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Unter der Trikolore - Der Mainzer Dom in französischer Zeit

von Franz Dumont

Die Revolution kommt nach Mainz

Dombrand nach der Beschießung von 1793

Seit 1773 zeigt der "Domsgickel" auf dem Westturm den Mainzern die Windrichtung und ihren Wechsel an. Ein politischer Wechsel kündigte sich an, als am 7. Januar 1798 zu seinen Füßen eine Trikolore gehisst wurde: Zeichen dafür, dass die Französische Revolution den Rhein erreicht und dem tausendjährigen Erzbistum ein Ende bereitet hatte. Doch nicht nur der Wetterhahn, sondern der ganze Dom war in den bewegten Jahren um 1800 Zeuge für den tiefsten Einschnitt in der Mainzer Kirchengeschichte seit der Reformation.

Begonnen hatte dieser Umbruch im Sommer 1792. Am 19. Juli stimmten die 20 Domglocken in das Geläut aller Mainzer Kirchen ein, um den gerade in Frankfurt gekrönten Kaiser Franz II. zu begrüßen. Erzbischof-Kurfürst Erthal hatte ihn und andere gekrönte Häupter eingeladen, hier das Ende der Französischen Revolution einzuleiten, durch militärisches Eingreifen von außen. Diese "Campagne in Frankreich" scheiterte jedoch vollständig, denn schließlich standen nicht die Deutschen in Paris, sondern die Franzosen vor Mainz.

Hier geriet nun alles in Panik: Kurfürst Erthal floh am 3. Oktober heimlich aus seiner Residenz, ebenso das adlige Domkapitel; den Rhein hinab geflüchtet wurden auch Domschatz und Domarchiv. Zurück blieben die bürgerlichen Vikare (darunter Dompfarrer Scheuer), schon bisher die eigentlichen Träger von Gottesdienst und Seelsorge an der Kathedrale.

Sie mussten sich bald mit französischen Revolutionstruppen arrangieren, die Mainz am 21. Oktober Mainz so gut wie kampflos besetzten. Hiesige Revolutionsfreunde gründeten schon zwei Tage später einen Jakobinerklub, ganz bewusst im Schloss des Kurfürsten. Ebenso gezielt pflanzten sie ihren ersten Freiheitsbaum am 3. November auf dem Höfchen, am Ursprung und Zentrum der geistlichen Macht.  

Die "Wahre Sau im Tempel Salomons"

Doch die Revolution blieb nicht vor dem Dom, sie kam auch in ihn hinein. Schon dadurch, daß hier etliche französische Soldaten heirateten; erst recht aber am 11. Dezember durch ein Requiem für die bei der Rückeroberung Frankfurts durch die Deutschen kurz zuvor "meuchelmörderisch umgebrachten fränkischen Bürger". Dabei erklang zum Abschluss die Marseillaise, was frommen Mainzern als "wahre Sau im Tempel Salomos" vorkam, für die Franzosen aber ganz normal war. Denn 1792/93 wollten sie (und ihre deutschen Anhänger) die Religion noch nicht ausmerzen, sondern für die Revolution einsetzen. So am 13. Januar 1793, als bei der Errichtung des zweiten Freiheitsbaumes auf dem Markt - die Domdächer waren voll von Zuschauern -  ein feierliches Te Deum gesungen und ein Altar errichtet wurde. Allerdings ein politischer Altar, denn man verbrannte auf ihm Szepter, Krone und andere "kindische Unterscheidungszeichen des Feudalismus".  Bald sollten sämtliche alten Herrschaftssymbole verschwinden, voran die Wappen, klassische Zeichen des Adels. Besonders häufig waren sie im Dom, an den Grabmälern der Erzbischöfe und Kurfürsten. Sehr zum Ärger der neuen Stadtverwaltung, der "Munizipalität", doch wurde deren Drang zur 'Säuberung' von oben gebremst: Denn gerade die Wappen im Dom sollten, soweit sie "zur Erläuterung der Geschichte und der Literatur" dienten, erhalten bleiben. Doch die Munizipalität ließ nicht locker, erst recht, als hunderte Mainzern eine Petition unterzeichneten, die Monumente im Dom "als Andenken ihrer Ehrwürdigsten Bischöfe" unangetastet zu lassen. Vermuteten doch die Klubisten hinter der Initiative zum Denkmalschutz politische Absichten, nämlich die Ablehnung der Demokratie.

Einheit von Religion und Revolution?

Durchaus zu Recht, denn der Widerstand gegen eine Mainzer Revolution nahm seit Anfang 1793 erheblich zu. Seinen Höhepunkt erreichte er im Februar mit der Verweigerung des Eides auf Freiheit und Gleichheit und mit dem weitgehenden Boykott der Wahlen. So lehnten am 18. Februar auch sämtliche  Domvikare den Schwur auf die Republik ab; lieber wollten sie Mainz freiwillig verlassen. Dem kamen die Franzosen zuvor, indem sie kurzerhand das "ganze Heer der Klerisei" auswiesen. Neben dem Domstift war nun auch die Dompfarrei verwaist, und wir finden Scheuer Ende März im rechtsrheinischen Exil. Als curé provisoire taufte, traute und beerdigte jetzt der "geschworene" Priester Johann Karl Falciola, bislang Kanonikus an St. Johann. Sehr früh dem Jakobinerklub beigetreten, hielt er nun auf der Domkanzel scharfe politische Predigten und machte die Fronleichnamsprozession zur Demonstration der Einheit von Religion und Revolution: vom Dom aus begleiteten "Munizipalräte", mit blau-weiß-roten Schärpen angetan, und eine bunte Truppe von Franzosen das Allerheiligste. Als Subregens des Priesterseminars rief Falciola die Alumnen dazu uaf, sich "an der Kanone ebenso zu bewähren wie am Altar" !

Der Dom wird beschossen

Dieser kernige Spruch spiegelte natürlich die Situation von Mainz wider, das seit April von deutschen Truppen eingeschlossen war. Unter preußischem Oberbefehl versuchten sie, den Franzosen die wichtigste Festung des Reiches zu entreißen und zugleich das deutsche Jakobinernest auszuheben. In der Stadt musste sich alles den militärischen Erfordernissen unterordnen: So kam kein Widerspruch, als das Langhaus des Domes zum Lebensmittellager und die Gotthardkapelle zur Mehl- und Brotabgabestelle wurden. Gerade diese Versorgungsfunktion aber machte den Dom zum lohnenden Ziel für die preußischen Kanonen, die seit Mitte Juni - zwischen Bretzenheim, Hechtsheim und Weisenau in Stellung gebracht - täglich das Stadtzentrum beschossen; dabei waren gerade die alles überragenden Domtürme ideale Fixpunkte. Vergebens flehten  ausgewanderte Mainzer und der Kurfürst den preußischen König an, ihre Kirchen, die Kathedrale voran, zu schonen.

Zunächst wurde am Abend des 27. Juni die östlich des Doms gelegene Liebfrauenkirche Opfer des preußischen Bombardements. Das bei den Mainzern wegen seines Glockenspiels und Marienbildes sehr beliebte Gotteshaus erlitt samt Kreuzgang schwere Schäden, brannte aber nicht vollständig aus. Tags darauf traf es den Dom: Um 10 Uhr abends setzten die Preußen mit Feuerkugeln den Kreuzgang, die Osttürme, das Langhausdach sowie 15 Häuser in der Grebengasse in Brand. Die Dächer des Westwerks fingen nur deshalb nicht Feuer, weil sie bei der Erneuerung von 1767/73 in Stein ausgeführt worden waren. Allerdings glühten die Feuerkugeln im Inneren des "Stiftsturms" derart aus, dass drei von vier Glocken zerschmolzen und der Turm zur weithin sichtbaren 'Fackel' wurde. Noch schlimmer traf es den Pfarrturm im Osten, dessen Haube abbrannte und die 16 Glocken nach vierstündigem Brand herabstürzten. "Wie glühende Lava" floss das geschmolzene Metall auf Gewölbe und Dächer. Vernichtet war - neben dem  Geläut und der "Schwalbennest"-Orgel im Mittelschiff - aber vor allem die Dombibliothek im Obergeschoss des Kreuzgangs: Nichts von den kostbaren Manuskripten und Inkunabeln überstand das Inferno vom 28./29. Juni 1793.

Während die Bürger hilf- und fassungslos dem Untergang ihres Domes zusahen, erschien des zahlreichen Kriegstouristen rund um Mainz der Dombrand als Höhepunkt der Belagerung. Bei den Preußen rief er "das Jauchzen des rohen Soldatenhaufens hervor", und Zivilisten, von nah und fern angereist, jubelten "Oh wie schaurig, oh wie schön!". Goethe, seit Ende Mai in Marienborn Zuschauer dieses Kriegstheaters, prägte angesichts des Dombrandes das Wort von Mainz als "einer unselig glühenden Hauptstadt des Vaterlandes". Zwei Kriegsmaler aus seiner Begleitung wetteiferten darin, von der gespenstisch-schön erhellten Szenerie besonders eindrucksvolle "Nachtstücke" zu liefern.

Intermezzo des "ancien régime"

Nach Liebfrauen und dem Dom brannten mehrere Kirchen und zahlreiche Häuser zwischen Markt, Klarastraße und Langgasse ab. Mitte Juli hatte das preußische Bombardement erreicht, dass die französiche Garnison kapitulierte. Einige Jakobiner entkamen mit den abziehenden Franzosen, doch die meisten gerieten in Gefangenschaft und gingen danach ins Exil. So auch Falciola, den Scheuer im Juli 1793 allerdings recht kollegial behandelte. Doch der schwer getroffene Dom und die Zerstörungen zwischen Leichhof, Höfchen und Liebfrauenplatz waren nun Mitte einer Ruinenlandschaft. Symbole dafür, dass Mainz Glanz und Größe verloren hatte, aber auch Menetekel für den baldigen Untergang von Erzbistum und Kurstaat. Erzbischof Erthal blieb seiner Kathedrale fern, als er 1793/94 mehrmals Mainz besuchte, während die dem Schloss benachbarte Peterskirche zum "Ersatzdom" aufstieg; von den 24 Domherren kamen nur zwei zurück. Seit Herbst 1794 residierte Erthal nur in Aschaffenburg, und  an eine Renovierung des Domes war nicht mehr zu denken. Im Westchor feierte man zwar seit dem Martinstag 1793 wieder Gottesdienst, doch diente der größte Teil der Kirche zunächst den Preußen, dann den Österreichern als Lebensmittelmagazin, "denn keinem der Kriegführenden war der Ort heilig". So lagerten im September 1795 Korn, Gerste, Spelz, Hafer, Wolle und Heu. Wieder war der Dom als Magazin gefährdet, wenn die Stadt belagert wurde - jetzt von den Franzosen, die Mayence natürlich zurückerobern wollten. Dieses Ziel hatten sie Ende 1797 per Vertrag erreicht und konnten die Stadt am 30. Dezember erneut kampflos besetzen. Schon am 7. Januar 1798 pflanzten sie auf dem Markt einen Freiheitsbaum und hissten auf dem Westturm ihre Trikolore, die sie dem Wetterhahn in die Krallen gesteckt hatten.

Der Dom ein Symbol des Feudalismus?

Ein Gotteshaus war aber der ruinierte Dom schon vor dem Einzug der Franzosen nicht mehr gewesen. Erst recht schien eine so große Kirche in der inzwischen religionsfeindlichen Republik  überflüssig zu sein, allenfalls dem Militär nützlich. So nutzten auch die Franzosen den Dom als Magazin, dessen Wächter offenbar recht rüde mit der Altären und Monumenten umgingen.

Ohnehin schienen die Grabdenkmäler zu sehr an die "temps odieux du féodalisme" zu erinnern. Deshalb forderte die neue Departementsverwaltung schon im Mai 1798 eine 'Säuberung' der Monumente, was die nun weniger radikale "Munizipalität" jedoch unter Hinweis auf den (kunst-)historischen Wert hinauszögerte. Zugleich setzte sich der angesehene Geschichtskenner Bodmann vehement dafür ein, wenigstens die Grabmäler zu retten und (mit jenen aus dem Wormser und Speyerer Dom) in ein künftiges "Departementalmuseum" zu bringen. Dabei verwandte der Professor geschickt das 'politsch korrekte' Argument, die Grabmäler der Kurfürsten seien eigentlich Mainzer "Volkseigentum". Und nach Eröffnung des Museums könnten die Militärs darin noch mehr unterbringen als die über 600 Fässer Zwieback, die jetzt schon dort lagerten. Zugleich wies Bodmann auf die noch in Liebfrauen befindliche Willigis-Bronzetür hin, und reklamierte sie - wegen des Adalbert-Privilegs von 1135 - ebenso kühn wie geschickt als Beleg für das Freiheitsstreben der Mainzer.

Die Zeit zur Rettung des Kulturguts im Dom drängte. Denn schon im Januar 1801 kam ein Polizeikommissar, um das "Mobiliar" minutiös in 102 Nummern aufzulisten und zu taxieren. Vom 12. bis 19. März fand dann die öffentliche Versteigerung der noch immer recht wertvollen Innen-Einrichtung des Domes zugunsten der Republik statt. Vieles kam damals abhanden, gerettet wurde allerdings das Chorgestühl: Entweder, weil dem Schreiner, der es erworben hatte, vorerst der Platz zur Lagerung fehlte, oder weil Bodmann es selbst ersteigerte. Dessen frühzeitiger Warnung vor rechtsrheinischen 'Kunsträubern'war es auch zu verdanken, dass die Behörden den Verkauf von Denkmälern generell untersagten. Nach der Versteigerung aber schien es, als könnten in dem fast leeren Dom die Militär nun schalten und walten wie sie wollten. Zumal Mainz gerade durch den Frieden von Lunéville (9. Februar 1801) "endgültig" an Frankreich gekommen war. Damit schien für den Dom als Gotteshaus, erst recht als Kathedrale, das Ende bevorzustehen.

Wende in der französischen Kirchenpolitik

Das es nicht dazu kam, ist Folge der Wende in der französischen Kirchenpolitik: Im November 1799 hat in Paris General Napoleon Bonaparte die Macht übernommen, die Revolution kurzerhand für beendet erklärt - und mit ihr die kirchenfeindliche Politik, den "Laizismus" der letzten Jahre. Denn Napoleon will die Katholiken - noch immer die große Mehrheit der Franzosen - mit der Republik aussöhnen. Deshalb hebt er Zug um Zug die Unterdrückung der Religion auf. Er hat ihren sozialen, aber auch ihren politischen Nutzen erkannt, während viele noch davon reden, dass Glaube und Kirche überflüssig, ja, schädlich oder gar gefährlich seien. Indes handeln Napoleons Diplomaten schon in Rom ein regelrechtes Bündnis zwischen Kirche und Staat im republikanischen Frankreich aus. Am 15. Juli 1801 ist es dann soweit: das Konkordat zwischen dem Ersten Konsul der Republik, Napoleon, und Papst Pius VII. wird geschlossen. Frankreichs Katholiken jubeln, denn nun ist das Schisma von 1790 überwunden, wird die Kirchenorganisation wird wiederhergestellt und man kann seinen Glauben wieder öffentlich bekennen, den Sonntag feiern, Glocken läuten und Prozessionen abhalten. In allen Départements werden neue Bistümer errichtet; die neue Diözese Mainz umfasst nun das Département vom Donnersberg, d.h. Rheinhessen und die Pfalz. Der bisherige Erzbischof -  der todkranke Kurfürst Erthal in Aschaffenburg - muss abdanken und auf das linksrheinische Bistum verzichten. Zum "évèque de Mayence", zum Bischof von Mainz ernennt Napoleon den bisherigen Straßburger Domprediger Joseph Ludwig Colmar. Am 3. Oktober 1802 wird er in der Peterskirche - dem "Ersatzdom" seit 1793 - in sein Amt eingeführt. Von ihm erwarten die Mainzer Katholiken viel - nicht zuletzt die Rettung ihres Domes.

Dafür ist es auch höchste Zeit. Denn sein Inneres verkommt immer mehr. Das ruft die Mainzer Stadtverwaltung auf den Plan, und sie schlägt vor, die Hauptkirche zu "einem dem Commerz dienenden Gebäude" herzurichten. Damit können sich die Militärs natürlich nicht anfreunden, denn sie wollen ihr Magazin behalten; und die kirchentreuen Mainzer wollen ihren Dom nicht als Markthalle sehen. Für seine Rettung engagiert sich auch Friedrich Lehne, einst (1792/)3) ein begeisterter Jakobiner, jetzt Vorkämpfer für Achtung vor der Stadtgeschichte. Lehne setzt im Mai 1802 einen flammenden Aufruf in die Zeitung, in dem "die Zerstörung des Domes" als "Meisterstück der Rohheit und Habsucht brandmarkt, das lebhaft "an die Zeiten des Attila" erinnere. Sein Vorwurf, der Umgang mit dem Dom sei ein "Schandmal der Verdorbenheit", richtet sich aber auch gegen die Behörden, vor allem gegen die des Départements.

Abriss oder Rettung?

Denn dort scheint man am Schicksal der Mainzer "Hauptkirche", die inzwischen zum "Nationaleigentum" erklärt worden ist, kaum interessiert. Am wenigsten der Präfekt, Jeanbon St. André, der im Februar 1802 nach Mainz gekommen ist. Zwar erweist er sich schnell als tüchtiger Verwaltungschef, der viele nützliche Neuerungen durchsetzt. Doch für Altes und Traditionelles hat er Jeanbon nichts übrig, und so ist ihm das Schicksal des Domes gleichgültig, zumal er darin nur eine Ruine sieht, die der Stadtentwicklung im Wege steht.

Mit dieser Haltung stößt er aber nicht nur bei den Mainzern auf Widerstand, sondern auch bei einem anderen "Zugereisten", nämlich bei Bischof Colmar. Gerade fünf Tage im Amt erlässt der neue Oberhirte am 8. Oktober einen Aufruf, mit dem er Geld für ein neues Dach des Mittelschiffes sammeln will, um endlich die notdürftige Deckung von 1793/94 ersetzen zu können. Eine Woche später meldet der Bischof dem Präfekten, er lasse den Bauzustand des Domes untersuchen und bitte um einen staatlichen Zuschuss für die Renovierung. Mit all dem holt sich Colmar aber eine Abfuhr bei Jeanbon, der ihm Kompetenzüberschreitung vorwirft und keine Steuergelder für die Renovierung des "ehemaligen Domes" einsetzen will. Colmar läßt sich davon jedoch nicht abschrecken und wendet sich (am 10. November 1802) direkt nach Paris. Dort hat er in Kultusminister Portalis - einem ebenso gelehrten wie frommen Mann - schnell einen Verbündeten. Portalis beauftragt den Chef des Mainzer Bauwesens, den Architekten Eustache St. Far, mit einem Gutachten über den Dom, das - für manche überraschend - positiv ausfällt: Die Kathedrale von Mainz, so urteilt St. Far, sei außerordentlich solide gebaut und widerstandsfähig; wenn auch das Innere derzeit verwüstet sei, so habe der Dom doch eine gewisse Schönheit wegen seiner "gotischen Bauweise" - ein erstaunliches Urteil für eine Zeit, in der "gotisch"  eher ein Schimpfwort als ein Fachbegriff für alles Mittelalterliche ist. Zudem tritt der Architekt für eine Rückgabe des Domes an den Bischof sowie für eine Nutzung zu Kultuszwecken ein; und er fügt hinzu, Heuspeicher für die Armee gebe es in Mainz noch genug.

Der Dom wird gerettet

Das Gutachten des "Ingénieur en chef" wirkt: Minister Portalis weist den Mainzer Präfekten am 4. Februar 1803 an, seinen Widerstand gegen die Domrenovierung aufzugeben, doch soll er darauf sehen, dass dazu nicht allzu viele Steuergelder verwendet werden. Das lässt Jeanbon St. André eine Hintertüre offen: Zwar wird er als "Musterpräfekt" der Anweisung aus Paris Folge leisten, doch kann er ihre Realisierung mit der Finanzierungsfrage hinauszögern. Gedacht, getan: Als Colmar darum bittet, ihm die - aufgrund des Konkordates zwar verstaatlichten, aber noch nicht weiter verkauften - Güter der "Domfabrik" zurückzugeben, verschleppt der Präfekt dies ganz gezielt, denn er weiß, dass der Bischof den Ertrag dieser Güter zur Domrenovierung nutzen will. Auch lässt Jeanbon ein Gutachten erstellen, wonach die Wiederherstellung 300 000 Francs kosten würde, was sie geradezu illusorisch erscheinen lässt.  In seinem Federkrieg mit dem Bischof  - der sich bis in den Herbst 1803 hinzieht -  verschanzt sich der Präfekt auch hinter dem Militär, das vor Räumung des Domes einen Ersatzstandort für sein Magazin haben will, ja, er behauptet, er dürfe als Präfekt gar nicht über öffentliche Gebäude verfügen. Colmar wiederum glaubt nachweisen zu können, dass die Renovierungskosten nur ein Zehntel der vom Präfekten angegebenen Summe ausmachen, und dass er dies, ja sogar das Doppelte aus Spenden und kirchlichen Mitteln bestreiten könne - vorausgesetzt, er erhalte die Domgüter zurück. In Paris hat der Bischof schließlich den größeren Einfluss, und so ergeht dort am 7. November die Weisung an den Mainzer Präfekten, den Dom der Kirche zu überlassen. Jeanbon ist klug genug, dies am 21. November mit einer Urkunde zu tun, durch die der Dom gerettet ist - zumindest im Prinzip.

Mehr als ein Jahr hat das Tauziehen zwischen Bischof und Präfekt gedauert - aus vielerlei Gründen: Dazu gehören die Spannung zwischen weltlicher und geistlicher Gewalt,  weiterhin die ursprünglich calvinistische Konfession des Präfekten, seine aufklärerische Kirchenfeindlichkeit, aber auch der vorherrschende Kunstgeschmack, der Bau- und Bildwerkewerke des Mittelalters ebenso verachtete wie solche des Barock: So war der Mainzer Dom schon 1798 als "Tempel des Aberglaubens" diffamiert und seiner Westgruppe "arabische Monstrosität" bescheinigt worden; und noch 1810 hieß es - sicher mit Billigung des Präfekten - im offiziellen Handbuch des Départments, die "cathédrale de Mayence" sei nichts als ein Haufen ungeordneter Steine! Vor allem aber prallten bei dem Streit um Erhaltung oder Abbruch des Mainzer Domes 1802/03 die Vertreter von zwei Welten aufeinander auf einander: Hier der einst radikale Jakobiner, der in dem berüchtigten Wohlfahrtsausschuss gesessen hatte, im Grunde noch immer ein Anhänger der Revolution. Dort der von eben dieser Revolution schon früh enttäuschte, dann von ihr verfolgte Priester, der lange auf die "Wiederherstellung der Religion" durch Napoleon hatte warten müssen. Beide dienten jetzt überzeugt ein und demselben Mann, doch konnte ihre geistige Herkunft nicht gegensätzlicher sein.

Sanierung und Wiedereinweihung

Zurück zum Jahresende 1803: Der Präfekt hat zwar der Wiederherstellung des Domes zustimmen müssen, doch er lässt nichts unversucht, sie hinauszuzögern. Mit baupolizeilichen Verboten verhindert er, dass schon zu Weihnachten 1803 hier Gottesdienst gefeiert wird. Zugleich gibt es Gerangel um die von Colmar eingesetzte Baukommission, die Jeanbon nicht anerkennt und mit "seinen" Leuten umbesetzt. Außerdem behindert der Präfekt die Sammlung privater Spenden, und er steckt wohl auch hinter der Verzögerungstaktik der Militärs, die ihr Magazin im Dom nicht aufgeben wollen. Doch Ende Januar 1804 ist es dann soweit: der Dom wird geräumt, seine Wiederherstellung kann beginnen. Freilich gleicht das Gebäude "mehr einer mit Sturm eingenommenen Feste als einem Gotteshause" (Colmar), und die Handwerker haben viel zu tun, um wenigstens die gröbsten Schäden zu beseitigen. Vom Mobiliar ist  nur noch das Chorgestühl vorhanden, das freilich von dem 1801 "erfolgreichen" Steigerer zurückgekauft werden muss. Nur die Kniebank des Bischofssitzes muss - in den bescheidenen Formen des Klassizismus - erneuert werden, ebenso der Hochaltar; das Gitter zwischen Westchor und Mittelschiff wird entfernt. Aus der benachbarten Liebfrauenkirche, die seit Sommer 1803 abgebrochen wird, kommt das bronzene, ursprünglich für den Dom geschaffene Taufbecken zurück, allerdings erst nach langem Ringen mit dem Präfekten, der Geld dafür verlangt, es aber nicht bekommt. Auch werden die großen, unter Willigis gegossenen Bronzetüren wieder ins Marktportal eingehängt, in das sie - nach hunderten von Jahren - exakt hineinpassen. Der (unnötige) Abbruch der Liebfrauenkirche legt zwar die Ostgruppe frei, vernichtet aber das großartige mittelalterliche Ensemble von Tauf-, Marien- und Kathedralkirche.

Obwohl viele Mainzer darüber  verbittert sind, ist die Freude groß, als der Dom am 15. August 1804 mit einem Pontifikalamt Colmars wieder eingeweiht werden kann - im Beisein einer großen Volksmenge, aller Priester der Stadt, auch des neuen (rein bürgerlichen) Domkapitels, nicht zuletzt der Behörden, einschließlich des Präfekten. Dass er nicht ihm, sondern der Regierung in Paris die Rettung des Domes zu verdanken hat, weiß Bischof Colmar genau. Deshalb nimmt er die Wiedereinweihung auch am 15. August vor, denn an diesem Tag feiert man ist nicht nur das Fest Mariä Himmelfahrt, sondern auch den Geburtstag Napoleons, dem Colmar als  dem  "Wiederhersteller der Religion" unendlich dankbar ist. In dieser Haltung sieht er sich sechs Wochen später, Ende September/Anfang Oktober 1804,  bestätigt, als der nun zum Kaiser "gewählte" Napoleon Mainz besucht. Denn der "Empereur" dekretiert dabei kurzerhand, dass die noch immer umstrittenen Domgüter der Kirche zurückgegeben werden müssen und ihre Einkünfte größtenteils dem Dom selbst zugute kommen können, Schließlich spendet Napoleon persönlich noch 6000 Francs für die Mainzer Kathedrale.

Neue Glocken

Kein Wunder, wenn Colmar in den kommenden Jahren den 15. August im Dom besonders feierlich begehen lässt, und die Domschweizer seitdem napoleonische Uniformen tragen. Kein Wunder auch, wenn hier immer wieder ein feierliches Tedeum "für die von der französischen Armee erfochtenen Siege" erklingt. Diese Siege halten an, und zu den größten gehören jene von 1806/07 über die Preußen. Gerade sie kommen dem Mainzer Dom zugute: Denn als er - nach mehrjährigen Bemühungen -  1809 neue Glocken erhält, werden sie aus erbeuteten preußischen Kanonen gegossen. Das geschieht im September 1809 im Kreuzgang durch den aus Erfurt stammenden Joseph Zechbauer; Bischof Colmar weiht die Glocken am 24. September, und am Vorabend von Allerheiligen erklingen sie zum erstenmal. Zwar sind es nur vier (gegenüber 20 vor 1793!), doch hören die Mainzer zum erstenmal sei 16 Jahren ihren Dom wieder läuten. Ironie der Geschichte: das alte Geläut ist von preußischen Kanonen zerstört, das neue aus solchen gegossen worden. "Napoleon der Große", so ist auf der größten, der Martinusglocke, vermerkt, hat sie geschenkt. Das Glockengestühl aber hat ein Freund Napoleons gestiftet, Karl Theodor von Dalberg, der allerletzte Mainzer Erzbischof, seit 1803 aber nur noch Oberhirte des rechtsrheinischen Resterzbistums; die Eichenstämme kommen aus dem Spessart, einem Kernland des untergegangenen Kurstaates.

Ein letztes Mal als französisches Lazarett

Das neue Geläut lässt die Mainzer hoffen, dass ihr Dom bald wieder ganz hergestellt ist. Doch die Restaurierung zieht sich hin: 1811 trägt das Mittelschiff noch immer das Notdach von 1793, und die Ostgruppe ist so ruinös wie damals, der Kreuzgang ebenfalls. Eustache St. Far plant zwar - nach Art französischer Kathedralen - einen neuen Haupteingang, indem er die Ostapsis "aufschlitzen" will, und mit der Errichtung eines neuen Mittelschiffdaches soll 1813 begonnen werden. Doch die Zeiten sind nicht danach: Napoleons Herrschaft geht durch das Desaster seines Russlandfeldzugs (1812) ihrem Ende entgegen, das mit der Völkerschlacht von Leipzig (16,-18. Oktober 1813) näher rückt: Die "Grande Armee" strömt in heilloser Flucht nach Mainz, der östlichsten französischen Festung. Sie bringt eine Fleckfieberepidemie mit, die von November 1813 bis Februar 1814 etwa 20 000 Soldaten und über 2000 Bürgern das Leben kostet. Auch für den Dom eine Katastrophe, denn von 9. bis 28. November dient er als Lazarett für 6000 kranke, meist sterbende Soldaten, wird ein "grauenerregendes Seuchenlager". Hinzu kommt eine große Kälte, und so wird alles, was brennbar ist, verheizt - bis auf das Chorgestühl; 30 Feuerstellen gibt es in Mittel- und Seitenschiffen. In Kriegszeiten ist die Verwandlung einer Kirche in ein Lazarett freilich nichts außergewöhnliches, was auch Colmar so sieht und sich persönlich an der Krankenpflege im Dom beteiligt. Doch im Dezember werden die Soldaten verlegt und man treibt Ochsen in den Dom hinein, die schließlich hier auch  geschlachtet werden: wieder ein Tiefpunkt in der Geschichte des Domes. Doch ein regulärer Pferde- oder gar Schweinestall, wie noch heute immer wieder gerne kolportiert wird, ist der MainzerDom auch in den letzten Monaten der Franzosenzeit nicht gewesen. Weniger spektakulär als solche Mutmaßungen, aber folgenschwerer sind die Realitäten von 1813/14. Darunter die Tatsache, dass die Franzosen - deren Tage in Mainz gezählt sind -  das für die Restaurierung vorgesehene Geld und es bei ihrem Abzug Anfang Mai 1814 mitnehmen. Wieder ist der Dom verwahrlost, doch kann er - nach gründlicher Ausräucherung - am 12. November 1814 neu geweiht und dem Gottesdienst übergeben  werden. Bischof Colmar stirbt Ende 1818, zweieinhalb Jahre vor dem von ihm so verehrten Napoleon.

In der über 1000jährigen Geschichte des Mainzer Domes gehören die Jahre zwischen 1792/93 und 1813/14 zu den bewegtesten; in dieser Zeit schien es mehrfach, als sei das Ende des Domes gekommen. Doch durch beherzten Einsatz, auch von Mainzern, konnte er gerettet werden, als Kirche und als Kunstwerk. Dass dies gelang, ist aber vor allem vier Männern zu verdanken, die "von außen" kamen: dem Bischof Joseph Ludwig Colmar, dem Architekten Eustache St. Far, dem Pariser Kultusminister Portalis und - nicht zuletzt - Napoleon.

Nachweise

Verfasser: Franz Dumont
Erstellt am: 15.09.2009

Quellen:

  • Bischöfliches Dom- und Diözesanarchiv Mainz
    • Bestand 1/081
  • Stadtbibliothek Mainz, Handschriften
    • II, 1 und 3
    • III/ 33 - Mainzer Chroniken    
    • III/ 33,1 - "Tagebuch oder Geschichte meiner Zeit, vorzüglich der Stadt Mainz von Friedrich Kaspar Röth 170-1842  
    • III/ 33,2 - Mainzer Chronik von 1790 bis 1802 von Kaspar Schneider, Türmer zu St. Stephan  
    • III/ 33,3 - Chronik von Johann Adam Simon, von 1792 bis 1801
    • Kurmainzischer Hof- und Staatskalender auf das Jahr 1792, Mainz 1791
  • Stadtarchiv Mainz
    • Bestand 11,3 und 3a
    • Best. 20,9:  Kirchenbuch Dom 1768-1798 (Taufen, Heiraten, Todesfälle)
    • Best. 60, 1103: Dom 1798-1812
    • Handbibliothek, Sign.. HBA IV S 160 Antiquarische Wanderungen durch Mainz  von Friedrich Ludwig Dael (1808-1883)
  • Staatsarchiv Würzburg
    • Aschaffenburger Archivreste 214/51

Literatur

  • Bockenheimer, Karl Georg, Die Geschichte der Stadt Mainz während der zweiten französischen Herrschaft (1792-1814). 2. Aufl., Mainz 1891.
  • Brühl, Heinrich,   Mainz, geschichtlich, topographisch und malerisch dargestellt. Mainz 1829 (ND, mit e. Nachwort v. Friedrich Schütz. Neustadt a.a. Aisch 1997)
  • Dumont, Franz, Mayence. Das französische Mainz 1792/98 - 1814/16. In: Franz Dumont, Ferdinand Scherf, Friedrich Schütz (Hrsg.): Mainz. Die Geschichte der Stadt. 2. Aufl., Mainz 1999, S. 319-374
  • Gottron, Adam (Hrsg.), Tagebuch des Pfarrers Turin von St. Ignaz. In: Mainzer Almanach 1958, S. 152-182
  • Heinz, Elmar,  Doppelrad und Doppeladler. Die Festung Mainz zwischen Kaiser, Reich und Kurstaat im 1. Koalitionskrieg 1792-1797. Phil. Diss. Mainz 2002.
  • Paul, Roland, Geistlicher - Mainzer Klubist - Rentmeister in Lauterecken. Aus den Lebenserinnerungen des Johann Carl Falciola (1759-1841). In: Jahrbuch zur Geschichte von Stadt und Landkreis Kaiserslautern 16/17 (1978/79), S. 353-364 
  • Reber, Horst (Hrsg.), Goethe: "Die Belagerung von Mainz 1793". Ursachen und Auswirkungen. Mainz 1993
  • Rödel, Walter / Schwerdtfeger, Regina E. (Hrsg.), Zerfall und Wiederbeginn. Vom Erzbistum zum Bistum Mainz (1792/97-1830). Ein Vergleich. Festschrift für Friedhelm Jürgensmeier, Würzburg 2002
  • Scheel, Heinrich (Hrsg.), Die Mainzer Republik. Bd. I: Protokolle des Jakobinerklubs, Berlin (Ost) 1975
  • Schneider, Friedrich,  Der Dom zu Mainz. Mainz/Berlin 1886
  • Schramm, Wilhelm. Clausewitz. Leben und Werk. 2. Aufl., Esslingen 1977
  • Werner, Franz, Der Dom von Mainz und seine Denkmäler nebst Darstellung der Geschichte der Stadt [...], T.1 u. 3,  Mainz 1827/36