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"Freistaat Flaschenhals" - Ein Treppenwitz der Geschichte am Anfang des 20. Jahrhunderts

von Wolfgang Höpp

"Nirgends ist es schöner als in dem Freistaat Flaschenhals" 

So steht es auf einem 50 Pfennigschein des sogenannten "Freistaates Flaschenhals" am Mittelrhein zwischen Koblenz und Bingen.

50-Pfennig-Notgeldschein aus dem „Freistaat Flaschenhals“.

Was ist denn passiert?

Wir schreiben das Jahr 1919, der Erste Weltkrieg ist mit der Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens von Compiègne vom 11.11.1918 beendet, da entsteht mitten in Deutschland wie "Phönix aus der Asche" ein Freistaat namens "Flaschenhals"!

Ferdinand Foch im Jahr 1919.

Wie konnte es dazu kommen?

Das Abkommen von Compiègne sah unter anderen vor, dass in Zukunft von den drei Alliierten, Amerikanern, Briten und Franzosen neben der linksrheinischen auch auf der rechtsrheinischen Stromseite eine Besatzungszone eingerichtet werden sollte. Deshalb ließ der Oberbefehlshaber der Alliierten und Leiter der Kommission, der französische General Ferdinand Foch, auf der Landkarte mit einem Zirkel einen 30 Kilometer breiten Halbkreis um die sogenannten "Brückenstädte" Koblenz und Mainz ziehen.

Was heraus kam, war ein kartographisches Missgeschick in Form eines schmalen Geländestreifens im Mittelrheintal zwischen Kaub und Lorch sowie Limburg an der Lahn, der von der Form her einem Flaschenhals ähnelte. Da hatten sich die alliierten Planer aber total verschätzt und einen geografischen Puffer mit dramatischen Folgen für die immerhin 17.000 Menschen der Region hinterlassen.

Staatsrechtlich blieb das groteske politische Gebilde allerdings weiter Teil von Preußen.
Am 3. Januar 1919 genehmigte daher das damalige Oberpräsidium Kassel die Selbstverwaltung der Minirepublik. Das ermutigte wiederum die Bevölkerung der Enklave fortan heftigen Widerstand gegen die Besatzer jenseits der beiden "Grenzen" zu leisten, allen voran der damalige Bürgermeister von Lorch und Mitglied der Zentrumspartei, Edmund Anton Pnischeck.
Dieser fasste sich ein Herz und rief am 10. Januar 1919 per Telegramm an die deutsche Waffenstillstandskommission den sog. "Freistaat Flaschenhals" aus.

Karte des Freistaats Flaschenhals, 1919–1923.[Bild: Wikipedia-Nutzer Ziegelbrenner [CC BY-SA 3.0]]

Pnischeck wurde nun als Vertreter des damaligen Limburger Landrates Robert Büchting mit weitgehenden Vollmachten ausgestattet, um das neu entstandene politische Gebilde einigermaßen verwalten zu können. Pro forma war Pnischeck somit das politische Oberhaupt, der "Präsident" des "Freistaates Flaschenhals" und Kopf der Selbstverwaltung, die notgedrungen sogar eine eigene Währung in Zeiten einer immer schneller galoppierenden Inflation hervorbrachte.

Dieses durchaus bizarre politische Unikum rechts des Rheins umfasste die Orte Lorch, Kaub, Lorchhausen, Sauerthal, Ransel, Lippborn, Wollmerschied, Welterod, Zorn, Strüth, Egenroth und weiter Hahnstätten, Laufenselden, hoch bis nach Limburg an der Lahn.
Der "Flaschenhals" war am Anfang des Korridors zwischen dem Rosstein nördlich von Kaub und bis zum Bodenthal südlich von Lorch ca. 20 Kilometer und an der engsten Stelle bei Egenroth nur 800 Meter breit, erreichte aber vom Rhein bis zur Lahn eine Länge von immerhin 55 Kilometern.

Das Gebiet befand sich damit über Nacht in einer verhängnisvollen isolierten und absolut prekären Situation:
Die Bevölkerung durfte nicht einmal die amerikanische Besatzungszone im Norden und die französische Besatzungszone im Süden des Flaschenhalses betreten, die gewohnten Handelswege waren über Nacht gesperrt und besonders von den Franzosen streng kontrolliert.

Die über Jahrhunderte gewachsene Infrastruktur war plötzlich gekappt. Kein Schiff durfte mehr zwischen Kaub und Lorch am Rhein anlegen und Züge fuhren ohne Halt durch den "Flaschenhals".

Die französischen Besatzer setzten, so hatte man damals den Eindruck, durch ihre stringenten Maßnahmen alles daran, die Bevölkerung langsam zu zermürben. So wurden unter anderem Telefon- und Telegraphenleitungen gekappt und die Briefpost einfach nicht mehr an die Empfänger weitergeleitet.

Natürlich erforderte die nun eingetretene Krisensituation außergewöhnliche Maßnahmen:
So ließ Pnischeck eine provisorische, teils nur mit Holzknüppeln befestigte Straße durch das zum Teil unwegsame Gelände mit vielen Bergen und Wäldern nach Limburg bauen, sowie eine provisorische Telegrafenleitung errichten. Auch konnte kurzfristig eine gangbare und zuverlässige Postverbindung durch die neu entstandene Flaschenhalsregion geschaffen werden.

Die Grundversorgung der Bevölkerung in diesem neuen "Staat" war nicht nur durch das Kriegsende anfangs sehr problematisch. Lorch und Kaub hatten bis zu diesem Zeitpunkt außer dem Weinbau keine nennenswerte Landwirtschaft wie beispielsweise Getreide- oder Kartoffelanbau vorzuweisen.

Außerdem konnten auf der neuen provisorischen Straße keine voll beladenen Lastwagen fahren.

Not macht bekanntlich erfinderisch: So wurden viele Nahrungsmittel und Brennstoffe illegal durch den jetzt aufblühenden Schmuggel in den "Flaschenhals" gebracht. So trieben beispielsweise in Nacht- und Nebelaktionen die Bauern aus den besetzten Gebieten Kühe und Rinder über die "unsichtbare Grenze" in das politische Vakuum. Von den in Lorch vor Anker liegenden Frachtkähnen verschwanden zentnerweise Mehl, Getreide und Salz, die auf verschlungenen Pfaden zu nächtlicher Stunde auf wundersame Weise den Weg in den "Freistaat Flaschenhals" fanden.

Die französische Besatzungsmacht ließ daraufhin mit starken Scheinwerfern jede Nacht von der schon besetzten linksrheinischen Seite aus die Rheinfront von Lorch bis Kaub ausleuchten. Allerdings ohne den gewünschten Erfolg:
Denn statt der erhofften Schmugglerware waren nur die nackten Hinterteile mutiger "Freistaatbuben" aus Lorch zu sehen.[Anm. 1]

Einmal wurde sogar ein in Rüdesheim am Rhein stehender, mit Ruhrkohle beladener, französischer Zug, der als Reparationsleistung an Italien bestimmt war, von beherzten Eisenbahnern entführt und in den "Flaschenhals" gefahren, wo die Kohle an die notleidende Bevölkerung verteilt wurde.

Der illegale Grenzverkehr und der Schmuggel blühten im Laufe der Zeit so auf, "dass es den Bewohnern des 'Flaschenhalses' vielfach besser ging, als manchen Bürgern im restlichen Deutschland", schreibt Peter Maxwill 2013 im "Spiegel".[Anm. 2]

Aufständische Bürger des Freistaates Flaschenhals.[Bild: Initiative Freistaat Flaschenhals]

Zorn im "Flaschenhals"

Wie das alltägliche Leben von 1919 bis 1923 im "Freistaat Flaschenhals" konkret aussah, zeigt das Beispiel von Zorn, in der Nähe der engsten Stelle des Korridors von nur 800 Metern:
Das Dorf war von der Kreisstadt Bad Schwalbach und dem Postort Nastätten völlig abgeschnitten. Die französische Besatzungsmacht verbot an der gesamten Demarkationslinie konsequent jeglichen Verkehr von Fuhrwerk, Kraftfahrzeug oder Personen von oder ins neutrale Gebiet.

Die Kinder aus dem benachbarten Ort Algenroth konnten nicht mehr den Unterricht in Zorn besuchen. Da die Zorner von dem bisherigen Standesamt Niedermeilingen getrennt waren, übernahm der Standesbeamte von Strüth diese Aufgaben und der Pfarrer von Egenroth die Seelsorge.

Ein in der französisch besetzten Zone liegendes Feld konnte von seinen Eigentümern aus dem neutralen Gebiet, nicht mehr bestellt werden. Die Zorner Bauern mussten deshalb tagsüber mit ihrem Getreide über schlecht  bestellte Waldwege in die Mühlen an den Rhein oder nächtens über Schleichwege ins 15 Kilometer entfernte amerikanisch besetzte Dörsdorf fahren. Jedes Mal ein neues Abenteuer und immer ein gefährliches Wagnis.[Anm. 3]

Dieser neue "Staat" war der französischen Kommandantur schließlich ein riesiger "Dorn im Auge", wenn nicht sogar ein immenser "Balken im Gesicht", auch weil sich der "Flaschenhals" zu einem willkommenen und beliebten Zufluchtsort entwichener deutscher Kriegsgefangener in der Nachkriegszeit entwickelte.

Das erkannte auch Jean J. Mordacq, der langjähriger Befehlshaber am Rhein war: "Etwa einen Kilometer von dem von uns besetzten Diez entfernt, bildete Limburg während der fünf Jahre, die ich im Rheinland zubrachte, immer ein für uns besonders gefährliches Zentrum. Dorthin flüchteten eben alle Deutschen, die im Rheinland irgendeinen schlechten Streich gespielt hatten, in der Gewissheit, in dieser kleinen Stadt Unterkunft und Geld zu finden".[Anm. 4]

Außerdem brüskierte der zum "Volksheld" avancierte Bürgermeister von Lorch am Rhein die Besatzer mehrfach, was für die Bevölkerung des "Flaschenhalses" allerdings zu schmerzhaften und spürbaren Sanktionen seitens der Besatzer führte. 

Am 25. Februar 1923, wenige Tage nach der Ruhrbesetzung, marschierten marokkanische Hilfstruppen der französischen Besatzungsmacht entgegen Artikel 43 des Versailler Vertrages vom 28. Juni 1919 in den "Flaschenhals" ein. Besagter Artikel sah nämlich vor, eine entmilitarisierte Zone von 50 Kilometer rechts des Rheins zu schaffen.
Pnischek, der sich zu diesem Zeitpunkt gerade auf einer Dienstreise nach Wiesbaden befand, kehrte nach Erhalt dieser Hiobsbotschaft schnurstracks nach Kaub zurück. Dort angekommen, wurde das "Staatsoberhaupt" sofort gefangen genommen und der französischen Militärverwaltung überstellt:
Diverse Aufsässigkeiten, Begünstigung von Schmuggleraktivitäten, der schon erwähnte Kohlenzugdiebstahl in Rüdesheim und überhaupt die Nichteinhaltung der geforderten Reparationsleistungen seitens Deutschlands wurden ihm in einem schnell anberaumten Prozess vorgeworfen.
Edmund Anton Pnischek wurde schließlich zu einer Haftstrafe verurteilt und sein Mitstreiter, der damalige Bürgermeister von Limburg Marcus Krüssmann, sogar zur Festungshaft ins nahe gelegene Koblenz verbracht.
Als Reaktion auf dieses Urteil der französischen Militärjustiz leisteten die Bewohner des "Freistaates Flaschenhals" jetzt erst recht passiven Widerstand gegen die Besatzer und verweigerten permanent jegliche Unterordnung, bis im November 1924 infolge der Londoner Konferenz vom 16. Juli bis 16. August desselben Jahres die rechtsrheinische Besetzung schließlich beendet wurde.

Hinweisschild auf den Freistaat Flaschenhals an der Lorcher Ausfahrt der Rheinfähre von Niederheimbach.[Bild: Wikipedia-Nutzer Kreuzschnabel [CC BY-SA 3.0]]

Der "Freistaat Flaschenhals" ist auch nach rund 100 Jahren immer noch in den Köpfen der Region präsent und dort weiterhin in aller Munde:
So wurde 1994 die sogenannte "Freistaat-Flaschenhals-Initiative" von Winzern und Gastronomen der Region aus zweifellos touristisch-kommerziellen Zwecken gegründet.
Außerdem wird die Erinnerung an den "Flaschenhals" mit diversen Hinweisschildern wachgehalten.
Ein Hinweisschild befindet sich am Rheinufer bei der Ausfahrt der Rheinfähre von Niederheimbach nach Lorch.
Ein zweites, gut vier Meter hohes hölzernes Wahrzeichen aus dem Jahre 2019 mit der Aufschrift "Freistaat Flaschenhals 1919-1923", prangt direkt am Ortseingang von Zorn zwischen zwei Obstbäumen.
Eine weitere Reminiszenz an das außergewöhnliche historische Gebilde befindet sich auf einer Hinweistafel an der K 614 von Zorn ins benachbarte Algenroth.

Obendrein gibt es auch noch Geldscheine aus dieser von der galoppierenden Inflation geprägten Zeit, welche heute gesuchte und beliebte Sammlerobjekte darstellen. Darauf prangen neben Abbildungen lokaler Sehenswürdigkeiten außerdem so markante Sprüche wie "In Lorch am Rhein, da klingt der Becher, denn Lorcher Wein ist Sorgenbrecher".

Schließlich wäre da noch der grüne oder rote Spaßpass "Freistaat Flaschenhals" mit gastronomischen Empfehlungen zu nennen, mit dem die Tourismusbranche heute nach fast 100 Jahren die Region bewirbt.

Waren die Menschen im "Freistaat Flaschenhals" etwa Aufsässige wie Asterix und Obelix im legendären gallischen Dorf gegen die Römer?[Anm. 5]
Oder waren es Bürger, die nach dem Motto verfahren sind: "Hoppla, wir gründen dann mal unseren eigenen Staat!"[Anm. 6]

Fakt ist - nach der Politologin Stephanie Zibell zu urteilen -, dass zwischen Kaub, Lorch und Limburg bereits 1920 wieder politische Normalität eingekehrt ist: "Pro forma gab es den Freistaat Flaschenhals aber bis zum 30. Juni 1930, dem Ende der Rheinland-Besetzung".

Hinweisschild auf den Freistaat Flaschenhals an der K 614 von Algenroth nach Zorn.[Bild: Wikipedia-Nutzer Kreuzschnabel [CC BY-SA 3.0]]

Nachweise

Verfasser: Wolfgang Höpp

Weiterführende Literatur:

  • Pnischeck, Edmund Anton: Der Freistaat Flaschenhals. Das groteske Gebilde der Besatzungszeit. Sonder-Abdruck aus den „Frankfurter Nachrichten“ 1924.
  • Zibell, Stephanie / Bahles, Peter Josef: Freistaat Flaschenhals. Historisches und Histörchen aus der Zeit zwischen 1918 und 1923. Frankfurt am Main 2009.
  • Zibell, Stephanie: Der Friede von Versailles und der Mittelrhein. Zur Entstehung des "Freistaates Flaschenhals" im Oktober /November 1918. Nassauische Annalen 123 (2012), S. 103-106.
  • Zibell, Stephanie: Straffe Verwaltung fehlte im "Freistaat". Wie sich eine kleine Region nach dem Ersten Weltkrieg selbst organisierte. Jahrbuch des Rheingau-Taunuskreises 2011, S. 103-106.

Erstellt am: 21.07.2022

Anmerkungen:

  1. https://www.rheingau.de/wein/freistaat-flaschenhals. Zurück
  2. Maxwill, Peter: "Hoppla, wir gründen einen Staat!", in: Der Spiegel. Ausgabe vom 22.2.2013. Zurück
  3. Interessengemeinschaft Internet Zorn (Hrsg.): "Zorn im Freistaat Flaschenhals", http://www.zorner.de/Geschichte /Flasche.htmlZurück
  4. Mordacq, Jean J. (1927): "La mentalité allemande". Die deutsche Mentalität. 5 Jahre Befehlshaber am Rhein. Unter Mitarbeit von Josef Gleichauf und Paul Kaufmann. Wiesbaden 1926. Zurück
  5. Vergleich von Mirijam Ulrich, Deutschlandfunk am 10.1.2009. https://www. Deutschlandfunk.de /schmuggler-und-schieber-100.htmlZurück
  6. Maxwill. Zurück