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0.Betzdorf im Ersten Weltkrieg anhand von Sekundärliteratur

Betzdorf gehört zum Kreis Altenkirchen. Der Kreis Altenkirchen liegt im Oberwesterwald, nahe dem Siegerland. Seine Bevölkerung ist überwiegend evangelisch. Betzdorf war schon vor 1914 industrialisiert und hatte viel eisenverarbeitende Industrie. Der wirtschaftliche Bezug zum Ruhrgebiet war in dieser Region deutlich zu spüren. Während des Verlaufs des Ersten Weltkrieges nahm Betzdorf eine herausragende Stellung (im Kreis Altenkirchen) ein, da sich hier der Kopfbahnhof befand.[Anm. 1]

Für die Darstellung des Verlaufs des Ersten Weltkrieges in Betzdorf hat die Verfasserin einen Beitrag aus dem Jahre 1987 herangezogen und zwar: Thomas A. Bartolosch und Eckard Hanke: Mobilmachung und Brotration. Der Erste Weltkrieg im Kreis Altenkirchen in Foto- und Textdokumenten 1987.

0.1.Der Beginn des Ersten Weltkriegs

Am 30. Juni 1914 berichtete die Betzdorfer Zeitung ausführlich über das Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin Herzogin von Hohenburg im serbischen Sarajewo. Die Zeitung vermutete: Spätestens jetzt ist mit einem Kriegseinbruch zu rechnen.

Am 27. Juli 1914 schloss die Betzdorfer Zeitung einen aufkommenden Weltkrieg nicht mehr aus. Mehrere einseitige Extra-Blätter folgten, bis am 31. Juli 1914 der Kriegszustand publik gemacht wurde. Am 1. August 1914 folgte die offizielle Mobilmachung, die für den darauffolgenden Tag angesetzt wurde.[Anm. 2]

Innerhalb des Kreises Altenkirchen dürfte sich der Erste Weltkrieg in Betzdorf am schwerwiegendsten ausgewirkt haben, da sich in Betzdorf der Knotenpunktbahnhof befand. In der Folgezeit bewachten Eisenbahner alle Eisenbahnanlagen, Brücken und Tunnels. Sie waren mit Karabinern ausgerüstet. Plakate mit der Aufschrift „Erklärung des Kriegszustandes“ informierten die Dorfbewohner.[Anm. 3]

Wie auch in anderen Teilen des Deutschen Reichs, wurde auch in Betzdorf der Beginn des Ersten Weltkrieges von einem großen Teil der Bewohner begrüßt. Der Patriotismus der Betzdorfer zeigte sich besonders am Kopfbahnhof, da von hier aus die Truppenzüge ausfuhren.

Am 1. August waren die einfahrenden Truppenzüge mit Blumen geschmückt und von Soldatenliedern begleitet. Die Soldaten zeichneten Sprüche und Karikaturen mit Kreide auf die Waggons und gaben so ihrer patriotischen Stimmung Ausdruck. Am Bahnhof standen 16 große Kochkessel zur Versorgung der durchreisenden Soldaten, doch es musste schnell gehen. Allein vom 1. bis zum 2. August fuhren 75 Militärzüge durch Betzdorf. In den folgenden Tagen und Nächten rollten die Züge meist im Viertelstunden-Takt durch den Bahnhof. Aus diesem Grund war der zivile Güter- und Personenverkehr größtenteils eingestellt worden. Nur noch Reservisten konnten mittels einer Sondergenehmigung in ihre Heimat einreisen.[Anm. 4]

Erste Kriegsverluste dämpften in Betzdorf die allgemeine Kriegsbegeisterung rasch. Bereits am 13. August 1914 trafen die ersten Verwundeten im Ort ein. Besonders viele Verwundete brachte jedoch der 2. Oktober 1914: Von Sedan kamen 193 Schwerverwundete und 800 Leichtverwundete an.

Um die Kriegsversehrten versorgen zu können, wurden zwei Reservelazarette in der Eisenbahnersiedlung errichtet. Der „Vaterländische Frauenverein“ übernahm auch hier die Versorgung und die Betreuung der Verwundeten. Darüber hinaus nahm der Kreis Altenkirchen im November 1914 etwa 2.000 Flüchtlinge aus den umkämpften Gebieten in Frankreich auf.[Anm. 5]

0.2.Die wirtschaftliche Entwicklung

Vor Beginn des Ersten Weltkrieges war die eisenverarbeitende Industrie im Kreis Altenkirchen eher rückläufig. Sie war bereits von den effizienter arbeitenden, leistungsfähigeren Großkonzernen des nahe gelegenen Ruhrgebietes überholt. Dies änderte sich mit Beginn des Ersten Weltkrieges. Da das Deutsche Reich vom Export weitgehend abgeschnitten war, mussten veraltete Industrieanlagen gezielt gefördert werden. So wurde die eisenverarbeitende Industrie im Kreis Altenkirchen wieder reaktiviert und erhielt eine Fülle an Rüstungsaufträgen.

Beispielhaft hierfür könnte die Waggonfabrik Gebr. Ermert in Betzdorf genannt werden. Im Jahr 1907 waren hier 150 Mitarbeiter beschäftigt. Während der Kriegswirtschaft stellte die Waggonfabrik Gebr. Ermert Waggons und Granaten her, sodass die Zahl der Mitarbeiter auf 1.000 erweitert wurde. Darunter befanden sich auch russische Kriegsgefangene. Im Krisenjahr 1916/17 expandierte das Unternehmen erneut, wobei es zu einem weiteren Bau von Fabrikhallen kam.

Mit der Granatenproduktion befassten sich auch die Geldschrankfabrik Heinrich Nickel in Betzdorf, die Maschinenfabrik Breidenbach in Betzdorf und die Sieg-Rheinische-Maschinen- und Lokomotivfabrik Arnold Jung in Kirchen / Jungenthal.[Anm. 6]

Da die Arbeitskraft von Kriegsgefangenen im Ersten Weltkrieg ein wichtiger Faktor war, sorgten auch die Bürger in der Ortschaft Betzdorf bereitwillig für die Verpflegung der anwesenden Franzosen und Russen. Wenn diese nicht in der eisenverarbeitenden Industrie tätig waren, ersetzten sie die städtischen Arbeitertruppen und reinigten Straßen, Kanäle und legten Gasleitungen.[Anm. 7]

Weiterhin mussten auch Frauen in den Rüstungsbetrieben und in Ober-Tage-Anlagen der Erzgruben arbeiten.

Ein großes Problem für die Stadtverwaltung in Betzdorf war die Sicherstellung der Lebensmittelversorgung. Sie sah sich gezwungen, ein Lebensmittel nach dem anderen öffentlich zu bewirtschaften und Lebensmittelkarten einzuführen.

Die Betzdorfer Bürger klagten über die zunehmende Verknappung und auch qualitative Verschlechterung der Lebensmittel. Vor allem der Erhalt von ausreichend Brot spielte eine wichtige Rolle. Ab dem 20. Februar 1915 wurde die Menge an Brot rationiert und einem Erwachsener wöchentlich 1.750 gr. Brot oder 1.400 gr. Mehl. Zur Verfügung gestellt. Unmut löste das Kriegsbrot insbesondere deshalb aus, da es aufgrund seiner vielen Zusätze (besonders bei älteren Menschen) als relativ unbekömmlich galt. Das Roggenbrot war mit Kartoffeln und in den Hungerjahren nach 1916 sogar mit gemahlener Brotrinde oder Rüben versetzt und durfte anschließend in Holz-Sägemehl gewalkt werden.[Anm. 8]

0.3.Ein Rezept aus dem Ersten Weltkrieg

Kölner Sparbrot

(Spindler, Sonja & Horbelt, Rainer: Die deutsche Küche im 20. Jahrhundert: Von der Mehlsuppe im Kaiserreich bis zum Designerjoghurt der Berliner Republik. Eichborn, 2000)

400 g Mais. 350 g Gerstenmehl. 100 g Kartoffelmehl (oder Reismehl). 200 g Sauerteig. 100 g Kleie. 2 Teelöffel Dextrin (oder Backpulver). Salz. Wasser. Gewürze (Kümmel, Koriander oder Sonnenblumenkerne).

Die Maiskörner auf einem Backblech im vorgeheizten Ofen etwa ½ Stunde dörren lassen. Nach dem Abkühlen in einer Schrotmühle mahlen. Das Maismehl mit lauwarmem Wasser zu einem pappigen Teig anrühren. Gersten- und Kartoffelmehl, Sauerteig, Backpulver und Gewürze einarbeiten. Dabei soviel Wasser zusetzen, dass ein fetter Kloß entsteht. Den Teig etwa 1 Stunde ruhen lassen, danach ein Brot (oder zwei kleine) daraus formen und 1 bis 1½ Stunden backen lassen.

[Anm. 9]

Im Kriegswinter 1917/18 spitzte sich die Ernährungskrise zu, da nun auch noch die Kartoffeln knapp wurden. Besonders die Großstädte waren von dem zunehmenden Mangel hart betroffen. Im ländlichen geprägten Betzdorf hingegen gelang es der Bevölkerung, die landwirtschaftliche Produktion aufrechtzuhalten. In diesem Zusammenhang kamen mit der Zeit immer mehr Jugendliche aus Köln und Bonn in die ländlichen Gebiete des Kreises Altenkirchen, um dort nach Nahrungsmitteln, etwa nach herumliegenden Kartoffeln auf den Äckern oder nach ungepflücktem Obst, Ausschau zu halten.[Anm. 10]

Trotz der vergleichsweise günstigen Versorgungslage konnten die Bürger der Ortschaft Betzdorf im Zuge der allgemeinen Rohstoffverknappung nur noch über Karten die zum Leben notwendigen Rohstoffe beziehen. Wie im gesamten Deutschen Reich wurden außerdem Beschlagnahmungen von verwertbaren Materialien in großem Umfang durchgeführt. Besonders in den Kirchen befanden sich wertvolle Metalle, die beschlagnahmt und zu Kriegszwecken eingesetzt wurden, darunter die Prospektpfeifen der Kirchenorgeln und die Zinn-Einfassungen an den Bierglasdeckeln der Kirchenfenster. Am 18./19. Juni 1916 wurden in Betzdorf an der evangelischen Kirche in der Kreisstadt Altenkirchen die Glocken abgenommen.[Anm. 11] Neben dem Spendenaufruf zur Abgabe der Eheringe, sollten die Betzdorfer sich an Kriegsanleihen beteiligen, die zumeist von Schulklasseneingesammelt wurden.

Die Zwangsbewirtschaftung von Lebensmitteln und Rohstoffen führte dazu, dass der Schwarzmarkt selbst im industriell strukturierten Oberkreis Altenkirchen blühte. Besonders bei der eisenverarbeitenden Industrie gab es hohe Kriegsgewinne die nur wenigen Großindustriellen zu Gute kam. Durch die Zwangsbewirtschaftung verschwanden Lebensmittel und Waren aller Art aus den normalen Verteilungsbahnen. Sie waren nur noch gegen ungeheure Wucherpreise erhältlich.[Anm. 12]

0.4.Betzdorf bei Kriegsende

Der Bürgermeistereibezirk Betzdorf registrierte nach dem Waffenstillstand vom 9. November 1918 insgesamt 273 Gefallene, davon 184 aus Betzdorf selbst.[Anm. 13]Das Denkmal für die gefallenen Gymnasiasten am Gymnasium (1923), für die 22 gefallenen Turner des „Betzdorfer Turnvereins 1881“ an der Turnhalle (1926) sowie für alle Betzdorfer Weltkriegsgefallenen in den „Rainanlagen“ (1931) wurden mit finanzieller Hilfe der Firma Krupp (Papierfabrik), der Waggonfabrik Gebr. Ermert und der Treibriemenfabrik Siegerland errichtet und erinnern noch heute an die Geschehnisse des Ersten Weltkriegs.[Anm. 14]

Verfasserin: Regina Fiebich

erstellt am: 14.12.2015

red. Bearb. KT

Literatur:

Thomas A. Bartolosch und Eckard Hanke: Mobilmachung und Brotration. Der Erste Weltkrieg im Kreis Altenkirchen in Foto- und Textdokumenten 1987.

Anmerkungen:

  1. Betzdorf erhielt 1953 die Stadtrechte und ist seit 1968 Sitz einer Verbandsgemeinde mit den Ortschaften Alsdorf, Grünebach, Scheuerfeld und Wallmenroth. Zurück
  2. Thomas A. Bartolosch: „Der Kriegszustand erklärt“, S. 14 – 18. In.: Thomas A. Bartolosch und Eckard Hanke: Mobilmachung und Brotration. Der Erste Weltkrieg im Kreis Altenkirchen in Foto- und Textdokumenten 1987. Zurück
  3. Bartolosch: „Der Kriegszustand erklärt“, S. 14–18. Zurück
  4. Bartolosch: „Der Kriegszustand erklärt“, S. 14–18. Zurück
  5. Bartolosch: „Der Kriegszustand erklärt“, S. 14–18. Zurück
  6. Bartolosch: „Granatendreherei und 1750 Gramm Brot“, S. 19–21. In.: Thomas A. Bartolosch und Eckard Hanke: Mobilmachung und Brotration. Der Erste Weltkrieg im Kreis Altenkirchen in Foto- und Textdokumenten; 1987. Zurück
  7. Bartolosch: „Granatendreherei und 1750 Gramm Brot“, S. 19–21. Zurück
  8. Bartolosch: „Granatendreherei und 1750 Gramm Brot“, S. 19–21. Zurück
  9. http://www.kommern.lvr.de/media/freilichtmuseum_kommern/dateien/Rezepte_Erster_Weltkrieg.pdf Zurück
  10. Hanke: „Zeichnet Kriegsanleihen“ S. 22–26. In: Thomas A. Bartolosch und Eckard Hanke: Mobilmachung und Brotration. Der Erste Weltkrieg im Kreis Altenkirchen in Foto- und Textdokumenten 1987. Zurück
  11. Bartolosch: „Granatendreherei und 1750 Gramm Brot“, S. 19–21. Zurück
  12. Bartolosch: „Granatendreherei und 1750 Gramm Brot“, S. 19–21. Zurück
  13. Bartolosch: „Granatendreherei und 1750 Gramm Brot“, S. 19–21. Zurück
  14. Hanke: „Zeichnet Kriegsanleihen“ S. 22–26. Zurück