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Von der Reformation 1517 zur Kirchenunion 1822 in Rheinhessen - Evangelische Kirchenspaltung im 16. Jahrhundert und Wiedervereinigung im 19. Jahrhundert

"Sind Sie evangelisch? Ja! Welcher evangelischen Glaubensrichtung gehören Sie an?" So lautete eine durchaus alltägliche Frage in Rheinhessen noch am Anfang des 19. Jahrhunderts.

Mit dem Anschlag seiner 95 Thesen an der Schlosskirche zu Wittenberg am 31. Oktober 1517, provokativ einen Tag vor dem für die katholische Kirche höchst bedeutsamen Fest Allerheiligen, hat Martin Luther letztendlich die protestantische Reformation ausgelöst und damit innerhalb weniger Jahre zwei konfessionelle Strömungen jenseits des Katholizismus erzeugt, die zu einer dauerhaften mehr als 300 Jahre währenden Spaltung der evangelischen Kirche in Deutschland geführt haben.

Die Lutheraner mit Martin Luther (1483-1546) und Philipp Melanchthon (1497-1560) einerseits, die Reformierten mit Ulrich Zwingli (1484-1531) und Johannes Calvin (1509-1564) andererseits, standen einer durchaus kämpferischen katholischen Kirche gegenüber, die mit der Gegenreformation ab Mitte des 16. Jahrhunderts verlorenes Terrain zurückzugewinnen versuchte.
Zu dem bereits existierenden gesellschaftspolitischen Wirrwarr aufgrund der  ständigen Wechsel der politischen Herrschaftsverhältnisse und der damit verbundenen Devise "Cuius regio-eius religio" gesellte sich nun auch noch ein theologisches und konfessionelles Chaos, unter dem die rheinhessische Bevölkerung permanent zu leiden hatte. So wechselte beispielsweise Undenheim zwischen 1556 und 1650 achtmal die Konfessionszugehörigkeit.

Und die Realität in den Dörfern landauf landab sah nicht selten so aus, dass neben dem katholischen Glauben zwei evangelische Konfessionen mit insgesamt drei Seelsorgern nebeneinander existierten.

Eine Entspannung und Entzerrung brachte schließlich nach dem Dreißigjährigen Krieg 1618-1648 und den politischen Wirren der Pfälzischen Erbfolgekriege die Pfälzische Kirchenteilung 1705-1707, die in der Absicht vollzogen wurde, dem konfessionellen Durcheinander wirksam Einhalt zu gebieten und das religiöse Zusammenleben der Bevölkerung endlich in geordnete Bahnen zu lenken.

Konkret wurden die Kirchen in kurpfälzischen Gebieten mit den dazu gehörenden Pfarrhäusern ab 1705 zwischen den Reformierten und den Katholiken im Verhältnis fünf zu zwei aufgeteilt. Die sich in der Minderheit befindlichen Lutheraner gingen dabei leer aus, mussten ihre Gotteshäuser teilweise sogar selbst bauen.
Wobei es in dieser Zeit Sonderregelungen für die damaligen Oberamtsstädte Alzey und Oppenheim sowie für Bacharach gab.

Außerdem brachte die Kirchenteilung mit sich, dass sich für die damalige Zeit ein bemerkenswerter Kompromiss zwischen Katholiken und den Reformierten abzeichnete, in gewisser Weise eine frühe ökumenische Zusammenarbeit begann.

Das Bild zeigt die Gau-Odernheimer Rufus-Kapelle.
Gau-Odernheimer Rufus-Kapelle.[Bild: Harald Strube]

So gibt es in Rheinhessen mit Bechenheim, Bechtolsheim, Bermersheim vor der Höhe, Biebelsheim, Gau-Odernheim, Worms-Pfeddersheim und Worms-Rheindürkheim noch sieben Gemeinden, in denen entweder die gemeinsame Nutzung der Kirche wie in Bechenheim oder eine räumlich getrennte Nutzung des Gotteshauses in Form der "Simultankirche" unter einem gemeinsamen Kirchendach funktioniert.
Ein gutes Beispiel dafür findet sich in Gau-Odernheim. Der gotische Bau im Herzen des Ortes wurde zwischen 1415 und 1420, der Chor zwischen 1497 und 1507 fertiggestellt. Zwei Jahrhunderte später erhielten im Rahmen der Pfälzischen Kirchenteilung die Protestanten, sprich die evangelisch Reformierten, das Langhaus (Hauptschiff) und die Katholiken den Chor des Gotteshauses zur ausschließlichen Nutzung zugesprochen.
Zunächst nur durch eine Bretterwand getrennt, wurde 1891 schließlich eine steinerne Trennwand eingezogen. Der katholische Teil heißt "St. Rufus Kirche"und der evangelische Gegenpart trägt den Namen "ehemalige Stadtkirche". Diese Simultanlösung funktioniert bis heute reibungslos.

Das Bild zeigt die evangelische Kirche von Undenheim.[Bild: Rudolf Stricker]

Nicht immer konnte gleich auf eine interkonfessionelle Zusammenarbeit zurückgegriffen werden. Am Beispiel von Undenheim werden die Auswirkungen der Pfälzischen Kirchenteilung eindrucksvoll demonstriert: Bis 1705 nutzten Katholiken, Reformierte und Lutheraner die ortsansässige katholische Kirche "Maria Himmelfahrt" gemeinsam. Als das Gotteshaus schließlich ein Jahr später endgültig der katholischen Gemeinde zugesprochen wurde, mussten sich die beiden evangelischen Gemeinden notgedrungen ihre eigenen Kirchen bauen.[Anm. 1]

Nach einem 10 Jahre währenden Provisorium im benachbarten Selzen errichteten schließlich die Reformierten in Undenheim 1717 ein eigenes Gotteshaus.
Die Lutheraner hingegen bauten schon 1713 eine ganz einfache hölzerne Fachwerkkapelle ohne festes Mauerwerk. Nachdem 50 Jahre später das Kirchlein renoviert werden musste, entschloss sich die Gemeinde, in den Jahren 1779/80 eine neue Kirche am heutigen Standort im barocken Stil mit Giebel und einem Eingang zur Straße hin zu erbauen.

Das spätere Rheinhessen bestand bis zur zwangsweisen Angliederung an Frankreich 1794 aus 28 verschieden regierten Territorien. Nachdem 1814 die französische Besatzung kurz vor der Gründung des heutigen Rheinhessens im Jahre 1816 ein Ende fand, brachen die dort inzwischen etablierten evangelischen Strukturen weitestgehend zusammen. Diese Zäsur förderte den dringenden Wunsch aller in irgendeiner Form Beteiligten nach einer neuen gemeinsamen kirchlichen Ordnung und einem gemeinsamen Gottesdienst mit einer einheitlichen Abendmahlsregelung für alle evangelischen Christen.

Neun Pfarrer aus beiden evangelischen Lagern ergriffen die Initiative, konkret den Zusammenschluss der 53 lutherischen und 52 reformierten Gemeinden in Rheinhessen zu einer Kirchenunion zu fordern. 1818 wurde im Wörrstädter Pfarrhaus ein Vereinigungsvertrag erarbeitet, der alle Fragen hinsichtlich Theologie, Liturgie und Abendmahl behandelte.
Am 31. Juli 1822 war es dann endlich soweit: Der Antrag wurde genehmigt, nachdem sich etliche rheinhessische Geistliche wegen der zögerlichen Bearbeitung ihres Gesuchs beim hessischen Großherzog Ludwig I. persönlich beschwert hatten.
Die herzogliche Urkunde trug schließlich die prägnante und eindeutige Überschrift: "Kirchenunion - zwei Konfessionen - ein Abendmahl".[Anm. 2]

Die evangelischen Christen in Undenheim hingegen waren ihrer Zeit schon weit voraus und bildeten bereits von 1817-1822 eine Union zwischen Lutheranern und Reformierten. Durch den zukunftsträchtigen Beschluss des Gemeinderates im Jahre 1838 war schließlich der Weg frei, die ehemals lutherische Kirche als evangelische Pfarrkirche ab 1841 gemeinsam zu nutzen.

Nachweise

Verfasser: Wolfgang Höpp

Literatur:

Erstellt am: 25.03.2021

Anmerkungen:

  1. Dieter Curschmann: "Geschichte der Kirche und der Schule in Undenheim" in "Festschrift zur Restaurierung der katholischen Pfarrkirche Undenheim, 1976-1979" Hrsg.: Katholische Kirchengemeinde, 1979 , S. 42-130. Zurück
  2. Kraft, Tobias: Rheinhessen und die Kirchenunion der beiden protestantischen  Konfessionen. In: 500 Jahre Reformation in Rheinhessen, Hrsg.: Evangelische Kirchengemeinde Alzey 2017. Zurück