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0.Erinnerung und ihre Aktualisierung. Otto III., Aachen und die Karlstradition

von Knut Görich

Über das, was zu Pfingsten des Jahres 1000 in Aachen geschah, wusste der Chronist Thietmar von Merseburg eineinhalb Jahrzehnte später nur wenig zu berichten: „Weil er (Otto III) darüber im Zweifel war, wo die Gebeine des Kaisers Karl ruhten, befahl er, nachdem heimlich der Bodenbelag dort aufgebrochen worden war, wo er sie vermutete, zu graben, bis sie in solio regio gefunden wurden. Das goldene Kreuz, das um seinen (Karls) Hals hing, nahm er zusammen mit einigen noch unvermoderten Teilen des Gewandes an sich und das übrige legte er mit großer Verehrung wieder zurück“. [Anm. 1]Drei weitere Quellen berichten unterschiedlich ausführlich, aber auch teilweise übereinstimmend von dem Ereignis. Ich habe schon an anderer Stelle diese Zeugnisse zu deuten versucht und fasse mein Ergebnis hier nur kurz zusammen: [Anm. 2] die Graböffnung könnte meines Erachtens gleichsam das erste Glied einer ganzen Kette aufeinanderfolgender Handlungen gewesen sein, an deren Ende die Begründung eines Heiligenkultes um den Karolinger hätte stehen sollen. Das Wissen um die genaue Lage des Grabs und um das Vorhandensein der Gebeine war unverzichtbare Voraussetzung eines jeden Heiligenkults. Ob sie, wie Thietmar sagt: „wo (Otto) sie vermutete“, aber auch tatsächlich bestattet waren, konnte nur eine Überprüfung ergeben. Sie geschah in der gebotenen Heimlichkeit, den schließlich gefundenen Leichnam verehrte Otto wie den eines Heiligen. Der Auffindung eines Heiligen folgte üblicherweise die Erhebung der Gebeine und ihre Verehrung. Eine solche Anerkennung Karls als eines Heiligen und damit auch die Integration seines Kults in das liturgische Geschehen unterblieb in Aachen jedoch – vielleicht deshalb, weil nach damaligen Vorstellungen ein der Verehrung würdiger Märtyrer nur sein konnte, wer um des Glaubens willen einen gewaltsamen Tod erlitten oder sich einem asketischen Leben verschrieben hatte; beides traf auf den Karolinger nicht zu. [Anm. 3] Vielleicht sollte auch eine päpstliche Zustimmung eingeholt werden, etwa um dem Kult Gültigkeit in der Gesamtkirche und damit größeres Ansehen zu vermitteln, wie es bei Ulrich von Augsburg der Fall war. Ottos früher Tod knappe zwei Jahre nach den Aachener Pfingsttagen ließ mögliche Pläne nicht reifen. [Anm. 4] Viele Fragen bleiben offen, sicher ist nur, dass die Graböffnung der Höhepunkt von Ottos Karlsverehrung war – und dass eine kultische Verehrung Karls des Großen auch das Ansehen der Marienkirche erhöht hätte.

Beachtung verdienen die Rahmenbedingungen des Geschehens. Die Graböffnung selbst ist gewiss ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass zum historischen Umgang mit Karl dem Großen vor allem auch, wie Bernd Schneidmüller unlängst formulierte, „die Sehnsüchte seiner Nachgeborenen (gehören), die den Kaiser für ihre jeweilige Gegenwart benötigten“. [Anm. 5] Die erste meiner zwei Fragen ist daher, inwieweit die Aktualisierung der Karlstradition mit dem politischen Handeln Ottos III. zusammenhing.

0.1.Karlstradition und aktueller politischer Hintergrund um 1000

Die schriftliche Überlieferung berichtet nirgends explizit von der Vorstellung, die in Ottos Umgebung von Karl dem Großen lebendig und Bezugspunkt der Graböffnung war. Zur Rekonstruktion möglicher Motive bleibt zunächst nur die Einordnung des Geschehens in seinen ereignisgeschichtlichen Kontext. Bekanntlich bildete die Pfingstfeier in Aachen den Abschluss von Ottos Pilgerfahrt nach Gnesen; mit dem Besuch am Grab Adalberts von Prag, den sein Martyrium 997 zum Heiligen gemacht hatte, war die Errichtung eines Erzbistums und damit die Begründung einer eigenen polnischen Kirchenorganisation verbunden.

Der Zeitpunkt der Gnesenreise ist auffällig: Aufbruch aus Rom im Dezember 999, Alpenübergang in den ersten Januartagen des Jahres 1000, Anfang März Ankunft in Gnesen. Zu einem anderen Zeitpunkt wäre eine Alpenüberquerung vielleicht weniger beschwerlich gewesen. [Anm. 6] Aber wäre der Kaiser später aufgebrochen, dann hätte er zwar vielleicht Ostern in Quedlinburg und Pfingsten in Aachen feiern können, wie er es dann ja auch getan hat; beide kirchlichen Hochfeste hätte er dann aber nicht nach, sondern vor seiner Gnesenfahrt feiern müssen. Will man die Winterreise nicht für bloßen Zufall halten, dann gibt es eigentlich nur einen Grund für ihren Termin – dass nämlich eine bestimmte zeitliche Abfolge eingehalten werden sollte: erst die Reise zum Heiligengrab nach Gnesen, dann Oster- und Pfingstfeier. Pfingsten ist das Fest der Ausgießung des Heiligen Geistes über die Apostel, und das in der Apostelgeschichte überlieferte Sprachwunder steht für die Universalität der christlichen Verkündigungsaufgabe. Der Zeitpunkt – das Pfingstfest – macht auf einen zentralen Aspekt in Ottos Auffassung von seinem Kaisertum aufmerksam: die Aufgabe der Glaubensverbreitung. [Anm. 7]  

Es ist nicht ausgeschlossen, dass sowohl Gnesenfahrt wie Graböffnung im Jahr 1000 wegen der Bedeutung dieses Jahres stattfanden. Dass das Jahr 1000 nicht eines wie jedes andere auch gewesen ist, belegt schon eine so scheinbar beiläufige Notiz wie die des Odilo von Cluny, dass mit dem Tod der Kaiserin Adelheid das Jahr 1000 herannahte. [Anm. 8] Deutlicher heißt es in den Hildesheimer Annalen: „Während der Regierung des dritten Otto überstieg das tausendste Jahr die Zahl der festgesetzten Berechnung, so, wie geschrieben steht: das tausendste Jahr überwindet und übersteigt alles.“ [Anm. 9] Zweifellos hatte es mit dem Jahr 1000 im Bewusstsein mancher Zeitgenossen etwas Besonderes auf sich. In seinen wohl in den zwanziger Jahren des 11. Jahrhunderts begonnenen „Historiarum Libri Quinque“ gibt der cluniazensische Geschichtsschreiber Rodulfus Glaber den Grund solcher Aufmerksamkeit zu erkennen, indem er viele positive wie negative Beobachtungen zur Lage der Christen seiner Zeit mit dem Hinweis auf den Ablauf von tausend Jahren verbindet; dabei nahm er mal die Geburt, mal den Kreuzestod Christi als chronologischen Bezugspunkt. [Anm. 10] Nicht unbedingt die Furcht vor dem Ablauf der apokalyptischen Tausend-Jahr-Frist macht ihn also sensibel für diese Jahreszahlen, sondern eher die Erinnerung an die Menschwerdung Christi, gewissermaßen also der Jubiläumscharakter des Jahres 1000 bzw. 1033 als tausendste Wiederkehr der Geburt bzw. der Passion Christi. [Anm. 11]Auch an Ottos Hof war bekannt, in welchem Jahr man lebte: jede der Datierungen gemäß dem Inkarnationsjahr in den 32 Urkunden aus dem Jahr 999 oder in den 37 Urkunden aus dem Jahr 1000 [Anm. 12] rückt mit ihrer Formulierung anno incarnationis Domini die Zahl eintausend ins Bewusstsein – eine Zahl, die bedeutsam geworden war durch ihre Erwähnung in der Offenbarung des Johannes und durch Augustins Kommentierung als einer nicht konkreten, sondern symbolischen Frist bis zum Anbruch der Endzeit. Gegenüber der Annahme einer verbreiteten Endzeitangst im Jahr 1000 bin ich skeptisch, [Anm. 13] aber es scheint mir denkbar, dass die Aufmerksamkeit für das Jahr 1000 in der Erinnerung an Christi Geburt vor diesem symbolträchtigen Zeitraum begründet lag. Man wird sicher nicht an ein regelrechtes Jubiläum denken dürfen, für das es in der damaligen Zeit auch keinen ausdrücklichen Anhaltspunkt gibt. [Anm. 14] Aber vielleicht war es Ottos Absicht, Erfüllung und verpflichtenden Charakter der kaiserlichen Aufgabe der Glaubensverbreitung gerade zum Pfingstfest des Jahres 1000 auf spektakuläre Weise zum eigenen Ruhm, aber auch zum Ruhm Gottes zu demonstrieren. [Anm. 15] Der schon erwähnte Hildesheimer Annalist verzeichnet nur zwei Ereignisse zu diesem Jahr: Ottos Gnesenfahrt und die Öffnung des Karlsgrabes. [Anm. 16] Es passt zur Bedeutung der Graböffnung, dass aus diesem Anlass überhaupt erstmals die Feier eines Pfingstfestes durch einen Herrscher in ottonischer Zeit ausdrücklich bezeugt ist. [Anm. 17] Die Glaubensverbreitung als Herrscherpflicht verband Otto mit der Erinnerung an Karl den Großen als Missionar und Bekehrer. Das war nur eine von mehreren Facetten der Karlstradition. Sie war lebendig an all den Orten, wo Einhards „Vita Karoli Magni“ überliefert und vor allem neu abgeschrieben wurde. [Anm. 18] Auch in den Bistümern, deren Gründung mit seiner Person tatsächlich verbunden war oder verbunden geglaubt wurde, ist die Erinnerung an ihn nicht abgerissen: das lässt sich an historiographischen Quellen etwa aus den Bistümern Münster, Bremen, Paderborn und Osnabrück natürlich für das 9. Jahrhundert deutlich zeigen, [Anm. 19] aber auch noch kurz nach der Jahrtausendwende lobte Thietmar von Merseburg den Karolinger als bedeutenden Bistumsgründer. [Anm. 20] Die Erinnerung an Karl als einen Herrscher, der sich um die Ausstattung der Bistümer sorgte, war in den letzten Jahrzehnten des 10. Jahrhunderts ein Grund dafür, dass die gefälschten Karlsurkunden beispielsweise der Bischöfe von Trier, Worms und Würzburg glaubwürdig sein konnten. [Anm. 21] Vor allem in Sachsen aber war die Erinnerung an Karl als Glaubensboten und Missionar besonders lebendig, letztlich eine Folge kompensatorischer Verarbeitung der Gestalt des Sachsenbesiegers. [Anm. 22] In hagiographischen und historiographischen Quellen aus Paderborn und dem Kloster Corvey sowie aus den Damenstiften Nordhausen und Quedlinburg, [Anm. 23] die den Ottonen besonders eng verbunden waren, wurde das Bild von Karl als dem Missionar der Sachsen ausgemalt. Der Poeta Saxo lässt Karl zusammen mit den anderen Aposteln am Jüngsten Tag an der Spitze der von ihnen bekehrten Völkern auftreten, der Autor der „Translatio sancti Liborii“ hofft, der Karolinger möge im Himmel der Gemeinschaft der Apostel teilhaftig werden, weil er auf Erden deren Auftrag ausgeführt habe. In Quedlinburg und Halberstadt wurde der Karolinger „apostolus Saxonum“, Apostel der Sachsen, genannt – eine Vorstellung, die auch zur Barbarossazeit noch gültig war, nennt die berühmte Urkunde des Staufers über die Karlskanonisation den Karolinger doch „verus apostolus“. [Anm. 24] Wie wirkte diese lebendige Tradition auf Otto III? Gegenüber älteren Forschungsmeinungen sollte zunächst festgehalten werden, dass die sächsische Herkunft für Otto III. keineswegs der Makel war, den er rhetorisch überspitzt in dem berühmten Brief an Gerbert von Aurillac als „sächsische Rohheit“ der „griechischen Feinheit“ gegenüberstellte. [Anm. 25] Für das Selbstverständnis des Kaisers ist sicher aufschlußreicher, dass er in einer seiner Urkunden „Saxonicus“ genannt wurde. [Anm. 26] Auch aufgrund so betonter Verbundenheit mit den Sachsen darf eine besondere Affinität des sächsischen Kaisers zum apostolus Saxonum gewiss vermutet werden.

Es können denn auch mehrere Indizien genannt werden, die eine Inanspruchnahme der Karlstradition für Bistumsgründung und Christianisierung in Polen erkennen lassen. Erstens: Die Namensgebung des Sohnes, der der in Gnesen verabredeten Ehe zwischen einer Nichte Ottos III. und dem Sohn des polnischen Herrschers Boleslaw Chrobry entstammte: er hieß Kasimir-Karl. Zweitens: Die sakrale Anlage Aachens scheint unter Boleslaw in Krakau bewusst imitiert worden zu sein. Drittens: Otto soll Boleslaw einen Thronsitz aus dem Karlsgrab geschenkt haben. Der mögliche historische Hintergrund dieser Nachricht ist vielleicht eine Gegengabe Ottos für die Adalbertsreliquien, die er in Gnesen erhalten hatte: für Reliquien des Märtyrers gab er – ja: Karlsreliquien. [Anm. 27] Viertens: der Sachse Brun von Querfurt feiert den Karolinger als exemplar religionis, nach dessen Vorbild ein Herrscher nicht Krieg gegen Christen, sondern gegen Heiden führen und sich um ihre Bekehrung bemühen müsse. [Anm. 28] In diesem Zusammenhang deutet Bruns Lob für Boleslaws Heidenbekehrung auch darauf hin, dass sich der polnische Herrscher selbst auf Karl den Großen als Vorbild seiner Christianisierungsbestrebungen bezog. Bruns konkret auf missionspolitische Ziele ausgerichtete Inanspruchnahme des Karlsbildes geht in ihrem verpflichtenden Charakter über die zuvor greifbare Tradition hinaus. Dieser Zug in seinem Karlsbild dürfte eine Konsequenz der Inanspruchnahme des Karolingers durch Otto III. zu sein, jedenfalls schrieb Brun erst nach der Gnesenfahrt und der Öffnung des Karlsgrabs. [Anm. 29]  

Die Graböffnung zu Pfingsten fügt sich bruchlos in dieses Bild: Otto stellte sich in die legitimierende Tradition eines Amtsvorgängers, der seiner Vorstellung nach – und in der Erinnerung seiner Zeit – die kaiserliche Aufgabe der Glaubensverbreitung vorbildlich erfüllt hatte. Er behandelte den Karolinger wie einen Heiligen, und zusammen mit Adalbert scheint Karl geradezu der Schutzheilige der mit dem polnischen Herrscher in Gnesen geschlossenen Freundschaft und der als gemeinsame Aufgabe begriffenen Glaubensverbreitung unter den heidnischen Slawen fungiert zu haben. Damit wäre gleichzeitig eine Erklärung dafür gefunden, weshalb Heinrich II. an die Karlsverehrung seines Vorgängers nicht anknüpfte: sein Bündnis mit den heidnischen Liutizen und seine jahrzehntelangen kriegerischen Auseinandersetzungen mit Boleslaw Chrobry [Anm. 30] machten das Konzept eines heiligen Bekehrerkaisers Karl als legitimierenden Anknüpfungspunkt gegenstandslos. Sollte die reiche liturgische Ausstattung Heinrichs II.  für die Marienkirche nicht nur für die rückgängig gemachten Schenkungen Ottos III. entschädigen, [Anm. 31] sondern auch mit der entgangenen Aufwertung versöhnen, die Karls Heiligsprechung bedeutet hätte? Auch diese Frage bleibt: offen.  

0.2.Die Vermittlung der Karlstradition an Otto III.

Auf eine weitere Frage, soviel sei schon vorweggenommen, lässt sich ebenfalls keine definitive Antwort geben. Aber sie soll dennoch einmal gestellt werden: auf welchem Weg könnte Otto die Karlstradition vermittelt worden sein? Das ist gleichzeitig die Frage danach, inwieweit Otto agierend im Zentrum des Geschehens stand oder reagierend mit Blick auf Erwartungen handelte, deren Adressat er als Herrscher eben auch war. Es ist mit anderen Worten die ebenso alte wie schwierige Frage nach dem persönlichen Anteil des Herrschers am Geschehen. Die Versuchung, Ottos Anteil besonders stark zu gewichten, hat vor allem zwei Gründe. Erstens: in der Perspektive der Quellen, sowohl der erzählenden wie der urkundlichen, ist Otto stets initiativ – in seinem Namen sind Urkunden ausgestellt, die auf Karl den Großen Bezug nehmen, er war es, so sagen die Quellen, der das Karlsgrab suchen und öffnen ließ. Es liegt nahe, dieser Perspektive folgend die Karlstradition vor allem als Teil seines persönlichen herrscherlichen Selbstverständnisses aufzufassen. Das ist insoweit auch sicher richtig, als seit der Krönung Ottos I. in Aachen und seit seiner Wiederbegründung des Kaisertums die Karlstradition allgemein [Anm. 32] und bei den Herrschern selbst an Aktualität gewonnen hatte. Otto III. war als Dreijähriger in Aachen zum König gekrönt worden; man braucht nicht über frühkindliches Erinnerungsvermögen zu spekulieren – das Wissen um seinen Krönungsort war für Otto sicher auch Wissen um Aachen als Zentrum der Karlstradition: dort stand Karls Thron, auf den Otto selbst gesetzt worden war, dort lag der Karolinger begraben. Das Wissen um die besondere Bedeutung des Ortes für das Königtum – und besonderer Stolz darauf – war natürlich auch in Aachen selbst lebendig. Allerdings lässt die Aachener Überlieferung gerade für die frühe Zeit die am Ort lebendige Karlstradition kaum erkennen; es ist nicht einmal belegt, dass die Stiftsgemeinschaft die Erinnerung an ihren Gründer durch liturgisches Gedenken an seinem Grab wach hielt. Diese spärliche Überlieferung ist der zweite Grund für die Versuchung, Otto als entscheidenden Impulsgeber darzustellen. Doch lohnt die Frage, ob nicht auch Aachener Einflüsse und Erwartungen auf ihn gewirkt haben könnten.

Erich Meuthen hat diese Frage für eine spätere Zeit, nämlich für das Verhältnis zwischen Friedrich Barbarossa und Aachen zu beantworten versucht; das Wort des Herrschers in den Urkunden für Aachen, so Meuthen, sei immer auch „zugleich, ganz oder teilweise, Stimme dieses Ortes“. [Anm. 33] Diese Einsicht ist schon deshalb richtig und wichtig, weil es engste Verbindungen zwischen der Stiftsgeistlichkeit und der Hofkapelle [Anm. 34] gab. Otto I. hatte bestimmt, dass der Stiftspropst stets aus der Hofkapelle ausgewählt werden sollte. Das hatte für die Stiftsgemeinschaft den Vorteil, gewissermaßen in Tuchfühlung zum Herrscher einen Sachwalter der eigenen Interessen zu haben [Anm. 35] – ein wichtiger Vorteil schon deshalb, weil nicht jeder Zugang zum Herrscher hatte und ihm Anliegen vortragen konnte. [Anm. 36] Der Prozess, den Ludwig Falkenstein die „kirchliche Verstädterung“ Aachens nennt, [Anm. 37] setzte 997 ein: die drei Kirchengründungen – St. Adalbert, Kloster Burtscheid und das Frauenkloster auf dem Salvatorberg kennzeichnen diesen Einschnitt in der Entwicklung Aachens. An den beiden Urkunden Ottos III., die er dem Marienstift im Herbst 997 ausstellte, ist zweierlei bemerkenswert: erstens die Bezugnahme auf die Karlstradition, zweitens die detaillierten, auf den Ort selbst bezogenen Angaben.

Blicken wir zunächst auf die Karlstradition: bereits vor 997 wurde in Ottos Urkunden auf Karl den Großen Bezug genommen, und zwar neunmal; das geschah aber stets, zum Teil unter ausdrücklicher Bezugnahme auf Karlsurkunden, ganz formelhaft bei Bestätigungen bereits älterer Privilegien. [Anm. 38] Auffällig dagegen Ottos Verfügung am 12. Oktober 997: dem Marienstift schenkte er damals den Ort Dortmund ausdrücklich zum „Seelenheil des großen Kaisers Karl verehrungswürdigen Angedenkens, der die Kirche neu gründete, die wir zu erneuern und zu fördern uns bemühen“. [Anm. 39] Über die Schenkung des Königshofes Tiel wurde am selben Tag eine Urkunde ausgestellt, wiederum zu Ottos und seiner Verwandten Seelenheil und „zum Seelenheil Karls göttlichen Angedenkens, des großen Kaisers“. [Anm. 40] Deutlich ist die Karlsverehrung als Motiv von Ottos Maßnahmen benannt. Dass in dem Karlsbild auch die Vorstellung vom Missionar oder Heidenbekehrer mitschwang, lässt sich nicht beweisen, ist aber insoweit wahrscheinlich, als die Heidenbekehrung eben ein zentrales Motiv der Erinnerung an Karl den Großen war. Der zeitliche Kontext von Ottos Urkunden für Aachen könnte einer besonderen Aktualisierung dieser Erinnerung förderlich gewesen sein, denn während seines Herbstaufenthalts in Aachen dürfte der Kaiser Einzelheiten über das Martyrium Adalberts von Prag erfahren haben. [Anm. 41] Es ist bekannt, welchen tiefen Eindruck diese Nachrichten auf den Kaiser machten: er soll Gott dafür gedankt haben, dass er zu seinen Regierungszeiten einen Geistlichen wie Adalbert mit der Siegespalme des Martyriums zu sich genommen habe. [Anm. 42] Auch weiß man, dass der Kaiser eine Vita zu schreiben befahl. [Anm. 43] Diese älteste Adalbertsvita entstand wohl nicht in Rom, wie bislang angenommen wurde, sondern in Lüttich, vielleicht sogar in Aachen selbst. Johannes Fried begründet diese neue These mit Textvarianten eines lange Zeit unbeachtet gebliebenen, im Aachener Domarchiv verwahrten Manuskripts der Vita Adalberti. [Anm. 44] Ein solcher Ursprung könnte auch die besondere Hervorhebung Notgers von Lüttich in der frühen Adalbertsvita [Anm. 45] – und nur in dieser – gut erklären. Ludwig Falkenstein hält für möglich, dass es unter dem Eindruck der Nachricht von Adalberts Martyrium auch zu „einem Wechsel des Patroziniums bei der bereits in Entstehung begriffenen Neugründung eines zweiten Kanonikerstifts“ in Aachen kam. [Anm. 46]  

Dass das Aachener Kollegiatstift die erste Kirche gewesen sein dürfte, die noch im Todesjahr Adalberts nach dem neuen Heiligen benannt wurde, erklärt sich vielleicht auch aus der Bedeutung Aachens für die Beziehung zwischen Otto III. und Adalbert. Darauf deutet eine meist übersehene Notiz bei Cosmas von Prag. Adalbert sei dem jungen Kaiser so vertraut gewesen, dass dieser ihm bei einem Osterfest in Aachen eine besondere Ehre habe zuteil werden lassen: er ließ sich von ihm die Krone aufs Haupt setzen und erlaubte ihm, die Messe zu zelebrieren. [Anm. 47] Nach Ausweis von Ottos und Adalberts Itinerar kann diese Begegnung nur Ostern 992 stattgefunden haben. Ist die freilich erst um 1110 niedergeschriebene Nachricht bei Cosmas zutreffend, so begegnete Adalbert in Aachen 992 auch dem damals am Hof anwesenden Bischof Notger von Lüttich. [Anm. 48] Sollte die gegenseitige Wertschätzung dieser Männer also schon so weit vor das Jahr 996 zurückreichen, [Anm. 49] das bislang als Zeitpunkt ihrer ersten Begegnung gilt, dann ist auch die herausragende Rolle Ottos und Notgers bei der Begründung der Adalbertsverehrung im Reich besser verständlich. Darf man annehmen, dass die Nachricht von Adalberts Martyrium beim soeben vom Slawenfeldzug zurückgekehrten Kaiser auch die Erinnerung an das große Vorbild des missionierenden Karolingers belebte? Wurzelt die enge Verbindung zwischen Ottos Pilgerfahrt an das Adalbertsgrab nach Gnesen und die Öffnung des Karlsgrabes in einem Plan, der bis zu den Aachener Tagen im Herbst 997 zurückreicht?

Die Annahme ist gewiß verführerisch. Aber lassen wir uns nicht täuschen: dass die überaus spärliche Überlieferung zur Vorgeschichte der Gnesenfahrt viele Unsicherheiten hinterlässt, wird von der Scheinsicherheit leicht überdeckt, die die immer erneut wiederholten Thesen moderner Historiker erzeugt. Johannes Fried akzentuierte diese Ungewissheiten und fand durch neue Kombination der wenigen sicheren Fakten zu einer völlig neuen Erklärung der Gnesenfahrt, indem er zeigte, dass „für die Sachsen zweifellos (das lehrt Thietmar), für den Polenherzog höchst wahrscheinlich und vielleicht sogar für Otto III. selbst die tatsächliche Gründung in Gnesen unvermutet“ kam; Paul Fridolin Kehrs Eindruck, dass die Gründung des Erzbistums Gnesen wie eine Improvisation Ottos erscheine, gewinnt damit wieder an Gewicht. [Anm. 50] In manchen Quellen erscheint Ottos Pilgerfahrt nach Gnesen auch nur als Einlösung eines in schwerer Krankheit dem heiligen Adalbert gegebenen Versprechens. [Anm. 51] Auch darf an das Missionsprojekt nicht die Erwartung generalstabsmäßiger Planung gestellt werden: weder das römische Kloster SS. Bonifacio e Alessio noch die Eremitengruppe um Romuald von Camaldoli war Träger eines weitreichenden kaiserlichen Missionskonzepts. [Anm. 52] Zwar ist unter dem aktuellen Eindruck der politischen Osterweiterung Europas und der polnischen 1000-Jahr-Feier des Gnesener Aktes die Versuchung groß, Ottos Gnesenfahrt den Weitblick einer – wie man heute gerne sagt: politischen Vision zu unterstellen. Aber Absicht und Wirkung von Ottos Unternehmung sind auseinanderzuhalten. Und gerade da, wo Otto uns heute am erfolgreichsten und die bleibendste Spur hinterlassen zu haben scheint, ist vorausschauendes und planendes Wollen so wenig zu erkennen wie etwa im Falle der Außenpolitik Karls des Großen, [Anm. 53] deren Akzentuierung als europäisch auch immer wieder von der politischen Konjunktur abhing. [Anm. 54]  

Pläne zur Erhöhung Aachens gab es dagegen sicher schon 996 – denn mindestens bis in dieses Jahr reicht die Vorgeschichte der Urkunde Papst Gregors V. für Aachen zurück, die Otto III. am 8. Februar 997 erwirken ließ. [Anm. 55] Wenn die darin eingeräumten liturgischen Vorrechte des Marienstifts tatsächlich an Gewohnheiten aus der Zeit Karls des Großen anknüpfen sollten, [Anm. 56] dann ging solches Wissen um frühere Traditionen in Aachen natürlich nicht auf Otto III. zurück, sondern auf Aachener Einflüsse. Die Urkunde Gregors V. setzte außerdem die beispiellos hohe Summe von einem Pfund Gold als Jahreszins fest, den das Marienstift an den Papst entrichten sollte. Diese Verfügung kann eigentlich nur im Vorwissen um die 997 dann auch erfolgten, beispiellos reichen Schenkungen Ottos an Aachen getroffen worden sein. [Anm. 57] 996 war das Jahr von Ottos Zug nach Rom zur Kaiserkrönung. Offenbar begünstigte die – wie Brun von Querfurt sagt: seit Karl dem Großen übliche Sitte des Krönungszugs [Anm. 58] eine Intensivierung der Karlsverehrung; sie war das klare Motiv von Ottos Zuwendungen an Aachen, den Ort, der Karlsthron und Karlsgrab barg und dadurch wie kein zweiter mit dem Andenken an den Karolinger verbunden war. Damit ist aber noch nicht geklärt, inwieweit dieses Motiv in Ottos persönlicher Einstellung gründete oder inwieweit es ihm vermittelt wurde. Es ist damit zu rechnen, dass die politischen Ereignisse sich auf die Indienstnahme und Aktualisierung der Karlstradition sowohl seitens der Aachener Stiftsgeistlichen wie auch seitens des Kaisers auswirkten.

Rufen wir uns also zweitens in Erinnerung, dass in Ottos Urkunden für Aachen die Verfügungen aufgrund sehr detaillierten Wissens um die lokalen Verhältnisse getroffen werden. Ihre Kenntnis wird man nicht bei Otto selbst suchen müssen, sie ist vielmehr das deutlichste Echo der sonst stummen Stimme des Ortes. [Anm. 59] Der Aachener Diözesanbischof Notger von Lüttich oder aber der Aachener Stiftspropst, der gleichzeitig der Hofkapelle angehörte, [Anm. 60] dürfte ihr – wenn die Formulierung erlaubt ist: seinen Mund geliehen haben. Wie Ludwig Falkenstein plausibel macht, war dem Stiftspropst eine führende Rolle in der eingeleiteten städtischen Entwicklung Aachens zugedacht. [Anm. 61] Zu bedenken bleibt, dass Vergünstigungen für Aachen natürlich nicht nur auf den jeweiligen Herrscher als Motor des Geschehens zurückzuführen sein müssen, sondern auch auf Aachener Interessen, die an den Hof herangetragen wurden und auf die der Herrscher reagierte. Zur Veranschaulichung dieser Überlegung ein paar knappe Details aus späterer, aus staufischer Zeit: Auffällig ist, dass alle Urkunden, die Friedrich Barbarossa für Aachen ausgestellt hat, in die Amtszeit des Stiftspropstes Otto von Andechs fallen – und Otto war ein Vetter des Kaisers. [Anm. 62] Damit möchte ich nicht sagen, dass es dem Staufer durch Einflussnahme uf seinen Vetter besonders leicht gefallen wäre, seine Interessen in Aachen durchzusetzen. Ich möchte vielmehr auf die Möglichkeit des genauen Gegenteils aufmerksam machen: die Aachener Stiftsgeistlichen konnten die Interessen ihrer Gemeinschaft umso leichter durchsetzen, je einflussreicher ihre Fürsprecher bei Hof waren; und der Stiftspropst Otto von Andechs war ein Vertrauter Barbarossas – ein wichtiger Vorteil in einer Zeit, in der der Zugang zum Herrscher natürlich nicht jedem offen stand. [Anm. 63] Zwar wird die Initiative zur Karlskanonisation gemeinhin Barbarossa selbst oder aber Erzbischof Rainald von Dassel zugeschrieben – aber wieso sollen Aachener Interessen ausgeblendet bleiben? [Anm. 64] Auch für Otto III. dürfen wir annehmen, dass nicht nur er Aachen zu einem Gegenstand seiner Planungen machte, sondern dass er auch Adressat von Erwartungen war, die die Aachener Stiftsgeistlichen an ihn herantrugen. Jedenfalls können diesbezügliche Impulse ohne weiteres von dort ausgegangen sein. Mit Ottos Unterstützung konnte die Aachener Stiftsgemeinschaft schon deshalb rechnen, weil die Bedeutung Aachens als Krönungsort von Ottos Vater und Großvater und von ihm selbst auf der Hand lag. Aachener Erwartungen konnte Otto schon deshalb gerecht werden, weil sie auf einer gemeinsamen Grundüberzeugung ruhten – eben der Wertschätzung des Ortes und der in ihm wie nirgendwo sonst sinnfälligen Karlstradition. Bis zu einem gewissen Grad musste Otto vielleicht sogar Aachener Erwartungen nachkommen, denn als Kaiser konnte er sich wohl nur begrenzt der Intensivierung einer Tradition widersetzen, auf der auch sein Selbstverständnis nicht unwesentlich beruhte. Aachener Interessen könnten also nicht nur Ottos Verfügungen zugunsten des Marienstifts beeinflusst, sondern auch den Herrscher im Zugriff auf die Karlstradition bestärkt haben.

Leider lässt sich diese Spur an entscheidender Stelle nicht weiterverfolgen: denn im Gegensatz zu den Verhältnissen in staufischer Zeit kennen wir in dieser frühen Phase weder Namen noch Herkunft der Aachener Pröpste. Das Wissen um mögliche Aachener Einflüsse auf Otto bleibt deshalb an einem zentralen Punkt lückenhaft. Ausnahmsweise bekannt ist nur der Name des Propstes, in dessen erstes Amtsjahr die Öffnung des Karlsgrabes fiel: es war Thietmar, seit 1003 Bischof von Osnabrück. [Anm. 65] Wir wissen jedoch nicht, was er von Karl dem Großen wusste oder über ihn dachte. Fragt man nach weiteren Personen im Aachener Umfeld mit Beziehung zum Kaiser, stößt man auf einen Aachener Kardinalpriester zur Zeit Ottos III., den Hofkapellan Meinwerk, [Anm. 66] seit 1009 Bischof von Paderborn. In seiner Vita heißt es, im Jahre 814 sei der ruhmreiche Kaiser Karl gestorben, „Vater des Vaterlands, Apostel des sächsischen Volkes, ..., wegen seines unermüdlichen Eifers vielfältiger Anstrengungen, durch die er das Christentum förderte und ausdehnte, dem Ruhm des ewigen Lebens und der ewigen Erinnerung kommender Zeiten bestimmt“. [Anm. 67] Inhaltlich spricht nichts dagegen, in diesen Worten Vorstellungen formuliert zu finden, wie sie auch zur Zeit Ottos III. in Aachen geherrscht haben könnten. Jedoch stammt die Vita Meinwerci erst aus dem 12. Jahrhundert und kann daher nicht als Zeugnis der Karlstradition um 1000 herangezogen werden. Der Aachener Diözesanbischof Notger von Lüttich war zuvor Propst des Klosters St. Gallen. [Anm. 68] Dort lag die Handschrift Notker des Stammlers „Gesta Karoli Magni“, in der der Kaiser „sanctissimus“ genannt und als Kämpfer gegen die Heiden geschildert wird; [Anm. 69] denkbar ist, dass Notkers Wissen über Karl durch diese Geschichtsdichtung beeinflusst wurde – das wäre aber pure Spekulation, und genauso wenig kann gezeigt werden, welchen Einfluss Notkers Karlsbild auf Otto vielleicht gehabt hat. Ähnliches gilt für den Einfluss des Abtes Heribert von Brogne ines Repräsentanten des im Westen des Reichs verwurzelten Reformmönchtums; er war Nachfolger des heiligen Gerhard an der Spitze des neben Gorze bedeutendsten lothringischen Reformklosters und, was immer wieder übersehen wird, [Anm. 70] einer der Lehrer Ottos III. [Anm. 71] In der Vita des heiligen Gerhard wird Karl als der gewaltige Herrscher gefeiert, „der fast den ganzen Erdkreis bezwungen hatte“. [Anm. 72] Vermittelte Heribert dem jungen Kaiser nicht nur mönchische Ideale, sondern auch die in seiner lothringischen Heimat besonders lebendige Karlstradition?

Dass in diesen Fällen – und nicht nur in diesen – selbst für bloße Hypothesenbildung der gesicherte Boden fehlt, beweist nur, dass die Überlieferung lückenhaft ist, nicht aber, dass Ottos Karlsverehrung sich ohne Aachener Einflüsse formte. Auch bleibt gegen die Berichtsperspektive der Quellen – dass nämlich Otto das Karlsgrab gefunden habe – festzuhalten, dass er sicher auf das Wissen anderer angewiesen war. Denn wenn, wie angenommen wird, das Karlsgrab nicht mehr als solches kenntlich war, [Anm. 73] dann wusste der Kaiser selbst sicher am wenigsten, wo man es suchen musste; ohne das Wissen der Aachener Stiftsgeistlichen wäre die Suche kaum erfolgreich gewesen. Zwar gibt es keine schriftliche Nachricht über die Memoria am Stiftergrab in Aachen, jedoch wird man daraus nicht folgern müssen, dass das Wissen um die Lage des Grabes in der Erinnerungsgemeinschaft der Geistlichen abgerissen sei. [Anm. 74] Wahrscheinlicher ist, dass auch schon am 12. Oktober 997 die wenigstens ungefähre Lage des Stiftergrabes bekannt war, als in Ottos Schenkungsurkunde ausdrücklich an das Seelenheil des Kirchengründers, des „großen Kaisers Karl verehrungswürdigen Angedenkens“ erinnert wurde. Thietmar schreibt ja auch, der Kaiser habe graben lassen, „wo er sie (die Gebeine) vermutete“.

Der Ort des Grabes war auch 1165 noch bekannt. Die Nachricht Ademars von Chabannes, dass das übliche Jahrgedächtnis zum Todestag Karls begangen wurde, weist auf die Feier der Memoria des Stifters an dessen Grab. [Anm. 75] Um es zu finden, bedurfte Barbarossa keiner „göttlichen Offenbarung“, wie es in seiner berühmten Urkunde heißt; [Anm. 76] eine solche Eingebung war zwar der Legitimität der beabsichtigten Kultetablierung geschuldet und deshalb ein gängiger Topos in Berichten über die Auffindung von Heiligengräbern. Aber ohne Hinweis aus dem Diesseits – also ohne die Stiftsgeistlichen selbst – wäre der Staufer kaum fündig geworden. Schwer kann die Suche aber auch nicht gewesen sein, falls es damals tatsächlich etwas ähnliches wie die cripta aurea gab, die laut Ademar von Chabannes über dem neuen Bestattungsort der Karlsgebeine errichtet worden sein soll. [Anm. 77] Die Möglichkeit einer Umbettung erwog und verwarf auch schon die ältere Forschung, zuletzt Helmut Beumann, der die Nachricht Ademars in die Zeit nach der Graböffnung durch Barbarossa datierte. [Anm. 78] Allerdings hat sich die Einschätzung der Quelle geändert: mittlerweile ist unstrittig, dass noch Ademar selbst um 1028/29 die Nachricht über das Karlsgrab niederschrieb. [Anm. 79] Es gibt also gute Gründe, erneut über ein zweites Karlsgrab nachzudenken. Joseph Lambertz aus Aachen hat diese Diskussion kürzlich wieder aufgenommen. In seiner Argumentation ist nicht nur die Ademar-Notiz wichtig, sondern auch eine Auffälligkeit, die erst die jüngst erfolgte Restaurierung des Barbarossaleuchters wieder bewusst gemacht hat: der mit einem unter den übrigen fünfzehn ganz singulären Turm markierte Beginn seiner Inschrift („Celica Iherusalem“) weist auf die Südostwand des Oktogons; wie der Achener Dombaumeister Joseph Buchkremer schon aufgrund von Zeugnissen des 14.-18. Jahrhunderts nachgewiesen hatte, befand sich dort eine Karlsmemoria, wohl in Form eines Arkosolgrabs: über dem Proserpinasarkophag war unter einem Bogen eine Karlsfigur aufgestellt. [Anm. 80] War das der Ort eines zweiten Karlsgrabes, [Anm. 81] in dem die Gebeine nach der Graböffnung 1000 ruhten?

Wie dem auch sei: sicher ist jedenfalls, dass die Stiftsgeistlichen die Graböffnung durch Otto keineswegs vergessen haben. [Anm. 82] Das ist zwar mit schriftlichen Quellen nicht zu beweisen, weil diesbezügliche Nachrichten nicht erhalten sind; aber eine bildliche Quelle belegt den Sachverhalt umso deutlicher: das silberne Flachrelief auf der rechten Schmalseite des Armreliquiars, das der Staufer 1165 stiftete, zeigt ein Bildnis Ottos III. mit der Umschrift „mirabilia mundi“. [Anm. 83] Zwar ist dieser Beiname in der Chronik Ottos von Freising überliefert; [Anm. 84] und da bekannt ist, dass dieses Geschichtswerk an Barbarossas Hof gelesen und benutzt wurde, [Anm. 85] könnte man an Einflussnahme des Hofs denken. Das kann, was den Beinamen angeht, auch nicht ausgeschlossen werden. Jedoch war über die Graböffnung durch Otto III. aus der Chronik des Freisinger Bischofs nichts zu erfahren – sie erwähnt diesen Vorgang nämlich gar nicht. Der staufische Hof war auch sicher nicht die Erinnerungsgemeinschaft, die Interesse daran hatte, dieses Wissen lebendig zu halten. Für die Darstellung Ottos III. auf dem Armreliquiar muss es also einen anderen Grund gegeben haben: es war die in Aachen nie abgerissene Erinnerung an den Amtsvorgänger Barbarossas, der seinerseits die Karlsverehrung gefördert, ja der Heiligsprechung von 1165 mit der Graböffnung im Jahre 1000 geradezu den Weg gewiesen hatte.

Eine knappe Zusammenfassung genügt: Die Karlsverehrung Ottos III. entwickelte sich in einem politischen Kontext, der die Erinnerung an den Karolinger, insbesondere an seine Rolle als Bekehrer und Heidenbekämpfer, zweifellos intensivierte. Ottos wiederholte Kriegszüge gegen die heidnischen Elbslawen gehören dazu, aber auch seine Pilgerfahrt nach Gnesen und die Glaubensverbreitung im Osten, die er durch die Gründung einer selbständigen polnischen Kirchenorganisation unterstützte. Adalberts Martyrium wies der Mission ihren Weg – und es ist vielleicht kein Zufall, dass Ottos Urkunden mit Bezug auf die Karlstradition in die Monate fallen, in denen ihm wahrscheinlich von Adalberts Tod berichtet wurde. Unter dem Eindruck der Ereignisse scheint Karl der Große, der Apostel der Sachsen, für den sächsischen Kaiser geradezu ein Rollenmodell geworden zu sein. Noch die Gründung des Bistums in Gnesen und die Übertragung von Adalbertsreliquien nach Aachen mochten an den vorbildlichen Karolinger erinnern, denn als Bistumsgründer und Reliquiensammler schilderten ihn viele Autoren – nicht immer gemäß historischer Wahrheit, aber stets im Bemühen, die eigene Gegenwart durch Anbindung an eine vorbildhafte Tradition aufzuwerten. Nicht zuletzt durch die Wahl Aachens zu seiner Begräbnisstätte hat sich Otto III. die Karlstradition in einem besonderen Maße zu eigen gemacht; [Anm. 86] man kann wohl zu Recht persönliches Engagement unterstellen. Eine bloß intentionale Rekonstruktion des Handlungsprozesses, die jedes frühe Anzeichen von Ottos Karlsverehrung als zielgerichteten Schritt auf die Graböffnung hin gelenkt sieht, verkennt wohl die Dynamik der Ereignisse und auch die intervenierenden Kräfte. Die Erinnerung an Karl den Großen wurde ausschließlich in Urkunden für Aachen thematisiert, und das Karlsgrab lag nun einmal ebenfalls in Aachen. Schon deshalb darf man auch Aachener Einflüsse auf Ottos Karlsverehrung vermuten, und seine Urkunden enthalten das Echo der „Stimme des Ortes“ (Erich Meuthen), die in den Quellen der damaligen Zeit sonst stumm bleibt. Die Überlieferungssituation verhindert es, diese Zusammenhänge einigermaßen zufriedenstellend nach persönlichen Aktionen und Reaktionen aufzulösen. Aber in der Erinnerung an Karl den Großen berührten sich Aachener Interessen und kaiserliches Selbstverständnis. Die wechselseitige Beeinflussung in dieser Erinnerungsgemeinschaft verdient Aufmerksamkeit. Mit Karl konnte man sich selbst bedeutend und wichtig machen – eine Chance, um die beileibe nicht nur die Aachener wissen, und wohl auch nicht nur die Aachener von heute; wahrscheinlich ist vielmehr, dass diese Chance im Marienstift auch schon um das Jahr 1000 erkannt und genutzt worden ist.

0.3.Zusammenfassung

Ausgangspunkt ist eine kurze Diskussion der Nachrichten, die über die Öffnung des Aachener Karlsgrabes durch Otto III. zu Pfingsten des Jahres 1000 berichten. Otto III. verehrte die gefundenen Gebeine wie die eines Heiligen; höchstwahrscheinlich sollte die Graböffnung eine Heiligsprechung Karls des Großen vorbereiten – lange vor der erst unter Friedrich Barbarossa 1165 erfolgten Kanonisation. Zwei Fragen gelten sodann den Bedingungen dieser Aktualisierung der Karlstradition um das Jahr 1000.

1. Was war der unmittelbare politische Hintergrund? Für Otto III. war Glaubensverbreitung eine zentrale Herrscherpflicht. Die gemeinsam mit dem polnischen Herrscher Boleslaw Chrobry geplante Mission im Osten erlaubte eine Anknüpfung an die legitimierende Tradition Karls des Großen als eines Bekehrerkaisers.

2. Welchen Anteil hatte die Aachener Stiftsgemeinschaft an Ottos Inanspruchnahme der Karlstradition? In der Bedeutung Aachens als Ort der Karlsmemoria berührten sich Aachener Eigeninteressen und kaiserliches Selbstverständnis; daher ist auch die Wechselseitigkeit in dieser Erinnerungsgemeinschaft zu betonen und nicht nur allein die herrscherliche Initiative.

0.4.Résumé

Le point de départ de notre réflexion est constitué par l'analyse des relations consacrées à l'ouverture du tombeau de Charlemagne à Aix-la-Chapelle par Otton III à la Pentecôte de l'an mil. Otton III vénéra les ossements du tombeau comme ceux d'un saint et, selon toute vraisemblance, l'ouverture du tombeau était destinée à préparer la canonisation de Charlemagne, bien avant celle qui interviendra effectivement en 1165 sous le règne de Frédéric Barberousse. Deux questions s'attachent aux conditions de cette actualisation de la tradition caroline autour de l'an mil:

1. Quel contexte politique direct présidait à l'événement? Pour Otton III, la propagation de la foi constituait un devoir souverain essentiel. L'entreprise missionnaire à l'Est conçue en concertation avec le roi polonais Boleslav Ier le Vaillant permettait de renouer avec la tradition d'un Charlemagne empereur de la conversion.

2. Quelle part prit le chapitre collégial d'Aix-la-Chapelle dans ce processus de revendication de la tradition caroline par OttonEn effet, des intérêts propres à cette cité d'une part et les éléments d'une autoreprésentation impériale d'autre part se conjuguaient pour conférer à Aix-la-Chapelle toute son importance comme lieu de la memoria de Charles. Autrement dit, il convient aussi de souligner la réciprocité à l'œuvre au sein de cette communauté du souvenir et pas seulement l'initiative du souverain.

Anmerkungen:

  1. Robert Holtzmann (ed.): Thietmar von Merseburg, Chronicon IV 47 (Monumenta Germaniae Historica, Scriptores rerum Germanicarum Nova Series 9), Berlin 1935, S. 184 Z. 33–S. 186 Z. 4. Zur problematischen Übersetzung von in solio regni zuletzt Heike Drechsler: Überlegungen zur Grablege Karls des Großen und Ottos III. im Aachener Münster. In: Römische Historische Mitteilungen 41 (1999), S. 129-156, S. 147. Zurück
  2. Knut Görich: Otto III. öffnet das Karlsgrab in Aachen. Überlegungen zu Heiligenverehrung, Heiligsprechung und Traditionsbildung. In: Gerd Althoff/Ernst Schubert (Hrsg.): Herrschaftsrepräsentation im ottonischen Sachsen (Vorträge und Forschungen 46), Sigmaringen 1998, S. 381-430. Dazu Gerd Althoff: Otto III., Darmstadt 1996, S. 149-151; Ludwig Falkenstein: Otto III. und Aachen (Monumenta Germaniae Historica, Studien und Texte 22), Hannover 1998, S. 160-164; Johannes Fried: Der hl. Adalbert und Gnesen. In: Archiv für Mittelrheinische Kirchengeschichte 50 (1998), S. 41-70, S. 53 Anm. 44 und S. 69; Id.: Römische Erinnerung. Zu den Anfängen und frühen Wirkungen des christlichen Rommythos. In: Matthias Thumser, Annegret Wenz-Haubfleisch und Peter Wiegand (Hrsg.): Studien zur Geschichte des Mittelalters. Jürgen Petersohn zum 65. Geburtstag, Stuttgart 2000, S. 1-41, S. 41 mit Anm. 136; Sylvain Gouguenheim: Les fausses terreurs de l'an mil, Paris 1999, S. 141f.  Zurück
  3. Eine Tatsache übrigens, die noch in der Barbarossa-Urkunde von 1166 besondere Erklärungen erforderlich machte, vgl. Heinrich Appelt (ed.): Die Urkunden Friedrichs I. 1158-1167 (Monumenta Germaniae Historica, Diplomata 10.2), Hannover 1979, DF. I. 502, S. 432 Z. 38-40: „Licet etiam ipsius animam gladius non pertransierit, diversarum tamen passionum tribulatio et periculosa certamina et voluntas moriendi cotidiana pro convertendis incredulis eum martyrem fecit.“ Zur Sache auch Görich, Otto III (wie Anm. 2), S. 410f. Zurück
  4. Einen ähnlichen Fall beobachtet Wolfgang Schmid: Poppo von Babenberg. Erzbischof von Trier – Förderer des hl. Simeon – Schutzpatron der Babenberger, Trier 1998, S. 118f. mit Anm. 319: 1517 wurden in Trier die Überreste Poppos erhoben, mögliche Pläne einer Kanonisation scheiterten wohl am baldigen Tod Kaiser Maximilians 1519, der den Wunsch nach Öffnung des Grabes geäußert hatte. Zurück
  5. Bernd Schneidmüller: Sehnsucht nach Karl dem Großen. Vom Nutzen eines toten Kaisers für die Nachgeborenen. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 51 (2000), S. 284-301, S. 288. Zurück
  6. Allerdings war eine Winterreise auch keine wirkliche Ausnahme: Otto II. scheint im November 980 einen der Bündner Pässe überquert zu haben, vgl. Johann Friedrich Böhmer/Hanns Leo Mikoletzky: Regesta Imperii 2/2: Die Regesten des Kaiserreiches unter Otto II., Nr. 831a. Otto III. begann seinen ersten Romzug im März 996, seinen zweiten im Dezember 997, vgl. Johann Friedrich Böhmer/Mathilde Uhlirz: Regesta Imperii 2/3: Die Regesten des Kaiserreiches unter Otto III., Graz-Köln 1956, Nr. 1164b und d, Nr. 1246g. Zurück
  7. Auf die Bedeutung des Pfingstfestes macht auch Fried, Adalbert (wie Anm. 2), S. 67 aufmerksam. Zurück
  8. Herbert Paulhart (ed.): Die Lebensbeschreibung der Kaiserin Adelheid von Abt Odilo von Cluny (Odilonis Cluniacensis abbatis epitaphium domine Adelheide auguste) (MIÖG-Ergänzungsband 20.2), Graz-Köln 1962, Kap. 21, S. 44 Z. 7-9: „Anno igitur instante ab incarnatione Domini millesimo desiderans videre diem unum nescientem occasum in atriis Domini super milia, dicebat sepe cum apostolo: Cupio dissolvi et esse cum Christo.“ Zurück
  9. Georg Waitz (ed.): Annales Hildesheimenses ad a. 1000 (Monumenta Germaniae Historica, Scriptores rerum Germanicarum 8), Hannover 1878, S. 27f.: „Tertio Ottone imperante. Millesimus annus supercrescens statute computationis numerum, secundum illud quod legitur scriptum: Millesimus exsuperat et transcendit omnia annus.“ Die Vorlage, auf die der Annalist hinweist, ist bislang nicht nachgewiesen. Zurück
  10. Mit Bezug auf Christi Geburt III 40, mit Bezug auf Christi Kreuzestod IV 9–10 und IV 24. Außerdem II 23 (Ketzereien in Italien mit Bezug auf die 1000-Jahr-Frist der Offenbarung des Johannes; Rodulfus bezeichnet mit „ipso quoque tempore“ freilich Ereignisse, die noch vor 971 stattgefunden haben müssen, sofern sie, wie er behauptet, tatsächlich unter Erzbischof Pietro VI. von Mailand geschahen, vgl. S. 321 Anm. 114), IV 21 (Ereignisse aus den Jahren um 1033, ohne Erwähnung der 1000-Jahr-Frist, aber mit Bezug auf biblische Prophezeiungen des Anbruchs der Endzeit); sowie II 22 und III 13 nur mit Erwähnung des Jahres 1000. Zu Grunde liegt die Edition von Guglielmo Cavallo/Giovanni Orlandi (edd.): Rodolfo il Glabro. Cronache dell'anno mille (storie), Milano 1989. Zurück
  11. In der Forschung wird sonst allerdings die apokalyptische Deutung bevorzugt, vgl. insbesondere Richard Landes: Rodulfus Glaber and the dawn of the new millenium: eschatology, historiography, and the year 1000. In: Revue Mabillon 68 (1996), S. 57–77; ferner id.: The Fear of an Apocalyptic Year 1000: Augustinian Historiography, Medieval and Modern. In: Speculum 75 (2000), S. 97–145, S. 131–138. Entschieden ablehnend Dominique Barthélmy: La paix de Dieu dans son contexte (989–1041). In: Cahiers de civilisation médiévale 40 (1997), S. 3–35, S. 27-35; Gouguenheim, Fausses terreurs (wie Anm. 2), S. 56-63 und S. 166-177.  Zurück
  12. Zu 999 vgl. Theodor Sickel (Hrsg.): Die Urkunden Otto des III. (Monumenta Germaniae Historica, Diplomata 2.2), Hannover 1893, DDO. III. 306-341, ohne Datierung bzw. ohne Inkarnationsjahr DDO. III. 319, 332 und 339. Zu 1000 vgl. DDO. III. 343-386, ohne Datierung DDO. III. 345, 353, 356 und 364. Zurück
  13. Dazu Knut Görich: Das Jahr 999 und die Angst vor der Jahrtausendwende. In: Ernst Halter/Martin Müller (Hrsg.): Der Weltuntergang. Mit einem Lesebuch, Zürich 1999, S. 31-40; zu einzelnen Aspekten kritisch Hans-Henning Kortüm: Milleniumsängste – Mythos oder Realität? In: Ulrich Gleinsle/Jochen Mecke (Hrsg.): Zeit – Zeitenwechsel – Endzeit. Zeit im Wandel der Zeiten, Kulturen, Techniken und Disziplinen, Regensburg 2000, S. 171-188; ferner der Überblick bei Bernd Schneidmüller: Jahrtausendwende. Ein Magdeburger Vortrag über Vorstellungen und Wirklichkeiten im Mittelalter (Magdeburger Museumshefte 12), Magdeburg 2000. Eine umfassende Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Forschung bei Gouguenheim, Fausses terrreurs (wie Anm. 2). Zurück
  14. Dazu Arndt Brendecke: Die Jahrhundertwenden. Eine Geschichte ihrer Wahrnehmung und Wirkung, Frankfurt–New York, 1999. Zurück
  15. Zu den Titeln Ottos III. während und nach der Gnesenfahrt (servus Jesu Christi, servus apostolorum), zuletzt Fried, Adalbert (wie Anm. 2), S. 56-61. Zurück
  16. Vgl. Waitz (ed.), Annales Hildesheimenses ad. a. 1000 (wie Anm. 9), S. 27f. Zurück
  17. Thomas Zotz: Die Gegenwart des Königs. Zur Herrschaftspraxis Ottos III. und Heinrichs II.  In: Bernd Schneidmüller/Stefan Weinfurter: Otto III. – Heinrich II. Eine Wende? (Mittelalter–Forschungen 1), Sigmaringen 1997, S. 349-386, S. 376 mit Anm. 188; vgl. auch Falkenstein, Otto III. (wie Anm. 2), S. 30 mit Anm. 139. Zurück
  18. Dazu Matthias M. Tischler: Einharts Vita Karoli. Studien zur Entstehung, Überlieferung und Rezeption (Monumenta Germaniae Historica, Schriften 48, Hannover 2001). Zurück
  19. Dazu Robert Folz: Le souvenir et la légende de Charlemagne dans l'empire germanique médiéval (erstmals 1950), Genève 1973, S. 33–36.  Zurück
  20. Holtzmann (ed.), Thietmar von Merseburg Chronicon II, Prolog (wie Anm. 1), S. 36 Z. 24-29. Dazu auch Bernd Schütte, Karl der Große in der Historiographie der Ottonen- und Salierzeit. In: Franz-Reiner Erkens (Hrsg.): Karl der Große und das Erbe der Kulturen, Berlin 2001, S. 246-256. Bernd Schütte danke ich herzlich für die frühere Überlassung seines Manuskripts. Zurück
  21. Folz, Le souvenir (wie Anm. 19), S. 71f. Zurück
  22. Helmut Beumann: Die Historiographie ‚bewältigt' Unterwerfung und Christianisierung der Sachsen durch Karl den Großen (erstmals 1982), wieder abgedruckt in: Ders.: Ausgewählte Aufsätze aus den Jahren 1966-1986, Sigmaringen 1987, S. 289-323. Zurück
  23. Poeta Saxo wohl im Kloster Corvey oder in Paderborn, vgl. Helmut Beumann: Poeta Saxo, Verfasserlexikon 7, Berlin–New York 1989, Sp. 766-769; Translatio S. Liborii in Paderborn, vielleicht auch Le Mans, vgl. K. H. Krüger: Liborius. In: Lexikon des Mittelalters, 5, München–Zürich, 1991, Sp. 1953; Vita Mathildis prior in Nordhausen oder Quedlinburg, zuletzt Schütte, Karl der Große (wie Anm. 20), S. 249f. Zu den sächsischen Quellen auch Beumann, Die Historiographie (wie Anm. 20), S. 299-305; Görich, Otto III (wie Anm. 2), S. 406 Anm. 86. Zurück
  24. Vgl. Georg Heinrich Pertz (ed.): Annales Quedlinburgenses ad a. 814 (Monumenta Germaniae Historica, Scriptores 3), Hannover 1839, S. 41 Z. 46f. Ludwig Weiland (ed.): Gesta episcoporum Halberstadensium, Hannover 1874 (Monumenta Germaniae Historica, Scriptores 23), S. 78 Z. 24 und S. 79 Z. 14; zu dieser Quelle zuletzt Gerd Althoff: Magdeburg – Halberstadt – Merseburg. Bischöfliche Repräsentation und Interessenvertretung im ottonischen Sachsen. In: G. Althoff/E. Schubert (Hrsg.), Herrschaftsrepräsentation (wie Anm. 2), S. 267-93, S. 270-274. – DF.I. 502 (wie Anm. 3), S. 432 Z. 35-38: „In fide quoque Christi dilatanda et in conversione gentis barbaricae fortis athleta fuit et verus apostolus, sicut Saxonia et Fresonia atque Westphalia, Hispani quoque testantur et Wandali, quod ad fidem catholicam verbo convertit et gladio.“ Zurück
  25. Vgl. Sickel (Hg.), Die Urkunden Otto des III. (wie Anm. 12), DO.III. 241, S. 659 Z. 18-20. Zurück
  26. DO. III. 390 (wie Anm. 12), S. 821 Z. 8-9: „Otto tercius Romanus Saxonicus et Italicus, apostolorum servus…“ Dazu Knut Görich, Otto III. Romanus Saxonicus et Italicus (Historische Forschungen 18), Sigmaringen 1993, S. 105-109. Zurück
  27. Zu diesen drei Punkten schon Görich, Otto III. (wie Anm. 2), S. 417f. und S. 424. Zurück
  28. Jadwiga Karwasińska (ed.): Brun von Querfurt, Epistola ad Henricum regem (Monumenta Poloniae Historica, Series Nova 4.3), Warszawa 1969, S. 104 Z. 7-9: „Eheu nostra infelicia tempora! Post sanctum imperatorem magnum Constantinum, post exemplar religionis optimum Karolum, est nunc qui persequatur christianum, nemo prope qui convertat paganum.“ Zurück
  29. Dazu auch Friedrich Lotter: Das Bild des hl. Adalbert in der römischen und der sächsischen Vita. In: Hans Hermann Henrix (Hrsg.): Adalbert von Prag. Brückenbauer zwischen dem Osten und Westen Europas (Schriften der Adalbert-Stiftung 4), Baden-Baden 1997, S. 77-107, S. 79 und S. 88. – Folz, Le souvenir (wie Anm. 19), vermutet S. 74, dass der Slawenaufstand von 983 für Brun ursächlich gewesen sei, seiner Gegenwart Karl als vorbildlichen Heidenbekehrer mahnend vor Augen zu führen. Zurück
  30. Dazu Knut Görich, Eine Wende im Osten: Heinrich II. und Boleslaw Chrobry. In: B. Schneidmüller/S. Weinfurter, Otto III– Heinrich II. Eine Wende? (wie Anm. 17), S. 95-167. Zurück
  31. Dazu Falkenstein, Otto III. (wie Anm. 2), S. 185-192. Zurück
  32. Dazu Schütte, Karl der Große (wie Anm. 20). – Brun von Querfurt führt den Romzug Ottos III. zur Kaiserkrönung ganz selbstverständlich auf eine von Karl dem Großen begründete Tradition zurück, vgl. Jadwiga Karwasińska (ed.): Vita Adalberti, redactio longior 18 (Monumenta Poloniae Historica, Series Nova), Warszawa 1969, S. 23 Z. 1-2: „Interea purpura natus Otto rex tertius causa scandendi culmen imperii, ut mos est a magno Karolo regum Francorum, multo comitatu Romam intravit.“ Zurück
  33. Erich Meuthen: Barbarossa und Aachen. In: Rheinische Vierteljahresblätter 39 (1975), S. 28-59, S. 29. Zurück
  34. Erich Meuthen: Die Aachener Pröpste bis zum Ende der Stauferzeit. In: Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins 78 (1967), S. 5-95; Rudolf Schieffer: Hofkapelle und Aachener Marienstift bis in staufische Zeit. In: Rheinische Vierteljahresblätter 51 (1987), S. 1-21. Zurück
  35. Schieffer, Hofkapelle (wie Anm. 34), S. 14. Zurück
  36. Diese Rahmenbedingung untersucht Gerd Althoff in einer ganzen Reihe von Beiträgen, vgl. etwa Gerd Althoff: Verwandtschaft, Freundschaft, Klientel. In: id.: Spielregeln der Politik im Mittelalter. Kommunikation in Frieden und Fehde, Darmstadt 1997, S. 185-198. Zurück
  37. Falkenstein, Otto III (wie Anm. 2), S. 157. Zurück
  38. Vgl. dazu Sickel (Hrsg.), Die Urkunden Otto des III. (wie Anm. 12), DDO. III. 15, 17, 51, 61, 62, 121, 140 und 151; alle während der Minderjährigkeit Ottos III. Auch in DO. III. 215 vom 26. Juni 996 für den Patriarchen von Aquileja wird S. 626 Z. 34 nur eine Verfügung Karls des Großen „pie recordationis“ erwähnt. Zurück
  39. Sickel (Hrsg.), Die Urkunden Otto des III. (wie Anm. 12), DO.III. 257, S. 675 Z. 4-6: „...qualiter nos pro dei amore nostreque anime ac parentum nostrorum nec non pro illius venerande memorie Karoli magni imperatoris qui eam quam redintegrare vel augere studemus, noviter fundavit ecclesiam...“ Dazu Falkenstein, Otto III…(wie Anm. 2), S. 132-134. Zurück
  40. Sickel (Hrsg.), Die Urkunden Otto des III. (wie Anm. 12), DO.III. 258 (wie Anm. 12), S. 676 Z. 10: „...pro salute dive mentionis anime Karoli magni imperatoris...“ – Belegt das Wort divus antikisierende Tendenzen in Aachen oder am Hof? In der Trierer Evangelienhandschrift, die heute in Manchester aufbewahrt wird, zeigt ein Münzmedaillon die Umschrift „DIVE MEM(orie) OTTO IMPER(ator) AUG(ustus)“. Das Wort divus hält Fried, Römische Erinnerung (wie Anm. 2), S. 40 mit Anm. 133 für ein „antikisierendes Experiment“, das die Lebendigkeit des Rommythos belegt. Die Medaillons gehören jedenfalls zu den Eigenarten des ausführenden Gregor-Meisters, der damit eine karolingische Tradition aus Tours fortsetzt, vgl. Rainer Kahsnitz: Ein Bildnis der Theophanu? Zur Tradition der Münz- und Medaillon-Bildnisse in der karolingischen und ottonischen Buchmalerei. In: Anton von Euw/Peter Schreiner (Hrsg.): Kaiserin Theophanu. Begegnung des Ostens und Westens um die Wende des ersten Jahrtausends, Köln 1991, Bd. 2, S. 101-134. Eine Einflußnahme von Ottos Hof auf die Formulierung der Medaillon-Umschriften ist unwahrscheinlich. Zu den Medaillons jetzt Ludger Körntgen: Königsherrschaft und Gottes Gnade. Zu Kontext und Funktion sakraler Vorstellungen in Historiographie und Bildzeugnissen der ottonisch-frühsalischen Zeit (Orbis mediaevalis. Vorstellungswelten des Mittelalters 2), Berlin 2001, S. 260. Zurück
  41. Dazu Mathilde Uhlirz: Jahrbücher des Deutschen Reiches unter Otto III., Berlin 1954, S. 242-244. Zurück
  42. Vgl. Holtzmann (ed.), Thietmar von Merseburg, Chronicon IV 28 (wie Anm. 1), S. 165 Z. 30–S. 167 Z. 2. Zurück
  43. Vgl. den Auszug aus der Georg Heinrich Pertz: Translatio ss. Abundii et Abundantii (Monumenta Germaniae Historica, Scriptores 4), Hannover 1841, S. 576 Anm. 21: „...necnon ortum eius, actus et passionem mira arte composuit et in libello scribi fecit (Otto III.)". Zurück
  44. Über diese Handschrift Jürgen Hoffmann: Der junge Kaiser und der Heilige – Otto III und die Anfänge des Adalbertskultes in Aachen. In: Mario Kamp (Hrsg.): Krönungen. Könige in Aachen – Geschichte und Mythos, Katalog der Ausstellung, Bd. 1, Mainz 2000, S. 295-301. Johannes Fried danke ich herzlich für die Mitteilung seiner Ergebnisse, die im Tagungsband des Berliner Kolloquiums „Polen und Deutschland vor tausend Jahren“ vom 28.-29.1.2000 veröffentlicht werden.  Zurück
  45. Jadwiga Karwasińska (ed.): Vita Adalberti prior 22 (Monumenta Poloniae Historica Series Nova 4.1), Warszawa 1962, S. 34 Z. 13-14: „Ergo multis lacrimis fratrum dulce monasterium linquens, cum summae discrecionis viro Notherio episcopo ultra Alpes proficiscitur.“ Zurück
  46. Falkenstein, Otto III (wie Anm. 2), S. 122. Zurück
  47. Bertold Bretholz (ed.): Cosmas von Prag, Chronica Boemorum I 28 (Monumenta Germaniae Historica, Scriptores rerum Germanicarum, Nova Series 2), Berlin 1923, S. 50 Z. 11-Z. 17: „Obiit Rome cesar Otto secundus. Huic imperatori Adalbertus presul Pragensis adeo fuit familiaris et carus obsequiis, ut in pascha Domini, quod celebravit rex Aquisgrani in palacio coram omnibus episcopis, hac eum officii celsitudine sublimaret, quo sibi coronam inponeret et maiorem missam celebrat, quod solum fas erat, ut archiepiscopus faceret.“ Ebenda, S. 50 Anm. 4 zur Verwechslung Ottos II. und Ottos III. Außerdem Pius Engelbert: Adalbert von Prag zwischen Bischofsideal, Politik und Mönchtum. In: Römische Quartalsschrift 92 (1997), S. 18-44, S. 32. – Zur Entstehungszeit S. XXV der Einleitung von Bretholz. Zurück
  48.      Notgers Anwesenheit in Aachen belegt Sickel (Hrsg.), Die Urkunden Otto des III. (wie Anm. 12), DO. III. 91, S. 501 Z. 18; vgl. auch DO.III. 92, S. 503 Z. 1 und Z. 9. Zurück
  49. Erinnert sei daran, dass es Ende 989 in Rom zu einer Begegnung der Kaiserin Theophanu mit       Adalbert von Prag kam, bei der wohl auch Notger von Lüttich und der in seiner Begleitung befindliche Heriger, seit 990 Abt von Lobbes, dem späteren Heiligen begegneten, vgl. J. F. Böhmer – Uhlirz, Regesta Imperii 2/3 (wie Anm. 6), Nr. 1017h und 1017l.  Zurück
  50. Johannes Fried: Otto III und Boleslaw Chrobry. Das Widmungsbild des Aachener Evangeliars, der ‚Akt von Gnesen' und das frühe polnische und ungarische Königtum (Frankfurter Historische Abhandlungen 30), Stuttgart 1989, S. 90. Zurück
  51. Georg Heinrich Pertz (ed.): Miracula s. Adalberti 9, Hannover 1841 (Monumenta Germaniae Historica, Scriptores 4), S. 615 Z. 12-32: „Denique Otto imperator, qui beatum Adalbertum in vita sua preceptorem, in iustificationibus Dei familiarem atque amantissimum habuerat, in gravem egritudinem Rome existens decidit, et spe salutis medicorum iam omnino fuerat destitutus. In extremis igitur positus, apostolos aliosque sanctos patronos Urbis pro vita conservanda suppliciter invocabat. Sed cum nullo modo sibi adesse sentiret auxilium, ad sui pii patris beati Adalberti se convertit patrocinium flagitandum, cuius plurima preclara miracula cognoverat, votum vovens, quod si eum liberaret, ipsius vellet limina in persona propria visitare. ... Vix verba finierat, et ecce subito penitus sanus factus est cunctis stupentibus, surgensque in momento papam adiit, miraculum quoque ac votum ipsi ex ordine patefecit. ... Cum igitur dictus imperator Otto tercius pro expleto voto in Poloniam advenisset..." Wilhelm Schum (ed): Gesta archiepiscoporum Magdeburgensium, Hannover 1883 (Monumenta Germaniae Historica, Scriptores 14), S. 390 Z. 48-49: „De magno eius similiter patrocinio confidens, Otto III in infirmitate eius votum fecit eius limina devote personaliter transire cum imperialibus donis." Die Handschriften B4 und B4a, die diese Variante der Gesta enthalten, entstammen aber erst dem 15. Jh., ebenda, S. 373f. Zurück
  52. Überzeugend Jean-Marie Sansterre: Le monastère des Saints-Boniface-et-Alexis sur l'Aventin et l'expansion du christianisme dans le cadre de la ‚renovatio imperii Romanorum' d'Otton III. Une révision. In: Revue Bénédictine 100 (1990), S. 493-506. Zurück
  53. Vgl. dazu Rudolf Schieffer: Karl der Große: Intentionen und Wirkungen. In: F.-R. Erkens, Karl der Große (wie Anm. 20), S. 3-14, S. 6. Zurück
  54. Dazu Matthias Pape: Der Karlskult an Wendepunkten der neueren deutschen Geschichte. In: Historisches Jahrbuch 120 (2000), S. 138-181.  Zurück
  55. Die Urkunde ist ediert bei Harald Zimmermann: Papsturkunden 896-1046, Bd. 2: 996-1046 (Österr. Akademie d. Wissenschaften, phil.-hist. Kl., Denkschriften 177), 2. Aufl. Wien 1989, Nr. 340. Zurück
  56. So Falkenstein, Otto III. (wie Anm. 2), S. 90f. Zurück
  57. Dazu Falkenstein, Otto III (wie Anm. 2), S. 105-110. Zurück
  58. Das Zitat schon oben in Anm. 32. Zurück
  59. Dazu schon oben, bei Anm. 33. Zurück
  60. Dazu Schieffer, Hofkapelle (wie Anm. 34), S. 8-10. Zurück
  61. Falkenstein, Otto III (wie Anm. 2), S. 150. Zurück
  62. Dazu Caroline Göldel: Otto von Andechs, Stiftspropst von Aachen, Bischof von Bamberg und das Tafelgüterverzeichnis. In: Die Andechs-Meranier in Franken. Europäisches Fürstentum im Hochmittelalter, Ausstellungskatalog Bamberg 1998, S. 75-79, S. 75 und S. 77. Zurück
  63. Dazu Gerd Althoff: Verwandtschaft, Freundschaft, Klientel. Der schwierige Weg zum Ohr des Herrschers. In: id., Spielregeln der Politik (wie Anm. 36), S. 185-198. Zurück
  64. Göldel, Otto von Andechs (wie Anm. 62), macht S. 76 auf eine besondere Karlstradition der Andechs-Meranier aufmerksam, nämlich auf die sog. Siegeslanze Karls des Großen im Andechser Heiltumsschatz und auf die Ansippung an die Karolinger durch Karls dritte Ehefrau Hildegard, einer angeblichen Gräfin von Andechs. Diese Zuweisungen sind aber durchweg späteren Datums und können nicht für das Herkunftsbewußtsein der Familie im 12. Jahrhundert in Anspruch genommen werden. Zurück
  65. Zu Thietmar vgl. Odilo Engels/Stefan Weinfurter (Hrsg.): Series episcoporum ecclesiae catholicae occidentalis, Series V Germania, Tomus I Archiepiscopatus Coloniensis, Stuttgart 1982, S. 148f. Der Osnabrücker Bürgermeister Ertwin Ertman konnte für seine wohl zwischen 1481 und 1491 entstandene Cronica sive catalogus episcoporum Osnabrugensium noch eine Vita Bischof Thietmars einsehen, die heute verloren zu sein scheint, vgl. F. Philippi/H. Forst (Hrsg.): Osnabrücker Geschichtsquellen 1: Die Chroniken des Mittelalters, Osnabrück, 1891, S. 45 mit Anm. 3. Die Passagen in Ertmans Chronik über Thietmar (ebenda, S. 45-47) enthalten keinen Hinweis auf eine besondere Karlsverehrung Thietmars, S. 46 heißt es lediglich, Erzbischof Willigis von Mainz (!) habe „continuo Aquisgrani preposituram ei regendam tradidit“. Zurück
  66. Dazu Sickel (Hrsg.), Die Urkunden Otto des III. (wie Anm. 12), DO. III. 407, S. 841 Z. 13: „...interventu Maginuuardi sanctae Aquisgranensis ecclesiae cardinalis nostrique capellani...“; dazu Josef Fleckenstein, Die Hofkapelle der deutschen Könige, 2. Teil: Die Hofkapelle im Rahmen der ottonisch-salischen Reichskirche (Monumenta Germaniae Historica, Schriften 16.2), Stuttgart 1966, S. 98. Zurück
  67. Franz Tenckhoff (ed.): Vita Meinwerci episcopi Patherbrunensis 1 (Monumenta Germaniae Historica, Scriptores rerum Germanicarum 59), Hannover 1921, S. 4 Z. 21-28: „...gloriosus imperator Karolus, pater patriae, apostolus gentis Saxonicae, ..., eternae vitae gloriam et perpetuam futurorum habiturus memoriam pro multimodis indefessi laboris studiis, quibus fines christianae religionis promovit et dilatavit." Dazu Folz, Le souvenir (wie Anm. 19), S. 183. Zurück
  68. Waitz (ed.), Annales Hildesheimenses ad a. 1000 (wie Anm. 9), S. 30: „Nothgerus, prepositus monasterii beati Galli, Leodicensis presul, ad Christum migravit." Dazu Jean-Louis Kupper: Liège et l'église impériale XIe-XIIe siècles, Paris 1981, S. 116 mit Anm. 31; id.: Notker von Lüttich. In: Lexikon des Mittelalters, 6, München-Zürich 1993, Sp. 1288f.; id.: Notger de Liège. Un évêque lotharingien aux alentours de l'an Mil. In: Walter Herrmann/Reinhard Schneider: Lotharingia. Eine europäische Kernlandschaft um das Jahr 1000 (Veröffentlichungen der Kommission für Saarländische Landesgeschichte und Volksforschung 26), Saarbrücken 1995, S. 143-153. Zurück
  69. Vgl. Folz, Le souvenir (wie Anm. 19), S. 13f. Der Bezug von „sanctissimus avus“ ist freilich nicht eindeutig, vgl. Hans F. Haefele (ed.): Notker der Stammler, Gesta Karoli Magni imperatoris II 12 (Monumenta Germaniae Historica, Scriptores rerum Germanicarum, Nova Series 12), Berlin 1959, S. 70 mit Anm. 8. Zurück
  70. So fehlt Heribert von Brogne etwa bei Gerd Althoff: Vormundschaft, Erzieher, Lehrer – Einflüsse auf Otto III In: A. von Euw/P. Schreiner (Hrsg.): Kaiserin Theophanu, op. cit., S. 277-289; Hubertus Seibert: Herrscher und Mönchtum im spätottonischen Reich. Vorstellung – Funktion – Interaktion. In: B. Schneidmüller/S. Weinfurter, Otto III. – Heinrich II. (wie Anm. 17), S. 205- 266.  Zurück
  71. Über Heriberts Einfluß wissen wir praktisch nichts. Allerdings belegt Heriberts ehrende Bezeichnung als „iam multo tempore doctor meus et capellanus mihi carissimus extiterat“ (Sickel [Hrsg.], Die Urkunden Otto des III. [wie Anm. 12], DO.III. 92, S. 503 Z. 10-11) – erinnert sei an die Anrede Bernwards von Hildesheim in DO.III. 390 – die Intensität der Bindung. Uhlirz, Jahrbücher (wie Anm. 41), legt S. 464-467 überzeugend dar, dass diese Bezeichnung entgegen älterer Ansicht nicht als Verfälschung gelten kann; vgl. auch Fleckenstein, Hofkapelle (wie Anm. 66), S. 80. Gegen die irrige Vermutung einer Identität des Abtes Heribert mit Ottos späterem Kanzler Heribert vgl. Heribert Müller: Heribert, Kanzler Ottos III. und Erzbischof von Köln (Veröffentlichungen des Kölnischen Geschichtsvereins 33), Köln 1977, S. 86f. Ottos enge Bindung an Brogne belegt außerdem seine gänzlich singuläre Verfügung bezüglich der Feier seiner Memoria in der Abtei, vgl. Sickel (Hrsg.), Die Urkunden Otto des III. (wie Anm. 12), DO.III. 30, S. 430 Z. 34-36: „Post obitum quoque nostrum in diebus anniversariorum nostrorum vigiliis cum missarum solempniis generaliter celebratis, mensa fratrum a ministris praedicte ecclesie copiosa refectione subministretur.“ Zweifellos spielte bei dieser Verbindung mit Brogne auch Notger von Lüttich eine besondere Rolle; er war bekanntlich schon während der Minderjährigkeit Ottos III. einer der wichtigsten Berater am Hof, eine Stellung, die sich auch später nicht verlor, dazu ausführlich Godefroid Kurth: Notger de Liège et la civilisation au Xe siècle, Paris 1905, S. 83-105. Diese noch nicht ausgeleuchteten Einflüsse auf Otto III. sollten vor zweierlei warnen: erstens vor einer einseitigen Gewichtung der Einflüsse des griechisch-eremitischen Mönchtums italienischer Prägung auf Otto III., zweitens vor einer Überschätzung der Begegnung mit Adalbert 996 und ihrer Konsequenzen für Ottos Empfänglichkeit für mönchische Ideale. Zurecht meint Jean-Marie Sansterre: Otton III et les saints ascètes de son temps. In: Rivista di storia della chiesa in Italia 43 (1989), S. 377-412, S. 382, dass Adalbert nach seinem Martyrium für Otto bedeutender gewesen sei als zu Lebzeiten. Aufmerksamkeit verdient auch Sansterres Hinweis, dass sich das wenige, was man über Adalberts Ratschläge an Otto III. weiß, bruchlos in die in ottonischer Zeit auch sonst belegten Forderungen nach Demut des Herrschers fügt, ebenda, S. 382-384.  Zurück
  72. Lothar von Heinemann, Vita Gerardi abbatis Broniensis 14 (Monumenta Germaniae Historica, Scriptores 15.2), Hannover 1888, S. 664 Z. 30-33: „Verum ut de multis quae prudenter fortiterque gessit (Heinricus I.) sileamus, magnum quiddam, praeclarum quiddam, unde beavit totam quam regebat Austriae monarchiam, ad inedium proferamus, quale profecto decessorum suorum fecisse describitur nullus, nec ipse quidem, qui totum pene subegerat orbem, Karolus Magnus.“ Dazu Heinrich Hoffmann: Karl der Große im Bilde der Geschichtsschreibung des frühen Mittelalters (800-1250) (Historische Studien 137), Berlin 1919, S. 32. Die Vita entstand aber erst um 1074/75, vgl. D. Misonne: Gérard de Brogne. In: Dictionnaire d'histoire et de géographie ecclésiastique 20 Paris 1984, Sp. 724-740, Sp. 737, und liefert daher auch keinen Beleg der Karlstradition zu Lebzeiten Heriberts von Brogne. Zurück
  73. Dazu Helmut Beumann: Grab und Thron Karls des Großen zu Aachen (erstmals 1967), wiederabgedruckt in: Ders.: Wissenschaft vom Mittelalter. Ausgewählte Aufsätze, Köln/Wien 1972, S. 347-376, S. 347f. Zurück
  74. So aber jüngst Michael Borgolte: Die Dauer von Grab und Grabmal als Problem der Geschichte. In: Wilhelm Maier, Wolfgang Schmid und Michael Viktor Schwarz (Hrsg.): Grabmäler. Tendenzen der Forschung an Beispielen aus Mittelalter und früher Neuzeit, Berlin 2000, S. 129-146, der S. 137-141 und S. 144 annimmt, das Wissen sei sowohl vor 1000 wie auch vor 1165 jeweils verlorengegangen. – Zur bei Einhard überlieferten Grabinschrift vgl. Beumann, Grab und Thron (wie Anm. 73), S. 350f. mit Anm. 33 und S. 374 mit Bezug auf die Zeichnung Ademars, die ein Grab Karls in Aachen mit der Aufschrift „HIC REQUIESC(it) KAROL(us) IMP(erato)R“ zeigt; Abbildung zuletzt bei Knut Görich: Kaiser Otto III und Aachen. In: Kamp (Hrsg.), Krönungen (wie Anm. 44), S. 275-282, S. 277. Zurück
  75. Pascale Bourgain (ed.): Ademar von Chabannes, Chronicon III 31 (Corpus Christianorum Continuatio Mediaevalis 129), Turnhout 1999, S. 153 Z. 96-97: „Non tamen sollempnitas de ipso agitur, nisi communi more anniversarium defunctorum." Ähnlich Oswald Holder-Egger (ed.): Ex Gaufredi de Bruil prioris Vosiensis Chronica, Hannover 1882 (Monumenta Germaniae Historica, Scriptores 26), S. 199-203, S. 202 Z. 22-25: „Preterea Fredericus corpus Karoli Magni elevans a terra, in capsa aurea infiniti pretii lapidibus decorata collocavit. Extunc auctoritate metropolitani Coloniensis Aquisgrani solempnitas de eodem cesare augusto orthodoxo sicut de sancto agitur, quae prius fiebat de fideli defuncto." Dazu Folz, Le souvenir (wie Anm. 19), S. 177 mit Anm. 97. Zur Entstehungszeit der Chronik 1183 vgl. R. Aubert: Geoffroy de Breuil. In: Dictionnaire d'histoire et de géographie ecclésiastique, 20, Paris, 1984, Sp. 536f. Da Gottfried zunächst Mönch in St. Martial in Limoges war, ist denkbar, dass sein Wissen von Adalbert abhängt; ebenso gut möglich ist aber, dass er die Nachricht um die früheren Verhältnisse zusammen mit der Nachricht von der Erhebung der Karlsgebeine erhalten hat. Zur Abhängigkeit zwischen beiden Texten vgl. Beumann, Grab und Thron (wie Anm. 73), S. 360-362, dessen Ausführungen allerdings im Lichte der von Beumann angezweifelten, mittlerweile aber unbestrittenen Frühdatierung von Ademars Redaktion C in die Jahre 1027/28 zu sehen sind. Zur Datierung unten, Anm. 79. Zurück
  76. Dazu ausführlicher Görich, Otto III. (wie Anm. 2), S. 419; Drechsler, Überlegungen (wie Anm. 1), S. 139f.  Zurück
  77. Bourgain (ed.), Ademar von Chabannes, Chronicon III 31 (wie Anm. 75), S. 153 Z. 93-96: „Corpus vero Caroli condictum in dextro membro basilicae ipsius, retro altare sancti Johannis Baptiste, et cripta aurea super illud mirifica est fabricata, multisque signis et miraculis clarescere coepit." Zurück
  78. Beumann, Grab und Thron (wie Anm. 73), S. 355-361. Zurück
  79. Richard Landes: Relics, Apocalypse, and the Deceits of History. Ademar of Chabannes 989-1034 (Harvard Historical Studies 117), Cambridge Mass./London 1995, S. 149 Anm. 85 und S. 366. Falkenstein, Otto III (wie Anm. 2), S. 162 mit Anm. 622. Bourgain (ed.), Ademar von Chabannes, Chronicon III 31 (wie Anm. 75), Anm. zu III 31, 78 suiv. auf S. 284; außerdem S. XLIX-LVIII, mit allerdings ebenso bizarren wie unbegreiflichen Fehlern: S. LVI ist von den „Annales de Grundlinsberg“ die Rede – was keine Verschreibung für die Annalen von Quedlinburg sein kann, weil diese nicht über die Karlsgraböffnung berichten; gemeint sein müssen die Annalen von Hildesheim. Ebenda und nochmals S. LVIII wird die Öffnung des Karlsgrabes durch Friedrich Barbarossa auf 1154 (!) datiert. Zurück
  80. Joseph Buchkremer: Das Grab Karls des Großen. In: Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins 29 (1907), S. 68-211; vgl. Beumann, Grab und Thron (wie Anm. 73), S. 351f. und S. 354f. Zurück
  81. Eine Kurzfassung der Überlegungen von Joseph Lambertz ist erschienen in: Kirchenzeitung für das Bistum Aachen 21 (2000), S. 36-38. Ausführlichere Begründung in der Publikation „Das Grab Karls des Grossen im Dom zu Aachen“, erschienen Aachen 2001 im Eigenverlag von Lambertz. – Der jüngste Beitrag zur Frage der Grablegung stammt ansonsten von Drechsler, Überlegungen (wie Anm. 1), die S. 152 und S. 154 für ein hinter dem Marienaltar befindliches Grab als ursprünglichen Ort des Karlsgrabes plädiert. Ebenda, Abb. 6 vor S. 145 eine nützliche Skizze der einzelnen Grablokalisierungen im DomZurück
  82. So aber noch die Vermutung von Beumann, Grab und Thron (wie Anm. 73), S.370-372. Zurück
  83. Abbildung bei Percy Ernst Schramm: Die deutschen Kaiser und Könige in Bildern ihrer Zeit 751-1190, hrsg. von Florentine Mütherich, München 1983, S. 268f. Gudrun Pamme-Vogelsang: Consors regni – „...und machte sie zur Genossin seiner Herrschaft“. In: M. Kamp (Hrsg.), Krönungen (wie Anm. 44), S. 69-76, hält S. 72-74 das Armreliquiar neuerdings nicht für eine Stiftung Barbarossas, sondern seines Neffen, des Herzogs Friedrich von Rothenburg, und sieht auch das Bildprogramm dessen Auftrag verpflichtet; ebenda, S. 74, bleibt unerörtert, wie Friedrich von Rothenburg gerade auf die Darstellung Ottos III. verfallen sein soll.  Zurück
  84. Adolf Hofmeister (ed.): Otto von Freising, Chronica VI 26 (Monumenta Germaniae Historica, Scriptores rerum Germanicarum 45), Hannover 1912, S. 290 Z. 5: „Mirabilia mundi diceretur.“ Wahrscheinlich entnahm Otto den Beinamen aus einem älteren Herrscherkatalog. Er findet sich in dem aus Freising stammenden Manuskript des Rudolf Köpke (ed.): Catalogus regum et imperatorum (11. Jhd.) (Monumenta Germaniae Historica, Scriptores 10), Hannover 1852, S. 136 Z. 10: „Otto Ottonem III, mirabilia mundi“; dazu auch Hofmeisters Edition, S. 290 Anm. 2. Außerdem: Georg Heinrich Pertz (ed.): Ex Petri Diaconi chronologica Romanorum regum, consulum et imperatorum serie (Handschrift des 12. Jahrhunderts aus Monte Cassino) (Monumenta Germaniae Historica, Scriptores 3), Hannover 1839, S. 219 Z. 9: „Otto mirabilia mundi ann. 6.“ Karl Glöckner (ed.): Chronicon Laureshamensis 81. In: Codex Laureshamensis, Bd. 1: Einleitung, Regesten, Chronik, Darmstadt 1929, S. 363 Z. 5-6: „...quousque puer ipse litteris divinis et humanis adprime instructus, et tantae virtutis insigne emicuit, ut mirabilia mundi appellaretur“; auch hier dürften ältere Genealogien und Herrscherkataloge die Quelle geliefert haben, vgl. ebenda, S. 28; zur Entstehungszeit der Chronik zwischen 1170 bis 1175 ebenda, S. 18.  Zurück
  85. In Appelt (ed.), Die Urkunden Friedrichs I. (wie Anm. 3), DF.I. 534 für das Bartholomäuskloster auf der Tiberinsel in Rom sind ganze Passagen aus der Chronik Ottos von Freising übernommen. Zurück
  86. Eine frühzeitige Entscheidung Ottos III. vermutet wohl zu Recht Ernst-Dieter Hehl: Herrscher, Kirche und Kirchenrecht im spätottonischen Reich. In: Schneidmüller/Weinfurter (Hrsg.), Otto III. – Heinrich II. (wie Anm. 17), S. 169-203. Dagegen plädiert Joachim Ehlers: Magdeburg – Rom – Aachen – Bamberg. Grablege des Königs und Herrschaftsverständnis in ottonischer Zeit. In: Schneidmüller/Weinfurter (Hrsg.), Otto III. – Heinrich II. (wie Anm. 17), S. 47-76, S. 58-64 für eine Initiative des Erzbischofs Heribert von Köln. Zur Lage von Ottos Grab schon oben, Anm. 81. Zurück