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Die rheinhessischen »Heidentürme«

Von Hans-Jürgen Kotzur

Vorwort

Dem aufmerksamen Betrachter, insbesondere mit kunsthistorischem Interesse, gaben die mit fremdartigen Kuppelbauten versehenen Turmkonstruktionen verschiedener Kirchen in Rheinhessen immer schon Rätsel auf. Die im Volksmund als »Heidentürme« bekannten Gebäudeteile sind derart auffällig in Stil und Baugestaltung und gleichzeitig so abweichend von allen bekannten Bauwerken, die in zeitlicher wie räumlicher Nachbarschaft errichtet wurden, dass über Herkunft und angestrebte Bedeutung dieser zweifellos als steinerne Zeichen errichteten Türme lange Zeit nur gerätselt werden konnte.

Im Zusammenhang mit den umfassenden Restaurierungsmaßnahmen einiger dieser Bauten ist es nunmehr offensichtlich gelungen, nicht nur die Entstehungszeit eindeutig festzustellen. Zugleich konnte auch ein Schlüssel für die inhaltlichen Bedeutungszusammenhänge offen gelegt werden, über die es bislang nur Spekulationen und ungesicherte Mutmaßungen gab. Im Zuge der umfassenden Forschungsarbeiten des Dom- und Diözesankonservators Dr. Hans-Jürgen Kotzur gelang es nun erstmals, naturwissenschaftlich abgesicherte Daten mit historischen Fakten zu verbinden und so den ursprünglichen Vorbildern, denen die so genannten »Heidentürme« nachgebaut wurden, auf die Spur zu kommen. Allem Anschein nach wurden die Turmbekrönungen nach erfolgreichem Abschluss des Ersten Kreuzzuges von den Heimkehrern als Zeichen ihres Sieges in Anlehnung an Vorbilder der Grabeskirche in Jerusalem erbaut.

Die Erkenntnisse, die in diesem Doppelheft erstmals einer breiteren Öffentlichkeit dargestellt werden, erlauben nunmehr die eindeutige Beantwortung wichtiger und kunsthistorisch wertvoller Fragestellungen. Ebenso erscheint es mir wichtig, darauf aufmerksam zu machen, dass - wenn die von Dr. Kotzur in diesem Heft vorgeschlagene Deutung zutreffen sollte - in den Kuppelbauten der rheinhessischen Heidentürme das lebendige Abbild der Grabeskirche in Jerusalem so fortlebt, wie die Kreuzfahrer den Bau 1099 nach der Eroberung angetroffen haben, bevor er wesentlich verändert wurde.

Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Auseinandersetzungen in und um Jerusalem sollten wir die einstmals als Zeichen des Triumphes errichteten Türme daher als Mahnmale begreifen. Denn auch wir müssen immer wieder neu die Unterschiede, die in Religion, Kultur und Sitten bestehen, nicht als Zündstoffe für Konflikte, sondern als Reichtum und Anreiz verstehen, voneinander und miteinander zu lernen. Ohne genaues Wissen voneinander, das Offenheit ebenso voraussetzt wie Interesse, wird dies nicht zu bewältigen sein. In diesem Sinne soll das Heft auch als Einleitung zu der im kommenden Jahr zum Thema »Kreuzzüge« veranstalteten großen Sonderausstellung im Dommuseum zu Mainz verstanden werden, die ebenfalls dem Ziel verpflichtet ist, Konflikte durch Wissen um Vergangenheit zu vermeiden und das interreligiöse Verständnis und die Bereitschaft zum Dialog der Völker zu verstärken.

Ihr

Jürgen Pitzer [2003]

Anmerkung der Redaktion: Der hier online gestellte Text umfasst den Beitrag von Kotzur, Hans-Jürgen: Das Rätsel der rheinhessischen »Heidentürme«, in: Lebendiges Rheinland-Pfalz 40 (2003), Heft III-IV, S. 2-48. Gegenüber der Printausgabe kann es zu kleineren Abweichungen, insbesondere bei der Anmerkungszählung kommen. Die Anmerkungen der Redaktion sind als solche kenntlich gemacht (Ausnahme: Korrektur orthographischer Fehler). Weiterhin muss aufgrund der Rechtslage auf zahlreiche Abbildungen verzichtet werden. In Einzelfällen wurde versucht, das Bildmaterial durch frei verfügbare Medien zu ersetzen.

Das Rätsel der rheinhessischen »Heidentürme«

Es war im Sommer 1995, als ich auf einer Fahrt durch Rheinhessen zum ersten Mal den Turm der evangelischen Kirche in Dittelsheim sah. Vor mir erhob sich ein achteckiger Turmschaft, der – entgegen aller Erwartungen und kunstgeschichtlicher Kenntnisse – eine Bekrönung aufwies, die eher an eine Moschee als an ein abendländisch-christliches Bauwerk erinnerte. Der strahlend blaue Himmel und die fast tropische Hitze dieses Sommertages taten ein Übriges, um sich plötzlich in einer anderen Welt zu wähnen: Assoziationen an den Orient wurden wach. Ähnliches habe ich später in Guntersblum, Worms und Alsheim empfunden. Diese vier rheinhessischen Turmbekrönungen ließen mich innerlich nicht mehr los. Sie wurden vermehrt das Ziel von Ausflügen und schließlich Gegenstand wissenschaftlicher Arbeit[Anm. 1].

Das Interesse konzentrierte sich vor allem auf die Frage der Entstehungszeit, wobei mir zwei günstige Umstände zu Hilfe kamen. Zum einen ließ das Bistum unter meiner denkmalpflegerischen Leitung den Außenbau von St. Paul zu Worms restaurieren, zum anderen rückten die rheinhessischen Turmbekrönungen durch die Vorbereitung der für 2004 in Mainz geplanten internationalen Ausstellung »Die Kreuzzüge« in den Blickpunkt des wissenschaftlichen Interesses. Wie kompliziert und aufwendig sich die Forschungen gestalteten, mag die Bandbreite der einzelnen Methoden wissenschaftlichen Arbeitens verdeutlichen. Das Spektrum reichte von Geschichtsforschung, kunstgeschichtlicher Stilanalyse und Bauforschung bis hin zu verschiedenen naturwissenschaftlichen Untersuchungen. Die Arbeit war spannend und brachte konkrete Ergebnisse. Das Rätsel der Heidentürme wurde weitgehend gelüftet und die Bedeutung dieser Denkmäler erstmals in vollem Umfang erkannt. Um dem Geheimnis letztlich auf die Spur zu kommen, bedurfte es der Hilfe vieler Mitarbeiter. Ihnen sei an dieser Stelle herzlich gedankt.

Eine stilistische Verirrung?

Schon recht früh haben Kunsthistoriker die Türme der evangelischen Kirchen in Dittelsheim, Guntersblum und Alsheim sowie der katholischen Kirche St. Paul in Worms mit den Kreuzzügen in Verbindung gebracht. Im Volksmund »Heiden-« oder »Sarazenentürme« genannt, erhielten die Turmabschlüsse auch die Bezeichnung »Kreuzfahrer-« oder »armenische Helme«[Anm. 2]. Kopfzerbrechen bereitete die Frage, ob sie mit einem bestimmten historischen Ereignis in Zusammenhang stehen und aus welchem konkreten Anlass sie errichtet worden sind. Gesichert war lediglich, dass die Helme mittelalterlichen Ursprungs sind und – wie die Türme selbst – der romanischen Bauzeit angehören.

Johann Reiske beschäftigte sich in seiner 1933 veröffentlichten Dissertation erstmals mit Vorbildfragen und der zeitlichen Einordnung[Anm. 3]Auch Hartmut Hofrichter setzte sich in seiner Habilitationsschrift von 1978 und einer 1984 erschienenen Publikation intensiv mit dem Thema auseinander[Anm. 4], ebenso Wolfgang Bickel in seinem Beitrag »Notizen über den Dittelsheimer Kirchturm«, in welchem der Autor Hofrichters Forschungsansatz weiterführte und ergänzte[Anm. 5]. Beide Autoren bemühen sich neben der Datierungsproblematik um die Klärung der Vorbildfrage. Hierbei waren sich beide einig, dass – ungeachtet der orientalisierenden Formen – die Idee einer als Zentralbau gestalteten Turmbekrönung kein »rheinhessischer Sonderfall« ist, sondern überall im mittelalterlichen Europa, und zwar zeitverschieden, nachgewiesen werden kann.

In der Kunstgeschichte des europäischen Mittelalters ist ein Ausscheren aus dem Stilrepertoire selten festzustellen. Die meisten Bauten lassen sich deshalb recht gut bestimmten Entwicklungsphasen zuordnen und zeitlich eingrenzen. Steingedeckte und gewölbte Zentralbauten stellen im mittelalterlichen Europa keine Seltenheit dar, sie gehören zum Bestand der romanischen Architektur. Selbst bei der Bauplastik und in der Kleinkunst ist das Zentralbaumotiv häufig anzutreffen. Deshalb sind auch Turmabschlüsse in dieser Form nichts ungewöhnliches. Wenn diese Bekrönungen aber durch besondere Proportionen und markante Einzelformen so exotisch fremd wirken wie die vier genannten rheinhessischen und auch keinen stilistischen Bezug zum Turmunterbau haben, besteht Anlass, diese pauschalen Kriterien nochmals zu überdenken. Bei den von der Literatur bislang zum Vergleich herangezogenen Beispielen aus Stablo, Malmedy, Utrecht, Speyer und anderen Orten wird deutlich, dass all diesen Turmabschlüssen zunächst eine gemeinsame architektonische Idee zugrunde liegt: das Zentralbaumotiv nach byzantinischem Vorbild. Die rheinhessischen Türme zeichnen sich jedoch durch eine wesentlich strengere tektonische Form und Betonung der Kuppelarchitektur aus, die weit über diese Beispiele hinausgeht.

Roger M. Gorenflo geht in seiner 1983 erschienenen Dissertation über die Abteikirche in Amorbach explizit auf diesen Aspekt ein und verweist auf die Verschiedenartigkeit der Turmanlagen. Er vergleicht den Dachreiter in Amorbach mit jenem von St. Cäcilia in Köln und wendet sich auch den Turmbekrönungen von St. Jakob und St. Johannes in Speyer zu. »Alle diese Anlagen haben gemeinsam, dass sich eine Bekrönung über der Vierung eines griechischen Kreuzes unter Zwischenschaltung eines Tambours entwickelt ... Die Turmbekrönungen des Wormser Gebietes unterscheiden sich aber grundsätzlich in ihrer Gestaltung als Kuppelhelme; sie dürfen folglich nicht mit Amorbach und Köln in Beziehung gesetzt werden.«[Anm. 6]

Ein weiterer Gesichtspunkt kann für die Sonderstellung der rheinhessischen Turmbekrönungen geltend gemacht werden. Während die meisten Beispiele in Deutschland, Frankreich und Italien durchaus byzantinische und orientalische Einflüsse adaptieren und sie sogleich im Sinne der westlich-abendländischen Kultur umsetzen und interpretieren, handelt es sich bei den rheinhessischen Turmabschlüssen um direkte und bewusst unveränderte Architekturzitate aus dem Orient. Das äußere Erscheinungsbild unterscheidet sich von der gängigen Architektur zu auffällig, als dass es von einheimischen Baumeistern erdacht worden sein könnte. Es fehlen vor allem die typischen Elemente der romanischen Baukunst, die für eine stilistische und zeitliche Einordnung in die Architektur des Mittelalters unabdingbar sind. Kein Wunder also, dass die Kunstgeschichtsschreibung bisher so unterschiedliche Deutungs-und Datierungsvorschläge machte, die im Folgenden aufgeführt werden.

Das Datierungsdilemma – Baugeschichtliche Beobachtungen zu St. Paul in Worms

In ihrem jüngsten Beitrag zur Baugeschichte von St. Paul in Worms stellt Irene Spille zum Stand der Forschung bedauernd fest: »Keine der mittelalterlichen Bauphasen kann durch eine datierte Bauinschrift festgemacht werden. Es sind auch keine mittelalterlichen Urkunden bekannt, die eine verwertbare Aussage zur Baugeschichte machen. Für die Zuordnung und Datierung werden geschichtliche Ereignisse herangezogen und stilistische Bezüge zu anderen mehr oder minder sicher datierten romanischen Bauwerken hergestellt.«[Anm. 7]

Diese Unsicherheit in der zeitlichen Bestimmung erwies sich vor allem bei der wissenschaftlichen Beschäftigung mit den Turmabschlüssen als Problem. So datierte die Bauforschung bislang die Turmhelme unterschiedlich in das 11. Jahrhundert (Illert)[Anm. 8], in die Mitte des 12. Jahrhunderts (Hofrichter, Spille)[Anm. 9], in das späte 12. Jahrhundert (Wörner, Hotz)[Anm. 10], an den Beginn des 13. Jahrhunderts (Schneider)[Anm. 11] oder nach 1231 (Schmidt, Bauer)[Anm. 12]. Aussagen zur Vorbildfrage und der Versuch einer Zuordnung zu einem geschichtlichen Ereignis blieben infolge dieser großen Datierungsspanne spekulativ und wenig überzeugend. Grund genug, um sich nochmals mit der Baugeschichte von St. Paul zu befassen.

Durch dendrochronologische Untersuchungen konnte zunächst nachgewiesen werden, dass der Westbau – wie vermutet – in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts entstanden ist[Anm. 13] Nach dem Fälldatum eines gut erhaltenen Bauholzes zu schließen, ist er 1235 errichtet worden[Anm. 14]. Weitere Beobachtungen bestätigen zudem, dass verschiedene Bauteile – Dachkonstruktion und Dachform, Rundbogenfries, Teile des Vierungsturmes – das Ergebnis von Veränderungen aus jüngerer Zeit sind[Anm. 15]. Durch diese Erkenntnisse stand bei der Erforschung der Türme zunächst die Klärung ihrer Entstehung im Vordergrund. Zu fragen war dabei vor allem, ob die Bauwerke aus einem Guss sind oder ob etwa Obergeschoss und Turmbekrönung zu unterschiedlichen Zeiten errichtet wurden. Eine wichtige Rolle spielte auch die Überlegung, welcher der beiden Türme der ältere ist und ob die Errichtung der beiden Kuppelabschlüsse zeitgleich angesetzt werden kann.

Bisher waren sich die Bauforscher einig, dass beide Türme aus dem 11. Jahrhundert stammen müssen. Konstruktion und stilistische Merkmale sprechen dafür. Ihre Zuordnung zu den erhaltenen Teilen der um 1016 von Bischof Burchard errichteten Vorgängerkirche ist jedoch nicht mehr aufrechtzuerhalten[Anm. 16]. Für eine Neubewertung spricht der Vergleich mit den östlichen Treppentürmen des Mainzer Domes, die Erzbischof Willigis kurz vor 1000 errichten ließ, sowie der Vergleich mit dem untersten Geschoss des südlichen Westturmes vom Wormser Dom, der wahrscheinlich noch aus der Zeit Burchards stammt. An diesen beiden Bauteilen aus der Zeit vor 1020 sind die Lisenen noch ohne profilierte Basen und es fehlt die reiche Ausstattung durch Rundbogenfriese. Parallelen lassen sich hingegen zu dem runden Westturm der evangelischen Kirche in Quirnheim (Kreis Bad Dürkheim) ziehen, dessen Datierung in die Mitte des 11. Jahrhunderts durch die Untersuchung eines Sturzholzes aus dem Erdgeschoss dendrochronologisch gesichert ist[Anm. 17].

Ebenso wie in Worms sind auch in Quirnheim die Rundbogenfriese der Wand hinterschnitten und aus kleinen Quadern gemauert. Ihre Bogenfüße ruhen auf kleinen Konsolen, die Lisenen binden in das Läufer- und Bindermauerwerk ein. Ihre keilförmigen Widerlager tragen die Rundbögen, ihre »Füße« ruhen auf profilierten Basen – ähnlich jenen von St. Paul.

Eine weitere Datierungshilfe liefern die Bearbeitungsspuren der Turmlisenen. Sie lassen mit großer Wahrscheinlichkeit auf die Verwendung einer glatten Fläche schließen. Deutlich ist ein Randschlag und ein mit dem schräg geführten Werkzeug abgearbeiteter Spiegel zu erkennen. Die Hiebe sind unregelmäßig ausgeführt und ergeben eine wenig geordnete Oberflächenstruktur ohne weitere Verfeinerung. Die durchgängig an den Werksteinen beider Türme zu erkennende Gestaltung der Steinoberfläche entspricht nicht mehr der für die erste Hälfte des 11. Jahrhunderts am Oberrhein charakteristischen gemusterten Abspitzung der Steinhäupter, wie sie an der Klosterruine in Limburg an der Haardt[Anm. 18] oder an den Lisenen des unteren Geschosses des südwestlichen Flankenturms des Wormser Domes zu beobachten ist. Sie steht aber auch im Gegensatz zu dem an einzelnen Quadern des Ostquerschiffs des Wormser Domes auftretenden Fischgrätmuster, das aus der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts stammt[Anm. 19]. Zeitlich einordnen lässt sich auch der Zahnfries, der das dritte Geschoss bei der Türme als kräftige Horizontalgliederung nach oben abschließt. Das aus übereck gestellten Sandsteinquadern gebildete Sägeschnittband tritt nördlich der Alpen erstmals zwischen 1080 und 1106 als Geschossgliederung an den Osttürmen des Speyerer Domes auf[Anm. 20].

Alle diese Beobachtungen, aber auch die kunstgeschichtliche Beurteilung der anderen Baudetails wie Säulengestaltung und Form der Gurtgesimse lassen die Errichtung der beiden Türme von St. Paul zwischen 1050 und 1100 möglich erscheinen. Doch wie verhalten sich die Türme zeitlich zueinander, welcher ist der ältere? Auffallend ist der Unterschied zwischen den seitlich vorspringenden Basen der Lisenen am Nordturm und den einfacher gestalteten, seitlich bündig mit den Lisenen abschließenden Basen des Südturmes[Anm. 21]. Ähnliche Differenzen zeigen die Kämpferprofile, die am »moderner« und in ihrer baulichen Ausführung einheitlicher wirken. Diese Unterschiede lassen vermuten, dass der Südturm zuerst entstanden ist und dem Nordturm als Vorbild diente.

Um diese Vermutung zu untermauern, wurden über die Stilanalysen hinaus ergänzende bautechnische und naturwissenschaftliche Untersuchungen vorgenommen, die sich insbesondere mit der Mauertechnik, den historischen Setzmörteln und der Art des Verstrichs befassten[Anm. 22]. Ziel war es, den Bauverlauf und die Bauabschnitte im Einzelnen nachzuweisen.

Die Auswertung der Befunde und Mörtelproben lässt darauf schließen, dass der jüngere Nordturm in Gänze und der ältere Südturm bis zum dritten Geschoss planmäßig ausgeführt wurden. Das Kuppelgeschoss des Südturms scheint hingegen einer anderen Bauphase anzugehören. Schon der Übergang vom dritten Geschoss zur Turmbekrönung verrät in Material und Konstruktion Unregelmäßigkeiten. So zeigt sich hier das Mauerwerk weniger regelhaft gefügt als im mittleren Geschoss, die kleinformatigen Hausteinquader besitzen eine geringere Kantengenauigkeit und der Setzmörtel scheint einen höheren Kieselanteil zu haben als der des mittleren Stockwerks. Diese Beobachtungen lassen zwar bereits erste konkrete Aussagen über die Baugeschichte zu, reichen für eine sichere Rekonstruktion des Entstehungsprozesses der Türme aber nicht aus. Da jedoch sowohl im Südturm als auch im Nordturm hölzerne Ringanker und Balken erhalten sind, konnten die Untersuchungen durch dendrochronologische Altersbestimmungen erweitert werden, um so zu gesicherten Daten zu gelangen.

Die dendrochronologischen Nachweise und ihr überraschendes Ergebnis

Im Auftrag der Kirchlichen Denkmalpflege Mainz wurde am 27.09. 2001 durch das Labor für Dendroarchäologie Trier mit den dendrochronologischen Untersuchungen des Südturms von St. Paul begonnen[Anm. 23]. Die dabei entnommenen Bohrkerne stammen von einem Balken des Ringankers in der Kuppel und von einem Balken, der unterhalb des Traufbereichs im dritten Turmgeschoss gefunden wurde und wohl ehemals zur Befestigung einer Glocke diente. Diese Eichenholzbalken befinden sich noch in ihrem ursprünglichen Mauerverband. Die Probe DC-Nr. 52 aus dem Ringanker wies 84 Jahrringe auf. Erkennbar waren noch der erste Splintjahrring und das Mark.

Beim Vergleich mit den Süddeutschen Eichenstandardchronologien ergab sich übereinstimmend als Enddatum der Jahrringfolge das Jahr 1085 – ein Ergebnis, das sowohl vom optischen Eindruck als auch von den statistischen Werten als gesichert gelten kann[Anm. 24]. Berücksichtigt man die bis zur Waldkante fehlenden Splintjahrringe, denen man deshalb rund 15 ± 7 Splintjahrringe hinzuzählen muss, ist sichergestellt, dass der Baum, aus dem der Balken des Ringankers gefertigt wurde, um das Jahr 1098 ± 7 Jahre geschlagen worden ist[Anm. 25].

Die Probe DC-Nr. 54 aus dem Balken unter der Traufe wies 76 Jahrringe auf. Hier war zwar das Mark erkennbar, doch haben sich keine Splintholzreste erhalten, so dass die Untersuchung kein gesichertes Ergebnis zuließ. Der Vergleich mit den Proben aus Dittelsheim ergab jedoch eine recht gute Korrelationslage. Danach könnte die Jahrringfolge im Jahr 1070 enden. Weil das Splintholz fehlt, kann als Fälldatum des Baumes nur das Jahr 1085 ± 7 als terminus post quem angegeben werden. Dies bedeutet, dass das Holz frühestens um das Jahr 1080 geschlagen worden sein kann, während eine Aussage über den spätestmöglichen Zeitpunkt nur schwer zu treffen ist. In diesem Fall kann allerdings die Splintholzgrenze der Probe DC-Nr. 52 und die daraus resultierende Eingrenzung der Fällungszeit einen denkbaren terminus ante quem liefern.

Die Fortsetzung der dendrochronologischen Untersuchungen durch das Labor für Dendroarchäologie Trier erfolgte am 18.07.2002 mit der Entnahme von vier Bohrkernen aus Hölzern des Nordturms. Die Proben stammen von zwei parallelen Balkenpaaren, die beide in Ost-West-Richtung auf unterschiedlicher Höhe vorgefunden wurden. Das obere Balkenpaar verläuft quer durch den Innenraum der Kuppel und ist mit seinen Enden direkt in die Kuppel eingemauert. Beide Balken sind rechtwinkelig gearbeitet und bestehen aus Fichtenholz. Das untere Balkenpaar verläuft ebenfalls quer durch den Innenraum und ist rund 10 cm über dem Scheitel der Doppelbogenfenster im obersten Teil des Turmes in der Wand eingelassen. Die Vermauerung ließ erkennen, dass es sich um eine ungestörte Befundsituation handelte. Diese beiden Balken, rechtwinkelig zugerichtet, sind aus Eichenholz. Wegen des starken Schädlingsbefalls, vor allem des oberen Balkenpaars, mussten die Balken bis zu dreimal beprobt werden. Die Eichenproben wurden als DC-Nr. 55 (nördlicher Balken), DC-Nr. 56 (südlicher Balken), die Fichtenproben als DC-Nr. 57 (nördlicher Balken) und DC-Nr. 58 (südlicher Balken) bearbeitet und archiviert[Anm. 26].

Beim Vergleich mit den überregionalen Standardchronologien aus dem süddeutschen Raum bewegen sich die Proben im Rahmen dendrochronologisch datierter Vergleichswerte; vor allem das Ergebnis von DC-Nr. 55 ist, ebenso wie der optische Eindruck, sehr gut. Demnach enden die Jahrringfolgen der Probe DC-Nr. 55 mit dem Jahr 1101 und jene der Probe DC-Nr. 56 mit dem Jahr 1107. Das zeitliche Verhältnis beider Proben zueinander bestätigt außerdem die interne Korrelation. Angesichts der Sommerwaldkante der Probe 56 dürfte der Baum, aus dem der Balken gearbeitet wurde, im Sommer des Jahres 1107 geschlagen und danach verbaut worden sein.

Exkurs: Dendrochronologie

Von Dr. Sibylle Bauer, Dendroarchäologin

Die Dendrochronologie (vom griechischen dendros = Baum und chronos = Zeit) ist ein zu Anfang des 20. Jh. in den USA entwickeltes Verfahren zur Datierung von Holz unbekannten Alters durch Vergleich seiner Jahresringmuster mit einem »Baumringkalender«. Dieser wurde durch Korrelation teilweise gleichzeitiger Jahrringfolgen im Laufe jahrzehntelanger Forschung erstellt.

Das Zellbildungsgewebe (Kambium) im Holzkörper der Bäume beginnt im Frühjahr zunächst mit der Anlage verhältnismäßig weiter Gefäßbündel (Frühholz) und beendet seine Tätigkeit im Sommer mit der Ausbildung enger Leitstränge (Spätholz). In Querschnitten ist dieser jährliche Radialzuwachs als Jahresring sichtbar. Anhand der Jahresringe kann man das Lebensalter eines Baumes bestimmen sowie Informationen über seine Wuchsbedingungen erhalten.

Für die Archäologie und Baugeschichtsforschung ist die Dendrochronologie von besonderer Bedeutung, weil sich historische Hölzer mit Hilfe dieser Methode exakt datieren lassen. Sobald Splintholz, die äußeren, heller gefärbten Zuwachsschichten eines Baumes, erhalten ist, kann der Fällungszeitraum bis auf wenige Jahre eingegrenzt werden.

Die Waldkante, der definitiv letzte Jahrring, den der Baum vor der Fällung angelegt hat, datiert exakt das Jahr der Fällung. Während man heute beim Bau mit Motorsägen, -fräsen und -bohrern auch älteres, hart gewordenes Holz bequem bearbeiten kann, war das früher sehr viel schwieriger und deshalb nicht üblich. Bauholz wurde im Mittelalter grundsätzlich während der Vegetationsruhe geschlagen und frisch verarbeitet. Daher entsprechen die dendrochronologisch ermittelten Daten der Hölzer in der Regel auch dem Zeitpunkt ihrer Verwendung am Bau.

Das Untersuchungsergebnis

Eine Zusammenfassung aller dendrochronologisch ermittelten Daten und der baugeschichtlichen Beobachtungen ergibt erstmals ein genaueres Bild von der Entstehungszeit und dem Bauverlauf der Türme. So dürfte der Südturm nach dem derzeitigen Wissensstand zwischen 1060 und 1080 errichtet worden sein[Anm. 27]. Das dritte Geschoss mit dem jetzt noch vorhandenen Gurtgesims endete wahrscheinlich mit einem Zelt- oder Kegeldach.

Später, und damit zeitlich versetzt, wurde mit der Errichtung Nordturms nach dem Vorbild seines südlichen Zwillingsturms begonnen. Zwischen 1100 und 1105 wurde der Südturm in der heutigen Form vollendet. Zu diesem Zeitpunkt erhielt er den Zahnfries, die Abschlussplatte und schließlich die Kuppelbekrönung. Die Fertigstellung des damals wohl erst zweistöckigen Nordturms wurde parallel dazu ohne Unterbrechung durchgeführt. Im Spätsommer 1107 stand das dritte Geschoss kurz vor seiner Vollendung. Denn nach der Sommerwaldkante der Probe DC-Nr. 56 datiert die Fällung des dort verbauten Baumes in den Sommer des betreffenden Jahres. Danach wurde der Balken zugerichtet und im Nordturm über den Doppelbogenfenstern eingebaut. Dieses Fälldatum liegt zwei Jahre später als der nach der Splintstatistik von Hollstein definierte Fällungszeitraum des Ringankers DC-Nr. 52 aus dem Südturm. Die Turmbekrönung des Nordturms dürfte gegen 1108 aufgesetzt und vollendet worden sein.


Die Dittelsheimer Turmbekrönung und die Korrektur einer Datierung

Verglichen mit den Turmbekrönungen von St. Paul wirkt der Turmabschluss der ehemaligen Allerheiligenkirche in Dittelsheim (heute evangelische Pfarrkirche) noch markanter und exotischer: Es ist vor allem die Form der Kuppel, die unwillkürlich an orientalische Vorbilder erinnert und in ihrer eindeutigen Ausprägung weit über vergleichbare Beispiele hinausgeht[Anm. 27].

Einen guten Überblick über den Wissensstand zur Baugeschichte gibt Wolfgang Bickel in seinen »Notizen über den Dittelsheimer Kirchturm«[Anm. 28]. Bereits 1967 wurden auf seine Veranlassung von E. Hollstein (Trier) dendrochronologische Untersuchungen durchgeführt, die zu dem damals aufsehenerregenden Ergebnis führten, dass das im Turmbereich verbaute Eichenholz zwischen 1068 und 1080 gefällt worden sein muss.

1984 erfolgte erneut eine dendrochronologische Untersuchung durch das Planungsbüro Tisje, Neu-Isenburg[Anm. 29]. Hierbei wurden insgesamt zehn Proben aus unterschiedlichen Höhen des Turmes kontrolliert, darunter auch eine Probe aus dem Kuppelansatz. Neben der Bestätigung der Untersuchungsergebnisse Hollsteins konnten weitere Erkenntnisse gewonnen werden, die scheinbar eine gesichertere Datierung des Turmes ermöglichten. Diesen Holzbefunden zufolge wären die oktogonalen Turmgeschosse in den Jahren um oder kurz nach 1074/75 entstanden, eine Probe aus dem Kuppelansatz der Turmbekrönung lieferte das Fälldatum 1144 ± 4.

Wegen der Verschiedenheit der beiden homogen wirkenden Turmuntergeschosse und des dritten Stockwerks glaubte Bickel eine Unterbrechung im Bauverlauf zu erkennen und unterteilte den Turm – gestützt auf die dendrochronologisch abgesicherten Eckdaten – in einen älteren und einen jüngeren Bauabschnitt. »Das dritte Oktogongeschoss weicht von den unteren durch reichere Gestaltung der Säulen in den Schallöffnungen ab; so treten nur hier, und zwar auf drei Seiten, Würfelkapitelle auf. Es wäre also denkbar, dass im Bereich dieses Geschosses eine Bauunterbrechung stattgefunden hat. Zwischen 1140 und 1148 wurde jedenfalls dieses Geschoss erst abgeschlossen und der Kuppelansatz aufgemauert. Ob zwischenzeitlich außer einem Notdach ein anderer Turmhelm vorhanden war, ist derweilen nicht feststellbar. Doch spricht die Position der Tierköpfe dafür, dass zumindest bei der Anbringung des Abschlussgesimses bereits an die jetzige Bekrönung oder eine ihr sehr ähnliche gedacht war. Wenn es sich bei diesen Köpfen um Wasserspeier handelt, dann konnten sie ihre Aufgabe nur bei der gegenwärtig vorliegenden Dachform erfüllen. Bei einem sonst in Frage kommenden achtseitigen Helm hätten sie keine Funktion gehabt.«[Anm. 30] Die baugeschichtlichen Beobachtungen Bickels stützen sich weitgehend auf die Ergebnisse der dendrochronologischen Untersuchungen. Gleichzeitig lassen seine Schlussfolgerungen bereits erste Zweifel an der Zuverlässigkeit der Daten erkennen. Aus diesem Grund wurden nochmals drei der von Hollstein archivierten Holzproben – DC-Nr. 1, 2 und 3 – aus dem Trierer Landesmuseum im Labor für Dendroarchäologie (Trier) nachuntersucht. Zwei weitere Hölzer aus Dittelsheim wurden zusätzlich neu beprobt und analysiert. Alle fünf Proben ergaben, dass sichere Datierungen bis auf eine Ausnahme nicht möglich sind. So konnte für die Probe DC-Nr. 5 als einziger Datierungsvorschlag ein Fälldatum von 1083 ± 7 genannt werden. Für die restlichen Hölzer wurde nur ein Datierungsrahmen erkennbar, der dem von Hol1stein bereits genannten entspricht[Anm. 31].

Am 4.12.2002 wurden drei weitere Bohrkerne aus dem Kirchturm von Dittelsheim entnommen. Sie stammen von drei Eichenbohlen eines umlaufenden hölzernen Ringankers, der zwischen dem Turmoktogon und dem Kuppelansatz verbaut ist. Wie die Situation eindeutig belegt, muss der Einbau dieses Holzes vor der Aufmauerung der Turmbekrönung erfolgt sein[Anm. 32]. Bei DC-Nr. 7 von der südlichen Bohle des Ringankers konnten 126 Jahrringe nachgewiesen werden. Die beiden anderen Proben erwiesen sich hingegen als weniger aussagekräftig, doch ähneln sie in ihren dendrologischen Eigenschaften wie Zuwachsraten und Altersklassen sowie in der Art der Zurichtung als tangential geschnittene Bohlen mit einer Stärke von ca. 5,5 cm den Proben 1 bis 3 und 5 aus dem unteren Teil des Turmoktogons. Außerdem enden die Proben, soweit sie datierbar sind, in demselben Zeitrahmen ohne Splintholz. Dies alles spricht dafür, dass der Ringanker am oberen Ende des Turmoktogons – DC-Nr. 7, 8, 9 – mit dem gleichen Baumaterial und zur selben Zeit verbaut wurde wie die Ankerhölzer am unteren Ende des Oktogons DC-Nr. 1, 3, 5. Unter diesen Proben waren bei DC-Nr. 5 noch sieben Splintjahrringe erhalten. Davon ausgehend wurde nach der Splintholzstatistik von Hol1stein ein Fällungszeitraum zwischen 1076 und 1090 errechnet. In rund 90 % der dokumentierten Fälle lag die Waldkante in diesem Bereich. »Betrachtet man 98 % der Fälle,« – so merkt S. Bauer in ihrem Gutachten an – »erweitert sich der Fällungszeitraum sogar auf 1071 bis 1100.«[Anm. 33].

Wenn ohne Waldkante die genaue Verbauungszeit auch nicht bestimmt werden kann, so ist eine Korrektur der Datierung zum Ende des 11 . Jahrhunderts hin aus architektonischer Sicht nicht unwahrscheinlich. Dies entspricht der kunsthistorischen Einordnung des Turmes nach stilistischen Kriterien[Anm. 34] und bedeutet, dass die Vollendung des oktogonalen Turmes möglicherweise erst kurz vor 1100 erfolgte. Ungeklärt bleibt dabei die Frage nach dem Alter der Turmbekrönung, deren bisherige Datierung um 1144, auf einer 1984 durchgeführten dendrochronologischen Untersuchung des Labors Tisje beruhend, angezweifelt werden muss. Auf Veranlassung des Verfassers wurde deshalb eine dendrochronologische Nachuntersuchung des Balkenstückes aus dem Kuppelgeschoss durchgeführt[Anm. 35]. Sie erbrachte ein unerwartetes und völlig abweichendes Ergebnis. Bei der Messung konnten 73 Jahrringe festgestellt werden, Splint und Waldkante fehlten[Anm. 36]. Der Vergleich mit den Standardchronologien ergab eine überzeugende Korrelation beim Endjahr 960! Berücksichtigt man die fehlenden Splintjahrringe, dann kann der Baum, aus dem der Balken gearbeitet wurde, frühestens um 975 geschlagen worden sein. Verglichen mit den dendrochronologisch einheitlich aus der Zeit zwischen 1071 und 1100 stammenden übrigen Proben, scheinen entweder 100 Jahrringe an dem Balken zu fehlen oder es wurde seinerzeit ein Altholz in der Kuppel verbaut. Das 1984 vom Planungsbüro Tisje ermittelte Datum 1144 konnte somit weder an den Eichenbohlen des Ringankers noch an dem Balkenstück bestätigt werden. Deshalb stellt sich die Frage, aus welcher Zeit die Turmbekrönung von Dittelsheim nun tatsächlich stammt? Die formale wie konstruktive Verwandtschaft zum Kuppelbau des Nordturmes von St. Paul in Worms ist augenfällig. Schon aus diesem Grund wäre ein zeitlicher Abstand von über 30 Jahren nur schwer nachvollziehbar. Allein die Übereinstimmung der Maße ist so frappant, dass man von einer maßgleichen Kopie sprechen kann. Dies gilt auch in konstruktiver Hinsicht: Der Übergang vom Achteck ins Quadrat hätte nicht zwingend einer runden Zwischenzone bedurft, wie sie beim Nordturm von St. Paul zu finden ist. Dass dieses System auch in Dittelsheim übernommen wurde, lässt darauf schließen, dass es nach genauer Vorlage von St. Paul und möglicherweise vom gleichen Bautrupp ausgeführt wurde. Es ist ein überzeugender Hinweis auf die zeitliche Nähe beider Bauwerke, die innerhalb kürzester Zeit nacheinander oder sogar parallel entstanden sein müssen. Die Datierung der Dittelsheimer Turmkrone in die Zeit um 1110 erscheint nach dem derzeitigen Wissensstand als sehr wahrscheinlich.

GRÖSSENVERGLEICH ZWISCHEN TURMBEKRÖNUNGEN VON ST. PAUL WORMS UND DITTELSHEIM

Worms S-Turm Worms N-Turm Dittelsheim
1. Gesamthöhe ab Turmschaft ohne Spitze 451 cm 429 cm 430 cm
2. Gesamtbreite 406-410 cm 387-389 cm 366 cm
3. Kuppelhöhe ab letzten Giebelspitzen 157 cm 138 cm 142 cm
4. Kuppeldurchmesser in Höhe der letzten Giebelspitzen 278 cm 255 cm 256 cm
5. Oktogongiebel Breite 132-137 cm 121-129 cm 120 cm
6. Oktogongiebel Höhe bis Giebelspitzen untere Teile 120-125 cm 108-120 cm 108 cm
7. Oktogongiebel Fenster Breite 42-47 cm 38-46 cm 32-36 cm
8. Oktogongiebel Fenster Höhe 75-80 cm 60-73 cm 60-64 cm
9. Giebelhäuser Breite 245-248 cm 250-254 cm 222 cm
10. Giebelhäuser Höhe 156-160 cm 174-179 cm 174-180 cm
11. Giebelhäuser Fenster Breite 41-53 cm 48-49 cm 50-52 cm
12. Giebelhäuser Fenster Höhe 90-100 cm 105-113 cm 82 cm

Zwei verwandte Bauten: Guntersblum und Alsheim

Von der ehemaligen Zweiturmanlage von St. Viktor in Guntersblum (heute evangelische Pfarrkirche) hat sich nur noch der Nordturm erhalten[Anm. 37]. Das südliche Pendant ist ein Neubau von 1838/40 und ersetzt den 1702 eingestürzten mittelalterlichen Vorgängerbau. Über Aussehen und Alter des Südturms lassen sich keine Aussagen mehr machen, da der Bau vor dem Einsturz bildlich nicht dokumentiert wurde. Man kann davon ausgehen, dass er in seiner Architektur und der Form der Turmbekrönung weitgehend dem Nordturm entsprach. Die Frage, ob der Südturm vor dem Nordturm erbaut wurde, ist ebenfalls nicht mehr zu klären. Denkt man an die Baugeschichte der Türme von St. Paul in Worms, wird deutlich, wie wichtig die Rekonstruktion solcher Bauabläufe für die Datierungsfrage der Turmbekrönungen wäre.

Bei dem in Guntersblum erhaltenen Nordturm sind die Möglichkeiten zur baugeschichtlichen Forschung durch die vielen restauratorischen Eingriffe aus jüngerer Vergangenheit erheblich eingeschränkt. Vor allem bei der umfangreichen und grundlegenden Renovierung von 1840-42 nahm man beträchtliche Veränderungen vor und ersetzte einen großen Teil der Außensteine durch neues Material. Deshalb zeigt die äußere Form des Turmabschlusses seitdem nur noch annähernd das ursprüngliche Erscheinungsbild. Statt der ehemals glatten runden Steinkuppel schließt heute eine achtseitige, rippenbesetzte Haube den Bau ab; die vier Fensteröffnungen im darunter liegenden Oktogon wurden im Zuge der Umgestaltung vermauert und segmentförmige Entlastungsbögen über den Zwillingsfenstern der vier Giebelhäuser hinzugefügt. Auch verschiedene Gesimse und die Steinkreuze auf den Giebeln sind neue Zutaten. Es ist nicht auszuschließen, dass bei der Restaurierung sogar die Form der Fenster verändert wurde. Möglicherweise erfolgte dabei die Umgestaltung der vielleicht ehemals einfachen rundbogigen Fensteröffnungen in »Biforien«.

Der Nordturm dürfte gegen Ende des 11. Jahrhunderts entstanden sein. Dafür sprechen neben seinem architektonischen Erscheinungsbild verschiedene Baudetails, vor allem aber die Ergebnisse der 1995 durchgeführten dendrochronologischen Untersuchungen mehrerer alter Bauhölzer. Durch das Planungsbüro Tisje, Neu-Isenburg waren sechs Bohrkerne aus den Kreuzankern der Kuppel und den darunter befindlichen Glockenträgern entnommen worden[Anm. 38]. Die Messwerte dieser Proben wurden im Auftrag des Verfassers am 13.12.2002 nochmals durch das Labor für Dendroarchäologie, Trier überprüft und bestätigt. Zusätzlich war am 19.11.2002 ein weiterer Bohrkern DC-Nr. 7 aus dem Kuppelbereich entnommen worden[Anm. 39].

Drei der sieben Proben stammen von zwei ost-westlich und nord-südlich gerichteten Eichen-Ankerbalken, die sich in der Kuppel des Turmes kreuzen und dem Befund nach unverändert in ihrem originalen Bauzusammenhang erhalten haben. Die daraus entnommene Probe DC-Nr. 5 endet mit einer Waldkante im Jahr 1101, DC-Nr. 6 hingegen mit 18 Splintjahrringen im Jahr 1098. Der letzte Jahrring vor der Fällung ist an der Probe 5 vom Ost-West-Anker nur unvollständig ausgebildet. Dies bedeutet, dass der Baum, aus dem der Balken hergestellt ist, im Frühsommer des Jahres 1101 gefällt wurde. Bei der damals üblichen saftfrischen Verwendung könnte er noch im gleichen Jahr verarbeitet und verbaut worden sein. DC-Nr. 6 vom Nord-Süd-Anker weist 18 Splintjahrringe auf und endet ohne Waldkante. Es kann dennoch als sicher gelten, dass der Balken zur gleichen Zeit wie sein Ost-West-Pendant in der Kuppel eingebaut wurde. Lediglich die unterhalb der Anker angebrachten Glockenbalken sind nachträglich in das Mauerwerk eingelassen und dementsprechend jüngeren Datums[Anm. 40].

Die dendrochronologischen Ergebnisse lassen die Fertigstellung der Kuppelbekrönung des Nordturms von St. Viktor in Guntersblum im Jahr 1102 als gesichert erscheinen[Anm. 41]. Sie rückt damit ganz in die zeitliche Nähe der Turmkrone des Südturms von St. Paul in Worms, die beide möglicherweise sogar zeitgleich entstanden sind. Ihre Verwandtschaft ist auch in formaler Hinsicht nicht zu übersehen, obwohl die Turmschäfte Unterschiede in den Proportionen und Baudetails aufzeigen. Bei einem Rekonstruktionsversuch des alten äußeren Erscheinungsbildes böten sich die Wormser Turmbekrönungen insofern als Vorbild an, als sie die Grundidee noch unverfälscht widerspiegeln. So dürfte die Tambourzone in Guntersblum wohl ebenfalls durch acht Fenster gegliedert gewesen sein, von denen – so der Befund – vier belichtet waren, die vier anderen hingegen als Blendfenster dem Beispiel des Südturmes von St. Paul folgten und rein dekorativen Charakter besessen hätten[Anm. 42].

Abschließend sei noch auf den Kirchturm von St. Bonifatius in Alsheim (heute evangelische Pfarrkirche) verwiesen, für den bislang keine gesicherten Baudaten vorliegen[Anm. 43] Im Vergleich mit anderen romanischen Türmen in Rheinhessen und der Pfalz kann seine Entstehung aber durchaus am Ende des 11. Jahrhunderts angenommen werden, wenngleich nicht auszuschließen ist, dass die untersten Teile älter sind. Oben leiten vier getreppte Giebel vom Quadrat zu dem achtseitigen Schaftstück der Kuppelarchitektur über. Der oktogonale innere Turmabschluss ist nicht kugelig gewölbt, sondern als Pyramide gestaltet und heute mit einem aus dem 18. Jahrhundert stammenden Zeltdach bedeckt. Nach Hofrichter war die ursprüngliche Turmbekrönung möglicherweise in Kuppelform ausgeführt[Anm. 44], womit Alsheim als ein weiteres Beispiel in der Reihe der Türme mit orientalisierenden Abschlüssen angeführt werden kann. Die unmittelbare formale Nähe zu den bereits beschriebenen Bauten von Worms und Guntersblum spricht ebenfalls für eine Datierung zu Beginn des 12. Jahrhunderts[Anm. 45].

Siegeszeichen und Mahnmal

Wie durch die stilistischen, bautechnischen und naturwissenschaftlichen Untersuchungen im Einzelnen nachgewiesen werden konnte, fällt die Entstehung dieser besonderen rheinhessischen Turmbekrönungen in die Zeit zwischen 1100 und 1110 und ermöglicht damit erstmals eine Zuordnung zu einem bestimmten historischen Ereignis: dem ersten Kreuzzug[Anm. 46].

1095 hatte Papst Urban II. zum Kreuzzug und zur Befreiung des Heiligen Landes, das seit dem 7. Jahrhundert unter muslimischer Herrschaft stand, aufgerufen. Voller Enthusiasmus begaben sich Tausende von Gläubigen aus dem christlich-europäischen Abendland auf den Weg nach Jerusalem. Das französische Kreuzfahrerheer stellte den größten Truppenanteil. Es gab jedoch auch eine beachtliche deutsche Beteiligung, die sich zu großen Teilen aus dem Westen des Reiches rekrutierte. Die meisten deutschen Kreuzfahrer kamen aus dem Rheinland und der Gegend um Mainz und Worms[Anm. 47]. Franz Staab machte auf eine Beschreibung aus den Disibodenberger Annalen aufmerksam, die von einem »merkwürdigen Zeitgeist« berichtet, der neben vielen Männern auch zahlreiche Frauen aus allen Gesellschaftsschichten zu »Jerusalemiten« werden ließ, wie die Kreuzfahrer von ihren Zeitgenossen bezeichnet wurden. Leider sind keine Mannschaftslisten erhalten, doch finden sich in einigen kirchlichen Totenbüchern Namen solcher »Jerusalemiten«. Der Mainzer Domnekrolog aus der Zeit des Erzbischofs Ruthard (1089–1109) beispielsweise nennt neben zwei Laien Godebald und Gottfried auch einen Geistlichen namens Embricho. Sie alle hinterließen Stiftungen für die Domkanoniker[Anm. 48].

Von den vielen Tausend im Jahr 1096 losgezogenen Kreuzfahrern erreichten nur wenige ihr Ziel – Jerusalem, die Heilige Stadt! Als es den Christen nach einer fünfwöchigen Belagerung, nach vorangegangenen Anstrengungen, Entbehrungen und zunehmender Aggression am 15. Juli 1099 endlich gelang, die Stadtmauern zu erobern, entlud sich ihre Stimmung in einem brutalen Blutbad gegen die muslimische und jüdische Bevölkerung. Die Freude über den Gewinn einer Stadt, die nach mittelalterlichem Verständnis selbst als heilig und als Reliquie galt, schien auch dieses Massaker zu rechtfertigen. Tief ergriffen und durch den Sieg von der göttlichen Legitimierung ihres Unternehmens überzeugt, zogen die »Jerusalemiten« in die Kirche des Heiligen Grabes ein.

Dieser Zug ins Heilige Land war kein gewöhnlicher Krieg, in dem es um Sieg, Beute und Ruhm ging – dieser Krieg wurde nach dem Verständnis der damaligen Zeit für Gott selbst geführt. Gleichzeitig verband er mit dem Kampf für die Christenheit auch die Wallfahrt ins Heilige Land, die für die nicht-kämpfenden Kreuzfahrer den wesentlichen Grund der Teilnahme darstellte.

Abendländische Geschichte

919-1024 Sächsische Kaiser
973-983 Otto II. ist verheiratet mit der aus dem byzantinischen Kaiserhaus stammenden Theophanu, vermutlich eine Nichte des Kaisers Johannes I. Tzimiskes.
1024-1125 Fränkische oder Salische Kaiser
1054 Großes Schisma: Bruch zwischen Ost- und Westkirche wegen des Universalanspruches beider Kirchen.
1056-1106 In der Zeit Heinrichs IV. verstärkt sich die Gegnerschaft des Papsttums gegen jede Art des Einflusses von Laien in kirchlichen Angelegenheiten.
1075 Das auf der römischen Fastensynode ausgesprochene Verbot der Laieninvestitur bedeutet den Beginn des Investiturstreits. Im Zuge dieser Auseinandersetzungen erklärt Papst Gregor VII. den deutschen Kaiser für abgesetzt und belegt ihn mit dem Kirchenbann (Exkommunikation).
1077 Gang nach Canossa. Heinrich IV. zwingt durch Kirchenbuße den Papst zur Aufhebung des Bannes.
1122 Wormser Konkordat: Heinrich V. (1106-1125) gelingt die Beendigung des Investiturstreits mit unterschiedlichen Regelungen in Deutschland und Italien. Der Ausgang dieser Auseinandersetzung bedeutet für Deutschland eine Stärkung der weltlichen Fürsten, für Italien die der Städte.
1137-1254 Reich der Staufer
1152 Kaiser Friedrich I. Barbarossa (1152-1190) sucht die alte Größe des römischen Kaisertums wieder herzustellen, dies schloss die Beherrschung Italiens ein. 1158 fordert er auf dem Reichstag bei den Ronkalischen Feldern (Oberitalien) die Rückgabe eingezogener Reichsgüter und Reichsrechte von den autonom gewordenen Stadtstaaten zurück.
1188 Am 27. März nimmt Kaiser Friedrich I. Barbarossa im Dom zu Mainz das Kreuz.

Zeittafel zu dem 1.-3. Kreuzug

1009 Zerstörung der Grabeskirche durch den Kalifen al-Hakim.
1012-1036 Wiederaufbau der Grabeskirche durch den byzantinischen Kaiser.
Erster Kreuzzug
November 1095 Aufruf zum Ersten Kreuzzug durch Papst Urban II. auf dem Konzil von Clermont.
Dezember1095-Juli 1096 Judenverfolgung in Westeuropa durch die Kreuzfahrer.
März 1096 Aufbruch der ersten Kreutfahrerwelle (Kreuzzug des Volkes).
Oktober 1096 Vernichtung des Kreuzfahrerheeres in der Schlacht bei Nicaea.
Dezember 1096-Mai 1097 Ankunft der zweiten Heereswelle der Kreuzfahrer unter der Führung des Gottfried von Bouillon, Raimund von Toulouse, Boemund von Tarent, Robert von Flandern und Robert von der Normandie in Konstantinopel.
Juni 1097 Einahme von Nicaea.
Juli 1097 Sieg über die Seldschuken in der Schlacht von Dorylaeum.
Oktober 1097-Juni 1098 Belagerung und Eroberung von Antiochia.
März 1098 Übernahme der Herrschaft in Edessa durch Balduin von Boulogne und Gründung des ersten Kreuzfahrerstaates.
Juli 1099 Eroberung Jerusalems durch die Kreuzfahrer. Wahl des Gottfried von Bouillon zum ersten lateinischen Herrscher des Königreichs Jerusalem. Tod Papst Urbans II. in Rom.
August 1099 Sieg über ein ägyptisches Ersatzheer bei Askalon.
Septeber 1099 Abreise der meisten Kreuzfahrer aus Jerusalem.
Juli 1100 Tod Gottfrieds von Bouillon in Jerusalem.
Dezember 1100 Krönung Balduins von Boulogne zum König von Jerusalem.
1144 Eroberung Edessas durch Emir Zengi von Mosul.
1146 Kreuzpredigt des Bernhard von Clairvaux: Der Staufer König Konrad III. und König Ludwig VII. von Frankreich nehmen das Kreuz.
Zweiter Kreuzzug
1147-1149 Zweiter Kreuzzug unter Führung von Konrad III. und Ludwig VII., der im Juli 1148 vor Damaskus scheitert.
Juli 1187 Sieg Saladins in der Schlacht von Hattin über das christliche Heer.
Oktober 1187 Einnahme Jerusalems durch Saladin.
Dritter Kreuzzugs
1189-1192 Dritter Kreuzzug unter Kaiser Friedrich I.Barbarossa, König Richard Löwenherz von England und König Philipp August von Frankreich.
1190 Tod Barbarossas, noch vor Erreichen des Heiligen Landes, im Fluss Salef.
1191 Einnahme von Akkon durch Richard Löwenherz und Philipp August.
1192 Waffenstillstandsvertrag zwischen Richard Löwenherz und Saladin.

Orientalische Geschichte

969 Fatimiden erobern Ägypten.
973 Kairo wird Hauptstadt des Fatimidenreiches.
1017-1021 entsteht die neue Religionsgemeinschaft der Drusen, die den fatimidischen Kalifen al-Hakim (996-1021) als Inkarnation Gottes verehren.
1038 Beginn der Seldschuken-Herrschaft im Mittleren Osten.
1071 Schlacht bei Mantzikert. Sieg der Seldschuken über das byzantinische Heer. Der türkische General Atsis entreißt Jerusalem den Fatimiden.
1089 Akkon, Tyrus sowie weitere palästinensische Hafenstädte werden von den Fatimiden besetzt.
1095 Die Fatimiden nehmen das südliche Palästina ein.
1098 Rückeroberung Jerusalems durch die Fatimiden.
1153 König Balduin III. von Jerusalem entreißt den Fatimiden die Stadt Askalon an der syrischen Küste.
1154 Nur ad-Din erlangt die Vorherrschaft über das islamische Syrien.
1168-1169 Feldzug König Amalrichs von Jerusalem nach Ägypten. Nur ad-Din veranlasst den Feldzug der aiyubidischen Generäle Shirkuh und Saladin nach Ägypten.
1171 Saladin stürzt das fatimidische Kalifat und begründet selbst die Dynastie der Aiyubiden in Ägypten und Syrien.

Kaspar Elm formuliert die Beweggründe wie folgt: »Es ging um das Erbe des Gottessohnes und seine irdische Hinterlassenschaft: den Stall, in dem er geboren wurde, den See, an dem er predigte, den Brunnen, aus dem er trank, das Kreuz, an dem er hing, das Grab, in das man ihn legte, den Berg, auf dem er verklärt wurde, und das Tal, in dem er zum letzten Gericht erscheinen würde. Damit ging es um die Quellen der Gnade und die Garanten der Hoffnung, die zur Schande der Christenheit in die Hände der Heiden und Gotteslästerer gefallen und entehrt worden waren, wie es Urban II. in seinen in vier verschiedenen Fassungen überlieferten Predigten den in Clermont in großer Zahl versammelten Gläubigen mit eindringlichen Worten vor Augen geführt hatte.

Die Heimat zu verlassen, Frau und Kind, Knecht und Magd ungeschützt zurückzulassen und eine mühselige Reise mit ungewissem Ziel anzutreten, das war Imitatio Christi, das hieß: mit und für Christus Elend, Krankheit, Hunger und Durst zu erleiden, wie es der anonyme Verfasser der Gesta Francorum mit Worten des Apostels Paulus ausdrückt. Das Kreuz an sein Gewand heften, die Waffen anlegen und nach Jerusalem ziehen, hieß aber auch, in die Gefolgschaft Christi zu treten und sich seiner Militia anzuschließen«[Anm. 49]. Dafür wurden den zum Opfer des eigenen Lebens bereiten Kreuzfahrern hundertfache Entschädigung in Aussicht gestellt und neben irdischem vor allem himmlischer Lohn versprochen. Nur vor dem Hintergrund einer solchen religiösen Denkweise wird das für uns heute unfassbare Nebeneinander von brutaler Grausamkeit und frommer Gesinnung ansatzweise nachvollziehbar.

Gleich in den folgenden Tagen nach der siegreichen Eroberung Jerusalems wurden Boten in die Heimatländer gesandt, um dort den Triumph des göttlichen Willens zu verkünden. Urban II. sollte verständigt und um Rat gefragt werden, was nun mit dem Heiligen Land zu geschehen habe. Als der Bote jedoch in Rom eintraf, lebte der Papst nicht mehr. Er war am 29 . Juli – vierzehn Tage nach der Erstürmung Jerusalems – verstorben und hatte von dem Erfolg seiner Idee nichts mehr erfahren.

Ratlosigkeit herrschte unter den Siegern vor allem deshalb, weil Tausende ihr Gelübde nun als erfüllt ansahen und nach fast vierjähriger Abwesenheit von zu Hause den Heimweg antraten. Durch ihren Rückzug wurde zum einen das Heer der vor Ort verbliebenen Kreuzfahrer empfindlich dezimiert, zum anderen blieb die Frage der Stabilisierung und Konsolidierung des eroberten Gebietes offen. So musste es das Anliegen eines jeden Heimkehrers sein, durch gezielte Propaganda um Hilfe für Jerusalem und das Heilige Land zu werben. Diese Überlegungen, verbunden mit der Freude über den Wiedergewinn der Heiligen Stadt, könnten der Auslöser für die Errichtung der rheinhessischen Turmbekrönungen gewesen sein. Denn was erinnert auffälliger an ein Ereignis wie den Sieg in Jerusalem als eine von dort importierte, exotisch fremd wirkende Architektur? Und noch dazu auf weithin sichtbaren Kirchtürmen, deren Glocken die Gläubigen zum Gebet rufen. Wurde nicht dadurch jedem Christen tagtäglich die Pflicht vor Augen gestellt, sich auch fernerhin um den Schutz und die Pflege der Heiligen Stätten im Heiligen Land zu kümmern und auch zu Hause alles dafür Notwendige etwa durch Spenden bereitzustellen?

Ein Blick auf die Baugeschichte der Kirchen in Worms, Dittelsheim und Guntersblum zeigt gerade dann eine Unterbrechung im Bauverlauf, als der erste Kreuzzug geführt wurde. Es ist nicht ausgeschlossen, dass auch viele Bauleute, darunter solche von der Wormser Bauhütte, an dem Kreuzzug teilgenommen und erst nach ihrer Rückkehr die Arbeiten vollendet haben. Hier bot sich ihnen im Auftrag des Bauherrn gute Gelegenheit, die Siegesbotschaft baukünstlerisch umzusetzen. Zugleich versprachen die steinernen Kuppelabschlüsse mehr Dauerhaftigkeit und größere Sicherheit vor Brandgefahr als die früheren Ziegeldächer. Was immer die Beweggründe im Einzelnen gewesen sein mögen, eines scheint sicher: Stolz, Siegesfreude und sicherlich auch tiefe Dankbarkeit für die geglückte Rückkehr in die Heimat gehörten dazu. Dies alles manifestierte sich im Bau der rheinhessischen Turmkronen[Anm. 50]. So gesehen können die Kuppelabschlüsse von St. Paul in Worms, in Dittelsheim, Guntersblum und wohl auch Alsheim als die einzigen noch bestehenden Baudenkmäler aus der Zeit des ersten Kreuzzuges betrachtet werden, die als Denkmäler des Triumphs zum Andenken an den Sieg der Christen über die Muslime errichtet wurden.

Armenisch oder fatimidisch? Die Frage nach den Vorbildern und eine gewagte Hypothese

Der Bau solch aufwendiger Denkmäler lässt auf ein breites öffentliches Interesse schließen. Der erste Kreuzzug war eine vom Volk ausgehende Massenbewegung, an der sich Menschen aus allen Bevölkerungsschichten beteiligten. Nach den katastrophalen Misserfolgen des zweiten Kreuzzuges erlosch die anfängliche Euphorie und es bildeten sich organisierte und logistisch geplante Heerzüge heraus, an deren Spitze meist die Könige selbst standen. Die Zahl der nicht kämpfenden Pilger wurde verringert und Mittellosen die Mitreise verweigert. Aus der anfänglich naiv-frommen Volksbewegung war eine macht- und profitorientierte Institution geworden, die das Geschehen steuerte und überwachte. Damit war aber die direkte Identifikation der Volksmassen mit dem Unternehmen Kreuzzug beendet und das allgemeine Interesse an exotischen Zitaten aus dem Heiligen Land erlosch. Nach der nunmehr als gesichert geltenden Einordnung der rheinhessischen Turmbekrönungen in die Zeit des ersten Kreuzzuges ist noch die Frage nach den möglichen Vorbildern neu zu stellen. Schon seit längerer Zeit beschäftigte sich die Wissenschaft mit dem Problem der stilfremden Architektur. Zumeist wird die Auffassung vertreten, dass die in Rheinhessen vorhandene Art der Turmbekrönung keine Erfindung dieser Region sein könne, sondern eher eine Rezeption aus dem orientalisch-byzantinischen Kunstkreis, bei der die Kreuzfahrer als Vermittler angesehen werden. Backes, Caspary und Dölling vermuten »eine bewusste und programmatische Aufnahme orientalischer Bauformen«[Anm. 51]. Lediglich Autoren wie Reiske klammerten muslimische Vorbilder wegen der bestehenden religiösen Gegensätze aus[Anm. 52]. Auch scheint für viele Wissenschaftler sicher zu sein, dass der Architekturimport auf direktem Wege erfolgt ist. Mutmaßungen, die Form der Turmabschlüsse könnte über Italien, Spanien oder Frankreich nach Rheinhessen gelangt sein, konnte Hofrichter widerlegen[Anm. 53].

Trotz intensiver Suche nach Vorbildern im Heiligen Land, in Syrien, Kilikien und Armenien ist es bislang nicht gelungen, ein überzeugendes Vergleichsbeispiel zu finden. Reiske verweist immer wieder auf armenische Beispiele mit ihrer Zentralbauidee, etwa die Karmrawor-Kirche in Aschtarak und die Kirchen der Klosteranlagen von Achpat und Ketscharus[Anm. 54]. Insbesondere die kreuzförmig angeordneten Giebelhäuser, über denen sich die Tambourzone erhebt, zeigen in der Tat Parallelen zu den rheinhessischen Turmabschlüssen. Doch keine dieser armenischen Anlagen endet mit der charakteristischen Sichtkuppel, und auch ihre Proportionen verraten eine andere Architekturauffassung. Dies gilt gleichermaßen auch für die byzantinischen Zentralbauten auf dem Balkan und in Istanbul, die aus diesem Grund ebenfalls nur bedingt als Vorbilder herangezogen werden können.

Dass die mittelalterlichen Kirchen Kilikiens und Armeniens vor dem 13. Jahrhundert keine Kirchtürme besaßen, schränkt die Vergleichbarkeit erheblich ein. Selbst in westlicher gelegenen Regionen des byzantinischen Reiches stellten Kirchtürme die Ausnahmen dar. Die von Reiske genannten armenischen Beispiele beziehen sich ausschließlich auf die Zentralbauanlagen der Kirchengebäude selbst[Anm. 55]. Dagegen lassen sich in der muslimischen Architektur Minarettbauten nachweisen, die nicht nur zentralbauförmige Turmbekrönungen besitzen, sondern auch mit Sichtkuppeln abschließen. Solche Turmbauten treten im 11 . Jahrhundert an die Stelle der bis dahin niedrigen pavillonartigen Bauten auf den Dächern der Moscheen[Anm. 56]. Beispielhaft sei die 1085 erbaute Al-Juyushi-Moschee bei Kairo genannt, deren Minarettbekrönung Parallelen zu den rheinhessischen Türmen erkennen lässt. Auf dem quadratischen Turmschaft sitzt ein Sockelgeschoss, über dem eine achteckige Tambourzone folgt, die mit einer Kuppel abschließt. Auch die Anordnung der Fensteröffnungen ist vergleichbar.

Von dem ehemals sicher reichen Bestand muslimischer Architektur aus fatimidischer Zeit haben sich nur wenige Denkmäler erhalten. Die Vergleichsmöglichkeiten sind dadurch begrenzt. Dennoch geben die überkommenen Monumente manchen Hinweis auf die Frage nach potentiellen Vorbildern. Vor allem Türben (orientalische Grabbauten) besitzen Bauformen, wie sie auch an den rheinhessischen Turmkronen vorkommen: Über einem quadratischen Sockelgeschoss mit kreuzförmiger Anordnung der Fenster und Türen erhebt sich ein achteckiger Tambour mit rundbogigen Fensteröffnungen, darüber die Sichtkuppeln, glatt oder gerippt, und weiteres schmückendes Beiwerk.

Auch die christlichen Bauwerke des Nahen Ostens waren im späten 11. Jahrhundert in der Regel mit Sichtkuppeln versehen, sie gehörten zum festen Repertoire der Baukunst im fatimidischen Einflussbereich. Ein bis heute erhaltener, mit den rheinhessisehen Turmkronen zeitgleich entstandener Bau mag dies verdeutlichen: Es ist die zwischen 1100 und 1102 errichtete oktogonale Kapelle der Himmelfahrt Christi in Jerusalem, die erstmals um 1102 von einem Pilger namens Saewulf beschrieben und als »Türmchen« bezeichnet wurde[Anm. 57]. Wie die Kuppeln von St. Paul in Worms und Dittelsheim schließt auch die Kuppel der Himmelfahrtskapelle in Jerusalem mit einem Zippus ab.

So gesehen könnte der Einfluss der orientalisch-fatimidischen Baukunst eine Quelle der Inspiration für die rheinhessischen Turmabschlüsse gewesen sein. Dabei ist grundsätzlich nicht auszuschließen, dass auch kleinasiatische Architekturmotive, denen die Bauleute unterwegs auf ihrem Kreuzzug begegnet waren, aufgenommen und verarbeitet wurden.

Wahrscheinlicher aber ist die These, dass es sich bei dem Vorbild für die Turmkronen um ein ganz bestimmtes prominentes Bauwerk in Jerusalem gehandelt hat.

Sicher wollten die Kreuzfahrer nicht »irgendeine« orientalische Architektur nachahmen, die sie »irgendwo« auf dem langen Weg ins Heilige Land gesehen hatten. Vielmehr ist anzunehmen, dass sie in der Heimat die markante Kuppelarchitektur eines ganz bestimmten Bauwerkes zitieren wollten, nämlich die der Grabeskirche in Jerusalem. Sie zu erreichen war das topographische Ziel der wallfahrenden Kreuzfahrer, sie für die Christenheit wiederzugewinnen ihre ideelle Absicht.

Der nahe liegende Vergleich mit dem Glockenturm der Grabeskirche scheidet dabei grundsätzlich aus, da dieser Bau erst nach 1149/50 fertig gestellt wurde und zudem in seiner Architektur französischen Vorbildern verpflichtet ist. Nach der Rekonstruktion von Roese unterscheidet sich sein Kuppelabschluss in Form und Stil erheblich von den rheinhessischen Beispielen[Anm. 58]. Wären die rheinhessischen Turmbekrönungen zeitlich nach dem Jerusalemer Turm entstanden, hätte dieser sicherlich als eines der neuen Wahrzeichen des lateinischen Königreiches Jerusalem eine Vorbildrolle gespielt. Deshalb stellt sich die berechtigte Frage, welches Baudetail die Aufmerksamkeit derart auf sich gelenkt haben könnte, dass es den Eroberern der Heiligen Stadt nach ihrer Rückkehr im Heimatland als nachahmenswert erschien.

Nach der Verwüstung und Zerstörung der Grabeskirche durch den Kalifen Al-Hakim 1009 war zwischen 1012 und 1036 die das Grab Christi umgebende Rotunde von den Byzantinern als Kirche wieder aufgebaut worden, wobei eine Galerie und eine nach Osten ausgerichtete Apsis neu hinzugefügt wurden[Anm. 59]. Über das genaue äußere Erscheinungsbild des Kirchenkomplexes zu dieser Zeit ist nichts bekannt. Man darf jedoch annehmen, dass das Gotteshaus außer der großen Kuppel über der Rotunde weitere kleinere Kuppelbauten besaß. Darunter befand sich einer der bedeutendsten Kultorte der Christenheit: die Golgathakirche. Über ihr ursprüngliches Aussehen geben alte Reisebeschreibungen sowie die Grabungsergebnisse vage Auskunft[Anm. 60]. Diesen zufolge handelte es sich um einen Zentralbau, den Coüasnon 1974 als eine dreigeschossig wirkende Kreuzkuppelkirche rekonstruiert hat, bei der vier gleich lange satteldachgedeckte Arme um ein von einer achtteiligen Kuppel bekröntes Mittelquadrat angeordnet sind[Anm. 61]. Nach ihrer Zerstörung 1009 wurde sie von Constantinos Monomachos wieder instand gesetzt und zugleich erweitert, indem auch der Golgathafelsen überkuppelt wurde[Anm. 62].

Die Vorstellung, in diesem Bau das Vorbild für die rheinhessischen Kuppelbauten zu sehen, teilt auch Hofrichter, wenn er schreibt: »Sollte tatsächlich der Kreuzkirchenbau – egal, welchen Zustands – die von Coüasnon vorgeschlagene Gestalt gehabt haben, so läge seine vorbildhafte Wirkung nicht nur im Bereich des Möglichen, sondern sogar des recht Wahrscheinlichen.«[Anm. 63]

Der Rekonstruktionsvorschlag von Coüasnon ist in der Wissenschaft nicht unumstritten[Anm. 64]. Vor allem die Details sind hypothetischer Art, so dass sich ohne neue Funde das Bild von der ehemaligen Golgathakirche nicht weiter konkretisieren lassen wird und es bei der sehr allgemein gehaltenen Beschreibung des Zentralbaues bleiben dürfte. Wenn wir aber zu Recht vermuten, dass die heimgekehrten Kreuzfahrer gerade diesen Bau wegen seiner Bedeutung im Zusammenhang mit der Kreuzverehrung und dem geglaubten Mittelpunkt der Welt zu ihrem Vorbild nahmen, könnten somit die rheinhessischen Turmaufbauten das einzige Zeugnis vom ursprünglichen Aussehen der Golgathakirche darstellen. Denn bereits wenige Jahre später wurde das gesamte Areal des Kalvarienbergs im Zuge der Erneuerungsmaßnahmen an der Grabeskirche neu überbaut, wie eine Weiheinschrift vom 15. Juli 1149, die über der Golgathakapelle an der Fassade des Kalvarienbergs angebracht ist, belegt.

Noch ein anderer Gesichtspunkt spricht für die Richtigkeit dieser Vermutung. Durch den genannten Umbau und die Errichtung der heute noch bestehenden Südfassade sind auch ältere Bauteile in westlicher Richtung beseitigt oder überbaut worden. Daher muss offen bleiben, ob die Grabeskirche an dieser Stelle bereits einen ersten Glockenturm besaß. Von einem solchen gibt ein Reisebericht aus der Zeit um 1106 Auskunft, den Abt Daniil, ein russischer Pilger, verfasst hat. Wegen der ungenauen Ortsangabe ist allerdings fraglich, ob der Text korrekt übersetzt und nicht statt Glockenturm nur eine Art Glockenstuhl gemeint ist[Anm. 65]. Glocken jedenfalls sind bereits um 1100 bezeugt, als unmittelbar nach Eroberung der Stadt die Grabeskirche für den Gottesdienst hergerichtet und dabei auf Betreiben Gottfrieds von Bouillon mit Glocken ausgestattet wurde. Albert von Aachen berichtet darüber: »... und als so vom Herzog und den christlichen Fürsten der heilige Gottesdienst geziemend wiederhergestellt worden war, ließen sie auch aus Erz und andern Metallen Glocken gießen ... Denn vor diesen Tagen war in Jerusalem keine Glocke gesehen noch ihr Klang gehört worden.«[Anm. 66].

Nach den bisherigen Erkenntnissen ist nicht auszuschließen, dass die Glocken – vielleicht nur temporär – in der Kuppelbekrönung der Golgathakirche oder in ihrer Nähe untergebracht waren. Eine solche Funktion hätte die fremd anmutende Architektur der Vorstellung von einem christlichen Bauwerk näher gebracht und die Akzeptanz der Kreuzfahrer bestärkt. Zugleich wäre eine noch offenkundigere Beziehung zu den rheinhessischen Türmen festzustellen, die nach ihrer Vollendung ebenfalls als Glockenträger dienten[Anm. 67]

Der heutige Stand der Forschung reicht nicht aus, um mit endgültiger Sicherheit nachzuweisen, welcher Bauteil der Grabeskirche letztlich als Vorbild gedient hat, die Wahrscheinlichkeit, dass es die Golgathakirche war, erscheint groß. Setzt man auf diese Weise eine Architektur in Form der rheinhessischen Turmbekrönungen voraus, können erstmals interessante Rückschlüsse auf den uns weitgehend unbekannten Außenbau gezogen werden. Die Form des Zentralbaus mit den vier Giebelhäusern hätte der klassischen byzantinischen Tradition entsprochen. Der armenische Einfluss ist dabei nicht zu übersehen, waren doch in Jerusalem seit langer Zeit christliche Armenier ansässig, die als Bauleute beim Wiederaufbau der Grabeskirche nachweislich beteiligt waren[Anm. 68]. Die Kuppelarchitektur - möglicherweise als Faltkuppel mit Zippus - ließe hingegen Einflüsse der fatimidischen Baukunst erkennen. Auch wenn diese nicht christlicher Herkunft ist, darf nicht vergessen werden, dass sich die im Heiligen Land lebenden Christen weitgehend assimiliert hatten und auf dem Gebiet von Kunst und Architektur zahlreiche muslimische Anregungen übernahmen. Das Ergebnis jedenfalls könnte für die Neuankömmlinge aus dem Westen 1099 eine so überzeugende und beeindruckende architektonische Lösung gewesen sein, dass sie schließlich nach Europa »exportiert« wurde[Anm. 69].

Die Sehnsucht nach dem Heiligen Land blieb auch nach dem ersten Kreuzzug lebendig und beflügelte die Phantasie der Menschen. Doch nur die wenigsten konnten sich Pilgerreisen leisten. So erschienen die hoch auf den rheinhessischen Türmen errichteten Kuppelbauten gleich einer Vision von der Heiligen Stadt. Aber auch für diejenigen, denen es vergönnt war, am Kreuzzug teilzunehmen und Jerusalem selbst zu schauen, waren die Turmbekrönungen eindrucksvolle Monumente der Erinnerung und zugleich Mahnmal zur Verpflichtung, das Heilige Land für alle Zeiten in christlichem Besitz zu halten.


Glossar

Biforium

Lat. = Zwillingsbogen. Fensteröffnung mit zwei von einer Säule getragenen Bögen.

Lisene

Schwach vortretende, senkrecht verlaufende Mauervorlage, häufig ohne Basis und Kapitell (im Unterschied zum Wandpfeiler und Pilaster), oft durch Blendbögen oder Bogenfries verbunden. Sie dient der Wandgliederung, besonders am Außenbau.

Traufe/Traufbereich

Untere waagrecht verlaufende Begrenzung eines Daches.

Verstrich

Putzstruktur, Oberflächenbehandlung eines Putzes.

Vierung/Vierungsturm

Raumteil einer Kirche, in dem sich Mittelschiff und Querschiff durchdringen. Dieser ist mit den anschließenden Räumen durch weite Bogenöffnungen über Pfeilervorlagen oder Mauerzungen verbunden. An zahlreichen Sakralbauten erhebt sich über diesem Raumteil der Vierungsturm.

Zippus

Lat. Cippus = Pfahl, Grabsäule. Ursprünglich im antiken Rom ein sich nach oben verjüngendes Grenzzeichen aus Holz oder Stein. Später ein eiförmiger Denkstein auf einem Grab. In der mittelalterlichen Architektur, vorwiegend im Orient, als kugel- oder knospenförmiger Aufsatz bzw. als Bekrönung einer Kuppel verwendet.

Nachweise

Verfasser: Dr. Hans-Jürgen Kotzur

Digitalisierung und redaktionelle Bearbeitung: Aileen Schröder, Dominik Kasper und Richard Ulrich

Literaturverzeichni:

  • Walter Bauer, Baugeschichte der Pauluskirche und Magnuskirche zu Worms (Der Wormsgau, Beiheft 3), Worms 1936.
  • Wolfgang Bickel, Notizen über den Dittelsheimer Kirchturm, in: Alzeyer Geschichtsblätter Heft 19, 1985. S. 132-140.
  • Otto Böcher, Kunst und Geschichte in Rheinland-Pfalz XLVII, orientalische Kirchtürme in Rheinhessen, Ärzteblatt Rheinland-Pfalz 7, 1976.
  • Kaspar Elm, Die Kreuzzüge. Kriege im Namen Gottes, in: Kirche und Gesellschaft, hg. von der katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle Mönchengladbach, Nr. 231, 1996.
  • Eduard Finke, Die romanischen Kirchtürme in der Pfalz. Eine baugeschichtliche Untersuchung der Türme an Pfarr- und Filialkirchen aus der Zeit zwischen 1000 und 1300, Diss. TH Darmstadt, Mainz 1994.
  • Karl Friedrich, Die Steinbearbeitung in ihrer Entwicklung vom 11. bis 18. Jahrhundert, Augsburg 1932, Reprint Ulm 1988.
  • Roger M. Gorenflo, Die mittelalterliche Baugeschichte der ehemaligen Abteikirche Amorbach (Frankfurter Fundamente der Kunstgeschichte 3), Phil. Diss. Frankfurt 1983.
  • Hartmut Hofrichter, Die gemauerten »rheinhessischen« Turmbekrönungen und ihre Stellung in der mittelalterlichen Sakralbaukunst, Kaiserslautern 1978.
  • Hartmut Hofrichter, Steinerne Kirchturmbekrönungen in der ehemaligen Diözese Worms, Eltville am Rhein 1984.
  • Karin Holl, Guntersblumer Geschichte(n), Vergangenheit und Gegenwart eines rheinhessischen Dorfes I, Guntersblum 1997, S. 63 ff.
  • Karin HolI, Ein alter Turm und sein junger »Zwilling«. Die Heidentürme der evangelischen Kirche in Guntersblum, in: Heimatjahrbuch Landkreis Mainz-Bingen 43. Jg., 1999, S. 110-111.
  • Walter Hotz, Die Wormser Bauschule 1000-1250, Darmstadt 1985.
  • Friedrich M. Illert, Sankt Paul zu Worms, Dominikanerkirche, München 1954.
  • Hans-Jürgen Kotzur, Neue Erkenntnisse zur Baugeschichte der Türme von St. Paul zu Worms, in: Der Wormsgau. Wissenschaftliche Zeitschrift der Stadt Worms und des Altertumvereins Worms e.V., 22. Band, 2003, S. 19-29.
  • Hans-Jürgen Kotzur, Zur Datierung der Turmbekrönung der evangelischen Kirche in Dittelsheim, in: Der Wormsgau. Wissenschaftliche Zeitschrift der Stadt Worms und des Altertumvereins Worms e.V., 22. Band, 2003, S. 30-34.
  • Jürgen Krüger, Die Grabeskirche zu Jerusalem. Geschichte – Gestalt – Bedeutung, Regensburg 2000.
  • Johann Reiske, Die mittelalterlichen Turmhelme Rheinhessens und ihre gleichartigen Ersatzbauten, Diss. TH Darmstadt 1931, Greiffenberg 1933.
  • Gerhard Roese, Rekonstruktion der Baugestalt von St. Paulus zu Worms im Zustand um 1240, Selbstverlag Roese-Design, Darmstadt 2002.
  • Erich Schmidt, Die Ausgrabungen in der Pauluskirche zu Worms, in: Festschrift zur Wieder-Weihe der St. Pauluskirche Worms am 16. Mai 1929, Worms 1929.
  • Friedrich Schneider, Fest-Gabe zur Eröffnung des Paulus-Museums zu Worms, 9. Oktober 1881, Worms 1881.
  • Irene Spille, St. Paul Worms, München und Regensburg, 3. Aufl., 1993.
  • Irene Spille, Zur Baugeschichte der Paulskirche und der Stiftsgebäude, in: Festschrift Sankt Paulus Worms 1002-2002, hg. P. Josef kleine Bornhorst OP, Gesellschaft für mittelrheinische Kirchengeschichte Bd. 102, Mainz 2002, S. 291 -320.
  • Franz Staab, Die Eroberung von Jerusalem 1099 und der Einfluss muslimischer Architektur in Rheinhessen, in: Heimatjahrbuch Landkreis Mainz-Bingen 43. Jg. 1999, S. 197- 199.
  • Ernst Wörner, Kunstdenkmäler im Großherzogthum Hessen, Provinz Rheinhessen, Kreis Worms, Darmstadt 1887.

Erstellt: 20.09.2011

Anmerkungen:

  1. Kotzur 2003, S. 19-34. Zurück
  2. Hofrichter 1984, S. 7. Zurück
  3. Reiske 1933. Zurück
  4. Hofrichter 1978 sowie ders. 1984. Zurück
  5. Bickel 1985. Zurück
  6. Gorenno 1983, S. 139 f. Die meisten der in der Literatur zum Vergleich herangezogenen Beispiele sind heute nicht mehr erhalten. Die Türme von Köln und Amorbach beispielsweise waren aus Holz konstruiert und sind nur noch durch historische Abbildungen bekannt. Auch die von Bickel 1985, S. 137 genannten Vierungstürme von St. Simon und Juda in Goslar und dem Dom in Hildesheim existieren nicht mehr. Eine gesicherte Beurteilung und Datierung ist daher schwer möglich. Das gilt auch für den steinernen Dachabschluss der Jakobskirche in Speyer, die 1689 infolge des Pfälzischen Erbfolgekrieges von den Franzosen zerstört und deren Ruine 1836 abgebrochen wurde. Einer urkundlichen Erwähnung zufolge scheint sie um 1180 erbaut worden zu sein; vgl. Kunstdenkmäler der Pfalz III, Stadt und Bezirksamt Speyer (die Kunstdenkmäler von Bayern, Regierungsbezirk Pfalz), München 1934, S. 523 ff. Eine Ausnahme stellt der so genannte »Heidenturm« der ehemaligen Stiftskirche St. Marien in Wetzlar dar. Hier scheint tatsächlich der rheinhessische Bautypus zur Anwendung gekommen zu sein (s. Anm. 43). Zurück
  7. Spille 2002, S. 292. Zurück
  8. Illert 1954, S. 8. Zurück
  9. Hofrichter 1984, S. 49; Spille 3. Aufl., 1993, S. 6 f. und ders. 2002, S. 295.  Zurück
  10. Wörner 1887, S. 245 und 247; Hotz 1985, S. 146 f. Zurück
  11. Schneider 1881, S. 7. Zurück
  12. Schmidt 1929, S. 19-21; Bauer 1936, S. 18 f. Siehe auch Spille 2002, S. 295, Anm. 25. Zurück
  13. Durch einen Brand im Haus des Ritters Herbord wurde im Jahre 1231 ein ganzes Stadtviertel zerstört. Dabei brannten auch Teile des Paulusstifts und der Stiftsgebäude ab; siehe Spille 3. Aufl., 1993, S.7. Zurück
  14. Siehe Untersuchungsbericht LSB-Nr. 98/01 vom 4. 5.2002 des Labors für Dendrochronologie Trier (Dr. Sybille Bauer) bei der Kirchlichen Denkmalpflege des Bistums Mainz, Ortsakte Worms, St. Paul. Bei dem untersuchten Holz handelte es sich um einen Balkenkopf eines Zugankers aus Eiche. Die Jahrringfolge ergab 137 Jahresringe mit Mark und 22 Splintjahrringe. Den Abschluss bildete eine Winterwaldkante: Der Baum, aus dem der Zugankerbalken gefertigt wurde, ist im Winter 1234/35 gefällt und anschließend verarbeitet und verbaut worden. Zurück
  15. Siehe Roese 2002, S. 34.  Zurück
  16. Vgl. Spille 2002, bes. S. 295 f. Zurück
  17. Finke 1994, S. 45. Zurück
  18. Friedrich 1932/1988, S. 61. Zurück
  19. Friedrich 1932/1988, S. 64. Am Wormser Dom kann die Abfolge der Steinbearbeitungen der Romanik beispielhaft aufgezeigt werden. Zurück
  20. Finke 1994, S. 86. Zurück
  21. Beschreibungen der Basen bei Hofrichter 1984, S. 14. Die Beschreibungen sind nicht genau, die Unterschiede zwischen Süd-und Nordturm werden nicht genannt. Zurück
  22. Gutachten der Firma Hans-Michael Hangleiter, Otzberg, Restauratorische Befundaufnahme der Westtürme von St. Paul, Worms, 2002 bei der Kirchlichen Denkmalpflege des Bistums Mainz, Ortsakte Worms, St. Paul. Ergebnisse zusammenfassend publiziert: Kotzur 2003, S. 19 ff. Zurück
  23. Siehe Untersuchungsberichte LSB-Nr. 98/01-2 vom 28.09.2001 (Südturm) bzw. LSB-Nr. 123/02 vom 22.07.2002 (Nordturm) des Labors für Dendroarchäologie, Trier (Dr. Sibylle Bauer) bei der Kirchlichen Denkmalpflege des Bistums Mainz, Ortsakte Worms, St. Paul. Zurück
  24. Diese Datierung bestätigen auch Korrelationsvergleiche mit Proben aus der Baugrube des Nibelungen-Museums in Worms. Zurück
  25. Wenig aussagekräftig war hingegen die Probe DC-Nr. 53 aus dem zweiten Balken des Ringankers. Da sie nur 23 Jahrringe aufwies, konnte sie nicht für eine Datierung herangezogen werden. Zurück
  26. Von DC-Nr. 55 wurden zwei Bohrkerne gezogen, von DC-Nr. 56 ein Bohrkern und ein Keil aus dem Außenbereich. Diese Proben wurden mehrfach gemessen und aus den Radien Gesamtkurven gemittelt, die 83 und 74 Jahresringe erreichten, wobei an DC-Nr. 55 noch 12 Splintjahrringe und an DC-Nr. 56 sogar 16 Splintjahrringe sowie eine vermutlich frühe Sommerwaldkante feststellbar waren. Der Splintbereich war bei beiden Proben stark von Holzschädlingen befallen. Die Sommerwaldkante an DC-Nr. 56 war deshalb nicht ganz eindeutig zu erkennen. Die Frühholzporen des letzten Jahrrings waren noch ausgebildet, das Spätholz des letzten Jahrrings fehlte durchgängig. Die beiden Jahrringfolgen können miteinander korreliert werden, stammen aber nicht von demselben Baum. Für die beiden Fichtenproben 57 und 58 wurden mehrere Bohrkerne gezogen. Aufgrund starker Fraßschäden konnte bei der Probe 57 keine zusammenhängende Jahrringfolge gemittelt werden, bei der Probe 58 ergaben sich hingegen 47 Jahrringe. Eine Datierung konnte aus diesen beiden Befunden nicht erschlossen werden, zumal auch die Fichten-Chronologien des süddeutschen Raumes keine Vergleichsbeispiele enthalten.  Zurück
  27. Sie übertrifft selbst die arabisch beeinflussten sizilianischen Kuppelbauten, die oftmals – zu Unrecht – zum Vergleich herangezogen werden. Zurück
  28. Bickel 1985, S. 132 ff. Zurück
  29. Untersuchungsbericht des Planungsbüros Tisje, Neu-Isenburg von 1984. Die Ergebnisse wurden erstmals publiziert bei Hofrichter (Anm. 2) S. 50. Zurück
  30. Bickel 1985, S. 134. Zurück
  31. Siehe Untersuchungsbericht LSB-Nr. 100/01 vom 29.10.2002 des Labors für Dendroarchäologie Trier (Dr. Sibylle Bauer) bei der Kirchlichen Denkmalpflege des Bistums Mainz, Ortsakte Dittelsheim. Die von Tisje 1984 in Neu-Isenburg durchgeführten Untersuchungen konnten leider nur zum Teil überprüft werden, da die Proben nicht archiviert wurden. Auch fehlt bislang eine wissenschaftlich fundierte Publikation der Grundlagen aller damals ermittelten Datierungen, so dass der Grad der Verlässlichkeit offen bleibt. Zurück
  32. Siehe Untersuchungsbericht LSB-Nr. 100/01-3 vom 17.12.2002 des Labors für Dendroarchäologie Trier (Dr. Sibylle Bauer) bei der Kirchlichen Denkmalpflege des Bistums Mainz, Ortsakte Dittelsheim.  Zurück
  33. Siehe Anm. 33. Zurück
  34. Achteckige Türme sind im 11. Jahrhundert relativ selten anzutreffen. Als eines der wenigen Vergleichsbeispiele aus der Zeit um 1100 sei der Westturm der evangelischen Pfarrkirche in Ilbesheim (Donnersbergkreis) genannt, der allerdings im oberen Teil durch Überformungen aus jüngerer Zeit verändert wurde. Zurück
  35. Der Balken wurde 1998 bei der Sanierung der Kuppel ausgebaut und als Teilstück sichergestellt. Dieses wurde am 14.11.2002 dem Verfasser übergeben und am 19.11.2002 an Frau Dr. S. Bauer zur dendrochronologischen Untersuchung weitergeleitet. Zurück
  36. Siehe Untersuchungsbericht LSB-Nr. 100/01-2 vom 22.11.2002 des Labors für Dendroarchäologie, Trier (Dr. Sibylle Bauer) bei der Kirchlichen Denkmalpflege des Bistums Mainz, Ortsakte Dittelsheim. Das Balkenstück aus Eichenholz war aus der Mitte eines Stammes herausgearbeitet, auf einer Seite leicht verwittert und dadurch abgerundet. Im Querschnitt wies der Kernbalken noch 13 x 8,5 cm auf. Das Balkenstück war durchbohrt, allerdings nicht radial von den äußeren Zuwachsschichten zum Herz des Baumes geführt, sondern tangential zur Querschnittsebene. Eine messbare Jahrringfolge ist an dieser Stelle sicher nicht gewonnen worden. Ein Vergleich mit den bereits gemessenen Proben aus Dittelsheim ergab, dass Probe 6 von demselben Balken wie Probe 4 stammt, aber sechs Jahrringe mehr aufweist. Beide Proben wurden zu einer Mittelkurve Nr. 40 zusammengeführt. Zurück
  37. Jüngster Beitrag hierzu von Holl 1999. Zurück
  38. Nach Veröffentlichung der Ergebnisse der ersten dendrochronologischen Untersuchung durch Holl 1997. S. 63 ff., hat sich auch Staab (1999) in einem Aufsatz positiv zur Frühdatierung geäußert. Zurück
  39. Siehe Untersuchungsbericht LSB-Nr. 128/02 vom 17.12.2002 des Labors für Dendroarchäologie. Trier (Dr. Sibylle Bauer) bei der Kirchlichen Denkmalpflege des Bistums Mainz. Ortsakte Guntersblum. Zurück
  40. Die Datierung konnte dendrochronologisch nicht sicher ermittelt werden. Mit großer Wahrscheinlichkeit sind die bei den Balken um die Mitte des 12. Jahrhunderts nachträglich als Glockenträger eingebaut worden. Zurück
  41. Trotz dieser naturwissenschaftlich gesicherten Daten beharrt Sebastian Preuss, Romanische Baukunst im Umland von Mainz, Worms und Speyer, Diss. Mainz (Druck 1998 geplant, aber bisher nicht erschienen), sich auf eine starre lineare Stilentwicklung berufend, auf der überholten Datierung um 1200: »Das dendrochronologisch auf 1101/02 datierte Holz aus der Dachkonstruktion (ist) mit den Formen des Turms kaum in Einklang zu bringen. Vor allem die stark gekehlten Lisenenbasen, sofern nicht erneuert, erscheinen um 1100 undenkbar. Vielleicht handelt es sich hier wirklich einmal um die Verwendung von Altholz .«; zitiert nach Holl 1999, S. 111, Anm. 2. Zurück
  42. Kurz erwähnt sei an dieser Stelle noch der so genannte »Heidenturm« vom Dom zu Wetzlar, dessen Turmabschluss gewisse Parallelen zu Guntersblum aufweist. Nachdem die wissenschaftliche Inanspruchnahme der Dendrochronologie dazu geführt hat, dass viele romanische Bauten früher datiert werden müssen, bereitet die bisherige zeitliche Einordnung dieses Bauwerks ein Problem. Es soll und kann hier nicht der Ort sein, die komplizierte Baugeschichte neu aufzurollen und die Datierungsfrage zu diskutieren – dies müsste Gegenstand neuer Untersuchungen sein. Dennoch bleibt anzumerken, dass die von Eduard Sebald, Die Baugeschichte der Stiftskirche St. Marien in Wetzlar, Worms 1990, S. 48 ff. vorgenommene Datierung in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts mit Sicherheit nicht zu halten ist, es sei denn, man stuft bewusst die Bekrönung des Wetzlarer »Heidenturmes« als »Nachzügler« und Kopie nach den Vorbildern Worms und Guntersblum ein. Zurück
  43. Siehe Wörner 1887, S. 7-9. Zurück
  44. Hofrichter 1984, S. 32. Zurück
  45. Eine vom Verfasser veranlasste dendrochronologische Untersuchung der Hölzer erbrachte nicht die gewünschten Ergebnisse. Die im Turm vorgefundenen Hölzer stammten allesamt aus nachromanischer Zeit. Ein Bauholz ließ sich 1473 datieren. Den Zugang zur Kuppel versperrte eine Betondecke. Zurück
  46. Hierzu immer noch grundlegend: Hans Eberhard Mayer, Geschichte der Kreuzzüge, Stuttgart 1965 (9, erw. und verbesserte Auflage 2000). S, 40-58 Zurück
  47. Die deutsche Kreuzzugsbewegung und deren Teilnehmer ist im Vergleich zur französischen noch wenig erforscht. Neben Reinhold Röhricht, Die Deutschen im Heiligen Land, Innsbruck 1894 (Nachdruck Aalen 1968) seien hier vor allem die Arbeiten von Bernd Ulrich Hucker genannt. Des Weiteren wird auf den in Vorbereitung befindlichen Katalog zur Mainzer Ausstellung »Die Kreuzzüge« erscheint 2004, verwiesen. [Anmerkung der Redaktion: Der Ausstellungskatalog ist inzwischen unter dem Titel »Kein Krieg ist heilig. Die Kreuzzüge« bei Philipp von Zabern, Mainz 2004, ISBN 3-8053-3240-8, erschienen. Zurück
  48. Staab 1999, S, 198. Zurück
  49. Elm 1996, S. 7. Zurück
  50. Dies würde sich auch gut mit jener frommen Legende vereinbaren lassen, in der berichtet wird, Kreuzfahrer hätten aus Dankbarkeit für die glückliche Heimkehr und in Erinnerung an die Wallfahrt zum Grab Christi Gedenkzeichen gesetzt. Zurück
  51. Zitiert nach Hofrichter 1984, S. 8. Zurück
  52. Reiske 1933. Zurück
  53. Hofrichter 1984, S. 74 ff. schreibt: »Eine weitgehende Ähnlichkeit spanischer wie französischer Zentralbauten mit der Form der rheinhessischen Turmbekrönung kann überzeugend in beiden Ländern nicht nachgewiesen werden.« Ferner konstatiert er: Auch die arabisch-normannisch beeinflussten amalfitanischen Turmlösungen scheiden »schon wegen ihrer späteren Zeitstellung als Vorbildbauten aus«. Gleiches gelte für die orientalisierenden Bauten Siziliens. Zurück
  54. Reiske 1933. Abb. 58. 59. 60. Zurück
  55. Reiske 1933. Zurück
  56. Ein gutes Beispiel für die Bekrönung des Moscheendachs mit zentralbauförmigen Kuppelarchitekturen stellt die zwischen 990 und 1013 erbaute AI-Hakim-Moschee in Kairo dar. Zurück
  57. Klaus Bieberstein. Auf Pilgerspuren. in: Die Kreuzzüge. Welt der Bibel 3. Stuttgart 2003. S. 13. Zurück
  58. Roese 2002, S. 23 ff. Zurück
  59. Vergleiche Krüger 2000, S. 79; begonnen um 1012, vollendet 1036. Zurück
  60. Virgilio C. Corbo, Nouve scoperte archeologiche nella basilica dei S. Sepolcro, in: Liber Annus (SBF) 14, 1963-64, S. 293-338, ferner ders. Scavo della capella dell' Invenzione della S. Croce e nouvi reperti archeologici nella basilica dei S. Sepolcro a Gerusalemme, in: Liber Annus (SBF) 15, 1964-65, S. 318-366 und ders. La Basilica dei S. Sepolcra a Gerusalemme. Rassegna archeologica delle strutture degli edifici nel 1969, in: Liber Annus (SBF) 19, 1969, S. 65- 144. Zurück
  61. Charles Coüasnon, The church of the Holy Sepulchre in Jerusalem. (The Schweich Lectures of the British Academy, 1972), London 1974, Taf. 15 und 17. Zurück
  62. Ders. Taf. 25. Zurück
  63. Hofrichter 1984, S. 80. Zurück
  64. Infolge der umfangreichen Baumaßnahmen der Kreuzfahrer seit den vierziger Jahren des 12. Jahrhunderts waren und sind baugeschichtliche Beobachtungen nur begrenzt möglich. Viele Fragen müssen somit offen bleiben. Siehe auch: Virgilio C. Corbo, Problemi sul Santo Sepolcro di Gerusalemme in una recente Pubblicazione, in: Liber Annus (SBF) 29, 1979, S 279-292. Zurück
  65. Der Text ist ohne Quellennachweis abgedruckt bei Krüger 2000, S. 80. Zurück
  66. Albert von Aachen war um 1100 Stiftsherr bei St. Maria in Aachen, er verfasste eine Geschichte (12 Bücher) des Ersten Kreuzzugs und des Königreiches von Jerusalem, die sog. »Historia Hierosolymitana ...«. Hier zitiert als: Albert von Aachen, Geschichte des Ersten Kreuzzugs, erster Teil: Die Eroberung des Heiligen Landes; übersetzt und eingeleitet von Hermann Hefele, 2 Bde., Jena 1923, hier: Bd. I, S. 315. Vor Benutzung von Glocken bediente man sich wahrscheinlich – wie überall im Orient – des »Semantrons«, eines einfachen Schlagbretts. Zurück
  67. Spille 2002, S. 294 bemerkt zu St. Paul: »In beiden Türmen findet man im Treppengewölbe Löcher, die sich senkrecht übereinander befinden und heute zugesetzt sind. Es kann sich nur um Öffnungen für Glockenseile handeln.« Zurück
  68. Krüger 2000, S. 90-92. Zurück
  69. Möglicherweise geht auch das Zentralbaumodell »A«, das Hofrichter im Historischen Museum von Jerewan (Armenien) entdeckt hat und das in überzeugender Weise dem Turmabschluss von Dittelsheim ähnelt, auf das gleiche Vorbild zurück. Leider gibt es zu dem Stück keine näheren Angaben über die Herkunft und das Alter. Hofrichter 1984, S. 82 vermerkt lediglich, dass die gerippte Kuppel islamische Einflüsse verrät. Zurück