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Familiennamen in Nieder-Olm – Entstehung und Deutung

von Rita Heuser

0.1.1. Wann und warum sind Familiennamen entstanden?

Jeder trägt einen Familiennamen, der ihn ein Leben lang begleitet, der auch zum Teil der eigenen Identität zur Familiengeschichte geworden ist. Die Frage nach Herkunft und Bedeutung der Namen wird den Namenforschern immer wieder gestellt.
Jahrtausendelang sind die Menschen ohne Familiennamen ausgekommen. Bis ins Mittelalter herrschte in Europa das Prinzip der Einnamigkeit vor, der Rufname genügte, um eine Person zu identifizieren. Wollte man eindeutiger sein, benutzte man Beinamen, wie Pippin der Alte/derJunge, Ludwig der Fromme, Hrabanus Maurus. Die Beinamen waren jedoch keine festen Familiennamen, sondern wurden nur nach Bedarf benutzt und beziehen sich immer nur auf eine Person.
Wie kann man einen fakultativen Beinamen von einem festen Familiennamen unterscheiden?
Um einen Beinamen handelt es sich,

  • wenn der Name sich nur auf eine Person und deren Eigenschaften bezieht (der Dorfschmied heißt Hans der Schmied, der tapfere englische König Richard Löwenherz, sein Bruder Johann Ohneland).
  • wenn der Name zwischen den Generationen wechselt (der Vater heißt Hans der Alte, der Sohn Hans der Junge).

Um einen Familiennamen handelt es sich,

  • wenn der Name vererbt wurde und Geschwister bzw. Eltern und Kinder den gleichen Namen tragen (z.B. Vater und Sohn heißen Hans Jung, zwei Bruder Hermann und Joseph Jung). 
  • wenn der Name nicht zur Person passt (z.B. Hans Einarm ist zweiarmig, Hans Becker ist von Beruf Schneider).

Erste Familiennamen kamen im 9. Jh. in Venedig auf. Im 10. Jh. tauchen sie im übrigen Italien und in Südfrankreich, im 11. Jh. in Nordfrankreich und Katalonien und im 12. Jh. in den west- und süddeutschen Städten auf. Die Diffusion des zweigliedrigen Namensystems Rufname + Familienname erfolgte im deutschen Sprachraum flächendeckend zwischen dem 12. Jh. und dem 15. Jh. und zwar von Süden und Westen nach Norden und Osten, von den Städten in die ländlichen Gebiete, von den adeligen Familien in bürgerliche und zuletzt bäuerliche Bevölkerungsschichten. Was waren die Gründe?

  1. Die Reduzierung des Rufnamenbestands durch Rufnamenmoden des Mittelalters. Seit dem 12. Jh. werden biblische Namen und Heiligennamen als Vornamen bevorzugt, die traditionellen germanischen Vornamen werden zurückgedrängt. Der Vornamenschatz verarmt dadurch; die Vielzahl der germanischen Vornamen wurde durch eine eingeschränkte Zahl der christlich motivierten Rufnamen abgelöst. Die germanischen Rufnamen waren zum größten Teil zweigliedrig und konnten beliebig zusammengesetzt werden: Hilde-gard, Hilde-gund, Hilde-brand, Brun-hild, Krim-hild usw. Eine Folge der neuen Rufnamenmode war, dass viele Personen wurden nach besonders beliebten Heiligen benannt wurden. In Mainz hießen im Jahr 1401 von 291 Männern 63 Johannes (21,6%). 44 davon (69,8%) wurden mit der Koseform Henne gerufen. [Anm. 1]
  2. Familienzugehörigkeit. Besonders in Bezug auf Erbansprüche und soziales Prestige ist die Signalisierung der Zugehörigkeit zu einer Familie besonders bedeutend. Familiennamen wurden daher vom Adel und wohlhabendem Bürgertum besonders früh aufgegriffen.
  3. Der Bevölkerungszuwachs in den mittelalterlichen Städten. Besonders während des 12./13. Jh. konzentrierten sich viele Einwohner in den wachsenden Städten. Um 1400 haben Frankfurt und Nürnberg ca. 20.000 Einwohner, Köln 30.000. Zur Unterscheidung erhalten die Einwohner, von denen viele den gleichen Rufnamen tragen, einen Familiennamen.
  4. Die schriftliche Verwaltung (Zinsbücher, Bürger- und Besitzverzeichnisse) wird immer wichtiger und erfordert eine exakte Personenidentifizierung. Die Grundherren wollten genau wissen, wer ihnen wie viel schuldet; in Gerichtsakten werden Kläger und Beklagte genau namentlich festgehalten. In diesen Urkunden finden sich auch die ersten schriftlichen Belege für Familiennamen.

Familiennamen treten zuerst in den südwestdeutschen Städten auf und verbreiten sich von Südwesten nach Norden und Osten. In einigen ländlichen Gebieten, wie in Friesland, wurden sie erst im 19. Jh. (1811 durch Napoleon) eingeführt. Auch in Skandinavien traten die Familiennamen erst spät auf. In Island gibt es bis heute keinen fest vererbbaren Familiennamen.
Die Familiennamen wurden unveränderlich als 1794 in Preußen die Unterbindung des Namenwechsels und 1874 die Standesämter eingeführt wurden. Seither darf auch die Schreibweise des Namens nicht mehr verändert werden.[Anm. 2]

0.2.2. Aus welchen Motivbereichen sind die Familiennamen entstanden?

 Allgemein kann man fünf Motivgruppen unterscheiden. 

  • Berufsnamen: Benennung nach Beruf, Tätigkeit, Ämter, Aufgaben. Zu dieser Gruppe gehören die 14 häufigsten deutschen Familiennamen: Müller, Schmidt, Schneider, Fischer, Meyer, Weber, Schulz, Wagner, Becker, Hoffmann, Schäfer, Koch, Bauer, Schröder. Auch seltene und heute nicht mehr bekannte Berufsbezeichnungen leben in Familiennamen weiter: Rothgerber, Berscheider, Metzler, Dechent, Rathgeber, Küchenmeister. Indirekte Berufsnamen beziehen sich auf ein Handwerkszeug, ein Produkt oder typisches Zubehör: Hammer, Nagel, Leim usw. Selten sind lautmalerische Namen wie Puffpaff für einen Schmied.
  • Herkunftsnamen: Zugezogene wurden nach dem Herkunftsort oder -land benannt, z.B. Böhme, Unger (aus Ungarn), Schwabe, Vogelsberger, Nauheimer, Nauroth u.a. Die Epoche der Familiennamenentstehung war auch eine Zeit starker Binnenwanderung. Noch heute kann man an der Verbreitung der Herkunftsnamen die Wanderbewegungen im Mittelalter nachvollziehen. Viele Herkunftsnamen, die sich auf kleine Ortschaften beziehen, finden sich in einem Umkreis von ca. 75 km um den Herkunftsort herum. Grundsätzlich kann man folgende Typen unterscheiden: bloßer Ortsname wie Hans Nauheim (entwickelt aus Hans aus/von Nauheim) neben dem im Süddeutschen häufigeren er-Typus Hans Nauheimer (aus Hans der Nauheimer). Im Nordwesten hat sich noch die Präposition von/van auch bei nichtadeligen Namen erhalten: van Düsseldorp, van Beethoven.
  • Übernamen: Benennung nach körperlichen, charakterlichen oder biographischen Eigenheiten. Die Übernamen sind charakterisierende Namen und wurden, wie alle Familiennamen, seit dem 14./15. Jahrhundert üblich. Sie spiegeln häufig ästhetische oder moralische Normvorstellungen der Zeit wider. Auf die Körpergröße beziehen sich z.B.: Klein, Groß, Dick. Auf Haarfarbe und Haarbeschaffenheit: Schwarz, Rot, Weiß, Witt, Krause, Kraus, Krauß, Kraushaar, Siebenhaar (jemand mit ganz viel oder ganz wenig Haar). Zu den Übernamen gehören auch Namen, die sich auf körperliche Gebrechen oder Missgestalt beziehen: Hühner, Ziegen-, Krummbein, Speckhals, Fingerlos. Viele Namen die mit Kn- anlauten, beziehen sich auf knorrige. kleingewachsene Menschen: Knauf, Knaur, Knaup, Knäufel, Kneist, Knoll, Knoth, Knorz usw. Auf den Charakter beziehen sich Namen wie Sauer, Ehrlich, Biedermann, Ohnesorg, Gmehlin (= bequem), Frühauf, Spät, Zorn, Zengerle, Zuckschwert. Auf das Ess- und Trinkverhalten verweisen: Fraas, Freter, Sauff, Süper, Schlink, Schluckewein, Lecker, Kappesesser. Ein Wallfahrer wird Pilgram genannt, ein Reicher Hundertmark, ein Geiziger Schimmelpfennig
  • Wohnstättennamen: Benennung nach der Stätte, an der man wohnte, z.B. Baumgärtner (am Baumgarten), Gruber (an der Grube), Bachmann (am Bach), Dorer (am Tor), Berg(er) (auf dem Berg), Ingensand (niederrheinisch: in dem Sand), Aufderau (auf der Aue), Torbecke (zur Bach), Daler (im Tal) u.a.
  • Patronyme: Der Rufname des Vaters (manchmal auch der Mutter = Metronym) geht auf die Nachkommen als Familiename über. Hieß der Vater Otto kann der Sohn den Familiennamen Otto/Ott(e)/Otten tragen. Wenn die Mutter viel Einfluss in der Familie hatte, gesellschaftlich höher stehend als der Vater war, der Vater noch vor der Geburt des Kindes starb oder unbekannt war, konnte auch ihr Name zum Familiennamen werden: Hans Metten (aus Mechthild), in norddeutschen Familiennamen auch Vermetten (ver = vrouwe "Frau, Herrin"). Weitere Beispiele für Patronyme sind: Dietrich, Eckert (Eckhart), Enders, Endres (Andreas), Heinermann (Heinrich), Hartmann. Diese Gruppe ist sehr variantenreich, weil es sehr viele Möglichkeiten gibt Rufnamen abzukürzen und als Koseform zu verwenden: Fritz aus Friedrich, Betz aus Berchtold, Kienzle aus Konrad, Göddeke aus Gottfried. Allein zur Grundform Nikolaus gibt es hunderte von Varianten von denen Klaus, Claasen, Nickel, Nicolai, Loos, Klose, Nitsch(e) die bekanntesten, Lauss, Kloh, Klapps, Kohlhaas, Glais die ungewöhnlichsten sind. Auch die regionalen Unterschiede tragen zur Vielfalt der Patronyme bei: Namen mit -sen wie in Petersen, Carstensen treten fast ausschließlich in Schleswig-Holstein auf, Namen mit dem starken Genitiv wie Peters, bzw. dem schwachen Genitiv wie Otten, Franzen, Kuhnen sind besonders stark im Westen verbreitet.

0.3.3. Was macht die Familiennamen für die Sprachwissenschaft so interessant?

Es gibt heute ca. eine Mio. unterschiedlicher Namen in Deutschland. Dieses enorme Material ist natürlich hoch interessant für die Sprachwissenschaft.
Familiennamen entwickeln sich gegenüber dem übrigen Wortbestand der Sprache verlangsamt, kaum oder gar nicht, d.h. sie konservieren alte Sprachzustände aus mittelalterlicher Zeit. Die Namen sind stark regionalsprachlich und mundartlich geprägt, sie können also als Quelle für historische Sprachgeographie und Sprachgeschichte dienen. Nicht nur lautliche und graphische Altertümlichkeiten sondern auch ausgestorbene und heute unbekannte Wörter und Berufsbezeichnungen werden durch die Namen tradiert. z.B. der Beruf des Tierkastrators in Gelzenleichter, Pagenstecher, Nonnenmacher, Berschneider. Sie transportieren in einer sprachlich erstarrten Form Informationen sprachlicher oder sachlicher Natur aus der Zeit ihrer Entstehung (12.-15. Jh.) – sie sind sprachliche Fossilien, wie die zu Stein gewordenen Knochen der Dinosaurier.
Die historisch gewachsenen Familiennamenlandschaften erweisen sich als erstaunlich stabil. Über Jahrhunderte hinweg hat sich die Landschaft der Familiennamen nur wenig verändert: nach wie vor finden wir die Namentypen wie Petersen massiv im Norden, Häberle im Schwäbischen und Mayr im Bairischen.

0.4.4. Kurzer Überblick über das Projekt "Deutscher Familiennamenatlas".

Die Familiennamen bieten sich an für eine sprach- und kulturwissenschaftliche Auswertung, konnte aber bislang nicht umfassend genutzt werden. Erst heute sind die Auswertungsmöglichkeiten durch die digitale Erfassung der Namen als Telefonanschlüsse erleichtert. An den Universitäten Mainz und Freiburg ist seit Februar 2005 der "Deutsche Familiennamenatlas" in Arbeit. Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert, der erste Band soll 2008 erscheinen.
Ein für dieses Projekt entwickeltes Computerprogramm erlaubt es, Karten zur Verbreitung eines Namens und seiner Varianten zu erstellen. Die Datengrundlage bilden die Telefonanschlüsse von 1995 bzw. 2005, die für 1-5stellige Postleitzahlbezirke abgebildet werden.
Ziel des Atlas ist eine systematisch-repräsentative Erfassung und Analyse des heutigen deutschen Familiennamenbestandes. Der Atlas soll in erster Linie keine Einzelnamen, sondern die areale Verteilung von Namenvarianten oder Bildungstypen (Namenlandschaften) dokumentieren. Es sind vier Bände mit ca. 960 Karten geplant. Der Atlas soll für die Sprachgeschichte, aber auch fachübergreifend als Quelle dienen, z.B. für die Siedlungs- und Migrationsforschung, Sozialgeschichte, Mentalitätsforschung.
Die Bände 1 und 2 (Grammatik) beschäftigen sich mit der Auswertung ausdrucksseitiger Phänomene der Sprache. Die Gliederung basiert auf ausgewählten linguistischen Themenbereichen:

  • Graphematik (z.B. klare Abgrenzung von Schreibarealen wie Meier/Meyer versus Maier/Mayer).
  • Phonologie (z.B. Abgrenzung der unverschobenen (niederdeutschen) von den verschobenen (hochdeutschen) Formen wie bei Piper – Peifer – Pfeiffer).
  • Morphologie (z.B. die Verteilung regional unterschiedlicher Bildungsweisen der Patronyme (-s, -en, -sen, -mann u.a.); die Kartierung der Satznamen wie Hassdenteufel, Scheuenpflug zeigt, dass diese seltene, kleinräumig begrenzte Phänomene sind). Die Bände 3 und 4 (Lexik) beschäftigen sich mit Aspekten der inhaltlichen Motivation und behandeln kulturhistorische Themen. Die Gliederung basiert auf der Grundlage der fünf unterschiedlich motivierten Familiennamenklassen:

Speziell mit der rheinland-pfälzischen Familiennamenlandschaft wird sich der "Kleine Familiennamenatlas für Rheinland-Pfalz und Saarland" beschäftigen.[Anm. 3]

0.5.5. Familiennamen aus Nieder-Olm

Landschaftliche Unterschiede der Namen beruhen weitgehend auf dialektalen Besonderheiten und der regionalen Verbreitung bestimmter Rufnamen oder Berufsbezeichnungen. Die Familiennamen eines Ortes sind meist in diese regionale Familiennamenlandschaft eingebettet; sie geben Einblick in die Zeit ihrer Entstehung (z.B. in das Spektrum mittelalterlichen Berufe), zeigen aber auch Einflüsse durch geschichtliche Ereignisse oder soziale Entwicklungen auf (z.B. Zuzug von Einwanderern und Migrationsbewegungen). Einige Beispiele Nieder-Olmer Familiennamen sollen im Folgenden den einzelnen Motivbereichen zugeordnet und gedeutet werden. Die Auswahl erfolgte nach Häufigkeit (Nachweis mit über 5 Telefonanschlüssen in Nieder-Olm) oder aufgrund des Besonderheit des Namens.

0.5.1.5. 1 Patronyme

Zu den Patronymen gehören die für Südhessen und Rheinland-Pfalz typischen Namen Seufert und Seubert/Seibert. Sie sind kontrahierte (zusammengezogene, verkürzte) Formen zu den germanischen Rufnamen Seifried/Siegfried (althochdeutsch sigu "Sieg" + fridu "Friede") und Siegbert (althochdeutsch beraht "glänzend, berühmt"). Der Name Sieben ist aufgrund seiner westlichen Verbreitung wahrscheinlich eine patronymische Bildung (schwacher Genitiv) zu Siegbert. Er kann aber auch eine verkürzte Form von einem der zahlreichen mit dem Zahlwort Sieben- (Siebenhaar, Siebenmantel, Siebenrock) gebildeten Familiennamen sein.
Der bekannte Nieder-Olmer Name Metten (Maler Metten) ist höchstwahrscheinlich eines der selten Metronyme zu dem weiblichen Rufnamen Mechthild (Mette). Es kann sich aber auch um einen Berufsübernamen für einen Müller zu Mette "Maß, Getreide" handeln. Seine Verteilung zeigt, dass es sich um keinen typisch rheinhessischen Namen handelt (s. Karte 1: Verbreitung des Familiennamens Metten).

Der Familienname Wettig/Weddig ist ein Variante zu dem germanischen Rufnamen Widukind (widu "Wald, Holz" + kind = Verkleinerungsforms). Möglich ist auch Herkunftsname zum ON Wettingen bei Hildesheim und Magdeburg (s. Karte 2: Verbreitung des Namens Wettig).

Dem in Hessen verbreiteten Namen Happel liegt der altdeutsche Rufname Hadebert (althochdeutsch hadu "Kampf"+ beraht "glänzend, berühmt")zugrunde. Die in Nieder-Olm häufigen Familiennamen Thiel, Thiele, Thielmann und Diehl sind alle Ableitungen aus einem althochdeutschen Rufnamens mit dem Element Diet-, beispielsweise Dietrich (aus althochdeutsch diot "Volk").
Der althochdeutsche Rufnamenbestandteil od "Besitz" steckt in den Familiennamen Ott (auch Otte, Otto).
Bei dem hessischen/rheinhessischen Familiennamen Dinges handelt es sich um eine Ableitung aus dem Heiligennamen Antonius. Als Patron der Bauern fand der hl. Antonius im Mittelalter weit verbreitete Verehrung, besonders aber im Rheinland, wie zahlreiche bekannte Familiennamenvarianten wie Tönges/Dönges, Töns, Tönjes oder Dünnes belegen. Ganz auszuschließen ist eine Herkunft aus den Heiligennamen Martinus bzw. Dionysius allerdings nicht, deren Kurzformen sich mit den Antonius-Varianten überschneiden können (s. Karte 3: Verbreitung des Namens Dinges).

0.5.2.5.2. Berufsnamen

Baumann, Ackermann, Bauer sind alle Bezeichnungen für den Dorfbewohner, Landwirt. Da auf dem Land nahezu alle Dorfbewohner den gleichen Beruf ausübten, wird der Beiname Bauer (zu mittelhochdeutsch bûr, althochdeutsch giburo "Mitbewohner, Dorfgenosse") zumeist in der Stadt dem vom Land Zugezogenen, einem im Gegensatz zum Mayer nicht bevorrechteten, in bescheidenen Verhältnissen lebenden Bauern oder dem nebenberuflichen Bauern gegeben worden sein. Der Familienname Bauer nimmt die 13. Stelle in der gesamtdeutschen Häufigkeitsrangfolge ein. Er ist häufiger im Süden als im Norden; in Regensburg und Passau ist er der häufigste Name überhaupt. Mit Becker ist natürlich der Bäcker (die Schreibung mit -ä- wurde erst seit dem 16. Jh. üblich und ist daher in den Familiennamen selten) gemeint. Er ist ein weit verbreiteter Name im Westen und Südwesten. Beck ist eine altertümliche Form zu Becker, die im Süden dominiert und im Südwesten konkurriert.
Mit dem Nahrungsmittelgewerbe haben auch die Namen Koch und Küchenmeister zu tun. Koch ist ein sehr häufiger und weit verbreiteter Name. Bei der Berufsbezeichnung Koch und dem Verb kochen handelt es sich um Entlehnungen aus dem Lateinischen (coquus, volkslateinisch cocus). Das Tätigkeitswort kochen, das nach und nach das einheimische sieden verdrängte, galt zunächst der feineren Klosterküche, die viele Gewürze verwendete. Anfangs bezeichnete dieser Name den in Klöstern, Herrenhöfen, großen Wirtschaftsbetrieben und wohlhabenden Haushalten tätigen Koch, später den auf öffentlichen Plätzen und Jahrmärkten in allen mittelalterlichen Städten nachweisbaren Garkoch. Küchenmeister ist wesentlich seltener und meist im Norden und Osten Deutschlands verbreitet. Der Name bezieht sich auf die Berufsbezeichnung für den Vorgesetzten einer großen Küche, einen Meisterkoch in einem Kloster oder einem Fürstenhof.
Zu den indirekten Berufsnamen gehört der in Nieder-Olm und Umgebung häufige Name Kneib. Er geht auf mittelhochdeutsch knîp "Messer, Schustermesser" zurück (vgl. dazu im Englischen knife „Messer“ und die Bezeichnung im pfälzischen/hessischen Dialekt für ein Küchenmesser: Kneibchen/Kneifchen) und bezeichnet wie die verwandten Namen Kneipp, Kneip einen Schuster (s. Karte 4: Verbreitung des Familiennamens Kneib).

0.5.3.5.3. Wohnstättennamen

Im Gegensatz zu den Patronymen und Berufsnamen sind die Wohnstättennamen in Rheinhessen eher selten. Dazu gehört der Name Horn, der sich aus dem mittelhochdeutschen Wort horn "hervorragende Spitze, Ecke, Winkel" ableitet, das in Flurnamen oder auch Hausnamen häufig vorkommt. Hier kommen aber auch konkurrierende Deutungen, wie ein Berufsname für den Hornverarbeiter oder Hornbläser oder ein Herkunftsname zum Ortsnamen Horn in Frage. Der in Rheinhessen und der Pfalz konzentrierte Name Stauder ist ein Wohnstättenname für jemanden, der an einem Flurstück mit Sträuchern, Stauden wohnte. In einigen Fällen kann aber auch hier ein Herkunftsname zum Ortsnamen Staude (in Schlesien, Baden-Württemberg, Bayern, Schweiz) dahinterstecken. Der Name Orth kann ein Name für jemanden, der am Ortsende wohnt (mittelhochdeutsch ort "Ende, Ecke, Winkel, Spitze") sein, aber ebenso ein Herkunftsname zum Ortsnamen Ort (Bayern, Österreich) oder Kurzform zum Rufnamen Ortlieb.
In Rheinhessen nicht selten sind Namen wie Kirchgesser (jemand wohnte in der Gasse, die zur Kirche führte) oder Borngässer (jemand wohnte in einer Gasse mit Brunnen). Born ist ein altes Wort für Brunnen und heute nur noch in Flurnamen, Straßen-, Familien- und Ortsnamen (z.B. Marienborn) üblich.

0.5.4.5.4. Herkunftsnamen:

Im deutschen Südwesten, wie z.B. in Rheinhessen enden die meisten Ortsnamen auf -heim, fast deckungsgleich in diesem Gebiet finden sich auch die Herkunftsnamen die auf -heimer enden, wie Nauheimer, Jugenheimer, Bechtolsheimer, Partenheimer u.v.m. Der Name Holzamer ist abgeleitet aus dem Ortsnamen Holzheim, Holzham (heute noch sind über 30 Orte mit Namen Holzheim, Holzham, Holzhammer vor allem in Bayern belegt).

0.5.5.5.5. Übernamen

Ob die Rheinland-Pfälzer wohl besonders klein waren? Das können wir nicht sagen, aber eines kann man feststellen: Die meisten Kleins wohnen zwischen dem Saarland und Mainz. Tatsache ist, dass Übernamen, die sich auf Äußerlichkeiten beziehen, in Rheinland-Pfalz besonders häufig sind. Auch der Name Jung zeigt eine ähnliche Verbreitung wie Klein und bezeichnet einen Jüngeren im Gegensatz zu einem älteren Familienmitglied oder einen jungen, unerfahrenen Menschen (s. Karte 5: Verbreitung des Familiennamens Jung).

Die Benennung nach der Haarfarbe ist in unserem Gebiet ebenfalls besonders häufig, aber es müssen auch viele Bedeutungskonkurrenzen berücksichtigt werden. Der Name Schwarz kann auch auf den Ortsnamen Schwarz, Roth auf den Ortsnamen Roth oder auf eine Wohnstätte an einer Rodung zurückgehen.
Auf eine Farbe weist auch der Familienname Weisrock hin, der sich beinahe ausschließlich in Nieder-Olm findet, ansonsten gibt es nur noch im norddeutschen Raum den ähnlichen Namen Wittrock. Der Name bezieht sich auf die bevorzugte Farbe des Kleidungsstückes (im Mittelalter ist mit Rock nicht das weibliche Kleidungsstück gemeint, sondern der Überrock).
Auf eine Charaktereigenschaft bezieht sich der Name Sauer. Er ist auf mittelhochdeutsch sûr "sauer, herb, grimmig, mürrisch" zurückzuführen. Typische norddeutsche Varianten sind Suhr, Sur, süddeutsch sind: Saur, Säuerle, Sürly u.a.
Auch Tieren begegnet man häufiger in Übernamen, die sich dann meist auf besondere Eigenschaften oder Verhaltensweisen des Tieres beziehen, die man im Namenträger wiederzuerkennen glaubte. Was mit dem in Rheinhessen so häufigen Namen Breivogel gemeint ist, ist noch unklar. Eventuell steckt hier ein Vogel dahinter, der gern vom Brei nascht, im Mittelalter eine Grütze aus Getreidekörnern, besonders aus Hirse. Denkbar sind auch Verschreibungen zu den süddeutschen Namen Schreivogel oder Freivogel (s. Karte 6: Verbreitung des Familiennamens Breivogel).

Manchmal können sehr unterschiedliche Eigenschaften namengebend gewirkt haben. Jemand mit dem Namen Faust (besonders in Hessen und Rheinland-Pfalz verbreitet) kann ein kämpferischer Mensch, ein Faustkämpfer oder jemand, dessen Faust gefürchtet war, gewesen sein. Manchmal kann aber auch ein Glücksbringer gemeint sein (zu lateinisch faustus „Glück bringend“).

0.5.6.5.6. Besonderheiten der rheinhessischen Familiennamenlandschaft

Eine Besonderheit sind in Rheinhessen die sogenannten Humanistennamen. In gebildeten Kreisen, vornehmlich in evangelischen Pastorenfamilien, wurde seit dem 15./16. Jh. die Mode aus Italien übernommen, Namen zu latinisieren oder zu gräzisieren (ins Lateinische oder Griechische zu übersetzen) und damit seine humanistische Bildung zu zeigen. Beliebt war das Anhängen der lateinischen Endungen -i, -y, -ius. So wurde aus Philipps > Phillipi, Käskorb > Cascorbi, Martin > Martiny, Bock > Bockius. Auch Übersetzungen waren üblich Schwarzert > Melanchthon, Fuchs > Vulpius, Becker > Pistor, Müller > Molitor, u.v.m. Diese Humanistennamen sind typisch für die rheinland-pfälzische Namenlandschaft. Bockius taucht fast ausschließlich im Nieder-Olmer Raum auf, Molitor ist in ganz Rheinland-Pfalz verbreitet (s. Karte 7: Verbreitung des Familiennamens Molitor).

Namen aus nicht deutschsprachigen Ländern, z.B. französische und niederländische Namen sind durch Einwanderung nach Deutschland gekommen. Besonders nach dem 30-jährigen Krieg waren viele Landstriche Deutschlands entvölkert, man brauchte tüchtige Handwerker und Kaufleute. Die Landesherren nahmen daher gerne protestantische Religionsflüchtige aus Frankreich, Wallonien, Flandern und der Schweiz auf, vielerorts kamen auch Katholiken, die von den Steuervergünstigungen und anderen Privilegien angelockt wurden. Die größte Einwanderungswelle aus Frankreich erfasste Deutschland im 17. Jh. nach der Aufhebung des Edikts von Nantes (1685). Zwischen 1680 und 1730 ließen sich ca. 40.000 Hugenotten in Deutschland nieder. Im Mainzer Raum waren wallonische, flandrische und französische Namen nicht selten. Die meisten dieser Namen sind jedoch nicht mit den Hugenotten sondern mit katholischen Handwerkern und Soldaten aus den entsprechenden Ländern zugewandert.[Anm. 4] Im Laufe der Zeit wurden Schreibung und Aussprache der Namen immer mehr eingedeutscht bis sie ihre Herkunft nicht mehr zu erkennen waren, teilweise haben sich aber auch die Akzente und Aussprache noch erhalten. Meist ist ihre Deutung jedoch schwierig und in den meisten Namenbüchern noch nicht geklärt. 
Der rheinhessische Name Landua könnte beispielsweise ein Herkunftsname sein und jemanden bezeichnen, der aus Landois stammt. Der Familienname Debo geht eventuell auf eine wallonische Variante des französischen Familiennamens Dubois oder niederländisch Debou, Deboe (mittelniederländisch boud "kühn, verwegen, dreist") zurück (s. Karte 8: Verbreitung des Familiennamens Debo).

0.6.6. Probleme der Namendeutung

Aufgrund der ungeheuren Menge und Variationenvielfalt der Namen kann man ohne Nachschlagewerke keine gesicherte Deutung abgeben. Aber auch die Namenlexika enthalten oft nur eine Auswahl an Namen und deren Varianten. Problematisch sind vor allem Namen, die eher selten oder nichtdeutscher Herkunft (z.B. slawisch, französisch) sind.[Anm. 5]
Bei vielen Namen treten auch Bedeutungskonkurrenzen auf: Der Familienname Kohl kann für den Kohlbauer, den Köhler oder den heiligen Koloman stehen. 
Auch der Nieder-Olmer Name Reuter ist vieldeutig. Für ihn bieten sich folgende Möglichkeiten an: 1. Es handelt sich um einen Berufsnamen zu mittelhochdeutsch riutære "der ausreutet, urbar macht, rodet; Bauer". 2. Es kann ein Standesnamen zu mittelhochdeutsch rîtære "Reiter, Streiter zu Pferde, Ritter", frühneuhochdeutsch reuter "Reiter" vorliegen. 3. Er ist ein Wohnstättennamen (d.h. der erste Namensträger wurde nach der Stätte, dem Platz benannt, an dem er wohnte) zu mittelhochdeutsch riute "Stück Land, das durch Rodung urbar gemacht wurde". 4. Möglich ist auch ein Herkunftsname (d. h. der erste Namenträger wurde nach dem Land, der Gegend, der Stadt oder dem Ort benannt, aus dem er stammt) zu häufigen Ortsnamen wie Reut(e), Reuth, Reuter. Weitere Varianten sind: Reiter, Reuther, Rüt(h)er, Reutter.
Die sprachwissenschaftliche Namenforschung und Familiennamengeographie kann nicht jede offene Frage beantworten und auch keine Familienforschung ersetzen, die geographische Verteilung der Namen kann aber durchaus einen Hinweis auf die Herkunft der Familie aus einer bestimmten Region geben und neue Deutungsmöglichkeiten eröffnen.

0.7.NACHWEISE

Verfasser: Rita Heuser
red. Bearb.: Isabel Schulz
erstellt: 11.10.2010
Literatur:

  • Bahlow, Hans, Deutsches Namenlexikon. Frankfurt 1985;
  • Brechenmacher, Josef Karlmann, Etymologisches Wörterbuch der Deutschen Familiennamen. 2 Bände. Limburg a.d. Lahn 1957-1963.
  • Gottschald, Max, Deutsche Namenkunde. Berlin, New York 2006.
  • Kohlheim Rosa/Kohlheim, Volker, Duden Familiennamen. Herkunft und Bedeutung. Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich 2005.
  • Kunze, Konrad, dtv-Atlas Namenkunde. München 2003.
  • Kunze, Konrad/Kunze, Richard, Verbreitungskarten von Familiennamen in Deutschland. In: Der Sprachdienst 46/6, 2002, S. 209-217.
  • Kunze, Konrad/Nübling, Damaris, Der Deutsche Familiennamenatlas (DFA). Konzept, Konturen, Kartenbeispiele. In: Beiträge zur Namenforschung 42/2, 2007, S.125-172. (MZ)
  • Nübling, Damaris/Kunze, Konrad, Familiennamenforschung morgen: Der deutsche Familiennamenatlas (DFA). In: Namenforschung morgen- Ideen, Perspektiven, Visionen. Hg. v. Andrea Brendler/Silvio Brendler. Hamburg 2005, S. 141-151.
  • Rettinger, Elmar, Die Umgebung der Stadt Mainz und ihre Bevölkerung vom 17. bis 19. Jahrhundert. Stuttgart 2002.
  • Steffens, Rudolf, Aspekte der Rufnamengebung im spätmittelalterlichen Mainz. In: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 1996, S. 125-158.

Anmerkungen:

  1. Zur Rufnamenmode im mittelalterlichen Mainz siehe Steffens 1996, S. 153. Zurück
  2. Zur Entstehung und Geschichte der Familiennamen siehe Kunze 2003. Zurück
  3. Informationen zum Familiennamenatlas siehe auch auf der Homepage www.familiennamenatlas.de und http://www.igl.uni-mainz.de/forschung/namenforschung/kleiner-familiennamenatlas.html. Zurück
  4. Zur Zuwanderung in Nieder-Olm s. Rettinger 2002, S. 426ff. Zurück
  5. Grundlegend für eine Namendeutung sind die Namenlexika von Gottschald, Kohlheim/Kohlheim, Brechenmacher und Bahlow zu konsultieren. Zurück