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Die Verbandsgemeinde Loreley Landschaft und Geschichte einer Region

von Manfred Köhn

Ein markantes Felsgebilde, Inbegriff der Rheinromantik, ist nicht nur touristisches Aushängeschild, sondern auch Namensgeber unserer Verbandsgemeinde: die Loreley. Sie wird von einer Landschaft umgeben, die von Gegensätzen geprägt ist: dem beeindruckenden Durchbruchstal des Rheins durch das Schiefergebirge mit seinen schroffen, kulissenartig gegliederten Hängen, steht die mehr oder weniger stark gewellte, feld- oder waldtragende Hochfläche gegenüber. Doch im Laufe der Erdgeschichte sah es hier oft ganz anders aus. Die Landschaft ist hauptsächlich aus Gesteinsschichten aufgebaut, die vor 400 Millionen Jahren als Ablagerungen eines flachen Meeres entstanden. Tektonische Veränderungen formten daraus das stark gefaltete Variskische Gebirge, das sich durch ganz Mitteleuropa zog und während der 100 Millionen Jahre des Erdmittelalters wieder zu einer Rumpffläche verwitterte. Vor 60 Millionen Jahren herrschte hier ein tropisches Feuchtklima. Flüsse und Bäche zerteilten die flache, kaum über dem Meeresniveau liegende Landschaft, und hinterließen Kies- und Sandablagerungen, wie man sie noch heute westlich von Bornich und südlich von Reitzenhain findet. Sie sind frühe Zeugnisse der Ur-Rheintätigkeit. Gleichzeitig setzte im Bereich der heutigen Eifel eine rege vulkanische Aktivität ein, und der gesamte rheinische Gebirgsblock begann sich zu heben. Diese tektonische Bewegung verlief jedoch nicht kontinuierlich, sonder schubweise mit Stillstandsphasen, sodass sich der Rhein terrassenförmig in das Gebirge einschnitt. Dabei entstand ein kurvenreicher Flussverlauf durch den unterschiedlichen Widerstand, den die teil schräg liegenden, teils steil stehenden Tonschiefer- und Grauwackeschichten der Rheinströmung entgegensetzten. Besonderen Widerstand hat dabei eine Felsformation geleistet: die Loreley. Wer auf der Straße zwischen dem Wohngebiet St. Goarshausen-Heide und der Loreley-Schule den schmalen Waldstreifen passiert, begegnet dort dem ältesten „Bauwerk“ des Loreleygebietes. Bei diesem unscheinbaren Hügel handelt es sich um die Reste eines Walls, der vor rund 2.500 Jahren einer keltischen Siedlung auf dem Rücken des Hühnerbergs Schutz bot. Zur gleichen Zeit war auch die Spitze des Loreleyfelsens besiedelt, was die zu Beginn des Jahrhunderts dort noch vorhandenen Spuren eines Wallgrabens und einer Mauer belegten. Diese früheste Besiedlung unseres Raumes steht wohl im Zusammenhang mit den günstigen Landschafts- und Stromverhältnissen des Rheintals zwischen dem heutigen St. Goar und St. Goarshausen. Sie erlaubten in jener straßen- und brückenlosen Zeit den Tauschhandel treibenden Kelten eine relativ bequeme Überquerung des – von ihnen „Rhynn“ genannten Flusses.

Die verkehrsgünstige Lage erkannten und nutzten auch die Römer, als sie um 80 n. Chr. über den Rhein vordrangen und ihre Provinz Obergermanien durch den Limes absicherten. Der Rheinübergang wurde Teil eines Verkehrsweges von der linken Rheinseite zum Limeskastell bei Holzhausen. In weiten Strecken ist diese gepflasterte Straße heute noch erkennbar, und zwischen Patersberg und dem Haushecker Wald in einem kleinen Abschnitt auch freigelegt. Man kann annehmen, dass der frühere Weg durch das Tal des Wellmicher Bachs zum Römerkastell Marienfels ebenfalls jener Zeit entstammt. Unter den Römern blühten Handel und Verkehr in unserem Gebiet auf. Zwischen Rhein und Limes entstanden römische Gutshöfe, auf denen Ackerbau und Viehzucht betrieben wurden. Auch bei Dahlheim befand sich ein solcher Hof, der wie alle anderen Gehöfte beim Fall des Limes um 270 n. Chr., als der Rhein wieder Grenze zum freien Germanien wurde, aufgegeben und auch später nicht mehr besetzt worden ist. Bis zum Jahr 406 konnte Rom die Rheingrenze halten, dann musste es auch hier dem Ansturm der Völkerwanderung nachgeben. Zunächst drangen Alemannen und Franken an den Mittelrhein vor, bis der Merowinger Chlodwig im Jahr 496 das ganze Gebiet zwischen Rhein und Lahn dem Frankenreich einverleibte. Als die Franken hier den Einrichgau bildeten, und damit erstmals eine politische Gliederung des Landes vorgenommen wurde, war dessen Besiedelung schon sehr weit fortgeschritten. Die Namensforschung verweist den Ursprung von Auel, Bornich, Ehrenthal; Kaub, Kestert, Nochern, Prath, Weisel, Wellmich und Weyer in vordeutsche Zeit. Dahlheim dürfte vor, St. Goarshausen und Lykershausen nach dem 6. Jahrhundert, und Reitzenhain, Lierschied, Nieder- und Oberdörscheid in einer anschließenden Periode der Waldrodungen entstanden sein. Nur Reichenberg tritt erst mit Errichtung der Burg nach 1320 als "Tal-Reichenberg“ in Erscheinung. Somit gehörten die meisten Orte der heutigen Verbandsgemeinde bereits dem Einrichgau an, dessen Ausdehnung fast völlig der des 1969 aufgelösten Loreleykreises entsprach. Sein Name ist als Landschaftsbezeichnung Einrich bis heute gebräuchlich. Mit dem Zerfall des Frankenreiches kam es auch zur Auflösung der Gauverfassung, das Landesfürstentum entstand, und die politische Landkarte begann einem Flickenteppich zu gleichen.

Die älteste Grafschaft im Einrich war die der Arnsteiner gewesen, die 1185 ausstarben. Ihnen folgten die Häuser von Nassau und Katzenelnbogen, in deren Herrschaftsgebiet durch weitere Erbteilung das sogenannte Vierherrische entstand. Dazu zählten Weyer und Auel. Die Nassauer besaßen Wellmich, die Isenburger St. Goarshausen, Patersberg und Bornich, die Falkensteiner Kaub und Umgebung. Letzteres erwarben 1277/89 stückweise die Pfalzgrafen bei Rhein, woraus das Unteramt Kaub mit Weisel, Ober- und Niederdörscheid und (bis 1505) Burg und Herrschaft Sauerburg entstand. Das Kurfürstentum Trier brachte 1315 - 1320 den rechtsrheinischen Teil des „Bopparder Reiches“ und bis 1358 Wellmich mit Umgebung an sich. Damit zählten Prath und Dahlheim zum Amt Wellmich, Lykershausen, Ober- und Niederkestert und Ehrental zum Amt Boppard. Die Isenburgischen Besitzungen St. Goarshausen, Patersberg und Bornich hatten die Katzenelnbogener 1284 erheiratet, Reitzenhain 1416 endgültig erworben. Lierschied hielten sie bereits seit 1370 als Pfand. Damit hatte Katzenelnbogen eine Machtposition zwischen pfälzischem und trierischem Gebiet geschaffen, die auch ihre Nachfolger, die hessischen Häuser, bis zur französischen Revolution behaupten konnten. Diese rund 500 Jahre während territoriale Gliederung hat auch Aufnahme in das Wappen der Verbandsgemeinde Loreley gefunden: im viergeteilten Schild befindet sich neben der goldenen Lilie auf blauem Grund, dem Hinweis auf St. Goarshausen als Sitz der Verwaltung, im goldenen Feld der rote Löwe der Katzenelnbogener Grafen. Die untere Wappenhälfte teilen sich das kurtrierische rote Kreuz auf silbernem Grund und das blau-silberne Rautenfeld der kurpfälzischen Besitzungen. 1794 hatten die französischen Revolutionstruppen auch bei uns den Rhein erreicht, und am 2. November Festung Rheinfels genommen. Im 1801 folgenden Frieden von Luneville wurde das linke Rheinufer an Frankreich abgetreten, und im Reichsdeputationshauptschluß von 1803 die Entschädigung der Fürsten für die verlorenen linksrheinischen Gebiete verkündet. Dies geschah auf Kosten der bisher geistlichen Territorien. Nassau-Usingen erhielt das Unteramt Kaub, Nassau-Weilburg den rechtsrheinischen Rest Kurtriers, nur die Niedergrafschaft Katzenelnbogen blieb im Besitz des hessen-kasselischen Kurfürsten. Doch mit der Rheinbundakte von 1806 verlor auch dieser als Gegner Napoleons sein Land, und die Niedergrafschaft wurde als „pays reserve“ wie eine französische Provinz verwaltet. Erst nach der Niederlage Napoleons wurde sie 1816 endgültig dem bereits 1806 aus beiden nassauischen Häusern gebildeten Herzogtum Nassau zugeschlagen. Das Herzogtum zählte mit seiner Verfassung von 1814 bzw. 1818, der einheitlichen Steuergesetzgebung und dem neugeordneten Schulwesen zu den wirklich gut regierten Staaten jener Zeit. Bei der Neuordnung der Amtsverwaltung und Neueinteilung der Ämter in den Jahren 1816 bis 1818 wurde ein Amt St. Goarshausen geschaffen, dessen Gebiet zu größten Teil die heutige Verbandsgemeinde umfasst. Zwar mochten sich die Kauber nicht mit dem Verlust der Amtssitzfunktion abfinden, und richteten eine kritische Petition an die Landesdeputiertenversammlung, doch wurden sie beschieden: „Die Verlegung eines Amtssitzes von dem Orte, an dem er sich bisher befunden hat, an einen andern, ist ganz Sache der Vollziehung“.

Landespolitik war schon damals nicht leicht zu beeinflussen. In die nassauische Zeit fällt auch die Einführung der Dampfschiffahrt auf dem Rhein, die den Verkehr stark belebte. Mit dem Bau der „Rheinuferstraße“ der Chaussee St. Goarshausen - Nastätten und anderer chaussierter, zwischenörtlicher Wege wurde den Bedürfnissen eines verstärkten Handels und des beginnenden Fremdenverkehrs Rechnung getragen. Gipfel der Modernität war die Eröffnung der Eisenbahn 1862. 1866 verlor Herzog Adolf infolge des Preußisch-Österreichischen Krieges sein Land, und nach nur 60jährigem Bestehen wurde das Herzogtum Nassau zum preußischen Regierungsbezirk Wiesbaden. Das Amt St. Goarshausen blieb zunächst im Rheingaukreis erhalten. Erst mit der Kreisordnung von 1885 wurde die nassauische Ämtereinteilung aufgehoben und zum 1. April 1886 der neue Kreis St. Goarshausen eingerichtet. Dem ersten Landrat Bake folgte 1892 Ferdinand Berg, der in seiner 25jährigen Tätigkeit prägend für den ganzen Kreis wirkte, und dessen große Popularität in zahlreichen Anekdoten fortlebte. Schon zu Beginn seiner Amtszeit setzte er sich maßgeblich für den Bau einer Kleinbahn zur weiteren Erschließung des Einrich ein. Nach Überwindung zahlreicher finanzieller und technischer Probleme konnte am 18. September 1900 die Teilstrecke St. Goarshausen (Hasenbach)–Nastätten, und bis 1903 das gesamte Streckennetz bis Zollhaus, sowie zwischen Nastätten–Braubach–Oberlahnstein in Betrieb genommen werden. Zwar wurde die Idylle einer Kleinbahnfahrt allseits gepriesen, doch machten ein zu geringes Verkehrsaufkommen, die wirtschaftlichen Rückschläge zweier Weltkriege und endlich die Konkurrenz des Straßenverkehrs die Kleinbahn zu einem unrentablen Unternehmen. Nach mehreren Teilstilllegungen erfolgte 1953 die Einstellung des Personenverkehrs und 1957 der Streckenabbruch in St. Goarshausen. Auch im Kreis St. Goarshausen folgten dem Ersten Weltkrieg Jahre, die alles andere als goldene waren. Noch 1918 wurde die französische Trikolore auf dem Landratsamt gehisst, denn St. Goarshausen zählte zum besetzten „Brückenkopf Koblenz“, während Kaub im unbesetzten Gebiet, dem sogenannten „Flaschenhals“ lag. Bis zum 30. November 1929, 24.00 Uhr, dauerte die Besatzungszeit, deren erste Jahre von Inflation, Separatistenputsch, passivem Widerstand und der Ausweisung zahlreicher Beamter – darunter Landrat Niewöhner – geprägt waren. In „Notstandsarbeit“ wurde die Rheinuferstraße ausgebaut, am 4. April 1923 der Bau der „Rhein-Höhenstraße“ Wellmich–Dahlheim– Dachsenhausen begonnen, doch der wirtschaftliche Niedergang war auch in unserer Region nicht aufzuhalten.

Die Bevölkerung wurde zunehmend empfänglich für radikale, nationale Töne. Die Reichstagswahlergebnisse des Kreises belegen diese Tendenz: erhielten die Nationalsozialisten 1924 rund 1% der Stimmen, waren es 1928 bereits über 12%; 1930 gingen sie schon als stärkste Partei aus der Wahl hervor. Dabei hatten noch zahlreiche Verbote der Besatzungsmacht die Parteiaktivitäten eingeschränkt. Nur im unbesetzten Kaub konnte die NSDAP ungehindert ihre Propagandaveranstaltungen, wie die Sonnwendfeier am 21. Juni 1928 mit Hermann Göring und 2000 bis 3000 Teilnehmern, abhalten. In zahlreichen Landgemeinden entstanden Parteistützpunkte, Ortsgruppen wurden im Juli 1928 in Kaub, im September 1929 in St. Goarshausen gegründet. Die Machtergreifung im Januar 1933 wurde Landrat Niewöhner wieder einmal, diesmal endgültig, aus seinem Amt vertrieben, und eine Gleichschaltungswelle lief durch den ganzen Kreis. St. Goarshausen wurde auch zum Sitz der Parteidienststellen. Die NSDAP-Kreisleitung bezog im Juni 1938 ihr "Adolf-Hitler-Haus", das sinnigerweise durch Umbau aus dem Wohnhaus des jüdischen Kaufmanns Simon Hecht entstanden war. Da sich in diesem Gebäude bis zum 21. November 1937 auch die Synagoge befunden hatte, war damit jeglicher Hinweis auf die Existenz einer jüdischen Gemeinde in St. Goarshausen beseitigt. Die letzten jüdischen Mitbürger hatten nach der Arisierung ihres Besitzes die Stadt ebenfalls im Juni 1938 >freiwillig< verlassen, und entgingen so der berüchtigten Reichspogromnacht. Doch über 230 jüdische Bewohner des Kreises St. Goarshausen kamen in den KZs um. 1934 war auf der Loreley mit dem Bau einer >Feierstätte< begonnen worden, die wider alle Erwartungen erst 1939 fertiggestellt wurde. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verhinderte die geplante Nutzung als Thingstätte des Gaues Hessen – Nassau. Statt großartiger nationaler Festgestaltung gab es nur noch eine Sonnwendfeier und eine Wilhelm–Tell-Inszenierung. So gelangte die landschaftlich herrlich gelegene Anlage relativ "unbelastet" über die letzten Tage des „1000jährigen Reiches“. Am 16. März 1945 erreichten amerikanische Truppen das linke Rheinufer. Zehn Tage verlebte die Bevölkerung des Rheintals überwiegend in Kellern. Dann überquerten die Amerikaner am 26. März den Rhein und besetzten das rechte Rheinufer. Am 8. Mai war der Zweite Weltkrieg beendet. Anfang Juli 1945 wurde u. a. der Kreis St. Goarshausen aus dem amerikanischen Besatzungsgebiet herausgelöst und der französischen Zone zugeschlagen, wo durch Verordnung Nr. 57 vom 30. August 1946 die Bildung des Land Rheinland-Pfalz angeordnet wurde. Es begann die Zeit des Wiederaufbaus, in der auch eine große Zahl von Ostflüchtlingen zu integrieren war. Der Kreis St. Goarshausen, ab 1962 in Loreleykreis umbenannt, wurde 1969 nach 83jährigem Bestehen aufgelöst. Der neue Rhein-Lahn-Kreis erhielt seinen Sitz in Bad Ems. Mit dem Jahr 1972 wurde eine neue Verwaltungseinheit geschaffen: Zwei Städte und 15 Ortsgemeinden mit zusammen rund 11.000 Einwohnern bilden seitdem die Verbandsgemeinde Loreley. Ihr Verwaltungsbereich erstreckt sich von der Loreley rund 10 km rheinauf- und abwärts, sowie 7 km nach Osten. Die topographischen Gegebenheiten ermöglichten bisher keine Ansiedlung größerer Betriebe, so dass ca. 50% der Erwerbstätigen ihren Lebensunterhalt als Pendler in den angrenzenden Wirtschaftszentren verdienen. In der früher vorherrschenden Landwirtschaft sind heute nur noch 16% der Erwerbstätigen beschäftigt. Hauptwirtschaftsfaktor ist der Fremdenverkehr geworden, dessen Förderung sich auch positiv auf den Wohn- und Freizeitwert unseres Gebietes auswirkt. Im kulturellen Angebot hat, neben den zahlreichen Veranstaltungen der Ortsgemeinden, die Freilichtbühne einen hohen Stellenwert. Ihren überregionalen Bekanntheitsgrad verdankt sie jedoch nicht zuletzt dem landschaftlichen Mittelpunkt unserer Verbandsgemeinde: der Loreley.

Aufnahme des Textes mit freundlicher Genehmigung von rhein-lahn-info.de; redakt. Bearb. S.G.