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0.Kriegserinnerungen 1914/1918 von Josef Harz

0.1.Wie es zum Kriege kam

Josef Harz (* 22. September 1887 in Rockenhausen, † 30. März 1967)[Bild: Privatsammlung]

Der Mord in Sarajewo, 28. Juni 1914, dem der österreichische Thronfolger zum Opfer fiel ließ auch unsere Herzen schaudern und überall im Deutschen Vaterland sah man die Folgen dieses Attentats voraus.

Österreich verlangte von Serbien Genugtuung, doch das kleine Serbien, aufgehetzt von Russland, weigerte sich, unseren Verbündeten eine solche zu leisten und Österreich musste ihm den Krieg erklären. Dieser Krieg wäre bald entschieden gewesen, wenn er unter Österreich und Serbien allein ausgetragen worden wäre, doch in Russland fühlte man den Augenblick für gekommen, wo man Deutschland den Platz an der Sonne vereiteln könnte und rüstete fest darauf los. Deutschland richtete ein Ultimatum an Russland, seine Vorbereitungen einzustellen - andernfalls es gezwungen sei, Gegenmaßregeln zu ergreifen.

Um die selbe Zeit ging ein Schreiben an Frankreich, wie es sich falls es zu einem deutsch-russischen Kriege kommen sollte, verhalten würde. Frankreich, das meinte, schon lange auf einen Krieg mit Deutschland vorbereitet zu sein, und dem der Revanche-Gedanke noch nicht vergangen war, benutzte diese Gelegenheit und warf als Antwort auf das deutsche Schreiben seine Truppen über die Grenze. Auch in Ostpreußen waren die Russen eingefallen.

Jetzt wurde dem deutschen Michel klar, was um ihn vorging und im Nu erwachte er aus seinen jahrelangen Träumen. Er ließ sich jedoch nicht aus der Fassung bringen und verhängte in aller Ruhe am Morgen des 31. Juli 1914 den Kriegszustand über Preußen und die übrigen Bundsstaaten. Auch wurde am gleichen Tage der Kriegszustand über Bayern verhängt. Immer noch gab es Leute, die Hoffnung hatten, dass es nicht zum Äußersten kommen werde, doch nur zu bald sahen sie sich in ihren Hoffnungen getäuscht, denn schon am Abend des folgenden Tages brachte der Draht den Mobilmachungsbefehl für das ganze deutsche Heer. Der Stab war über Europa gebrochen, die Fackel des Weltbrandes entzündet.

Josef Harz (vorne links, liegend) 1907 während der Rekrutenausbildung in Germersheim[Bild: Privatsammlung]

Auch in unser geliebtes Städtchen brachte der Draht diese Kunde und überall in allen Gassen dröhnte einem der Ruf entgegen „Mobil“. Mütter denen der Krieg von 1870 noch in guter Erinnerung war, seufzten: „Ach, muss ich dieses auch noch erleben.“ Frauen jammerten, weil der geliebte Mann vielleicht auf immer Abschied von ihnen nahm. Kinder weinten, weil der liebe Vater sie vielleicht auf immer verlassen muss. Kurzum, es war ein Bild des Jammers überall wo man hinblickte. Es waren wenige Familien da, die nicht einen oder auch mehrere ihrer Angehörigen scheiden sahen. Abschied von der Heimat und den Lieben. Auch ich befand mich unter denen, denen es vergönnt war, für die Ehre und Existenz unseres lieben Vaterlandes zu kämpfen. Ich hatte Befehl, mich am 4. Mobilmachungstag zu stellen. Schwer fiel mir der Abschied von zu Hause. Von meinem lieben Weib, von meinem erst 8 Wochen alten Söhnchen, von meinen lieben Eltern und der trauten Stätte, wo meine Wiege stand, denn niemand konnte wissen, ob wir uns noch einmal wiedersehen würden. In Begleitung von der Frau, die sich's nicht nehmen ließ, mich zu begleiten, ging's um die 3. Morgenstunde zum Bahnhof. Bald darauf fuhr der Zug ein. Ein letzter Händedruck, ein letztes Lebe wohl und fort rollte der Zug, der Bestimmungsstation Kaiserslautern zu.

In der Fruchthalle wurde ich mit noch mehreren Kameraden aus meiner Heimat dem 23. Infanterieregiment in Landau zugeteilt. Ein Kamerad von mir, Effert Otto und ich kamen zu dem Rekruten-Depot 2. Die Anderen rückten sofort mit dem Regiment ab. Am liebsten wären wir auch gleich mit hinaus gezogen, wir fühlten uns zurückgesetzt. Jeder von uns bekam 25 Freiwillige und Ersatz-Reservisten zur Ausbildung. Tag für Tag gingen wir unserem neuen Berufe nach und allmählich tröstete uns der Gedanke, dass wir unser Vaterland auch in der Heimat nützlich sein konnten, indem wir die uns anvertrauten Leute zu tüchtigen Soldaten machen würden.

An einem trüben Augustmorgen brachte der Draht die Kunde von einem großen Siege in Lothringen. Von allen Türmen der Stadt läuteten die Glocken. Die Häuser wurden beflaggt. Die Rekruten scharten sich um ihre Führer und es brauste ein dreifaches Hurra durch die Luft, Patriotische Lieder wurden gesungen und ein jeder von uns beneidete die Kameraden an der Front, denen es vergönnt war, sich an diesem ersten Siege zu beteiligen. Schon glaubten wir, der Krieg ginge zu Ende und wir dürften nicht aktiv Anteil daran nehmen, doch auch wir bekamen unseren Teil.

0.2.Der Ausmarsch ins Feld

Am Montag den 31. August 1914 kam ein Befehl, wonach Dienstagmorgen 12:30 Uhr sämtliche Unteroffiziere vom Rekrutendepartement 2 feldgrau eingekleidet, abmarschbereit zu stehen haben.

Um die festgesetzte Zeit stellten wir uns im Kasernenhof auf. Hier fassten wir Munition, Verpflegung für einen Tag und die eiserne Portion. Auch wurden wir hier als Ersatz für verschiedene Regimenter eingeteilt. Effert und ich und noch 14 Kameraden wurden dem 22. Infanterie-Regiment zugeteilt. Um 1:00 Uhr marschierten wir zukünftigen 22er unter dem Gesang: „Auf, auf zum Kampf“ und „So leb denn wohl, wir müssen Abschied nehmen“ zum Bahnhof. Überall von den ‚Einwohnern mit einem herzlichen „Lebewohl“ begleitet. Wir wurden verladen und um 3 Uhr nachmittags fuhren wir ab nach Zweibrücken. Am Bahnhof wurden wir verpflegt und um 6:00 Uhr abends dampfte der Zug ab. Überall auf allen Stationen riefen uns die Einwohner ein frohes Wiedersehen zu.

Unsere Reise per Bahn ging nach Lehnsdorf im Elsass. Hier blieben wir 2 Tage liegen. Schon konnten wir die Gräuel des Krieges sehen. Verwüstete Felder, zerstörte Häuser, frische Soldatengräber, alles zeigt darauf hin, dass vor kurzer Zeit hier heftig gekämpft wurde und von fern hörten wir den Donner der Kanonen. Auch standen 2 42 cm-Mörser auf der Strecke, nicht in Stellung, sondern verladen auf einem Eisenbahnzug. Während diesen Tagen lief Transport auf Transport durch, um die Lücken, die es an der Front gegeben hatte, wieder auszufüllen.

0.3.Marsch nach dem Schlachtfeld bei Frambois

Am 3. September setzten wir uns in Marsch. Unser nächstes Ziel war Deuze [sic!] [Anm. 1] um 5:30 Uhr nachmittags kamen wir dort an. Es waren schon mehrere Transporte dort versammelt, die auf weiteren Befehl warteten. Wir wurden verpflegt und noch am selben Abend verladen. Das Dampfross brachte uns nach Marionville. Am 5. September trafen wir dort ein. Unsere Mahlzeit mussten wir uns in unseren Feldkesseln selbst zubereiten. Ein kolossales Treiben herrschte hier. Wir hörten und sahen deutlich, dass wir nicht mehr weit vom Schlachtfeld entfernt waren. Um 12:30 Uhr marschierten wir weiter und schon nach 3 Stunden kamen uns Transporte mit Verwundeten entgegen. Immer näher kamen wir dem Donner der Kanonen. Als wir den Missingerhof passierten, kam ein Befehl: „Alles Kopf hoch da vorn steht der General.“ Mit Hurra-Rufen begrüßten wir ihn. Es war Generalmajor Danner, der Kdr[?] der 5. Infanteriebrigade. Er wünschte uns allen Glück und sprach den Wunsch aus, dass wir den Franzosen tüchtig das Fell verhauen sollen.

Weiter bewegte sich die Marschkolonne durch ein Gehöft, der Name ist mir leider entfallen. Links von dem Gehöft stand eine Batterie vom 1. bayerischen Füsselier-Artillerie-[.?] in Stellung. An dieser marschierten wir vorbei in einen links davon gelegenen Wald.

Schon platzten 50 m vor der Batterie feindliche Schrapnell und Granaten und die großen Löcher in der Erde zeigten uns deutlich, was sie für eine Wirkung haben. In dem Wald machten wir halt und wollten uns von dem langen Marsch ein wenig ausruhen, aber schon sausten uns Schrapnell-Kugeln und Granatsplitter um die Ohren. Sofort kam der Befehl zum Eingraben. Wir schanzten wie die Wilden mit unseren kleinen Spaten, denn über großes Schanzzeug verfügten wir nicht und je eher wir eine Deckung hatten, desto besser war es für uns. Wenn wir aber glaubten, wir hätten Ruhe, wenn wir unseren Graben fertig hätten, hatten wir uns getäuscht. Wieder wurden uns andere Plätze zugewiesen und von Neuem wurde geschanzt.

Am 6. September erhielten wir die Feuertaufe. Wir mussten dem 17. Infanterie-Regiment, das einen Wald zu durchforsten hatte, als Unterstützung folgen. Bis zu diesem Wald mussten wir über eine Strecke von 800–1000 m, in freies Gelände. Wir wollten geschlossen diese Strecke zurücklegen, doch die feindliche Artillerie empfing uns mit einem Hagel Schrapnell und Granaten. Wie der Blitz war alles auseinander und so suchte ein jeder wie es ging, den Wald zu erreichen. Am Waldrand, Bois de la Reijen [?] wurde gesammelt die Gewehre zusammengesetzt und wir legten uns bei den Gewehrpyramiden nieder. Kaum waren wir dort gelegen, krepierten 5-6 Schrapnell über unseren Gewehren. Sämtliche Gewehre fielen um. Mehrere Kameraden wurden verletzt. Einer, dem eine Schrapnellkugel das Herz durchbohrte, hauchte sein junges Leben aus.

Am Abend zogen wir uns wieder an unsern alten Lagerplatz im Wald zurück.

Am 8. September in der Frühe wurden wir unter die aktive Mannschaft verteilt. Ich kam in die 8. Kompanie, deren Führung von dem heutigen Tage an, Herr Hauptmann Bertram übernahm.

Bald nach der Einteilung zog ich mit 2 Mann Gutmann Heinrich aus Schweisweiler und Infanterist Edinger auf Vorposten in einen bereits angelegten Schützengraben. Stündlich übernahm ein jeder von uns die Wache. Die feindliche Artillerie beschoß was das Zeug hielt unseren Graben. Ich und Gutmann saßen in einem Unterstand, Edinger stand auf Posten, als die feindliche Artillerie einen Volltreffer auf unser Unterständchen brachte. Ein Glück für uns war es, dass es nur eine 7,5 cm Granate war. Kurze Zeit darauf meldete mir Edinger, dass eine feindliche Patrouille, stärke 3 Mann, auf der uns gegenüberliegenden Höhe sich herumtreibt. Ich trat in den Graben, gab Edinger den Befehl ja nicht zu schießen, da uns diese Patrouille gar nicht gefährlich werden könnte, er solle nur weiter beobachten und schlüpfte wieder in den Dachsbau. Auf einmal kam, er zum Unterstand und rief: „Herr Unteroffizier, alleweil kummen noch meh.“ Ich schlüpfte wieder aus der Höhle heraus. Richtig - in einer Entfernung von 500–600 m kamen die Franzosen vor uns aus dem Wald heraus. Sie schw[..?] sich und legten sich nieder und fingen an, auf uns zu feuern. Auch die feindliche Artillerie setzte heftiger ein. Ich fragte meine Leute, wie weit die Rothosen ungefähr von uns weg seien. Sie sagten: Ungefähr 500 m. Ich sagte, sie sollen einmal beobachten, wo das Geschoss einschlägt, ich wolle einmal mit Visier 500 einen Probeschuss machen. Der Schuss ging um 100 m zu kurz. So sprach ich jetzt: Visier 600 und nix wie drauf. Dass ich keine schlechten Schützen bei mir hatte, merkte ich gleich; denn unsere Geschosse schlugen direkt vor dem Franzmann ein. Es war für uns eine schöne Schießerei, genau wie beim Schulschießen hinter der Brustwehr und manchein Franzmann erstarrte die Hand am Gewehr.

Wir bekamen jetzt Unterstützung, aber auch mancher von den unseren erreichte den Graben nicht. Einen von unseren Offizierstellvertreter-Feldwebel, der Reservist Brubacher, verloren wir dort. Er sprang in den Graben und sagte noch: Heute hatten wir wieder einmal Glück. Doch in demselben Momente krepierte vor unserem Graben eine Granate und der Zünder derselben schlug ihm den Brustkorb ein.

Immer mehr Rothosen kamen unterdessen zum Wald heraus. Doch nun fuhr unser 12. Feldartillerie-Regiment hinter uns auf und schleuderte Tod und Verderben in die Reihen der Franzosen. Da durch das Krepieren der Geschosse unserer Artillerie beim Gegner alles in eine Staubwolke gehüllt war, mussten wir unser Feuer einstellen. Als das Artilleriefeuer nachließ, und die Luft wieder sauber wurde, war das Gelände vor uns von feindlichen Leichen bedeckt. Bei den Franzosen kamen um 7 Uhr die Krankenträger und schafften die Verwundeten, die noch zwischen den Toten umher lagen, in Sicherheit. An etwas zu Essen dachten wir an diesem Tage nicht. Wir hatten uns satt geschossen. Ich musste noch die Nacht und den darauffolgenden Tag in diesem Schützengraben zubringen. Die Mannschaft, die zu meiner Unterstützung herbeigeeilt war, erbat ich von meinem Kompanieführer, dass sie die Nacht bei mir im Schützengraben zu bleiben hat. Man konnte ja nicht wissen, ob die Franzosen uns nicht noch einmal besuchen würden. Auch bekam ich 2 MG zugeteilt. Zu meiner unmittelbaren Sicherheit lege ich 2 Mann rechts und links vom Graben 50 m vor als Horchposten. Kurz vor 12 Uhr setzte ein Gewitter ein, wie ich in meinem Leben noch keines gehört und gesehen hatte. Auf einmal ein Blitz: Was war das, das ungefähr 300 m vor unserem Graben sich bewegte? Wieder blitzte es auf und ganz deutlich sahen wir die Rothosen; denn solche waren es, die sich unserem Graben nähern. Sofort rief ich:“An die Gewehre!“ Die Maschinengewehre setzten sich in Tätigkeit. Die Franzosen erwiderten das Feuer und Salve um Salve krachte, dazu noch das Rollen des Donners, kurzum es war ein Leben wie wenn der jüngste Tag angebrochen wäre. Gegen 5 Uhr morgens ließ es nach und als der Tag anbrach, wussten wir nicht, war es Wirklichkeit oder hatten wir geträumt. Kein Franzose war mehr zu sehen.

Der 8. September verlief verhältnismäßig ruhig. Nur hin und wieder flogen uns Granaten schweren Kalibers über die Köpfe und schlugen ungefähr 400 m hinter unserer Stellung ein, die meisten ohne zu krepieren. So zählten wir einmal von 30 Granaten 28 Blindgänger. Am 10. September kam ich zurück und ein Feldwebel mit 3 Gruppen kam vor. Vom 10. – 11. September hatte ich Ruhe. Am 11. September nachmittags 5:30 Uhr kam der Befehl, dass alles den Rückzug über die Meuthe [sic!] anzutreten hat. Um 9:30 abends wurde mit demselben begonnen. Mein Regiment verließ als zweitletztes den Kampfplatz. Wir mussten eine Patrouille zu den 70ern, welche scheinbar noch in Gefecht lagen, abstellen, um sie aufmerksam zu machen, dass das 22. Infanterieregiment abgerückt sei. Dazu wurden ich und 2 Mann wieder bestimmt. Ich erkundigte mich, wo der Stab des 17. Regiments liegt und bekam den Bescheid, dass er links von uns in einem Walde liegt. Wir machten uns sofort auf den Weg unseren Befehl auszuführen. Den ganzen Wald suchten wir ab, doch keine 17er trafen wir an. Wir gingen auf dem Waldweg nach vorn (Front nach dem Feind) und stießen auf eine Patrouille. Ich rief sie an: "Von welchem Regiment?“ Da gaben sie mir zur Antwort: „Vom 22. Infanterie-Regiment.“ Ich sagte ihnen, dass das 22. Infanterieregiment doch schon lange fort sei. Meinen Worten schenkten sie wenig Glauben; denn sie sagten, ihre ganze Kompanie läge noch hier in dem Wald. Ich ließ mich sofort zu ihrem Kompanieführer führen und machte auch ihn darauf aufmerksam, dass die 22er fort seien. Erst wollte auch er mir nicht glauben und war ärgerlich, dass seine Kompanie von dem Rückmarsch nicht in Kenntnis gesetzt wurde. Die Geschosse unserer Artillerien, welche den Rückmarsch deckten, zeigten ihm deutlich, dass ich recht hatte. Er nahm seine Kompanie und machte sich mit ihr aus dem staube. Auch wir machten, nachdem wir noch einmal den ganzen Wald nach den 1734n abgesucht hatten, dass wir weiterkamen. Es war um 11 Uhr abends, stockfinster, dass man nicht einmal die Hand vor den Augen sah, als wir aus dem Wald heraustraten. Dazu regnete es wie mit Kübeln und mehr als 1x fielen wir in ein mit Wasser gefülltes Granatloch hinein. Bei den Artilleristen, die sich auch zum Rückmarsch anschickten, erfuhren wir, dass die 17er vor einer halben Stunde schon an ihnen vorbeimarschiert seien. Wir passierten mit den letzten die Meuthebrücke, wo schon Pioniere dem Befehl harrten, dieselbe zu sprengen. Die Franzosen folgten uns nicht, später erfuhren wir, dass sie noch am anderen Morgen bis 11 Uhr unsere Stellung beschossen.

Von unserem Regiment sahen und hörten wir nichts mehr, so schlossen wir uns dem nächstbesten Truppenteil an. Wir mussten unter strömendem Regen durch einen Wald bis an die Knie im Wasser marschieren. In einer kleinen Ortschaft in einer Scheune bezogen wir für den Rest der Nacht Quartier. Doch schlafen konnten wir nicht. Wir waren nass bis auf die Haut und froren wie die Affen.

Am 12. September in der Frühe machten wir uns bei Zeit auf, unser Bataillon wieder zu suchen. Dabei hatten wir Glück. Um 8 Uhr schon konnte ich mich bei meinem Kompanieführer melden. An diesem Tage um 9 Uhr abends kamen wir, nachdem wir von Früh auf den Beinen waren in Deuze. In Deuze war alles überfüllt und wir mussten noch bis 10 Uhr marschieren, bis wir zur Ruhe kamen. Hunger und Durst plagten uns schrecklich, doch wo sollten wir etwas zu Essen oder zu Trinken nehmen? Wiederum war es eine Scheune, die uns zum Nachtquartier diente.

Am 13. September marschierten wir, nachdem wir unser Lieblingsgetränk, schwarzen Kaffee zu uns genommen hatten, ab und kamen um 5:30 in Villiers an.

Den 14. September verbrachten wir dort in Ruhe.

Am nächsten Tage brachen wir in guter Zeit auf und marschierten bis Lagunerie bei Korsella/Nied. Hier verbrachten wir die Zeit vom 16. bis einschließlich 19. September. Es wurde exerziert. Die Waffen und Bekleidungsstücke wieder instand gesetzt. Die freie Zeit fand uns auf den Zwetschgen- und anderen Obstbäumen der Einwohner.

Am 20. September ging es Lagunerie ab nach Sablon. Hier wurden wir von der Feldküche verpflegt und um 11:45 Uhr vormittags verladen.

Jetzt ging´s per Eisenbahn an der stolzen Feste Metz vorbei. In Hagendingen hatten wir einen kurzen Aufenthalt. Dann ging es weiter durch Luxemburg und Belgien bis Leiguon. Hier wurden wir wieder ausgeladen und uns wurde erzählt, dass wir 3 Stunden marschieren müssten; Denn die Franzosen hätten hier eine große Eisenbahnbrücke gesprengt. Wir würden dann wieder verladen und kämen nach Holland als Küstenschutz. Aus den 3 Stunden wurden es jedoch 6 Tage, die wir ununterbrochen marschieren mussten. Die Nacht verbrachten wir in Leiguon in einer Scheune.

Gewaltmärsche durch Belgien und zu Frankreich hinein.

Am 21. September marschierten wir in Leignion ab und kamen auf diesem Marsche durch Dimant. Dimant war eine Stadt von 18.000 Einwohnern, dass es auch einmal sehr schön gewesen ist, das sagten uns die Überreste der Häuser. Es war total zusammengeschossen. Preußische Landsturmleute, die wir nach der Ursache der Beschießung fragten, erzählten uns folgende Geschichte:

Die Stadt hätte beim Anmarsch der deutschen Truppen die weiße Flagge gehisst. Ahnungslos seien unsere Truppen eingezogen. Als sie in der Stadt waren, wurde aus allen Ecken und allen Fenstern auf sie geschossen. Sogar Frauen und Kinder sollen sich an dieser völkerrechtswidrigen Handlung beteiligt haben. Daher mit Recht diese Züchtigung. Auch eine Notbrücke, die von unseren Pionieren geschlagen worden war, mussten wir passieren. Die große Brücke über die Maas welche ihren Lauf durch die Mitte der Stadt nimmt, war gesprengt und der mittlere Teil derselben lag im Wasser. Um 6 Uhr abends kamen wir in Rossee an. Ich musste mit 6 Mann vor der Fahne auf Wache ziehen. Als Wachtlokal benutzten wir das Schulhaus.

Von Rossee marschierten wir am 22. September nach Gowing, eine Strecke von 50 Kilometern. Von dort aus ging´s am 23. nach Markon. Am 24. September marschierten wir von Markon nach Wigngins [?]. An diesem Tage waren wir 18 Stunden auf dem Marsch. In Wigngins bezogen wir Quartier. Ich kam in eine Wirtschaft. In derselben stand mir ein Bett zur Verfügung. Froh, dass ich nun endlich einmal mich wieder ordentlich ausruhen konnte, legte ich mich ins Bett. Es wird so gegen 10 Uhr abends gewesen sein. Lange brauchte ich nicht, lag ich in süßem Schlummer. Auf einmal -hörte ich recht oder träumte ich - ertönte der Befehl zum Antreten. Lange Zeit zum Besinnen gab es nicht; denn schon hörte ich die Stimme meines strengen Herrn Hauptmannes und in wenigen Sekunden befand ich mich bei der Kompanie. Um 12 Uhr mitternachts marschierten wir weiter.

An diesem Tage 11 Uhr vormittags kamen wir an unserem obersten Kriegsherrn vorbei. Ein donnerndes Hurra riefen wir ihm entgegen. Er dankte uns, doch war er niedergeschlagen. Gegen 7 Uhr abends kamen wir auf dem Schlachtfeld bei Kombles an. Den ganzen Abend wurden wir hin und her geschoben, bis gegen 11 Uhr wir uns zur Ruhe legten. Um 1 Uhr nachts ging es wieder auf und hinaus in Stellung. Südöstlich von Mariakura.

Der 27. September war ein Sonntag und gewöhnlich sonntags hatten wir die schwersten Tage. Dieser sollte seinen Vorgängern auch nicht nachstehen. Um 5:30 kam Befehl: „ Alles aus dem Graben und entladen!“ Wir schauten einander an, denn wir konnten uns nicht erklären, warum wir entladen mussten. Es wurde kompanieweise gesammelt und mit Marschsicherung vormarschiert, wohin wussten wir nicht.

Jetzt kam der Befehl: "Kompaniekolonne rechts formiert und 8. Kompanie in vorderster Linie. Seitengewehr gepflanzt – auf.“ Erst jetzt wurde uns klar, was eigentlich los war.

Dann kam der Befehl:“ Kompanieweise entwickeln und antreten.“ Das Gewehr fest umklammert, ein kurzes Gebet zum Himmel geschickt, gingen wir vor, bereit, alles niederzumachen, was uns vor die Klinge kommt.

Immer noch war alles in Dunkel gehüllt, nichts regte sich. Nur hin und wieder fiel ein Schuss, abgefeuert von Patrouille die sich auf Bäumen versteckt hielten. Jetzt ging der Befehl durch unsere Reihen: " Alles halten – Unterstützung aufrichten. Beim Vorgehen die Unterstützung fest an der vorderen Linie bleiben.“

Nachdem die Unterstützung aufgeschlossen war, hieß es „Marsch.“ Vorsichtig, doch entschlossen, bewegten wir uns vorwärts. Fester erfassten wir die Gewehre.

Nun kam der Befehl: „Zum Sturm Gewehr rechts.“ Von allen Unterführern wurde er nachgerufen. „Fällt das Gewehr – Hurra!“ Jetzt kam Leben in die Reihen unserer Krieger und mit donnerndem Hurra warfen wir uns dem Feinde entgegen. Der war scheinbar auf unseren Angriff gefasst, denn seine Marsch-Gew. hausten schrecklich in unseren Reihen.

Wir mussten, wenn wir nicht alle aufgerieben sein wollten, zurück.

In einer kleinen Mulde, ungefähr 100 m von der feindlichen Stellung, machten wir halt und eröffneten das Feuer. Doch lange hielt es uns hier nicht. In unserem Innern kochte es vor Wut und Zorn und noch einmal wagten wir den Sturm. Wieder brach er in dem feindlichen Feuer zusammen. Man hörte und sah nichts mehr als die Schmerzensrufe der Verwundeten, die das Geknatter der Gewehre und Marschgewehre übertönten und das Umherwälzen von zu Tode getroffenen, die mit dem Tode rangen.

Schon sahen wir, wie links von uns Turkos und Zuaven [Anm. 2] uns zum umgehen [sic!] suchten. Wir zogen uns weiter zurück. In einem Dickrübenfeld, wo wir wenigstens gegen Sicht gedeckt waren, legten wir uns nieder und harrten der Dinge, die jetzt kommen sollten.

Lange hier liegen bleiben konnten wir nicht, denn erstens hatten wir hier kein Schussfeld und zweitens kam der Gegner immer näher.

Auch waren wir zwischen zwei Feuer geraten. Nicht genug, dass wir dem gegnerischen Feuer ausgesetzt waren, fing unsere Unterstützung, welche auf 600 m vorging, auf uns zu schießen an. Es brauchte schon eine geraume Zeit, bis wir durch Winken und rufen ihnen beigebracht hatten, dass wir eigne Truppen sind. Ungefähr 200 m rechts von uns war eine Baumallee, sie zu erreichen war unsere Parole. In derselben angekommen, besetzten wir den Straßenrand und hier gedachten wir unsere gefallenen Kameraden zu rächen.

Schon tauchten von vorn die Afrikaner auf. Wir waren nun von 3 Seiten bedroht. Doch wenn die Not am Größten ist, ist die Hilfe am nächsten, so war es auch hier.

Zwei Batterien von den 5ern fuhren hinter uns auf und sie schossen ausgezeichnet. Sie schossen immer Gruppen und bei jeder Gruppe flogen die Rothosen nur so in der Luft herum. Diese ließen nun von einer weiteren Verfolgung ab und gruben sich ein.

Die feindliche Artillerie fing nun auch ganz gewaltig an, unsere Allee zu bombardieren. Sie konnte dieselben der hohen Pappeln wegen gut anvisieren. Ein jedes Schrapnell und jede Granate forderte seine Opfer.

Es war ein jammervoller Anblick. Hier wurde einem der Kopf abgerissen, dort Beine und Arme abgeschlagen und viele wälzten sich sterbend in ihrem Blute.

So mancher junge Soldat, so wie mancher alte Landwehrmann hat dort für immer die Augen geschlossen. Die Allee nannten wir nur noch die Totenallee bei Hartekura. Gegen Abend besetzten wir wieder die Stellung, die wir am Morgen verlassen hatten.

Im ganzen Batallion blieb nur ein Offizier von dem feindlichen Blei verschont, unser Adjutant Herr Leutnant Rieß.

Wir gingen in der Kompanie mit einem Hauptmann, einem Leutnant, drei Feldwebeln, 3 Unteroffizieren und 146 Mann ins Gefecht. Doch von allen Angehörigen der Kompanie, die ich oben erwähnt habe, blieben ich und der einzige Unteroffizier und 46 Mann übrig. Alle andern waren tot oder verwundet.

Dieser Sonntag wird für mich in dauernder Erinnerung bleiben.

Am 28 September war wieder ein kleines Gefecht bei Hartekura, doch von geringer Bedeutung.

Am 29. und 30. nur Vorpostengefechte. Am 1. Oktober wurde unsere Kompanie und die 7. Da wir so geschwächt waren, zu einer Kompanie vereinigt. Die ganze Kompanie zählte keine 100 Mann, unter Führung von Feldwebel Kraus.

Wir lagen rechts der Straße Jerome-Albert in Stellung; links von uns lag die Ortschaft Curlu im Tal. Ungefähr 200 m links rückwärts von uns lag die 5. und 6. Kompanie, die auch zu einer Kompanie vereinigt war, in Stellung. In der Mitte dieser beiden Stellungen mündete eine Straße in die Hauptstraße Jerome-Albert.

Gegen 2 Uhr nachmittags sahen wir zwei Weiber, es sah aus, wie wenn die eine ein kleines Kind auf ihren Armen getragen hätte, auf der genannten Straße sich unserer Stellung näher. Als sie auf der großen Straße waren, wurden sie von den Franzosen heftig beschossen. Sie warfen sich sofort auf die Erde, krochen noch einige Meter rückwärts gegen die Stellung der 5. und 6. Kompanie und blieben liegen. Einigen von unseren Leuten gefiel das Verhalten der Weiber nicht und sie machten sich sofort auf den Weg, um zu schauen, was hier eigentlich los ist. Die vermeintlichen Weiber hatten sofort die Situation erkannt und machten sich aus dem Staube. Zwei von unseren Leuten – Peter Becker und Wilhelm Hunsicker (beide aus Pirmasens) – machten sich trotzdem sie von den Franzosen heftig beschossen wurden, auf die Verfolgung.

Eine Viertelstunde später nach dem oben erwähnten Zwischenfall, tauchte an derselben Stelle wieder ein Kopf auf. Dieses Mal sahen wir ganz deutlich, dass es ein Franzose war, und sofort wie er gekommen war, verschwand er wieder. Er hatte genug gesehen. Keine Viertelstunde später bekam eine unserer Batterien ein solches Feuer, dass sofort 4 Geschütze außer Gefecht gesetzt waren und ein Munitionswagen mit fürchterlichem Krach in die Luft flog. Nach 2 Stunden kamen unsere Leute, welche die Weiber verfolgt hatten, zurück und sie erzählten uns, dass diese 2 verkleidete Turkos waren. Am 2. Oktober kamen wir zurück, ungefähr 500 m vorn der vordersten Stellung, hinter einer Anhöhe in Reserve. Hier mussten wir für diejenige Kompanie, die in Reserve kamen, Deckungsgräben ausheben.

Da das Ausheben dieser Gräben mit den kleinen Spaten so langweilig und umständlich war, und unser Schanzzeugwagen mit dem großen Schanzzeug in Muru[..?] stand, wurde ich mit einer Truppe bestimmt, 40 Spaten und 5 Beilpickel zu holen. Der Gang in diese Ortschaft war gar nicht gefährlich, denn wir konnten uns nicht entsinnen, dass dieser Ort je von den Franzosen beschossen wurde.

In der ersten Straße Maurepas stand der gesuchte Wagen. Das betreffende Gerät wurde mir gegen einen Haftschein von dem Führer des Wagens ausgehändigt und wir machten uns wieder auf den Weg zu unseren Kameraden.

Als wir die letzten Häuser hinter uns hatten, krepierten über uns 5-6 Schrapnell. Gleichzeitig wurde uns der Weg durch krepierende Granaten gesperrt. Wir machten kehrt und im Marsch ging´s wieder in den Ort hinein.

Es dauerte nichtlange, kam ein Offizier angesprengt und rief: „Der Ort muss geräumt werden, die feindliche Artillerie schießt ihn zusammen.“

Unsere ganze Bagage und Fahrzeuge von anderen Regimentern befanden sich in derselben, welches wie es sich später herausstellte, durch eine unterirdische Telefonverbindung verraten wurde.

Es war ein wildes Durcheinander. 3-4 Fahrzeuge jagten neben und hintereinander zum Ort hinaus. Ich lief in das Innere der Ortschaft und suchte Zuflucht hinter der Kirche. Auf einmal kam mir der Gedanke, dass es mit der Sicherheit hier auch nicht weit her ist. Der ganze Ort war schon wie ausgestorben. Man hörte nichts als das Bersten der Granaten. Ich schaute mich um, wo die Granaten ihr Zerstörungswerk anrichten und sah in diesem Augenblick eine Feldküche, die sich scheinbar verspätet hatte, die Straße daher kommen.

Als guter Turner war es mir eine Kleinigkeit, mich auf dieselbe zu schwingen.

Wie der Teufel ging es nun hinweg von dem Ort des Schreckens. Die Fahrzeuge fuhren hinter einem Walde tausend Meter hinter der Ortschaft auf.

Nachdem das feindliche Feuer nachgelassen hatte, eilte ich wieder der Ortschaft zu. In derselben wurde ich von einer alten Frau angehalten, diese gab mir mit verweinten Augen zu verstehen, dass die Franzosen den Ort heftig beschossen hätten. Die Haare gingen mir zu Berge, als ich bei der Kirche ankam. Wo ich vor ein-einhalb Stunden vorher gestanden war, lagen Eck- und Mauersteine, welche von einer krepierten Granate herab gerissen worden waren, mehr als ein-einhalb Meter hoch.

Ich dankte im Herzen meinem Schöpfer, dass er mich dieses Mal wieder vor dem sicheren Tod bewahrt hatte.

Als ich an der Straße, wo wir das Schanzzeug in Empfang genommen hatten, ankam, waren 6 von meinen Leuten dort, die übrigen 2 waren verwundet und suchten den Verbandsplatz auf.

In der Straße selbst sah es aus, als ob wirklich Krieg wäre. Mehrere Fässchen Rotwein, ganze Kisten Fleischbüchsen, alles in buntem Durcheinander lagen in der Straße umher. Ich schlug meinen Leuten vor, sie sollten einmal schauen, ob sie nicht einen Karren auftreiben könnten. Sofort gingen sie auf die Suche und gar nicht lang dauerte es, kam einer mit einem einrädrigen Mistkarren angerückt. Wir luden ein Fässchen Wein auf, nahmen so viele Fleischbüchsen als wir tragen konnten und unser Schanzzeug und rückten mit frohem Mut unserer Stellung zu. Bei unserer Ankunft dort, wurden wir von den Kameraden, des Weines wegen, mit Jubel begrüßt.

Am 3. Oktober ging es wieder in die vordere Linie. Um 7 Uhr 30 abends kam ein Befehl, wonach das ganze 2. A[rtillerie] K[ommando] einen allgemeinen Angriff zu machen hat. Um 8 Uhr abends sollte derselbe durchgeführt werden.

Wir verließen um diese Zeit unseren Graben und legten uns vor denselben mit aufgepflanztem Seitengewehr bereit und warteten auf weiteren Befehl. Unserem Kompanieführer dauerte die Geschichte scheinbar zu lange, bis der Befehl zum Angriff kam und er ging mit unserer Kompanie allein vor.

Die Franzosen ließen uns langsam herankommen. Auf einmal ging ein Pfiff durch ihre Reihen bis hinunter ins Tal. Ein Geknatter ging los, dass es bei uns hieß „Rette sich, wer kann“. Schneller als wir unsere Gräben verlassen hatten, eilten wir denselben wieder zu und erreichten sie glücklich.

Außer einem Schwer- und zwei Leichtverletzten hatten wir keine Verluste zu beklagen.

Dieses hatten wir dem Umstande zu verdanken, dass es dunkel war und die Franzosen so hoch schossen.

Am 4. Oktober kamen wir zurück zur Sicherung des Regimentsstabes. Hier saßen wir über Tag in unseren Erdlöchern. Bei Einbruch der Nacht mussten wir mit dem Rgts. Rbr vor und die vorgeschobenen Wachen und Posten revidieren.

Diese Begünstigung hatten wir bis zum 9. Oktober.

Die Zeit vom 10. Bis 16. Oktober brachten wir im Schützengraben 400 m vom Gegner zu. Am Tage mussten wir uns ruhig und gedeckt verhalten, damit die Flieger unseren Aufenthalt nicht so leicht finden. Wir blieben auch in dieser Stellung mit wenigen Ausnahmen von der feindlichen Artillerie verschont.

Die feindliche Artillerie schoss meistens nur auf Fliegersignale.

Hatte der feindliche Flieger eine Infanteriestellung oder -Batterie entdeckt, so umstreifte er dreimal die betreffende Stelle und dann beschossen die Franzosen diese Richtung wie wahnsinnig.

Unsere Artillerie hatte dieses Manöver der Franzosen bald heraus und stellte deshalb markierte Batterien auf, das heißt sie stellte sechs von den zweirädrigen Karren, die man in Frankreich und Belgien so häufig hat auf offenem Gelände auf. Legte über jeden Karren einen Baumstamm oder sonst was ähnliches. Sie selbst gruben sich unter Hecken [?] und Bäumen ein, Der feindliche Flieger kam und erkannte die maskierten Batterien und hielt sie für richtige, umkreiste sie und schon flog Geschoss auf Geschoss auf die vermutliche deutsche Batterie. Während dieser Beschießung schwieg ein um das andere von unseren Geschützen und die Franzosen glaubten, sie hätten dieselben zum Schweigen gebracht. Wenn dann die Franzosen ihr Feuer einstellten, fing unsere Artillerie wieder an. Nun begann ein wirkliches Artillerieduell. [...] Diese Artilleriekämpfe dauerten bis spät in die Nacht.

Wenn dann die Artillerie schwieg, begann unsere Tätigkeit. Wir mussten Lauf- und Schützengräben ausheben und sobald es Tag wurde, mussten wir uns gegen Flieger decken. Am 17. Oktober konnten wir schon eine Stellung 200 m von der feindlichen besetzen. Die hinteren Gräben wurden mit den vorderen durch Laufgräben verbunden. Diese wurden so tief ausgehoben, dass man dieselben auch bei Tage ungesehen vom Feinde passieren konnte.

In unsrer linken Flanke war ein Wald und wir waren von den ganzen Stellungen am weitesten vorn. In diesem Wald wurden von den Pionieren in der Nacht Drachterchaun [?] [Anm. 3]angelegt. Damit die Pioniere ungestört arbeiten konnten, mussten wir einen Unteroffizierposten an den Westrand des Waldes Stellen. Dieser war ungefähr 100 m links vorne von unsrer Stellung entfernt.

Auch den Südrand des Waldes der eine Ausdehnung von 300 m hatte mussten wir besetzen. Zu diesem Zweck wurden 3 Gruppen bestimmt. Mir kam mit einer Gruppe der mittl. Abschnitt zu. Da der Wald 80 m links von unserem linken Laufgraben war und der Morgen des 20. Oktobers schon die Nacht verdrängt hatte, war es keine Kleinigkeit, den Wald ohne dass einer von uns verletzt wurde zu erreichen.

Es war das reinste Spiessrutenlaufen. 200m vor uns mit schussbereitem Gewehr standen die Franzosen und um den Wald zu erreichen mussten wir über offenes Gelände. Hinüber mussten wir auf alle Fälle. Wir nahmen uns vor, einer nach dem Anderen zu Springen der erste kletterte auf den Kamm des Laufgrabens. Lange Zeit zum Besinnen gab es für ihn nicht und er stürzte dem Walde zu. Die Franzosen hatten unser Vorhaben scheinbar noch nicht gemerkt, denn es fiel kein Schuss. Auch der 2te Springer hatte Glück, denn die Salve die die Franzosen diesem nachschickten kam etwas zu spät. Jetztschickte ich mich als dritter zum Sprunge an. Werde ich den Waldrand glücklich erreichen, oder werden Sie mich abschießen, das waren die Fragen, die ich mir vorlegte. Doch ich fand mich mit dem Gedanken ab, wenn´s dich treffen soll, dann trifft´s dich und schickte mich zum Springen an.

Die Hälfte der Strecke werde ich zurückgelegt haben, als eine Salve krachte. Wie der Blitz lag ich am Boden und die Kugeln pfiffen über mich weg. Wie der Blitz ging es dann wieder auf und dem Walde zu, den ich glücklich erreichte, als eine 2te Salve krachte. Dies konnte mir nichts mehr anhaben, denn der Wald lag an einem Abhange und die Kugeln schlugen hoch über meinem Kopfe ein. Der ganze Vorgang war ein Werk weniger Sekunden.

Meinen übrigen Kameraden ging es genau wie mir, doch sie kamen alle unversehrt bei mir an. Wir durchstreiften nun den Wald und fanden ihn vom Gegner frei. Da der Wald wie schön erwähnt eine Ausdehnung von 300 m hatte, kam jeder Gruppe ein Raum von 100 m zu. Wir besetzten unsern Abschnitt mit 12-15 Schritten Zwischenraum von Mann zu Mann. Rechts von mir lag Gruppe Riegel und links Gruppe Weiß [?]. Vor uns war ein Schönes [?] Wiesental, das eine Breite von 70-80 m hatte. Dann kam wieder eine Anhöhe mit Wald besetzt. In diesem Walde stand [?] der Feind. Ich gab meinen Leuten den Befehl ja nicht zu schießen und jedes Geräusch zu vermeiden. Fdl. Intrl., wenn solche kommen sollten durch uns durch zu lassen und abzufangen. Dasselbe tat auch Weiß und Riegel. Durch eine unnötige Schießerei hätten wir unsern Pionieren nur das Arbeiten erschwert und unsre andern Gräben beunruhigt. Langsam verging die Zeit. Rauchen oder uns mitsammen unterhalten durften wir nicht, wegen der unmittelbaren Nähe des Gegners. So brachten wir zwei Tage und die dazwischenliegende Nacht zu ohne Verpflegung, abgeschlossen von unsrer Komp.

Am Tage gegen Abend kam mein Zugführer Herr Feldw. Blumenauer [?] und sagte mir, dass wir um 8 Uhr verpflegt und um 9 Uhr abgelöst werden. Diese Nachricht begrüßten wir mit Freuden, unser Magen knurrte nicht schlecht. Die Stunde, da wir unsre Verpflegung erhalten sollten, kam herbei, doch niemand der uns was zu essen brachte ließ sich sehen. Auch die Zeit wo wir abgelöst werden sollten verging, nichts ließ sich hören, alles blieb ruhig. Als es 11 Uhr abds war und sich immer noch nichts regte, ging ich nach links wo die Gruppe Weiß gelegen ist, doch diese war verschwunden. Ich ging noch weiter links und wurde plötzlich angerufen.

Ich gab mich zu erkennen und fragte die Anrufer, was sie für Truppen seien. Sie gaben mir zur Antwort: 1/23. Ich fragte wo die Gruppe sei, die hier gelegen war.

Da erwiderten sie mir, dass dieselbe vor einer Stunde schon abgerückt sei. Ärgerlich darüber, dass ich davon nicht in Kenntnis gesetzt wurde, wollte ich wieder zu meiner Gruppe um mit ihr auch zu verschwinden, zurückkehren. Zuerst musste ich doch den Unteroffizier von den 23ern aufmerksam, dass er seine Mannschaft besser auseinanderziehen müsste, weil dann wenn ich meine Gruppe hinweg gezogen hätte, ein unbesetzter Raum von 150 m entstehen würde. Er hatte mit seiner Gruppe einen Raum von 50 m inne.

Er bat mich, ich solle noch so lange da bleiben, bis der Untffz. wWeiß, der von dieser Gruppe abgelöst wurde, noch eine weitere Gruppe von ihrer Komp. Hergeführt hätte. Ihr Komp. Führer hätte nur 2 Gruppen bestimmt, uns abzulösen. Ich ging zu meinen Leuten zurück und tröstete sie, dass wir jetzt bald abgelöst würden.

Die Geschichte, dass wir von der Ablösung nichts erfuhren, war die: Die neue Besatzung war nur 2 Gruppen stark. Die Eine rückte an den rechten, die Andere an dem linken Waldrand vor. Weiß und Riegel waren in dem Glauben, dass auch eine dritte Gruppe durch die Mitte des Waldes vorgehe. Diese müßte dann unbedingt auf uns stoßen. Dieses war jedoch, wie schon erwähnt, nicht der Fall. Wieder war eine Stunde verflossen und keine Ablösung stellte sich ein. Ich machte mich deshalb wieder auf, ging zu dem Gruppenführer von den 23ern vor und fragte ihn, was dieses eigentlich zu bedeuten habe.

Er sagte zu mir, dass soeben ein Befehl von seinem Komp. Führer eingetroffen sei, nach welchem ich selbst zurückgehen und die Leute herunterführen müsse. An diesen Bfhl glaubte ich allerdings nicht, doch wollte ich meinen Posten nicht unbesetzt verlassen. Ich ging, nachdem ich meinen Leuten erklärt hatte, dass ich einmal nachsehen wolle, was eigentlich los sei, zu der Komp. Von den 23ern zurück. (Was eigentlich nicht so leicht war, wie es sich hier niederschreiben lässt.)

Bei dem Komp. Führer angekommen, erklärte mir dieser: Er habe überhaupt keinen Befehl vorgegeben, ich solle nur ruhig abmarschieren mit meinen Leuten.

Jetzt musste ich meine Leute auch wieder haben und in dem mir unbekannten Wald, der mit Dornen und sonstigem Gestrüpp verwachsen war, war es für mich eine schwere Aufgabe, dieselben wieder zu finden. Zudem war es sehr dunkel. Doch wie es heisst, wer sucht der findet, ging es auch mir. Eine Zentnerlast fiel mir vom Herzen, als ich bei meinen Leuten wieder ankam. Nun teilte ich dem Gruppenführer noch einmal mit, was ich von seinem Komp. Führer vernommen hatte und rückte mit meiner Gruppe ab. Als wir auf dem Feld ankamen, trat der Mond hinter den Wolken hervor und machte die Nacht beinahe zum Tage. Nicht lange dauerte es, hatten uns die franz. Vorposten, die auf Bäumen saßen bemerkt und fingen an auf uns zu schießen. Wir störten uns gar nicht an der Schießerei und marsch. Ruhig weiter. Alles war uns in dieser Nacht gleichgültig.

In dem Glauben, dass das Rgt. Wieder die alten Quartiere bezogen hat, schlugen wir die Richtung nach dieser Ortschaft ein.

Nur mühsam konnten wir uns vorwärts bewegen, denn wir waren, wie man sagt, fertig bis aufs Leinen.

In Maurepas erfuhren wir dann noch zu unserem Verdruss, dass das Rgt. Nach Rombles marschiert sei. Meine Leute sagten mir, dass sie diese Strecke nicht mehr zurücklegen könnten. Ich selbst war froh, dass ich bis hierher gekommen war und machte den Vorschlag, dass wir uns diese Nach in unsern alten Quartieren ausruhen wollten um dann am nächsten Morgen den Weg zum Batl. fortzusetzen. Gesagt, getan. Am nächsten Morgen marschierten wir der Ortschaft Romples zu. Um 8 1/2 Uhr kamen wir dort an. Die Komp. hatte kurz zuvor Kaffee gefasst. Für uns war keiner mehr übrig. Alles hatte geglaubt, die Franzosen Hätten uns abgeschnappt. Wir mussten halt noch bis zum Mittag fasten.

0.4.Marsch auf das Schlachtfeld vor Ypern

Am 23. Oktober marschierten wir von Rombles nach Misserre Hier wurde unsere Komp. wieder verstärkt durch70 Mann Freiw. und Ersatz. Reserw.

Noch am selben Tage 8.30 abds marschierten wir dort ab, die ganze Nacht durch bis zu einem großen Hofgute Butli [?] Über Tag wurden wir dort einquartiert und am 24. Abds ging es wieder weiter. Am 25. Oktober morgs kamen wir in Harrincourt [?] an.

Der 27. Oktober sah uns auf dem Marsche von Haericourt nach Gatroun-Leforst .

Von hier aus ging es am 28. Nach Lille. Um 5.30 nachmtgs kamen wir vor den Toren der Stadt an. Unter den Klängen der Rgts. Musik ging es durch die Straßen der Stadt, die noch vor gar nicht langer Zeit von den Franzosen aufs hartnäckigste verteidigt wurde.

Ein Viertel der Stadt war von unsrer Batl. ganz in Schutt und Asche gelegt. Von Lille ging es am 29. Oktober nach Romines [?] in Gefechtsbereitschaft.

Hier wurde uns ein Armeebefehl vorgelesen, der von S. kgl. Hoheit dem Kronprinzen Rupprecht herausgegeben worden war. Unter anderm enthielt der Befehl folgenden Inhalt:

„Bayern [?] zeigt euch eures alten Ruhmes würdig. Ihr bekommt es jetzt mit einem Gegner zu tun, der die ganze Schuld am Weltkriege trägt, Pardon wird nicht gegeben, was vor die Flinte kommt wird niedergemacht. Am 30. Oktober um 9.00 vrmtgs kam ein Befehl, dass die 18er, zwei franz. Engl. Gräben zu nehmen haben und um 11 vmtgs hatten sie dieselben schon erobert.

Gegen 3 Uhr nchmtgs kam ein Befehl, dass die Ortschaft Hollebeke zu stürmen sei. Wir mussten in die 17er einschieben. Es ging flott vorwärts. Unsre Artl. War immer hinter uns und feuerte was zum Rohr hinausging. Wir gingen so rasch vor, dass um 6.00 abds das Ganze geblasen wurde. Anfangs glaubten wir, die Morderei [sic!] hätte aufgehört, doch bald darauf ertönte das Signal.

Kartoffelsupp. Kartoffelsupp und Rüb, Rüb, Rüb. Das erste Signal galt unsrer Artl. Denn dieselbe beschoss immer noch den Eingang der Ortschaft, als wir die ersten Häuser schon gestürmt hatten.

Nun ging's mit Hurra zu Hollebeke hinein. Die Engländer hatten sich an den Fenstern und Türen gut verschanzt. Unsre Pioniere verstehen sich im Werfen von Brandgranaten ganz gut, deshalb stand die Ortschaft an manchen Stellen in hellen Flammen. Mancher Engländer fiel denselben zum Opfer.

Nach 3 Stunden war Hollebeke vollständig vom Feinde gesäubert. Gefangene machten wir keine. Wir hatten es hier nur mit Engländern zu tun und wir folgtendem Befehle unsres Heerführers.

Vor Hollebeke draußen wurde gesammelt und bald darauf kam ein Befehl, dass um 10.30 abds der Vormarsch zum Schlosse Hollebeke welches auch noch von den Engländern besetzt war, fortgesetzt werde.

Wir gruben uns nun südlich vom Schloss ein. Vor uns war der Yserkanal , der hatte eine Breite von zirka 100 m. Auf der uns gegenüberliegenden Höhe hatten die Engländer Stellung genommen. Wir lagen geduckt in einem Wald. Am 31. Oktober bekam jeder Mann von uns eine Flasche Rotwein. Im Schlosskeller hatten die Engländer 30-40000 Flaschen im Stich gelassen. Es war keine schlechte Sorte, es waren Flaschen dabei, die Jahreszahl 1887 trugen.

An diesem Tage verlor ich meinen besten Kameraden Infanterist Gutmann Hrh [?] aus Schweissweiler. Er musste, nachdem er mit mir so manchen Sturm erlebt, dort sein junges Leben lassen. Sooft ich eine Patrol [?] oder sonst was machte, war er immer dabei.

Am 1. Nov, wurden wir vom 5. [?] Inf. Rgt abgelöst. Unser Rgt. sollte zurück kommen als Korps-Reserven. Wir waren in dem Glauben, dass wir 3 Tage Ortsunterkunft beziehen, doch wir hatten uns wieder mal getäuscht.

Nachdem wir eine Stunde marschiert waren, machten wir halt. Auf freiem Felde setzten wir unsre Gewehre zusammen und legten uns bei denselben nieder. Bald darauf kam der Befehl wieder zum Vormarsch.. Bei dem ersten Wege der rechts von grüne Linde [?] nach Ygitscharte‚ Wytschaethe [?] führt zweigten wir ab. Hier kamen wir an einer östr. Motorbatr. vorbei. Marschierten noch 200 m weiter und machten halt. Vorläufig waren wir Unterstützung bei der Artl. um (2. Nov) 4.30 vmtgs kam der Befehl zum Abmarsch. Wo es hin ging wussten wir nicht.

Während des Marsches kam unser Komp. Führer und erzählte uns, dass vor uns eine Ortschaft zu nehmen sei. 2. Preuß. Rgt. Seien schon an der Arbeit. Der Ostrand sei vom Gegner frei, nur der Westrand, das Kloster und einen links davon gelegenen Wald hielt er noch besetzt. Wir würden in dritter Gefechtslinie folgen. Unsre Artl. Würde die betreffenden Objekte heftig beschießen. Unser Major traf seine Anordnugnen und wir schwärmten aus.

Kaum waren wir 200 m vorgegangen, stießen wir schon auf das erste von den preußischen Regimentern welches ausgeschwärmt im Felde lag. Wir gingen weiter vor und trafen eine zweite Schützenlinie. Wir fragten sie, was sie für Truppen seien. Sie gaben uns zur Antwort 9er Füssiliere, Pommern [?]. Das Rgt. welches wir zuerst trafen war das 2te Garch Gorrh. [?] Rgt.

Wir verwunderten uns. Dass sie noch nicht weiter vor waren. Bis an die Ortschaft waren es mindest. 5 bis 600 m . Sie erwiderten uns, wir sollen nur vorgehen und uns die Köpfe anrennen. Die Ortschaft sei vom Gegner stark besetzt.

Jetzt kam ein Flieger, kreiste über uns und die fdl. Artl. überschüttete uns mit einem Hagel von Granaten und Schrappnell. Es war kein angenehmes Gefühl, auf freiem Felde in diesem mörderischen Feuer zu liegen. Wie eine Erlösung nahmen wir dann auch den Befehl auf, das 9. Füsl. [?] Rgt. Bleibt vorerst liegen, die Bayern gehen vor. Nun ging es sprungweise [?] unter dem Schutze von Hecken und Bäumen vor bis an die Ortschaft, ein marsch, marsch und mit hurra hinein.

Eine bis 2 Stunden später war sie in unsrem Besitz. Wir machten 450 Mann zu Gefangenen, eroberten 6 masch. Gew. Und verfolgten die, welche die Flucht ergriffen, bis auf die gegenüberliegende Höhe. Von einer weiteren Verfolgung mussten wir absehen, unsre Reihen waren auch kolossal gelichtet und unser Gegner verfügte über viel Artl.

Am Abend wurden wir von dem 20ten und 21sten Inf.Rgt. abgelöst und kamen weiter rechts in Stellung.

Die Zeit vom 3ten bis einschl. 5. Nov. Verbrachten wir in dieser Stellung.

Am Morgen des 9. Nov. kam ein Batl. Befehl, dass wir rechts von Wytschaete eingesetzt würden.

Der Graben in dem wir uns befanden war ca. 150 m von der Ortschaft entfernt. In derselben sollte das Batl. gesammelt werden. Der Weg vom Graben bis zur Ortschaft lag unter fdl. Artl. Und Masch.-Gew. Feuer. Einer nach dem Andern suchte so gut es ging, den Ort zu erreichen. Unser Mayor stand mit dem Adjudant vor einem kleinen Häuschen. Ich kam als Erster bei dem Häuschen an und setzte mich vor dasselbe nieder. In dem Glauben, dass meine Komp. in dem Hofe bei dem Häuschen sammelt, schaute ich mich weiter nicht nach ihr um. Als ich mich erhob, um mich ihr anzuschließen war sie verschwunden. Ich ging die Straße vor, bis zur Hauptstraße von Wytschaete , doch von der Komp. sah und hörte ich nichts. Ich ging die Hauptstraße hinab und traf das 17te Resv. Rgt. Ich frug [sic!] sie wo die 22er in Stellung seien, da erklärten sie mir, dass sie rechts vor ihnen liegen. Ich wollte meinen Weg fortsetzen und und kam an einer Scheune vorbei, wo mir 2 Inf. zuriefen, ich soll einmal zu ihnen kommen. Als ich bei ihnen war, machten sie mich auf eine fdl. Batterie, die an einem Damme [?] vor einem Walde stand, aufmerksam. Ich nahm meinen Feldstecher an die Augen und konnte deutlich jedes Geschütz erkennen. In dem Augenblicke, wo ich diese Battr. beobachtete, fiel [?] eine 2te fdl. Battr. hinter dem Walde auf-. Mir kam sofort der Gedanke, diese Artl. muss unschädlich gemacht werden. Zu diesem Zwecke ging ich zurück wieder in die Ortschaft zu einem Geschütz von den 38ern. Derselbe stand auf dem Friedhof vor der Kirche.

Bei den Kanonieren erkundigte ich mich, wo die Beobachtungsstelle der Battr. Sei. Sofort begab ich mich dort hin und traf den Battr. Bef [..?] persönlich. Ich teilte ihm meine Wahrnehmungen mit. Er war ganz begeistert und sagte zu mir, ich müsse ihm die Battr. zeigen, er wolle sie bekämpfen.

Wir gingen nun, der Gef., 2 Ltnt und ich, zu der Scheune zurück, wo der Chef die Battr. auch gleich entdeckte. Er überlegte, fragte die Ltnts. wie weit sie die Entfernung schätzten. Sie brachten 5 km heraus. Dann sagte er zu mir, dass es ihm sehr leid tue, er könne die Battr. nicht beschießen, sie liege nicht in seinem Feuerbereich. Er wolle jedoch die Fuß. Artl. in Kenntnis setzen.

Ich schloss mich, da die Sucherei nach meiner Komp. vergebens war, dem 17. Resv. Regt. an.

Als es anfing zu dunkeln, machte ich mich wieder auf den Weg meine Komp. zu finden.

Als ich wieder auf die Hauptstraße von Wytschaede kam, begnete [sic!] mir ein Major vom 17. Resv. Regt. Dieser fragte mich, wo ich hin wolle. Ich sagte es ihm. Er sprach zu mir, ich solle mich seinem Batl. anschließen. Ich erwiderte ihm, dass ich am liebsten bei meiner Komp. bin und sagte ihm auch warum. Er gab mir dann vollständig recht und lud mich ein, zu ihm in die Küche eines Hauses, in welchem er einquartiert war, zu kommen. Nachher sagte er mir, dass vor gar nicht langer Zeit ein Untffz. Herumgelaufen sei, die Versprengten zu sammeln. Ich solle solange da bleiben, bis der Untffz. zurückkommt.

Eine Stunde hatte ich vergebens gewartet, da bat ich ihn, dass ich an den Ort, wo unsre Feldküche hinkommt, gehen darf. Er erlaubte es mir.

Ich hängte [sic!] meinen Tornister auf und machte mich auf den Weg.

Lange brauchte ich nicht zu suchen bis ich Leute von meiner Komp. traf. Diese erzählten mir, dass sie den ganzen Tag in einem Hofe in Ruhe zubrachten. Für die Nacht wurden wir in Kellern von Wytschaete untergebracht.

Mein Lager war ein Kartoffelhaufen.

Am 5. November in der Frühe marschierten wir zurück nach Osterverne [sic!]. Dort blieben wir bis 3.00 nachmtgs. In Gefechtsbereitschaft. Um diese Zeit kam ein Befehl:

„Antreten, Richtung St. Eloi , das 17. Inf. Rgt. Ist vorn im Kampf, es hat sich ziemlich nahe an den Gegner herangearbeitet., hat jedoch schwere Verluste. Wir [22. Inf. Rgt] müssen es verstärken und zum Sturme vorreissen [?].

Sprungweise arbeiteten wir uns vor; denn der Raum, den wir zu passieren hatten, lag unter starkem feindl. Artl. Feuer. An einem Damme. der rechts der Straße Osterverne – St. Eloi nach dem Schloße Holleeke führt, warteten wir auf weiteren Befehl.

Es war gegen 6.00 abds.

Der Befehl zum Vorrücken ließ nicht lange auf sich warten.

Wir schwärmten aus und sprangen über den Damm. Leute von den 17ern, die am Damm in Schützenlöchern lagen, riefen uns zu, dass wir ins Verderben gehen, wenn wir hier vorgingen. Ihr ganzes Rgt. läge vorn und sei zusammen geschossen. Dach Befehl war Befehl, wir mussten vor. Von den Franzosen und Engländern heftig beschossen, kamen wir doch ohne Verluste vor, bis zu der Schützenlinie unsrer 17er.

Es fing bereits an zu dunkeln.

Ich sprang in eine Lücke dieser Schützenlinie. Unsre Leute links von mir gingen vor. Ich wollte die Leute, die rechts und links von mir lagen, darauf aufmerksam machen, doch niemand von ihnen rührte sich. Ich stieß den, der rechts von mir lag an, doch er war tot. Ebenso erging es mir mit meinem linken Nebenmann.

Die ganze Schützenlinie lag tot auf der Erde.

200 m rechts von uns war ein Gehöft. Vor demselben rief auf einmal einer unserer Leute aus Leibeskräften: „Alles zurück, hinter dem Gehöft starker Gegner.“

Wir lagen vor einem Wassergraben. Ich hörte wie ungefähr 100 m vor uns die Franz. Und Engländer scharenweise sich herunterzogen und einen Sttraßenrand, der ungefähr 150 m links vorwärts vor uns war, besetzten.

Schießen durften wir nicht, sonst wären wir verloren. Wir waren im Ganzen nur 20 Mann und hatten rechts und links keinen Anschluss.

Nachdem alles schon zurückgegangen war, sprang ich zu dem Feldw. , der den Zug führte, dass wir uns auch zurückziehen wollen, wenn wenn wir von den Engländern bemerkt würden, sei es zu spät.

Plötzlich wurde ein Kamerad von mir Untoffz. Bernhardt von Bisterschied verwundet. Ich dachte: fangen lasse ich mich nicht und machte mich mit dem Untffz. Bernhardt aus dem Staube.

Später erfuhr ich, dass der Zug tatsächlich gefangen wurde. Er [Bernhardt] ging zum Verbandplatz und ich schloß mich meiner Komp., die schon früher an dem Damm eingetroffen war, an.

War die Zeit bis jetzt durch die schönen Erfolge und durch die schöne Witterung für uns recht schnell verflogen, so begann mit dem 8. Nov. eine langweilige für uns traurige Zeit.

Jetzt begann der richtige Maulwurfskrieg.

In [23 II 31?] der Nacht vom 8ten Nov. ging schon das Ausheben von Schützengräben los.

Am 9. Nov in der Frühe kam ein Befehl, dass die beiden uns gegenüberliegenden fdl. Gräben, unter allen Umständen in unsern Besitz müssen. Wir befanden uns links der Straße Osterverne – St. Eloi in Stellung. Um 6.30 sollte der Angriff durchgeführt werden. Ohne dass unsre Artl. den Angriff vorbereitet hatte, griffen wir, 2 Komp. stark an. Auch ein Zug von den 10er Pionieren war uns zugeteilt.

Im Marsch, marsch und mit hurra ging es vor und wir kamen unter mörderischem inf. und Masch. Gew. Feuer bis auf allernächste Entfernung an die fdl. Stellung. Unmöglich war es für uns dieselbe zu nehmen, denn nicht allein von vorn bekamen wir Feuer, sondern auch von der rechten und linken Flanke wurden wir durch Masch.gewehre heftig beschossen.

Wir mussten weichen, doch nur bis zu unsern Gräben zurück.

Von unsrer Komp. hatte das fdl. Blei nur 17 Mann verschont. Auch die braven Pioniere hatten schwer gelitten.

Keine Viertelstunde später lief ein Pionierleutnant hinter unserer Stellung herum und rief uns zu „Geht doch vor, seht ihr denn nicht, die winken ja mit den Käppis, die wollen sich ergeben. Wir sprangen nun, was unsrer Komp. noch laufen konnte, wieder vor gegen die fdl. Stellung, doch sobald die Feinde uns erblickten, ergriffen sie ihre Gewehre und schossen auf uns.

Wir erreichten nun nur noch 7 Mann stark unsern Graben.

Am andern Morgen am 10. November kam wieder ein Befehl zum Stürmen der fdl- Stellung, doch zuerst würde unsre Artl. dieselbe unter Feuer nehmen.

Um 7.30 vmtgs. Fiel der erste Schuss und war gleich ein Volltreffer in dem fdl. Graben. Beim ersten Schuß hoben die Gegner eine Stange woran sie ein weißes Tuch befestigt hatten in die Höhe. Diesmal dachten wir, wenn ihr was wollt, kommt herüber zu uns.

Da unsre [sic!] 21cm Granaten eine ganz kolossale Streuung haben, mußten wir bei der Beschießung uns gut ducken, damit wir nicht Gefahr laufen, von der eigenen Artl. getroffen zu werden. Unsre Artl. brachte 5 Volltreffer in den fdl. Graben. Ohne sich lange zu besinnen kamen die, welche noch am Leben waren, aus dem ersten Graben ohne Gewehre zu uns und ergaben sich.

Auch das Nehmen des 2. Grabens war für uns an diesem Tage, wo die Artl. ihre Schuldigkeit getan, eine Kleinigkeit. Wie viele wir dort abführten, weiß ich nicht mehr genau.

Wir richteten den 2. Fdl. Graben zu unserer Verteidigung ein.

Am 11. November war es bei uns ziemlich ruhig. Wir wurden verstärkt durch Teile des 8ten Resv. Rgts, des 23. Und 9. Inf. Regts.

Am 12. Nov. sollten wir uns unsrer Hauptaufgabe welche im Stürmen der fdl. Hauptstellung und der Ortschaft St. Eloi bestand, entledigen.

Um 5.30 nmtgs. Wurde die fdl. Stellung angegriffen. Gleichzeitig wurde auch St Eloi vom 1. Batl. und den eingeschobenen Truppen angegriffen.

Vor der fdl. Stellung befand sich ein starkes Drahtverhau, welches von unsern Pionieren in der Nacht zum Teil zerstört und zum Passieren desselben ein Gang frei gelegt wurde.

25 bis 30 von unsern Leuten waren vor dem Drahtverhau[sic!]. Andre waren in dem Gang und wieder Andre hinter demselben, als wir ein solches Feuer erhielten, dass wir unsre Stellung wieder aufsuchen mussten.

Die Leute, die vor dem Drahtverhau [sic!] waren, warfen sich auf die Erde und gruben sich ein. Wir, die wir noch zum Teil zwischen und hinter dem Drahtverhau waren, sprangen wieder in unsren Graben zurück. Kaum hatten wir wieder Stellung genommen, erhoben sich unsre Leute vor dem Drahtverhau [sic!] und winkten uns, wir sollen vor kommen.

Die Engländer legten nämlich wieder ihre Gewehre weg und schwenkten wieder die Mützen.

Unsre [sic!] Leute, welche dieses Manöver noch nicht kannten, waren in dem Glauben, die Engländer wollten sich ergeben.

Wir winkten und riefen unsern Kameraden zu, sie sollten liegen bleiben, denn wir wussten nur zu gut, dass es eine Falle war, in die sie unsre Leute locken wollten.

Unsre Ermahnungen nicht mehr beachtend, ergriffen sie ihre Gewehre und sprangen vor. Kaum waren sie einige Metervorgekommen, ergriffen die schufte wieder ihre Gewehre und gaben ein mordmäßiges Feuer auf unsre Leute ab.

15 bis 20 Mann, die schon zu weit vorn waren und nicht mehr ausreißen konnten, warfen Gewehre und Tornister weg und sprangen mit hochgehobenen Händen, in den feindl. Graben hinein.

Andre benutzten diese Gelegenheit, da das fdl. Feuer einen Augenblick verstummte und kehrten zu uns in den Graben zurück.

Da wir schon 3 Tage nichts gegessen weder getrunken hatten, fingen Hunger und Durst an, uns gewaltig zu plagen.

Den Durst befriedigten wir mit dem Regenwasser, das auf den Zeltbahnen stand. Als es anfing zu dunkeln, kam Herr Ltnt. Munzinger von der Masch. Gewehr Komp. und sagte, dass im Regt. Die Befürchtung laut werde dass das 22te Rgt. Sich ergeben wolle. Wahrscheinlich hatten sie von dem Vorfall vom Morgen beim Rgt. Kenntnis genommen. Ltnt. Munzinger bat uns noch, die Stellung noch 3 Stunden zu halten, wir würden abgelöst.

Wir gaben ihm die Versicherung, dass wir dieselbe unter allen Umständen halten wollen und er ging befriedigt von dannen.

Kurze Zeit darauf kam ein Div. Befehl folgenden Inhalts: die Div. Hat wieder einmal gezeigt, dass sie trotz Not und Entbehrungen sich nicht allein zu verteidigen weiß, sondern dem Gegner auch noch auf den Leib zu rücken versteht.“ Der Schluß des Befehles lautete „das 22te Inf. Rgt. Wird heute noch abgelöst, weil es sich in letzter Zeit so ehrenvoll geschlagen hat.

Um 9.00 abds. Wurden wir dann auch abgelöst. In Osterverne wurden wir verpflegt. Von hier marschierten wir um 12.00 nach Kurteville [?], wo wir, als der Tag schon graute, ankamen.

Am 15. Nov ging es wieder hinaus in Stellung links vom Schloß Hollebeke. Mit dem heutigen Tage wurde mir die Führung der Komp. übertragen, die manchmal mit einer Stärke von 13 Mann in Stellung war.

Am 17. Nov. war unser Batl. die Resv. Wir lagen an einem Damm in löchern, die ziemlich angefeuchtet waren. Ltnt. Müller von der 6. Komp. kam um 1.00 nchmtgs zu uns und sagte, dass um 2.00 wieder ein Sturm unternommen würde. Lächelnd fügte er hinzu, daß wir dabei nicht aus unsern Löchern bräuchten. Der Sturm würde nur markiert.

Dies Annahme war nur um herauszukriegen, wie stark der Gegner vor unsrer Stellung ist.

Um die festgesetzte Zeit schrien wir aus Leibeskräften Hurra.

Es verfehlte seine Wirkung nicht. Die Feinde fingen an, ganz gewaltig zu feuern. Unser Hurra schlug ihnen sicher auf die Nerven und ich glaubte, sie sahen Gespenster. Wir blieben ruhig in unsern Löchern liegen und kümmerten uns wenig um die Schießerei. Durch unser Verhalten wollten wir die Wut des Gegners noch mehr steigern und dieselben zum Gegenangriff veranlassen, doch er wusste wo Hasen liefen und kam nicht.

Gegen 3.00 nchmtgs. kam ein Befehl, daß die 6te Inf. Brig. Den Gegner ungefähr 300 m rechts von uns anzugreifen hat. Das 2. Batl. 22 Inf. Rgt. Hat sich als Unterstützung für die 6. Inf. Brig[ade] zum Schloß zu begeben.

Der Befehl zum Antreten kam. Kaum waren wir an dem Damme vorbei auf der Straße, wurden wir von den Engländern mit einem solchen Schrappnell- und Granatfeuer empfangen, daß es bei uns hieß: „In die Löcher, marsch, marsch.“

Nach einer kurzen Weile hieß es wieder Wir verbreiten uns gruppenweise hinüber. Doch als die erste Gruppe wieder auf die Straße kam, ging die Schießerei wieder los und wieder gings in die Löcher zurück. Eine halbe Stunde später, als das Feuer wieder nachließ, mußten wir wieder antreten. Nun muß0te Einer nach dem Anderen durchs Artlf. Zum Schloß.

Wie es einem da zu Mute ist, wenn so vor und hinter einem die Granaten krepieren, versteht nur der, der schon einmal eine schwere engl. Schiffsgranate krepieren sah. Diese werfen eine Grundlawine 15 bis 20 m hoch. Wir nannten sie nur noch die Schwarzen [?] und vor diesen hatten wir einen heillosen Respekt.

Ich und ein Kamerad von mir, auch ein Untffz. Sprangen mitsammen.

Vor dem Schloß war ein kleines Wäldchen, dort schwenkten wir, um von der fdl. Infanterie ungesehen hitner das Schloß zu gelangen, rechts von der Straße ab. Hinter dem Wald war ein ungefähr 3000 qm großer freier Platz. Auf diesem Platze schlug Granate auf Granate ein. Ein Loch war neben dem andern.

Wir kamen glücklich hinter einem Häuschen, an nachdem schon mehrere Kameraden standen an.

Auf einmal kam ein Sanitäter ganz aufgeregt bei uns an und sprach: Feldwebel Babje hats erwischt, er ist tot. Ein Granatsplitter ist ihm hinten am Kopf hinein und muß noch drinnen stecken.

Es tut uns leid, denn wir kannten ihn alle. Er war ein Mann der mit Recht, das Eiserne Kreuz auf seiner Brust trug.

Wir ruhten uns hinter dem Häuschen ein wenig aus. Der ganze Boden zitterte von dem Bersten der fdl. Geschoße. Uns kam der Gedanke, dass eine Granate auch einmal da einschlagen könnte, wo wir uns befanden und schickten uns an, das Schloß zu erreichen.

Diese Nacht kampierten wir im Schloßkeller.

Die 46te Inf. Brig, hatte sich ihrer Aufgabe ohne uns erledigt. Den Gegner mit Löwenmut angegriffen und ihn aus seiner ersten Stellung geworfen,. Am nächsten M0orgen erfuhren wir, daß der arme Feldwebel noch auf der Stelle lag, wo ihn der Granatsplitter getroffen hatte und noch lebte. Jetzt erst wurde er von den Krankenträgern zum Verbandplatz getragen. Er mußte die ganze Nacht mit seiner blutenden Wunde im Froste liegen, ohne daß man ihn verbunden hatte. Er würde vielleicht noch zu retten gewesen, wenn man ihn gleich zum Verbandplatz getragen hätte. So ist es noch manchen Kameraden ergangen, die nur durch Leichtsinn dem Tod überliefert wurden.

Am 18. Nov. kamen wir wieder auf unsern alten Platz und lösten no9ch in der Dämmerung unser 1. Batl. welches am Friedhof, links vom Schlosse Hollebeke lag, ab.

Es fiel ein leichter Schnee. Der Graben fing an, feucht zu werden. Eine fühlbare Kälte stellte sich ein und wir froren wie die Affen.

Meine Komp. lag 25 m rechts von der 6. Der Laufgraben, der diese beiden Gräben verbinden sollte, war noch nicht fertig gestellt Warum wußte ich nicht.

Unser holdes [?] Visa-Vis lag uns auf 80 bis 100 m gegenüber. Der Unterstand des Batlführers befand sich bei der 6. Komp. Sooft eine Waldung kam, ließ er immer die Komp. Führer rufen. Mehr auf dem Bauche kriechend durch Dreck und Schlamm, als springend legte ich die 25 m zurück. Es war nicht so ohne, denn mehr als einmal mußte ich zu meinem Batl. Führer hinüber wenn eine Meldung kam oder es war sonst ein gefährlicher Posten zu besetzen, da wußten sie, wo die 8. Komp. zu finden war. Als abds due 1. Komp. das Essen brachte wußten sie es nicht und verschonten uns mit demselben. Wir dachten. Auch dieses wird vorüber gehen und waren munter und guter Dinge. Einmal nichts zu Essen das machte uns nichts aus, denn wir waren ja die reinsten Hungerkünstler.

Als die Nacht herein brach bot sich unsern Augen ein intressantes Schauspiel. Vor uns in einer Entfernung von 3 bis 4 km lag die Stadt Ypern. Man konnte deutlich die Umrisse der Stadt und der Häuser sehen. Ypern wurde in der Nacht von einer östr. Motorbatterie beschossen.

Deutlich sah man wie die Schrappnell Brennzünder krepierten und ihr feuriger Schlund die Veranlassung so mancher Rauchsäulen die zum Himmel wirbelten war.

Den 19. November verbrachten wir auch im Schützengraben.

In der Nacht vom 19. auf 20. Kamen wir nach Wervicq ins Quartier.

Es war eine Strecke von 20 km, die wir unter strömendem Regen zurücklegten mußten. Naß bis auf die Haut , dreckig bis zum Kopfe, kamen wir in unserm Quartiere an und wir hatten auch noch das Glück, nicht einmal einen Ofen in demselben zu haben. Die nassen Kleider mußten uns auf dem Leibe wieder trocknen.

Um 4.00 nachmtgs. Hieß es wieder antreten. Um 9.30 abds mußten wir die 17er, die vor dem Schlosse Hollebeke in Stellung lagen ablösen. 5 Stunden brauchten wir, um den Weg zur Stellung zurückzulegen. Auf diesem Marsche kamen wir das erste Mal wiuede4r durch den Ort Hollebeke. Wie war dieser seit unsrer Einnahme zugerichtet. Kein einziges Haus war da, wo man sagen könnte, was es einmal war.

Als wir zur Ortschaft hinaus kamen, krepierten 100 m rechts von uns fdl. Granaten. Diese musst [sic!] eine andere Sorte gewesen sein (wahrscheinlich amerikanische). Die Sprengstücke flogen uns zischend um die Ohren.

Auch schlugen schon Gewehrkugeln bei uns ein.

Die Engländer und Franzosen schossen auch wenn sie nichts sahen, die ganze Nacht durch.

So erzielten sie manchmal Treffer, wie sie gar nichts dafür konnten. Wir formierten nun die Reihe zu Einem. In dieser Formation gelangten wir durch den Schloßpark in die erwähnte Stellung. Links von uns lagen die 23er, rechts ein preußisches Regiment.

Vor uns auf dem Felde lagen viele tote 23er die bei einem Sturm auf die fdl. Stellung fielen.

Der Graben links von uns war ungefähr 30 bis 40 m von dem Unserigen entfernt. Diese Gräben mußten miteinander verbunden werden. Auch mußten Sappen [?] d. f. Annäherungswege nach der fdl. Stellung vor getrieben werden.

Zu dieser Arbeit wurden Pioniere abgestellt, die vereint mit Infantristen dieselbe ausführen mußten. Tag und Nacht wurde gearbeitet. Zeit zum Schlafen gab es nicht. Die Einen mußten nach dem Gegner spähten und die Anderen mußten schanzen.

Am 26. November kamen wir nach Romie [?] ins Quartier. Hier kam wieder unser alter Batl. Führer Herr Mayor Nägelsberg zu uns. Am 27. Sept. wurde derselbe auch schwer verwundet. In Rommines [?] verbrachten wir 2 Tage. Außer ein paar Appellen bei welchen Liebesgaben, Zigarren u.s.f. verteilt wurden, gab es nichts Neues.

Am 29. Abds. 9.00 ging es ab iun den Schützengraben vor St. Eloi.

Da das Essen schon abds. So umständlich und mit vielen Gefahren für die Leute, welche zurück geschickt wurden verknüpft war, wurde angeordnet, dass ein jeder Mann von uns, sein Essen für 3 Tage mitzunehmen hat. Ein jeder fasste deshalb 1 Brot, 1 Stück Speck oder Schweizerkäse. Die Feldküche mußte uns bis Ostaverne begleiten. Ostaverne war ungefähr 20 Minuten hinter uns der vordersten Stellung. Dort entnahm jeder Mann der Feldküche einen Feldkessel voll Kaffee.

Bei jeder Komp. waren 2 Spirituskocher und 1 Flasche Spiritus. Diese Flasche sollte reichen für die ganze Komp. Doch wenn eine Gruppe mit ihrem Kaffee wärmen fertig war, war auch die Flasche leer. Die übrigen Leute der Komp. mußten ihren (Kaffee) kalt trinken.

Am Rauchen fehlte es uns nicht. Den ganzen Tag brannte die Zigarre oder pfeife. Mein eiserner Bestand an Rauchmaterial war 40 Zigarren und 3 bis 4 Pfeifen Tabak sooft wir in Stellung waren.

Wir lagen rechts der Straße Osttaverne - St. Eloi.

Der fdl. Graben war 70 bis 80 m von unsrer Stellung entfernt. Wir mussten den ganzen Tag an dem Aus bessern unsrer Gräben arbeiten. Auch Tag und Nacht mußten wir Wasser schöpfen, um unsere Graben so gut es ging trocken zu halten. Ganz konnten wir jedoch nicht Herr des Wassers werden. Es war überhaupt eine sumpfige Gegend. Das ganze Feld war mit Tonrohren abgedohlt [?].

Wir hatten mehr zu kämpfen mit dem Dreck und Wasser als mit den Franzosen und Engländer. Den 30. November verbrachten wir auch in diesem dreckigen und nassen Graben.

Am 1. Dez. wurden wir von einem anderen Batl. unsres Rgts. Abgelöst und kamen zurück nach Werwick [sic!] ins Quartier.

Wir lagen die ganze Komp. in einem Wirtshaus um Saale, wo Stroh und Putzwolle uns zum Lager diente. Wir schliefen hier ausgezeichnet, vielleicht besser wie Zar Nikolaus in seinem seidenen Federbett. Der Traumgott führte uns aus dem schrecklichen Männermorden für einige Zeit heim zu unsern Lieben zu Weib und Kind, zu Vater und Mutter und allen die uns nahestanden, die immer in steter Angst und Sorge um uns waren.

Doch sobald wir die Augen öffneten versetzte uns das Geknatter der Masch. Gew. sowie das schreckliche Rollen der Artl. Geschoße in die graußige Wirklichkeit.

Zwei Tage blieben wir zurück, aber immer in höchster Alarmbereitschaft. Durch die unaufhörliche Schießerei der fdl. Artl. mußte man annehmen, dass der Gegner mit Gewalt unser Linien zu durchbrechen suchte. Oftmals probiert er es auch, aber immer wurde er mit blutigen Köpfen heimgeschickt.

Am 2. Dez nachts 12.00 ging es wieder vor in Stellung und uns alle beschäftigte der Gedanke, wer von uns wird heute wieder seinen letzten Gang machen. Unter 3 bis 4 Tode kamen wir in unsrer Stellung nicht, sooft wir uns in derselben befanden. Verwundete gab es wenig. Was fiel bekam Kopfschüsse. Wenn einer sein junges Leben ausgehaucht hatte, machten wir ihm im Schützengraben sein Grab und beerdigten ihn. Ein Kreuz aus Holz wurde gezimmert und auf dem Deckel einer Liebesgaben- oder Zigarrenkiste sein Name verewigt. Dieser wurde an dem Kreuz in irgendeiner Weise befestigt. Als Ehrensalve schickten wir unsern gefallenen Kameraden drei Vaterunser nach.

3 Tage verbrachten wir wieder in Stellung. Dann kamen wir 3 Tage an den Straßendamm, der von Schloß Hollebeke in die Straße Osttaverne – St. Eloi führt, zurück.

Diesen Damm bauten wir in dieser Zeit zu einer kleinen Garnison, für den Truppenteil, der in Unterstützung war, aus. Am Tage mußten wir in einem Walde, 200 m hinter dem Damme Bäume fällen. An dem Damme selbst Unterstände graben, die mit den Stämmen der gefällten Bäume abgedeckt und mit Stroh, Dachpappe und Grund gegen die Witterungseinflüsse geschützt wurden. Ganz trocken dieselben zu halten, war bei dem anhaltenden Regenwetter unmöglich. Es war jedoch immer besser da drinnen zu liegen, als im Freien. Wohl waren einzelne Gehöfte hinter unsrer Front, doch dort konnten wir keine Quartiere beziehen. Dieselben waren teils zusammen geschossen, auch lagen sie immer noch unter schwerem feindl. Feuer.

An unserm Damme fühlten wir uns so sicher, wie 50 km hinter der Front. Gegen Schrapnell waren wir in unsern Unterständen gedeckt und mit Granaten konnte der Gegner uns nicht beschießen. Er verfügte nur über Flachbahngeschütze. Die Granaten derselben krepierten entweder vor dem Damm oder flogen mindestens 30 m über denselben hinaus.

Bei Nacht mussten wir Drahtrollen, Faschinen, Bretter etc die wir vorn in Stellung zum Ausbauen derselben benutzten und von der Fuhrparkkolonne bis Lindenbusch [?] Ostaverne gefahren wurden, tragen. So hatten wir Tag und Nacht unsre Arbeit. Wir verrichteten sie gerne , denn es war uns allen wohl bewusst, dass es galt, unsre Lieben zuhause und unser geliebtes Vaterland vor dem Eindringen nach Revanche dürstenden Franzosen und von Eroberungswut gepackten Engländer zu schützen. Wie sie hausen würden, hat uns die Erfahrung, die wir im Oberelsaß gemacht haben, gezeigt.

Am 7. Dez. ging es wieder nach Werwick [sic!]ins Quartier. Der Weg kam uns meilenweit vor. Wir waren bei unserm Rückmarsch immer so fertig, daß einander selbst auf Fragen keine Antwort gaben. Menschen waren wir überhaupt keine mehr, nur sich mühsam vorwärtsbewegende Lehmklötze. In Werwick konnten wir uns wieder von unsern Strapazen erholen. In der ersten Zeit hielten die Einwohner alle Nahrungs- du Genussmittel versteckt. Später war in den Geschäften alles zu haben. Wir kauften uns Fleisch, Eier und bereiteten uns am Mittag ein vortreffliches Mahl.

Auch an Wein, Butter, Käse, Äpfeln, Lebkuchen etc fehlte es nicht. Sogar eine Metzgerei, wo man Wurst haben konnte , war da. Diese besuchten wir öfters, denn der Name Wurst war uns ganz fremd geworden. Auch drang wie ein Blitz aus heiterem Himmel die Nachricht ein, dass es am Marketenderwagen Münchner Bier gibt. Trotzdem die Flasche 65 (Zeichen für Pfennig??) kostete, wurde der Marketender gestürmt und wenn man sich ein wenig säumte, war ausverkauft.

Am 9. Dez. gingen wir wieder frisch gestärkt und wie neu geboren, in unsre alte Heimat in den Wassergraben vor St. Eloi. Ließen wir bei unserm Rückmarsche aus der Stellung, wie man sagt die Köpfe hängen, so war der Vormarsch in dieselbe genau das Gegenteil.

Bei dem Marsche durch Comines wurde gesungen, dass die Fenster klirrten. Witze wurden gemacht, bis der Befehl kam, dass sich alles ruhig verhalten und das Rauchen eingestellt werden soll. Erst jetzt nachdem es totenstille war, kam uns wieder zum Bewusstsein, dass wir unser blutiges Handwerk wieder aufnahmen.

Ich wurde von dem heutigen Tage meiner Stellung als Komp. Führer enthoben und Offz. Stlvtr. Franz, der mit einem Transport aus der Heimat kam, wurde mit der Führung derselben betraut. Bei Ostaverne nahmen wir wieder Kaffee und Munition in Empfang und rückten unsrer Stellung zu. Auch mussten wir Stroh, welches uns zum Lager dienen sollte, mitnehmen. Die Ablösung dauerte manchmal 2 Stunden.

In dem Graben lag, daß man denselben besser passieren konnte, ein Brett vor dem anderen. Links und rechts von den Brettern war der Schlamm und das Wasser ein Meter tief. Wer manchmal das Brett verfehlte brach ein bis zum Bauch und mußte von seinen Kameraden wieder herausgezogen werden.

Die beiden Stellungen lagen einander 75 bis 80 m gegenüber. So kam es eines Tages vor, daß die Franzosen uns in ihrer Sprache anriefen. Wir frugen sie, was los sei. Da gaben sie uns zur Antwort: „Lager (La guerre???) malheur“ das heisst auf Deutsch, der Krieg ein Unglück. Wir riefen: „Jawohl (Qui???) Mußje [?] Auch streckten sie hin und wieder die Hände aus dem Graben und winkten uns zu in dem glauben, wir streckten ihnen die Köpfe hin. Immer neben dem , der uns winkte stand ein anderer mit schießbereitem Gewehr und lauerte.

Selbst im Schützengraben im Angesichte des Todes wurden noch Witze gemacht. Jeder von uns hatte seinen Gegner mit einem deutschen Namen getauft. Inftrst Stichler rief den Feinden jeden Morgen zu ob sie schon Kaffee getrunken hätten. Als Zucker oder sonstige Zugabe schickte er ihnen ein deutsches Geschoß hinüber.

Jeden Tag von 3 bis 5.00 nahm die fdl. Artl. unsern Graben unter Feuer. Doch hatte sie bei uns wenig Erfolg. Äußerst selten brachte sie einen Volltreffer in unsern Graben. Die meisten Granaten sausten uns kurz über die Köpfe und schlugen 50 bis 100 m hinter unsrer Stellung ein.

Der 11. Dez. sah uns wieder am Damme beim Baum und Ausbessern unsrer unterirdischen Wohnungen.

Am 13. Dez. ging es wieder in unsern alten Tempo zurück nach Werwick. 2 Tage verbrachten wir wieder in unsrer alten gewohnten Weise dort. Lebten wie Gott in Frankreich.

In der Nacht des 15. Dez gings dann wieder hinaus vor Frechs [?] großartige Managerin, wo er uns alle Sorten und Rassen Menschen, unter anderem zahme und wilde Engländer kostenlos zur Vorführung brachte. Bei der Fütterung derselben verweigerte er mit Pulver und Blei uns den Zutritt.

Am 2. Tage dieser Vorstellung wurde es auf einmal links von uns bei unserm Nachbarregiment lebendig. Wir dachten gleich, daß da was los sei und hatten uns nicht getäuscht. Die Biester waren in diesem Abschnitt ausgebrochen und in die vorderste Stellung eingedrungen. Wahrscheinlich weil das Publikum in dieser Stellung aus Langeweile vom Schlaf übermannt wurde. Mit einem Wutgeheul wollten sie in die 42te Linie eindringen, Auf der Galerie war man aber besser auf der Hut und empfing sie mit einem rasenden Gewehr- und Maschinengewehrfeuer. Auch brachte man noch 50 bis 60 von den überlebenden Bestienein. Der erste Graben wurde am nächsten Tage durch eine Andere Komp. des selben Rgts. Von den Eindringlingen gesäubert.

Am 19. Dez. ging es wieder zurück nach Werwick [sic!] für 2 Tage.

Am 21. Dez. gings in Stellung und in der Nacht wurden wir abgelöst und kamen zum Damme zurück in Bereitschaft.

Das hl. Weihnachtsfest kam immer näher und wir dachten mit Sehnsucht wo werden wir es in würdiger Weise verbringen können. Unser Batl. hatte Glück.

Am 25. Dez. abds 11 Uhr wurden wir abgelöst.

Als wir in Werwick ankamen, verkündete der Glockenschlag der Uhr der Stadtkirche die dritte Morgenstunde. Mit Sack und Pack oder besser gesagt mit Dreck und Speck gings in die Kirche.

Welch ein wunderbarer Anblick bot sich hier unsern Augen.

In der Mitte vor dem Altar stand ein großer Weihnachtsbaum. Rechts und links von demselben ein etwas kleinerer. Alle erstrahlten in hellem Kerzenschein. 6 Soldaten in ganz weiße Mäntel gehüllt standen vor denselben. Ein Soldat unsers Batl. bestieg die Emporbühne und spielte mit wunderbarer Harmonie das schöne Weihnachtslied „Stille Nacht, heilige Nacht“. Kaum waren die letzten Klänge verklungen, nahm die Musik unsers Rgts. den Akkord auf und es brauste mächtig durch das schöne Gotteshaus Dazwischen rollte der Donner der schweren Geschütze. Kurzum, es war ein hehrer, heiliger Augenblick.

Als dann die Musik schwieg, brauste dasselbe Lied welches wir einst in ferner Kindheit bei Vater und Mutter im trauten Stübchen um den Christbaum geschart, gesungen haben in die Luft. Gesungen von vielen hundert rauhen Kriegerkehlen.

Nun bestieg der Feldgeistliche die Kanzel und seine Worte sprachen von Frieden und Heimat. Jetzt war es vorbei, wir konnten uns nicht mehr länger fassen. Viele hundert rauhe und bärtige Krieger, denen jedes Mitleidsgefühl geschwunden , deren Blicke nur Rache sprühten und deren Sinn nur ans Morden dachte, lagen auf den Knien und weinten.

O Kriegsweihnacht 1914, dich werde ich nie vergessen.

Nach dem Gottesdienst ging es zurück in die Quartiere. Nachmittags um 5.00 ging es wieder in die Kirche. Dort wurden die Gaben, die das Christkindlein aus der Heimat beschert hatte uns durch den Feldw. Überreicht. Fielen dieselben auch etwas spärlich aus, so war die Freude darüber, daß man auch an uns im fernen Flandern gedacht hatte, um so größer.

Am Abend hatten wir eine kleine weltliche Feier in der Komp. Hier vergaßen wir auf einmal bei einem guten Glase Münchner, alle Not und Entbehrungen, die wir hinter uns hatten. Auch unser Mayor beehrte uns mit seinem Besuch. Er sagte, wir sollen es uns nur recht gemütlich machen, denn er meinte, wir hätten ein paar vergnügte Stunden wirklich verdient. Hin und wieder streckten auch belg. Zivilisten ihre Köpfe in den Saal.

Sie konnten unsern Weihnachtsbaum, was man deutlich an ihren Mienen und Gebärden sehen konnte, nicht genug bewundern. Das waren deutsche Weihnachten in Feindesland. [...]

Die Aufzeichnungen von Josef Harz enden genau zwei Jahre später, an Weihnachten 1916 in den Karpaten.

[Bild: Privatsammlung]

0.5.Abkürzungsverzeichnis

  • Kdr - Kommandeur
  • MG - Maschienengewehr [?]
  • Komp - Kompanie
  • Rgt - Regiment
  • Bfhl - Befehl
  • Untffz - Unteroffizier
  • Feldw - Feldwebel
  • Fdl - Intrl
  • Ersatz Reserw - Ersatz Reservewehr
  • Freiw. - Freiwilllig
  • Abds - Abends
  • Nchmtgs - Nachmittags
  • vmtgs - vormittags
  • S. kgl. Hoheit - seine königliche Hoheit
  • Artl - Artillerie
  • Inf - Infanterie Regiment
  • Motorbatr. - Motor
  • fdl - feindlich
  • masch. Gew. - Maschienengewehr
  • Ltnt - Leutnant
  • Inf. Brig - Brigade
  • Offz Stlvtr - Stellvertrentender Offizier [?]

Red. Bearb. Katharina Thielen

Erstellt am: 20.05.2014

Anmerkungen:

  1. Möglicherweise ist Leuze-en-Hainaut gemeint. Zurück
  2. Als "Turkos" oder "Turcos" wurden algerischen und tunesischen Schützenregimenter des französischen Heeres, die "Tirailleurs algériens" bzw. "Tirailleurs tunisiens" bezeichnet. "Zuaven" waren in dem Fall Infanteriegruppen des französischen Heeres. Der Name geht auf algerische Söldnertruppen im 19. Jahrhundert zurück. Zurück
  3. Evtl. Stacheldrahtzaun? Zurück