Bibliothek

Geschichte der Zisterzienserabtei Marienstatt

0.1.Überblick

Kloster Marienstatt

Die Zisterzienserabtei Marienstatt ist ein bekannter Wallfahrtsort, ein Anlaufpunkt für alle, die Ruhe und Einkehr suchen, zugleich aber auch ein beliebtes Ausflugsziel inmitten des Nistertals, nur wenige Kilometer von Hachenburg entfernt.
Marienstatt steht über Heisterbach im Siebengebirge, Himmerod in der Eifel und Clairvaux in unmittelbarer Nachfolge Cîteauxs und blickt auf eine inzwischen fast 800jährige, bewegte und wechselvolle Geschichte zurück.

Die Abtei wurde 1212 von Heisterbacher Mönchen in der Nähe von Neunkhausen im Westerwald gegründet. Schon bald musste der Standort verlegt werden. Graf Heinrich III. von Sayn und seine Frau Mechthild statteten sie großzügig mit Besitzungen im Nistertal aus. Dorthin übersiedelten die Mönche und errichteten eine der frühesten gotischen Kirchen rechts des Rheins. Die Grafen von Sayn empfanden sich seitdem als Schutzherren der Abtei, was deren Geschichte über Jahrhunderte prägen sollte. Die teilweise heftigen Auseinandersetzungen, vor allem nachdem die Grafen zum Protestantismus übergetreten waren, zogen sich über die folgenden Jahrhunderte hin, obwohl ein Rezess von 1582 die Streitigkeiten zugunsten Marienstatts geregelt hatte. Die Abtei prozessierte bis zur Aufhebung Marienstatts 1803 gegen die Grafen von Sayn und ihren Anspruch auf Landeshoheit. Von den schweren Verwüstungen der marodierenden französischen Truppen 1795 erholte sich das Kloster nicht mehr. 1802 ergriff der Fürst von Nassau-Weilburg von der  Abtei Besitz, die er als Entschädigung für seine enteigneten linksrheinischen Besitzungen erhalten hatte.

1803 fand schließlich der letzte Gottesdienst in der Abteikirche statt. Danach versuchte man die Gebäude zu wirtschaftlichen Zwecken zu nutzen, was jedoch nicht gelang, sodass sie über längere Zeiträume hinweg leer standen. 1864 kaufte sie das neugegründete Limburger Bistum und richtete dort eine Erziehungsanstalt ein. 1866 gelangte Marienstatt unter preußische Herrschaft und die Spiritaner, die die Erziehungsanstalt leiteten, mussten im Rahmen des sog. Kulturkampfes die Abtei verlassen. 1888 wurde Marienstatt als erstes Zisterzienserkloster nach den Verboten des „Kulturkampfs“ von Wettingen-Mehrerau aus wiedergegründet. Noch heute existiert die Abtei und betreibt das einzige humanistische Gymnasium in der Region.

0.2.Geschichtlicher Abriss

0.2.1.Gründung und Mittelalter

Marienstatt wurde 1212 als Zisterzienserabtei von dem Kölner Burggrafen Eberhard von Aremberg und seiner Frau Adelheid von Molsberg gegründet und mit Mönchen aus der Abtei Heisterbach (bei Bonn) besiedelt. Eine Stiftung des Grafenpaares Heinrich III. und Mechthild von Sayn ermöglichte eine Übersiedlung vom ursprünglichen Standort in der Nähe von Neunkhausen an die Große Nister. Damit wechselte die Abtei von der Trierer in die Kölner Diözese. Dort wurde ab etwa 1246 mit dem Bau der heute noch erhaltenen Abteikirche begonnen. Mit einigen päpstlichen Schutzprivilegien ausgestattet fügte sich das Kloster zunächst gut in die Nachbarschaft der weltlichen Herrschaften ein.

Nach dem Aussterben der Linie der älteren Grafen von Sayn mit dem Tode Heinrichs III. 1246/47 setzte eine Schwächephase des Hauses ein, da sich die Nachfolger erst etablieren mussten. Sie erwiesen sich gegenüber Marienstatt etwa zwei Jahrhunderte lang als nicht durchsetzungsfähig. So mussten sie 1343/44 den bereits begonnenen Neubau der Burg Froneck in unmittelbarer Nähe zum Kloster beenden und die bereits errichteten Anlagen wieder schleifen. Erst als Marienstatt im 15. Jahrhundert mit finanziellen und disziplinarischen Problemen zu kämpfen hatte, sahen sie wieder eine Möglichkeit ihren Einfluss auf die Abtei zu vergrößern. Sie begannen sich für eine Reform des Klosters einzusetzen und mischten sich bei verschiedenen Gelegenheiten in die klosterinternen Angelegenheiten ein. Dieses Engagement ging soweit, dass sich Graf Gerhard von Sayn 1459 an den Papst wandte und um die Entsendung des Kardinals Nikolaus von Kues bat. Er solle die Reform des Marienstatter Konvents vorantreiben.

0.2.2.Von der Reformation bis zur Säkularisierung

Neben der tatsächlichen Sorge um das Wohl des Konvents ist den saynischen Grafen aber immer auch ein territorialpolitisches Motiv zu unterstellen. Daher ließen sie auch nicht locker. Das Verhältnis spitzte sich aber erst richtig zu, als in der Grafschaft 1560/61 die Reformation eingeführt wurde, während Marienstatt katholisch blieb.

Gegen den zunehmenden Druck der Grafen von Sayn versuchte sich die Abtei zunächst mit Hilfe von Schutzurkunden der Trierer und der Kölner Erzbischöfe zur Wehr zu setzen. 1562 erbat man sogar eine Schutzurkunde von Kaiser Ferdinand I. Wenngleich deren Echtheit zweifelhaft ist, so scheint das Kloster ein solches Privileg dennoch für nützlich im Kampf gegen die Grafen gehalten zu haben. Die Klage, die Marienstatt 1573 beim Reichskammergericht einreichte, zeigt, dass man sich nun mit Hilfe des Reiches gegen seine Bedränger wehren wollte. Diese Rechnung ging tatsächlich auf, denn 1582 wies ein Rezess, der unter Druck des Kaisers zustande gekommen war, die Ansprüche der Grafen von Sayn zurück und legte die Eigenständigkeit Marienstatts fest. Er bildete bis zur Auflösung den juristischen Bezugspunkt für die sich trotz allem fortsetzenden Auseinandersetzungen mit dem Grafenhaus.

Der 30jährige Krieg brachte Marienstatt an den Rand seiner Existenz. Die Schwadron niederländischer Kavallerie, die 1619 auf dem Weg nach Böhmen in Marienstatt Quartier bezog richtete zwar noch keinen Schaden an, aber schon die kaiserlichen Truppen setzten der Abtei auf ihrem Gegenfeldzug 1621 und 1622 erheblich zu. Sie zwangen den Konvent zur Flucht. Ein zweiter Überfall 1625 verschlechterte die Lage Marienstatts weiter, 1632 wurde sie unter schwedischer Besatzung gar für aufgehoben erklärt. Nach dem Zusammenbruch der schwedischen Herrschaft am Mittelrhein 1634 wurde die Grafschaft Sayn mitsamt dem Kloster 1636 als heimgefallenes Lehen vom Kölner Erzbischof eingezogen. Der Westfälische Frieden von 1648 bestimmte jedoch deren Wiederherstellung und so geschah es auch im darauffolgenden Jahr.

Zwar hatte Marienstatt unter den Wirren des 30jährigen Krieges vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht zu leiden, doch gelang dem Kloster nach dessen Beendigung ein beachtlicher Wiederaufstieg. Bereits zum Ende des Jahrhunderts war man wirtschaftlich wieder in der Verfassung, immer zahl- und umfangreichere Umbaumaßnahmen zu finanzieren, die zwischen 1734 und 1751 in der vollständigen Niederlegung und barocken Neuerrichtung der Konventsgebäude gipfelten. Zum Abschluss der Umbauarbeiten wurde 1754 das Pfortenhaus neu gebaut. Abgesehen von den andauernden Auseinandersetzungen mit den Grafen von Sayn und einigen umliegenden Gemeinden, die vor dem Reichskammergericht ausgetragen wurden verlief die Marienstatter Geschichte bis zum Ende des 18. Jahrhunderts ruhig stabil. 1776 war die Abtei auch wirtschaftlich wieder so gefestigt, dass sie das Priorat Bottenbroich übernehmen und inkorporieren konnte.

Erst die Wirren und Kriege der französischen Revolution brachten das Kloster wieder in Bedrängnis. 1795 plünderten durchziehende französische Truppen Marienstatt schwer. Am 19. Oktober 1802 schließlich ergriff der Fürst von Nassau-Weilburg Besitz von der Abtei und löste sie zum 3. Januar 1803 auf.

0.2.3.Die Abtei in der Moderne

Nach zwischenzeitlicher Nutzung der Abteigebäude zu wirtschaftlichen Zwecken und als Erziehungsanstalt gelang es nach Beendigung des Kulturkampfes dort 1888 wieder Zisterzienser anzusiedeln. Sie stammte aus der österreichischen Zisterze Wettingen-Mehrerau. Zunächst als Priorat unter Leitung von Dominikus Willi wiedererrichtet, wurde Marienstatt 1889 wieder eine vollgültige Abtei mit Willi als erstem Abt.

Schon nach kurzer Zeit hatte sich Marienstatt soweit etabliert, dass man auch an bauliche Erweiterungen denken konnte. So wurde 1908 der neue Bibliotheksflügel errichtet, in dem zunächst auch die 1911 gegründete Oblatenschule untergebracht war. Aus ihr ging das heute noch existierende Gymnasium mit nunmehr etwa 900 Schülern und Lehrern hervor. Der Versuch die Abtei Hardehausen (bei Paderborn) mit Marienstatter Mönchen wiederzubesiedeln scheiterte 1938. Mit der Gründung der Vermögensverwaltungsgesellschaft Abtei Marienstatt mbH (VVG) im Jahr 1939 und der Übertragung der Grundstücke 1949 wurde die Abtei rechtlich selbständig und ist seitdem nicht mehr auf Genehmigung von rechtlich relevanten Handlungen durch ihre Mutterabtei angewiesen. Die VVG ist nach wie vor die Holding für alle andern klösterlichen Betriebe, zu denen jedoch die Landwirtschaft seit 1971 nicht mehr gehört, da in diesem Jahr die Ökonomie nach nahezu 800 Jahren endgültig aufgegeben wurde.

0.3.Verfassungsordnung

0.3.1.Dignitäten und Ämter

Der Konvent setzte sich aus Mönchen und Konversen zusammen. Von Letzteren gab es in Marienstatt nicht viele. Insgesamt lassen sich bis zur Auflösung 51 Konversen namentlich nachweisen. Bei Konversen handelte es sich zwar um „wahre Religiosen“, doch war sie den Mönchen nicht gleichberechtigt. Sie waren Laien, die andererseits auch nicht dieselben liturgischen Pflichten wie die Mönche hatte. Ihnen oblagen eher Tätigkeiten in der Klosterwirtschaft. Sie stammten aus allen Bevölkerungsschichten, sogar aus dem Adel. Für Marienstatt lässt sich mit Gobelin von Rübenach jedoch nur ein einziger adelige Konverse nachweisen.

Dem Gesamtkonvent stand der Abt vor, dem nach der Benediktregel die Mönche Gehorsam schuldeten. In Marienstatt umfasst die lückenlose Abtsreihe bis zur Auflösung der Abtei 46 Amtsträger. Zu den bedeutendsten Persönlichkeiten sind sicher der erste Abt Hermann (1215-1223) zu zählen, nicht nur, weil er den Konvent im Westerwald ansiedelte, sondern auch weil seine Vision von Maria mit dem Dornenzweig das Auseinanderfallen des Konvents verhinderte und den Umzug an die Große Nister auslöste. Ebenfalls ein bedeutender Abt war Benedikt Bach (1688-1720), der die Klosterverwaltung straffte und den barocken Umbau von Kirche und Kloster einleitete.

Seit der Wiederbesiedlung amtierten sechs Äbte (Stand 2014). Unter ihnen ist sicher Dominikus Willi, die bedeutendste Persönlichkeit. Er wurde 1898 sogar Bischof von Limburg. Nicht zu vernachlässigen sind aber auch die Leistungen von Thomas Denter, der sich um den Erhalt der Abteikirche verdient machte. Seinem Einsatz ist die grundlegende Sanierung der gotischen Basilika zu verdanken, die 2008 abgeschlossen wurde.

Nicht so lückenlos ist die Reihe der Prioren, die 43 Stellvertreter des Abtes bis 1803 umfasst. Für die Wirtschaftsführung der Abtei war der Zellerar oder Kellner von besonderer Bedeutung. Er war für die Beschaffung der Dinge des täglichen Bedarfs verantwortlich und hatte die Buchführung über Einnahmen und Ausgaben unter sich. Weitere in Marienstatt vorkommende Ämter waren der Novizenmeister, der Cantor, der Küster, der für die Kranken zuständige Infirmar, der Pförtner, der für die Unterbringung von Gästen verantwortliche Hospitalar, der Bursar, der die Geldwirtschaft des Klosters überwachte, der Speichermeister, der Küchenmeister, der Kämmerer und der persönliche Assistent des Abtes (Sazellan). Außerdem gab es noch den für die theologische Ausbildung der Novizen verantworlichen lector theologiae, den Kirchenmeister, den Glöckner, den Organisten und den Herbstherrn, der die Weinlese überwachte. In den verschiedenen Gutshöfen der Abtei amtierten außerdem noch Hofmeister. Da die Anzahl der Konventsmitglieder nicht sonderlich groß war, waren die Mönche immer wieder gefordert, ein Amt zu belegen. Bei einer ganzen Reihe von ihnen, kann man gleichsam eine Ämterlaufbahn erkennen.

Viele dieser Ämter gibt es heute noch, hinzugekommen ist aber das Amt des Schulleiters, das immer eines der Konventsmitglieder übernimmt.

0.3.2.Zahl der Mitglieder

Der Gründungskonvent bestand angeblich aus zwölf Mönchen unter der Leitung Abt Hermanns, also 13 Personen. 1547 führt ein Verzeichnis 27 Mönche und vier Konversen auf. 1490 hatte die Pest den Konvent auf 23 Mitglieder dezimiert. Zu 1567 lassen sich 14 und zu 1691 24 Konventualen nachweisen. Bei seiner Auflösung erhielten 18 Mönche und ein Abt Pensionen. 1888 wurde die Abtei mit zehn Mönchen wieder besiedelt. In der Folge wuchs die Zahl der Konventsmitglieder rasch: bereits 1893 zählte man 27, 1899 39, 1902/03 51. Mitgezählt wurden hierbei jedoch auch die Oblaten. Den Höhepunkt in der Mitgliederentwicklung erreichte die Abtei 1931. In diesem Jahr gehörten 70 Mitglieder dem Konvent an. Seitdem sinkt die Mitgliederzahl kontinuierlich. Im Jahre 2000 lag sie bei 23, 2013 waren es noch 20.

 

 

0.4.Bau- und Kunstgeschichte

0.4.1.Die Abteikirche

Grundriss

Die Abteikirche, die als eine der bedeutendsten frühgotischen Kirchen östlich des Rheins anzusehen ist, wurde um 1246 begonnen. Mit mehreren Unterbrechungen zog sich der Bau über etwa 200 Jahre bis in die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts hin. Die dreischiffige Basilika wurde jedoch abschnittsweise in Benutzung genommen und konnte somit seit Mitte des 14. Jahrhunderts in voller Länge genutzt werden. Sie ist architekturgeschichtlich der Kirche des Marienstatter Mutterklosters Heisterbach zuzuordnen, wenngleich die Pfeiler und der Binnenchor eher dem französischen Stil entsprechen. Man spricht daher von ostfranzösisch-rheinischem Mischstil.

Die äußere Gestalt wurde bis heute wenig verändert und durch eine umfassende Sanierung, die 2008 abgeschlossen wurde, wieder annährend im Originalzustand wiederhergestellt. Der Innenraum hingegen unterlag zahlreichen Veränderungen, die die Ausstattung dem jeweiligen Zeitgeschmack anpassten. Die auffälligste und bedeutendste Anpassung war sicherlich die Barockisierung in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Sie wurde jedoch nach der Wiederbesiedlung 1888 schrittweise wieder rückgängig gemacht. Stattdessen gestaltete man den Innenraum im neugotischen Stil um. Dies wiederum beseitigte die Renovierung von 1940. Auch der Innenraum wurde mit der jüngsten Renovierung wieder soweit wie möglich dem gotischen Original angepasst.

0.4.2.Die Klosterbauten

Im Gegensatz zur Abteikirche ist von den ursprünglichen Klosterbauten nichts mehr überliefert. Sie wurden zwischen 1718 und 1754 durch vollständig barocke Gebäude ersetzt und ergänzt. Einen Eindruck, wie Marienstatt vor der Barockisierung ausgesehen hat, vermittelt ein einziger Stich aus dem Jahre 1718. Den mittelalterlichen Zustand spiegelt allerdings auch er nicht wider, denn seit dem Ende des 16. Jahrhunderts haben immer wieder kleinere und größere Umbauten stattgefunden, die aber nicht genauer zu fassen sind. Dieser Stich zeigt südlich der Abteikirche einen Innenhof, der von einem Kreuzgang umschlossen wurde. In der südwestlichen Ecke befand sich ein Eckturm.
Daran schloss sich, leicht nach Südwesten versetzt ein weiterer Innenhof an, der im Osten von der Prälatur und im Westen von verschiedenen Wirtschaftsgebäuden begrenzt wurde. Das Krankenhaus und die St. Anna-Kapelle befanden sich östlich der Anlage im Garten.
Der barocke Neubau, der im Wesentlichen heute noch erhalten ist, hat zwei Innenhöfe, von denen der nördliche den Kreuzgang enthält. Mittel- und Seitenflügel haben lediglich zwei Geschosse und werden von Mittel- und Eckpavillons mit jeweils zweieinhalb Geschossen unterbrochen. Das Pfortenhaus wurde 1754 fertiggestellt. Im Zuge des Umbaus wurde 1721 auch die Brücke über die Nister erneuert.
Nordwestlich der Kirche befindet sich eine barocke Gartenanlage. Der Südflügel, der heute die Bibliothek beheimatet, wurde erst 1908 errichtet.
Das aus der Oblatenschule hervorgegangene Gymnasium dehnte sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Richtung Osten immer weiter aus und bildet mittlerweile nach Süden hin einen langgestreckten Gebäuderiegel. Ein Ende der Erweiterung ist zur Zeit nicht absehbar.

0.4.3.Kunstschätze

Im Gegensatz zur Abteikirche ist von den ursprünglichen Klosterbauten nichts mehr überliefert. Sie wurden zwischen 1718 und 1754 durch vollständig barocke Gebäude ersetzt und ergänzt. Einen Eindruck, wie Marienstatt vor der Barockisierung ausgesehen hat, vermittelt ein einziger Stich aus dem Jahre 1718. Den mittelalterlichen Zustand spiegelt allerdings auch er nicht wider, denn seit dem Ende des 16. Jahrhunderts haben immer wieder kleinere und größere Umbauten stattgefunden, die aber nicht genauer zu fassen sind. Dieser Stich zeigt südlich der Abteikirche einen Innenhof, der von einem Kreuzgang umschlossen wurde. In der südwestlichen Ecke befand sich ein Eckturm.

Daran schloss sich, leicht nach Südwesten versetzt ein weiterer Innenhof an, der im Osten von der Prälatur und im Westen von verschiedenen Wirtschaftsgebäuden begrenzt wurde. Das Krankenhaus und die St. Anna-Kapelle befanden sich östlich der Anlage im Garten.

Der barocke Neubau, der im Wesentlichen heute noch erhalten ist, hat zwei Innenhöfe, von denen der nördliche den Kreuzgang enthält. Mittel- und Seitenflügel haben lediglich zwei Geschosse und werden von Mittel- und Eckpavillons mit jeweils zweieinhalb Geschossen unterbrochen. Das Pfortenhaus wurde 1754 fertiggestellt. Im Zuge des Umbaus wurde 1721 auch die Brücke über die Nister erneuert.

Nordwestlich der Kirche befindet sich eine barocke Gartenanlage. Der Südflügel, der heute die Bibliothek beheimatet, wurde erst 1908 errichtet.

Das aus der Oblatenschule hervorgegangene Gymnasium dehnte sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Richtung Osten immer weiter aus und bildet mittlerweile nach Süden hin einen langgestreckten Gebäuderiegel. Ein Ende der Erweiterung ist zur Zeit nicht absehbar.

0.5.Besitz- und Wirtschaftsgeschichte

0.5.1.Grundbesitz

Nahezu 800 Jahre war die Landwirtschaft die Grundlage der Marienstatter Wirtschaft. Die ersten Besitzungen stifteten die Gründer der Abtei, der Burggraf Eberhard von Aremberg und seine Frau Adelheid von Molsberg. Sie umfassten deren Allode in der Pfarrei Kirburg und in Hirschberg, ein Weinberg in Bad Breisig und Güter in Metternich. Um eine Verlegung des Kloster möglich zu machen übertrug 1222 Graf Heinrich III. von Sayn der Abtei seine Besitzungen an der Nister und stattete sie zusätzlich mit Besitzungen und Einnahmen in Metternich aus. Marienstatt erhielt demnach gleichsam eine zweifache Gründungsausstattung. Durch Schenkungen und Stiftungen aber auch durch Kauf und Tausch erweiterte sich der Besitz rasch.

Der Marienstatter Besitz konzentrierte sich natürlich um die Abtei selbst herum. Wichtige Besitzzentren waren aber auch die mittlere Lahngegend nördlich von Limburg sowie Koblenz und seine Umgebung. Besitz an Weinbergen erstreckten sich das Mittelrheintal hinab bis in die Nähe von Bonn. Die Mosel hinauf reichte der Besitz bis Ediger-Eller, war jedoch bei weitem nicht mehr so konzentriert.

Im 16. Jahrhundert geriet die Abtei in eine wirtschaftliche Krise. Dies und die sich weiter entwickelnde Geldwirtschaft führten dazu, dass Besitzungen zunehmend verpachtet wurden. Bei Ihrer Auflösung hatte Marienstatt einen geschätzten Grundbesitz von etwa 460 Hektar links des Rheins und 1.640 Hektar rechts des Rheins, zusammen also etwa 2.100 Hektar. Darunter waren Äcker, Felder, Weinberge und Wiesen aber auch Wald- und Buschland. Neben dem Ackerbau betrieb man auch Viehzucht.

0.5.2.Grangien

Grundsätzlich war auch Marienstatt bemüht, den Geist der Benediktregel und die zisterziensischen Statuten zu befolgen, was bedeutete, dass man seinen Lebensunterhalt selbst erwirtschaftete. Die Statuten sahen daher vor, die Grundherrschaft in Grangien zu organisieren, die optimalerweise in nächster Umgebung zum Kloster anzusiedeln waren. Als Grangien bezeichnet man eingefriedete Hofkomplexe mit den diesen zugeordneten und von dort aus bewirtschafteten Ländereien. Diese Grangien sollten von den Mönchen selbst oder Konversen betrieben werden.

Für Marienstatt werden explizit die Höfe in Metternich (Koblenz), Hönningen (Bad Hönningen) und Gehlert als Grangien bezeichnet. Die Funktion von Grangien weisen der Altenklosterhof, der Eichartshof (direkt neben der Abtei), der Hof Idelberg (heute Kellershof) sowie die Höfe in Arienheller und Dorchheim. Zentrale und für die Abtei wirtschaftlich wichtige Höfe waren darüber hinaus Leutesdorf, Niederhammerstein, Langscheid (bei Niederbreitbach) und Breisig (Bad Breisig). Diese Höfe wurden zunächst von Mönchen oder Konversen verwaltet, man stellte später aber auch bezahlte Verwalter ein.

0.5.3.Stadthöfe

In der Organisation ähnlich wie die Grangien hatten die Stadthöfe der Abtei jedoch eine andere Funktion, die aber nicht weniger wichtig für die Wirtschaft der Abtei war. Denn die Stadthöfe ermöglichten ihr den Zugang zu Stapelplätzen und Märkten. Vor allem die am Rhein gelegenen Städte eröffneten mit ihren Häfen die Möglichkeit, die Marienstatter Produkte – vor allem den Wein – überregional zu verkaufen und kostengünstig und schnell zu transportieren. Von den Stadthöfen aus wurden aber auch die umliegenden Ländereien verwaltet, sie dienten als Herberge für reisende Ordensbrüder oder als Zufluchtsort in kriegerischen Zeiten.

Marienstatt hatte Stadthöfe in Wetzlar (1235), Andernach (1251), Sinzig (1253), Köln (1259), Koblenz (1272), Hachenburg (1311), Limburg (1327), Westerburg (1343) und Montabaur (1452). Der wichtigste und, wie es scheint, größte Marienstatter Stadthof war der in Koblenz. Der Kölner Hof war der am weitesten entfernte, sollte aber in seiner Bedeutung nicht unterschätzt werden, denn immerhin war Köln das größte Handelszentrum im Nordwesten des Reichs. Der Hof ermöglichte aber nicht nur einen Zugang zum Kölner Markt, sondern diente wohl auch dazu, die Verbindung zum Kölner Erzbischof, dem „zuständigen“ Diözesanbischof zu verbessern bzw. nicht abreißen zu lassen. Interessanterweise hatte man keinen Stadthof in Trier. Wirtschaftlich war Trier wohl zu uninteressant.

0.5.4.Sonstige wirtschaftliche Aktivitäten

Zwar bildete die Landwirtschaft über Jahrhunderte die Grundlage der Marienstatter Wirtschaft, es gab aber auch noch andere wirtschaftliche Aktivitäten, mit denen die Abtei ihren Unterhalt sicherte. An erster Stelle sind hier die Mühlen zu nennen. Die Mühlen in Oberbreisig, Hardt, Heuzert, Luckenbach, Hohensayn, Rübenach, Arienheller, in der Nähe von Müschenbach, auf dem Belberger Hof, Mödrath auf dem Altenklosterhof und natürlich bei der Abtei selbst bescherten der Abtei reiche Einnahmen. Es handelte sich sowohl um Öl- als auch Getreidemühlen. Die Mühle in Heuzert war darüber hinaus mit dem Mühlenbann ausgestattet, der die Bewohner der umliegenden Dörfer zwang, ihr Getreide gegen entsprechendes Entgelt in dieser Mühle mahlen zu lassen.

Das Kloster hatte aber auch Einnahmen aus Zöllen. So übertrug 1329 Ludwig Walpodo, Herr in Reichenstein, einen Teil seines Zolls in Anhausen der Abtei. Gerhard II. von Sayn tat 1478 das gleiche mit dem Zoll auf den Jahrmärkten im Kloster und auf der Nister-Brücke.

Der Handel mit Wein und Holzkohle war eine weitere Einnahmequelle ebenso wie Zinsen aus verschiedenen Geldgeschäften.

0.5.5.Die Kloster GmbH: Schule, Gaststätte und Energieversorgung

Auch das 1888 wiederbesiedelte Kloster stützte sich wirtschaftlich zunächst auf die Landwirtschaft. Versuche mit selbstgebrautem Bier wurden bald wieder eingestellt. Für die Versorgung des Konvents während der beiden Weltkriege sollte sich vor allem der Obst- und Gemüsegarten als nützlich herausstellen. Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Landwirtschaft immer unrentabler wurde, musste man umdenken. Gleichzeitig entwickelte sich die Schule, die sich nach und nach zu einem vollgültigen Gymnasium wandelte, nicht nur zu einem Kostenfaktor, sondern auch zu einer Einnahmequelle, denn Schulgeld (bis 1962), Pensionsgelder für Internatsschüler (bis 1978) und staatliche Zuschüsse flossen in den Haushalt ein. Die Gründung der Vermögensverwaltungsgesellschaft Abtei Marienstatt mbH (VVG), die heute als Holding für die verschiedenen Wirtschaftsbetriebe der Abtei fungiert, im Jahre 1939 stellt den Wendepunkt hin zu einer modernen Wirtschaftsführung dar. Zu den Tochtergesellschaften gehören mittlerweile die M-V-B Marienstatter Energieversorgungsbetrieb GmbH (gegr. 1980), die Betriebsgesellschaft Abtei Marienstatt mbH (gegr. 2000) und die Marienstatter Brauhaus GmbH (gegr. 2004). Außerdem betreibt die VVG den Gästebereich des Klosters, die eigene Turbine sowie die Buch- und Kunsthandlung. Die Landwirtschaft wurde hingegen 1971 vollständig aufgegeben.

0.6.Literatur

  • Hillen, Christian, „Sehet, hier ist die Stätte...“. Geschichte der Abtei Marienstatt, Köln, Weimar, Wien 2012.
  • Holz und Steine lehren dich ... Die Restaurierung der Klosterkirche Marienstatt (Denkmalpflege in Rheinland-Pfalz, Forschungsberichte Bd. 9), Worms 2011.
  • Fischer, Doris, Abtei Marienstatt (Rheinische Kunststätten, H. 437), Neuss 2008.
  • Stefan Heinz/Wolfgang Schmid: Art. Marienstatt, Abtei Marienstatt. In: Klosterführer Rheinland . Klöster und Stifte im Rheinland. 2., überarb. Aufl. Köln 2004, S. 181-183.
  • Abtei Marienstatt (Hg.), 1888–1988. 100 Jahre Wiederbesiedlung der Abtei Marienstatt (Marienstatter Aufsätze 6), Marienstatt 1988.
  • 750 Jahre Abteikirche Marienstatt. Festschrift zur Kirchweihe 1977. Hg. v. den Mönchen der Abtei Marienstatt. Marienstatt 1977 (= Marienstatter Aufsätze 5).
  • Struck, Wolf Heino, Das Cisterzienserkloster Marienstatt im Mittelalter. Urkundenregesten, Güterverzeichnis und Nekrolog (Veröffentlichung der Historischen Kommission für Nassau 18), Wiesbaden 1965.
  • Wellstein, Gilbert, Die Cisterzienserabtei Marienstatt im Westerwald, Limburg a. d.
    Lahn 1955.

Informationen zum Verfasser:

Dr. Christian Hillen
Wissenschaftlicher Mitarbeiter

 

Stiftung Rheinisch-Westfälisches
Wirtschaftsarchiv zu Köln
Unter Sachsenhausen 10-26
50667 Köln
Tel. +49 221 1640-803
Fax +49 221 1640-829
E-Mail: christian.hillen(at)koeln.ihk.de
Internet: http://www.rwwa.de

 

Letzte Bearbeitung: August 2014