe eine neue religiöse Heimat zu geben.

Dieses pragmatische Vorgehen, architektonisch Gestalt angenommen in Form von Kapellen- mitunter sogar Kirchenrathäusern, galt als befriedende Alternative zu dem damals Ende des 17. Jahrhunderts bereits bestehenden, oftmals aber konfliktbeladenen Modell des "Simultaneums", das bei den kurpfälzischen Herrschern unabhängig von der jeweiligen Regentschaft und Konfessionszugehörigkeit deshalb auch so unbeliebt war.

In den Kapellenrathäusern fanden die nach dem Supergau der Reformation noch verbliebenen, gleichermaßen verschüchterten wie frustrierten Katholiken Zuflucht und ein sicheres Refugium, um ihren Glauben ungestört weiterleben und praktizieren zu können.

Die Gläubigen hatten jetzt die Möglichkeit, ein sogenanntes "Oratorium" (Betraum) oder ein Bethaus in Form einer Kapelle, meistens im Erdgeschoss des Rathauses einzurichten.

Die Kapelle bekam im übrigen das gleiche Patronat wie das durch die Reformation verlorengegangene katholische Kirchengebäude im Ort.

In Ausnahmefällen diente das Rathaus sogar auch als Unterschlupf für andere Glaubensrichtungen wie für die Reformierten in Appenheim, Erbes-Büdesheim und Offstein, für die Calvinisten in Großwinternheim, in Gundersheim für die Lutheraner sowie für die Juden in Pfiffligheim. 

0.1.Albig

Das Bild zeigt eine Ansicht des albiger Rathauses. In den ersten Stock des Gebäudes führt eine Außentreppe mit Überdachung.
Das Albiger Rathaus beherbergt seit dem 18. Jahrhundert eine Kapelle.[Bild: Harald Strube]

Das Kapellenrathaus in der Langgasse 58 stammt aus dem Jahre 1766. Der spätbarocke Putzbau mit Krüppelwalmdach und einem Dachreiter befindet sich direkt am Aufgang zur benachbarten evangelischen Kirche. Die beiden Glocken des Rathauses stammen aus den Jahren 1744 und 1762. Infolge der Kirchenteilung fiel die Liebfrauenkirche - bereits im Jahre 982 erwähnt - den Reformierten zu. Die Katholiken errichteten im Erdgeschoss des Rathauses eine eigene üppig ausgestattete Kapelle, die sie der "Geburt Mariens" weihten. Im Inneren des kleinen Gotteshauses ist ein Relief der Marienkrönung aus dem Jahre 1740 zu sehen. Im östlichen Teil befinden sich ein Beichtstuhl und die Sakristei. Außerdem befinden sich darin mehrere Madonnenfiguren, eine kleine Statue des Hl. Johannes Nepomuk und im Zentrum thront ein dreigeschossiges repräsentatives Adikula-Retabel aus dem 18. Jahrhundert.
Das repräsentative spätbarocke Gebäude wird im übrigen heute noch als Rathaus genutzt.

0.2.Appenheim

Das alte Rathaus von Appenheim.[Bild: Georg Dahlhoff]

Das "alte" Rathaus wurde um 1660 erbaut. Aus dieser Zeit stammt auch das Fachwerk des Obergeschosses mit vergitterten Fensterbrüstungen und geschnitzten Eckpfosten. Anfang des 18. Jahrhundert wurde die westliche Giebelwand erneuert und das Fachwerk verputzt. In den Jahren 1982 und 1983 erlebte das Gebäude eine Restaurierung: Das Fachwerk wurde wieder freigelegt und im Erdgeschoss ein Durchgang geschaffen. Anno 1691 wurde die evangelische Kirche wegen Baufälligkeit geschlossen. So machten die reformierten Christen aus der Not eine Tugend und hielten ihren Gottesdienst im Rathaus ab. Nach der Pfälzischen Kirchenteilung erhielten die Katholiken allerdings das Recht, im Rathaus die heilige Messe zu feiern. 

0.3.Armsheim

Das um das Jahr 1750 errichtete und im Eigentum der evangelischen Kirchengemeinde befindliche Rathaus in der Bahnhofstraße 17 besitzt ein Mansardenwalmdach und eine Fachwerkscheune aus dem Jahr 1702. Nachdem die vorhandene Kirche aus dem frühen 15. Jahrhundert im Rahmen der Pfälzischen Kirchenteilung den Reformierten zugewiesen wurde, richteten sich die verbliebenen Katholiken im Rathaus eine Kapelle ein, die sie dem Hl. Remigius weihten. 1863 bauten die Katholiken sich mitten im Ort schließlich eine eigene kleine Kirche. Der Grund war die beengten Platzverhältnisse, wie aus einem Schreiben an das bischöfliche Ordinariat vom 8. Juli 1806 hervorgeht:
"Unsere Rathausstube dahier, wo die Katholische Kirche schon seit der berüchtigten Kirchenteilung Gottesdienst gehalten haben,...., wird uns zu klein, weil die Katholiken immer mehr anwachsen und oft außer unserem Bethause biß an die Reformierte Kirche anstehen müßten, wenn es die Witterung zulässt".

In den 1960er Jahren wurde schließlich das ehemalige Rathaus neben der evangelischen Kirche mit allen Konsequenzen aufgegeben.  

0.4.Bermersheim

Infolge der Pfälzischen Kirchenteilung fiel die Kirche, die erst 1606 gebaut wurde, den Reformierten zu. Die Katholiken richteten daraufhin eine Kapelle im Rathaus ein, das es in späteren Jahren dann aber nicht mehr gab. Wann das passierte, ist allerdings unbekannt.

0.5.Engelstadt

Den Reformierten wurde nach der Kirchenteilung Anfang des 18. Jahrhunderts die Kirche aus dem Jahre 1228 zugewiesen. Die Katholiken etablierten aber im Rathaus bereits 1697 direkt nach dem Rijswijker Frieden eine Kapelle, die sie dem Hl. Servatius weihten.

0.6.Erbes-Büdesheim

Das Bild zeigt die evangelische Kirche in Erbes-Büdesheim
Die Evangelische Kirche in Erbes-Büdesheim. [Bild: Stefan Grathoff]

Im Rahmen der Pfälzischen Kirchenteilung anno 1705 blieb die Kirche bei den Katholiken. Deshalb war die reformierte Gemeinde gezwungen, ihre Gottesdienste von 1707-1734 im Rathaus anzuhalten, bis 1734 die evangelische Kirche in der Hauptstraße 8 gebaut wurde.

0.7.Gimbsheim

1705 fiel die Kirche aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts den Reformierten zu. Die Katholiken richteten sich im Rathaus eine Kapelle ein, bis sie 1824 selbst eine eigene Kirche bauten, welche sie wie die frühere wieder dem H. Mauritius weihten. Deshalb entfiel ab diesem Zeitpunkt auch die Partizipation am "alten" Rathaus. Das neue Rathaus wurde dann 1836 errichtet.

Großwinternheim

Bis zum Neubau der evangelischen Kirche 1747 feierten die Calvinisten nach der Pfälzischen Kirchenteilung 42 Jahre lang ungestört im Erdgeschoss des Rathauses ihre Gottesdienste. Der Neubau war aber wegen permanter Schäden in Folge nicht nutzbar. Ob die Protestanten wieder ins Rathaus zurückgekehrt sind, ist nicht bekannt. Sicher ist, dass die evangelische Pfarrkirche, auch Selztaldom genannt, erst 1887/88 gebaut und am 15. Oktober 1888 eingeweiht wurde.

0.8.Gundersheim

Nach der Spaltung der Protestanten  hielten die Lutheraner im Gundersheimer Rathaus bis zum Bau einer eigenen Kirche anno 1726 ihre Gottesdienste ab. Der Bau sollte sich aber als problematisch erweisen, da ein geordneter Gottesdienst wegen den immerwährenden Reparaturen darin nicht möglich war. Deshalb nutzten sie ihren Betsaal im Rathaus weiter bis 1822 bis zur Wörrstädter Union am 28.11.1822, als sich Reformierte und Lutheraner in der "Kirchenunion" zusammenschlossen.

0.9.Flomborn

Das Rathaus wird von einem runden Treppenturm geschmückt.[Bild: Torsten Schrade]

Das Rathaus in der Langasse 28/30 wurde 1765 sogar als "Kirchenrathaus" mit einer Kapelle, die dem Hl. Remigius geweiht war, errichtet. Das Rathaus spiegelt mit seiner Doppelfunktion als Standort "weltlicher und kirchlicher Macht" eine wichtige zentrale Aufgabenstellung im Dorf wieder. Die Kapelle umfasste das gesamte Erdgeschoss mit entsprechender Ausstattung. Mit Fug und Recht kann man hier sogar von einer "Rathauskirche" sprechen. Das Gebäude ist ein spätbarocker Krüppelwalmdachbau, teilweise mit Zierfachwerk verkleidet. Auf dem Dach steht ein Dachreiter und an der Nordseite des Rathauses befindet sich ein runder, älterer Wendeltreppenturm, der als Eingang zu den Amtsräumen im Obergeschoss diente. Das Erscheinungsbild des Flomborner Rathauses ist heute immer noch vorbildlich. Das unter Denkmalschutz stehende historische Gebäude ist nicht zuletzt dank einer Bürgerinitiative mit Hilfe von Spenden und Zuschüssen von Kirche und Staat in letzter Zeit stilvoll restauriert worden.[Anm. 1]

0.10.Hamm am Rhein

Altes Rathaus in Hamm am Rhein[Bild: Immanuel Giel [CC BY-SA 4.0]]

Das ursprüngliche Fachwerk-Rathaus samt Rathausscheune in der Hauptstraße 9 befand sich noch 1607 an der Ecke Kirchgässchen/Hauptstraße. Das Gebäude wurde im zeitlichen Verlauf mehrfach renoviert, zuletzt Ende des 18. Jahrhunderts und diente nach der Pfälzischen Kirchenteilung 200 Jahre lang als Betsaal der katholischen Kirchengemeinde, als Lehrerwohnung sowie als Rathaus. Trotz der vielen Reparaturen vorher war das Anwesen bereits wieder 1816 so baufällig, dass es 1827 seiner Zweckbestimmung als Rathaus nicht mehr genügte und schließlich 1851 abgerissen werden musste. Damit ging auch die dortige Kapelle verloren. Es wurde aber 1875 unabhängig vom einem Rathaus eine neue Kapelle gebaut, die dem Hl. Kreuz geweiht war.[Anm. 2]

0.11.Heppenheim auf der Wiese (Worms)

Nach der Kirchenteilung anno 1705, bei der die ehemalige katholische Kirche von 1567 den Reformierten zugewiesen wurde, errichteten die Katholiken eine Kapelle im alten Rathaus, die sie dem Hl. Laurentius weihten. Von 1701 bis 1970 hielten die Katholiken dort ihren Gottesdienst ab, bis sie sich 1971 eine neue  Kirche im modernen Stil bauten, die wieder dem Hl. Laurentius geweiht ist.

0.12.Hochborn (bis 1971 Blödesheim)

Nach der Kirchenteilung 1705 fiel die Kirche aus dem 12. Jahrhundert den Reformierten zu. Die Katholiken richteten sich daraufhin im alten Rathaus eine Kapelle ein, die sie dem Hl. Martinus weihten. Die Kapelle bestand dort bis 1846, bis das Rathaus abgebrochen wurde. Eine neue katholische Kirche wurde nicht gebaut. Die Gläubigen wurden danach von den katholischen Nachbargemeinden bis heute seelsorgerisch betreut.

0.13.Kettenheim

Das Rathaus in der Kirchgasse 9 stammt aus dem Jahre 1686, besitzt ein reich geschnitztes Fachwerk und im Obergeschoss Fenstererker auf einer Halle. Im Untergeschoss befand sich ein Spritzenraum der Feuerwehr. Nach der Pfälzischen Kirchenteilung Anfang des 18. Jahrhunderts wurde ein kleiner Betsaal ausnahmsweise im 1. Stock eingerichtet, der erst dem Hl. Rochus und Sebastian und später dem Hl. Leonhard geweiht war. Der zeitweilige Streit um die Nutzungsrechte des Rathauses zog sich wie ein "Roter Faden" durch die Geschichte dieses "Kirchenrathauses". In den Jahren 1843 bis 1845 unternahmen die Katholiken den nachhaltigen Versuch, über ihre Nutzungsrechte des Betsaals hinaus die Eigentumsrechte am gesamten Rathausgebäude zu erlangen. Hintergrund waren angebliche Störungen während des Gottesdienstes, die aus dem darunter liegenden Spritzhaus im Erdgeschoss ausgegangen seien. Ein notarieller Vertrag war bereits in Vorbereitung, dem sich der damals amtierende Bürgermeister vehement widersetzte. Nach weiteren Querelen einigten sich die beiden Interessengruppen darauf, zu gegebener Zeit zugunsten der katholischen Kirche ein "neuzeitliches" Benutzungsrecht als beschränkte persönliche Dienstbarkeit bei Anlegung des Grundbuch einzutragen. Dabei sollte die Unterhaltspflicht der bürgerlichen Gemeinde an dem Rathaus festgelegt werden und der katholischen Gemeinde die Unterhaltung des "Innenraums des zu kirchlichen Zwecken dienenden Zimmers" obliegen. Diese Vereinbarung wurde schließlich am 13. Oktober 1909 vom Bischöflichen Ordinariat in Mainz genehmigt.[Anm. 3]

0.14.Kriegsheim (Monsheim)

Bei der Pfälzischen Kirchenteilung ging die Kirche aus dem 12. Jahrhundert an die Reformierten. Die Katholiken richteten sich daraufhin im Rathaus eine dem Hl. Josef geweihte Kapelle ein, in der bis zum Abriss des Rathauses 1986 noch Gottesdienste gefeiert wurden.

0.15.Mörstadt

Bei der Pfälzischen Kirchenteilung 1705 fiel die Kirche aus dem 15. Jahrhundert den Reformierten zu. Im Rathaus errichteten sich die Katholiken daraufhin im eine Kapelle, welche sie dem Hl. Laurentius weihten. Das Rathaus und damit auch die Kapelle sind mittlerweile verschwunden und 1856 durch ein neugotisches Rathaus ohne eine Kapelle in der Kirchgasse 1 ersetzt worden. Die wenigen Katholiken mussten dann zum Gottesdienstbesuch in Nachbargemeinden ausweichen.

0.16.Nieder-Flörsheim (Dalsheim-Flörsheim)

Das Bild zeigt das Nieder-Flörsheimer Rathaus
Das Rathaus wird erstmals 1705 in Schriftquellen erwähnt. [Bild: Torsten Schrade]

Das Rathaus in der Alzeyer Straße 12 wird erstmals 1564 als "offenes gemeines Rathaus" erwähnt. Noch einmal 1705 als Kapellenrathaus genannt, als infolge der Pfälzischen Kirchenteilung im Erdgeschoss ein katholisches "Kapellchen" oder auch Oratorium genannt, eingerichtet wurde. Noch am 10. Oktober 1904 wurde das fast 200 Jahre alte Nutzungsrecht der Katholiken noch einmal offiziell bestätigt. Das dortige Kreuzigungsgemälde am Hochaltar stammt von einem unbekannten Maler aus der Zeit um 1750. Das Obergeschoss des Rathauses mit schlichtem Fachwerk versehen, wurde in der Mitte des 18. Jahrhunderts neu errichtet. Der barocke Bau verfügt über ein Krüppelwalmdach und darüber hinaus über eine seitlich gebaute Freitreppe. Unter der Treppe befindet sich ein ungemütlicher Raum, der als sogenannte "Betzekammer", sprich Arrestzelle zeitweilig genutzt wurde. Am Rathaus wurde 1792 eine größere Reparatur vermutlich im Fachwerkbereich vorgenommen. Auch in späterer Zeit sind immer wieder notwendige Instandsetzungen ausgeführt worden. So auch in den Jahren 1913 und 1921, als vor allen Dingen die Wandverkleidungen und der Fußboden erneuert wurden. 1983 erfolgte eine umfassende Ratshausrenovierung, wobei auch das Oratorium einbezogen wurde. Gleichzeitig wurde darin noch eine kleine Sakristei einrichtet und das Nutzungsrecht der katholischen Kirchengemeinde neu bestätigt.[Anm. 4]        

0.17.Nieder-Hilbersheim

Bei der Kirchenteilung 1705 wurde die dem Hl. Martin geweihte Kirche aus dem Jahre 1334 den Reformierten zugewiesen. Die Katholiken errichteten sich dafür im Rathaus eine Kapelle, die sie dem Hl. Joseph weihten. Mit dem Abbruch des Rathauses ging auch die Kapelle verloren. Im Jahre 1862 wurde wieder eine Kapelle, diesmal als Kirche zu Ehren der "Allerseligsten Jungfrau Maria" in der Kapellenstraße 24 gebaut.

0.18.Offstein

Schon 1720 wird das Rathaus von Offstein beschrieben, genauere Baudaten sind jedoch unbekannt. Die Jahreszahl 1819 auf dem Schlussstein des Torbogen markiert woh den Zeitpunkt eines größeren Umbaus. Das Gebäude weist einen typischen Barockstil auf und steht heute unter Denkmalschutz.[Bild: IGL, Torsten Schrade]

Eines der ältesten und interessantesten Gebäude in Offstein ist zweifellos das in der Mitte des Dorfes gelegene Rathaus. Die dessen barocke Formen weisen eindeutig auf die Errichtung im 17. /18. Jahrhundert in kurfürstlicher Zeit hin. Es besitzt alle Merkmale eines "Pfälzischen Kapellenrathauses". Das groß angelegte Erdgeschoss wurde als Kapelle oder als Oratorium (Betraum) einer Kirchengemeinde meist von den Katholiken genutzt. Nach der Pfälzischen Kirchenteilung fiel das Los der Kirchenzuordnung zum Unmut der Reformierten aber mit St. Martin den Katholiken zu. Die Reformierten verlegten daraufhin notgedrungen ihren Gottesdienst in das Rathaus, in der fortan auch der reformierte Schulmeister Georg Lohmeyer wohnte. Hierbei kam es in kurzer Zeit mit dem katholischen Seelsorger Johannes Hauck, der in Offstein seit 1704 als Seelsorger eingesetzt war, zu erheblichen Schwierigkeiten.Im Exekutionsprotokoll der Religionskommission zur Umsetzung der Kirchenteilung vom 7. Juni 1707 heißt es dazu:

"Der katholische Pastor nahm 1707 das Rathhauß mit Gewalt ein, verjagte davon den reformirten Schulmeister und hemmte zugleich den reformirten Gottesdienst".
Nach der massiven Intervention durch das pfälzische Oberamt in Alzey konnte Schulmeister Lohmeyer später seine Wohnung im Rathaus wieder beziehen, der Gottesdienst nach einer gewissen zeitlichen Unterbrechung wieder aufgenommen werden. Die reformierte Gemeinde nutzte das Rathaus jetzt solange, bis die evangelische Kirche im Jahre 1740 fertig gestellt wurde. 

0.19.Pfiffligheim (Worms)

Das Rathaus in der Landgrafenstraße 51 wurde 1700 erbaut und trug früher einen Dachreiter, eine Gemeindeglocke und eine Uhr. Aber 1764 wurde der zweigeschossige massiv gebaute Putzbau bereits umgebaut. Im Erdgeschoss des schlichten Gebäudes war aber auch eine dem Hl. Joseph geweihte Kapelle als Antwort der Katholiken auf die Pfälzische Kirchenteilung anno 1705 und dem schmerzhaften Verlust ihrer Kirche eingerichtet worden. Die Zahl der Katholiken hatte sich am Anfang des 19. Jahrhunderts so stark reduziert, dass nach 1818 kein katholischer Gottesdienst mehr in der Kapelle des Rathauses mehr stattfand. Da zwischen 1815 und 1840 viel Juden in Pfiffligheim lebten, konnten sie den Gottesdienstraum der Katholiken für einige Jahre bis 1842 als Synagogenersatz nutzen.  Der Eingang zur Kapelle an der Straßenfront wurde später teilweise zugemauert und 1848 kaufte sich die Gemeinde Pfiffligheim eine erste Feuerspritze, aber schon 1864 folgte eine zweite. So wurde das nicht mehr zu religiösen genutzte Erdgeschoss ganz pragmatisch 1850 in ein Spritzenhaus umgewandelt.[Anm. 5]

0.20.Selzen

Ab 1706 ließ der katholische Kurfürst Johann Wilhelm im Ort ein Rathaus errichten. Vor einem massiv gemauerten Erdgeschoss führte eine großzügige Freitreppe in das Obergeschoss aus Fachwerk. Nach 1705 fiel die Ortskirche - vermutlich aus dem 12. Jahrhundert - den Reformierten zu. Die Katholiken hingegen richteten sich als passende Antwort im Rathaus eine Kapelle ein, die sie dem "Geheimnis der Geburt der allerseligsten Jungfrau Maria" weihten. Das Rathaus wurde allerdings 1875 abgebrochen, weil angeblich ein würdiger Platz für ein Ehrenmal der Kriegsteilnehmer von 1870/71 geschaffen werden sollte. Andere Quellen sprechen von einem Riss im Mauerwerk, der allerdings nicht so gravierend war, dass das Gebäude abgerissen werden musste. "Alles deutet darauf hin, dass das Rathaus zerstört wurde, um den gottesdienstlichen Raum der Katholiken aus dem Dorfmittelpunkt zu entfernen", so Otto Böcher.[Anm. 6]

0.21.Westhofen

Außenansicht der katholischen Kirche von Westhofen.[Bild: Alexander Wißmann]

Nach der Kirchenteilung anno 1705 ging die Kirche St. Peter und Paul aus dem Jahre 1284 an die Reformierten, den Katholiken wurde im Rathaus am "Gänsemarkt" - dem vorderen Teil des Marktplatzes - ein Kapellenraum zugewiesen, der allerdings baufällig war und in dem der Gottesdienst nur unter schwierigen Bedingungen abgehalten werden konnte. Deshalb entschloss sich die katholische Gemeinde eine neue den Aposteln Peter und Paul geweihte Pfarrkirche zu bauen, die 1713 fertig gestellt wurde.

0.22.Wonsheim

Das Rathaus in der Untergasse 5 wurde 1751 als spätbarocker Bau, teilweise mit Fachwerk, errichtet. Es ist zu vermuten, dass das Gebäude im Kern allerdings älter ist. Das Gebäude besitzt überdies ein für den Barock typisches Eingangsportal, welches von muschelförmigen Dekorationselementen umgeben ist. Nach dem schmerzhaften Verlust der Kirche St. Lambert vom Anfang des 13. Jahrhunderts als Folge der Pfälzischen Kirchenteilung etablierten die Katholiken im Rathaus eine Kapelle, welche sie der "Jungfrau Maria "weihten. Das Oratorium verfügte über 60 Sitzplätze und drei kleine Altäre. Im Dachreiter wurden zwei Glöckchen aufgehängt, die im Eigentum der Katholiken waren. Die Benutzungsrechte der Katholiken an der Kapelle und der beiden kleinen Glocken bestanden bis zum Jahre 1967. Bis dahin wurden in der Kapelle auch noch Trauungen vorgenommen.

Nachweise

Verfasser: Wolfgang Höpp

Weiterführende Literatur:

  • Karl Johann Brilmayer: Rheinhessen in Vergangenheit und Gegenwart 1905. Nachdruck 1985.
  • Generaldirektion Kulturelles Erbe: Nachrichtliches Verzeichnis der Kulturdenkmäler im Landkreis Alzey-Worms Band 20.1.

Erstellt am: 18.01.2022

Anmerkungen:

  1. Zillien, Felix: Das Rathaus von Flomborn. Heimatjahrbuch 25 (2000), S. 128-130. Siehe auch Homepage der Gemeinde FlombornZurück
  2. Luckas, Kurt: Das ehemalige Hammer Rathaus. Heimatjahrbuch Alzey-Worms 35 (2000), S.141-142. Siehe auch 1200 Jahre Hamm am Rhein. Beiträge zur Kunstgeschichte des Dorfes und seiner Gemarkung. Hamm a. Rhein 1982. Zurück
  3. Zillien, Felix: Das Rathaus in Kettenheim. Heimatjahrbuch Alzey-Worms 37 (2002), S. 107-110. Zurück
  4. Zillien, Felix: Das Rathaus in Nieder-Flörsheim. Heimatjahrbuch Landkreis  Alzey-Worms 37 (2002), S. 111-116. Zurück
  5. Spille, Irene: Geschichte des "Alten Rathauses" und der "Ortsverwaltung". Aus dem Jahresheft 2012, S. 9-15. Zurück
  6. Böcher,Otto: Jubiläumsbuch zur 1200 Jahrfeier der Weinbaugemeinde Selzen 1982. Zurück