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Zeitzeugen zum Kriegsende in Neustadt- Briefe geschrieben in Neustadt um die Jahreswende 1944/45

von Werner Krapp, November 2011

Das Nachfolgende ist Briefen entnommen, geschrieben in Neustadt um die Jahreswende 1944/45.
Namenskürzel für die Autoren der Briefe:
dw: Dieter Weyland (16), Mozartstraße 3 und Haus Wack, Weinstr. 151 an Marianne Krapp fwk: Friedrich Wilhelm Krapp (51, Vater von Lieselotte & Marianne) an seine Frau (Leska) und seine Schwester in Friedrichroda/Thüringen
kg: Klara Göring (12?) bei Dr. Kirchner, Gimmeldingerstr. 37 an Marianne Krapp (14)
lk: Liselotte Krapp (19) an ihre Mutter
rb: Rudi Bourquin (16), Höhenstr. 38 (heute Hans-Geiger-Straße, neben der Jugendherberge) an Marianne Krapp (14)

31.8.44, Metz (fwk): (...) Ergänzend zu meinem Brief vom heutigen Tag will ich noch mitteilen, was Lieselotte heute Mittag erzählt hat. – Der Überfall auf ihren Zug fand morgens um ca. 9 Uhr bei herrlichem Sonnenschein in der Gegend von Saargemünd statt. 19 Feindliche Jäger griffen den Zug 40 Minuten lang immer wieder an. Der erste Angriff fand noch statt, als der Zug noch in Bewegung war. Zwei Schuss kamen durchs Fenster genau auf Lieselottes Platz dort, wo sie eben noch gesessen hatte ins Polster hinein. Die kleinen Granaten der Bordkanonen explodierten im Polster, sodass Lieselotte nichts passierte, denn sie lag auf dem Boden. Jetzt stürmte alles aus dem Zug ins Freie, aber weit und breit war nur Wiese ohne jede Deckung, nur ein einzelner Baum stand im Feld.
Lieselotte hatte ein kleines Kind auf dem Arm und stürmte blindlings damit los. Da rasten die Jäger wieder heran in 10 m Höhe. Lieselotte warf sich mit dem Kind hin ins Gras und schon prasselten die M.G. los. Als L. aufstand war das Kind tot – Kopfschuss! Da sah Liselotte im Bahndamm einen ganz schmalen ausgemauerten Durchlass, wie so ein kleiner Tunnel, in dem 2 Personen gebückt neben einander stehen konnten und sie stürzte darauf los und alle Leute ihr nach, aber nur wenige gingen hinein, da er ja nur so lang war, wie der Bahndamm breit. Da sie zuerst dort ankam, stürzte sie gleich in die Mitte des Tunnels und ließ sich nicht fortdrängen, was ihre Rettung war, denn die Flieger schossen jetzt von beiden Seiten in die Öffnungen hinein und so wurde einer nach dem anderen abgeknallt. Kleine Kinder, die sich von ihren Müttern losrissen und in die Wiese liefen wurden von den Schweinen eines nach dem anderen wie die Hasen erschossen. Ein Mann, der zu dem einzigen Baum gelaufen war, wurde 10 Minuten lang um den Baum herum gejagt. Die Kleider hingen ihm zerfetzt von den Kugeln am Leib. Es gelang ihm aber immer auf der anderen Seite des Baumes zu sein, so dass er mit einem Streifschuss am Kopf davonkam. Es gab 40 Tote, 30 schwer Verletzte und viele leicht Verletzte. der Zug blieb dort bis 7 Uhr abends liegen. Ins Dorf kamen gleich Ärzte, die alle verbunden haben und abends eine Lokomotive, die den Zug samt der zerschossenen Maschine und allen Toten und Verletzten mitnahm. In dem engen Tunnel hat eine Frau während des Beschusses ein Kind geboren. Ihr könnt Euch Lieselottes Zustand vorstellen; sie ist noch ganz fertig. Vorige Woche haben sie hier 2 Tage mit Bordwaffen in die Häuser geknallt. (...) Man erzählt hier, dass gestern die V2 erstmals an der Front eingesetzt worden sei; ob es wahr ist, weiß ich nicht.

2.9.44, Metz (fwk): (...) Es ist nun also soweit, dass wir in regelrechter Flucht Metz verlassen mussten als die Panzerspitzen der Amerikaner schon an den Stadträndern angekommen waren. Wir sind nun arm wie die Kirchenmäuse haben aber wenigstens das Leben aller Familien-angehörigen gerettet. Da alle Dienststellen völlig versagen musste ich mir selber helfen um meine Familie in Sicherheit zu bringen und so bin ich auf einem riesigen Flugzeughebekran der Luftwaffe, einem mit Anhänger 20 m langen Fahrzeug, aus Metz herausgefahren. Unsere braven Landser sind doch immer hilfsbereit und das sich berufen auf alte Kriegskameradschaft zieht immer noch. So ist es mir gelungen wenigstens bis St. Avold zu kommen. Wir hatten 3 ½ Stunden auf dem Hauptbahnhof in einem voll besetzten Zug gesessen und weit und breit keine Lokomotive und kein deutscher Bahnhofsbeamter der eine Lok beschaffen konnte und dabei jeden Augenblick darauf gefasst dass Fliegeralarm kommen konnte. und der mit Flüchtlingen überfüllte Bahnhof bombardiert würde. Könnt Ihr Euch eine Vorstellung davon machen, wie das an den Nerven rupft??? Ich bin dann wieder aus dem Bahnhof heraus um zu sehen wie ich den Meinen helfen konnte um aus Metz heraus zu kommen. So ist es mir dann auch gelungen mit einem Unteroffizier der diesen versprengten Flugzeughebekran nach St. Avold zu fahren hatte ins Gespräch gekommen und ich richtete die Bitte an ihn mir zu helfen aus der Stadt zu kommen. Da der Führer nur 2 Gefreite bei sich hatte und man nicht wissen konnte, ob die Terroristen auch schon in den Gebieten vor Metz bis zur alten Reichsgrenze ihre Tätigkeit aufgenommen hätten war der Mann froh noch einen Mann zu haben der Waffen führen konnte. Ich bekam einen Stahlhelm auf und einen Karabiner in die Hand und 4 Handgranaten und dann oben auf den Wagen zur Fliegerbeobachtung und zur Ausschau nach Partisanen. (...)  Dann kam noch ein Mädel von unserer Dienststelle, Frl. Haas, die sich mir angeschlossen hatte und unser Kreisarzt KDF Pg. Röffer [?], der an der Ausfahrtstraße vor Metz stand und Wagen zum Mitfahren anhalten wollte. Ich erkannte ihn und bat die Soldaten ihn auch noch mitzunehmen. So ging es zum Deutschen Tor hinaus in die Nacht hinein. Es war schon etwa 12 Uhr, hinter uns lag Metz, der Feuerschein des brennenden Priesterseminars, welches von Terroristen angesteckt worden war leuchtete in die Nacht und in der Ferne hörte man schon die Kanonen der Amerikaner, deren Panzerspitzen 2 Stunden nach unserer Abfahrt schon an den Straßenrändern gesichtet wurden. Die Landstraßen waren vollgestopft mit Fahrzeugen, die Siedler mit Wagen und Vieh, Arbeitsdienst zu Fuß mit Rädern, Militärfahrzeuge aller Art - ein Bild, das ich nicht vergessen werde und uns entgegen kamen endlose Kolonnen leerer Omnibusse, die die Zivilbevölkerung abholen sollten. Alle halbe Stunde waren die Straßen verstopft und die Feldgendarmerie hatte alle Hände voll zu tun, bis es wieder in Fluss kam und dazu Fliegeralarm. Wir haben viel Glück gehabt nicht angegriffen worden zu sein, später fahrende, die ich danach traf erzählten mir, dass die Amerikaner mit Bordwaffen geschossen und Bomben in die verstopften Straßen geworfen haben und es viele Opfer gegeben hat. Im Morgengrauen kamen wir dann in St. Avold an und ich setzte mich mit unserem dortigen Kreisobmann Sewalter [?] in Verbindung, der sorgte dafür, dass wir in einem Omnibus Plätze zugewiesen bekamen, in welchen die St. Avolder Zivilpersonen abtransportiert wurden – so kamen wir über die alte Reichsgrenze nach Saarbrücken, bzw. der Stelle wo Saarbrücken früher gestanden hat. Ein Trümmerfeld !!! Wieder Fliegeralarm – in einen Saarstollen hinein, das Gepäck ohne Aufsicht im Zug gelassen – aber es ist nichts fortgekommen. Abends um ½ 6 Uhr standen wir mit dem Rest unserer Habe in Neustadt auf dem Bahnhofsvorplatz und wussten nicht wohin mit unseren müden Gliedern. Lieselotte kam dann aber gleich mit dem Hans Weyland, der uns alle mit zu sich nahm, während ich sofort auf die Dienststelle lief, um mich beim Gauobmann zu melden und meinen Bericht abzugeben. (...) Ich kann kaum schreiben, da meine Hände zittern vom Kofferschleppen. (...)

5.11.44, Speyer (fwk): (...)  Gerade in diesem Augenblick, wo ich anfangen will diesen Brief zu schreiben fallen wieder einige Bomben in nicht all zu weiter Entfernung in der Rheingegend. – Ich musste noch mal unterbrechen um in den Keller zu wandern. Der Alarm beginnt hier jetzt meist morgens früh und endet spät abends. Eben erst war entwarnt und schon ist wieder Vorwarnung. Das Mittagessen muss man sich ganz abgewöhnen und abends mehr essen, denn wenn tatsächlich in der Mittagsmahlzeit mal eine kurze Pause zwischen den Alarmen ist, stehen die Leute Schlange vor den paar Esslokalen, denn in Speyer hatten wir am Freitag einen Angriff, der zwei Lokale, den Bahnhof und den Gambrinus (dem Bahnhof gegenüber) fortwischte. Es wurde auch das Haus des früheren Stahlhelmführers Steiner getroffen, die Frau und zwei Enkelkinder, die von München nach hier „in Sicherheit“ gebracht waren, sind dabei ums Leben gekommen. Auch in Neustadt, wo ich letzten Freitag war, wurde angegriffen. Von Menschen-verlusten habe ich seit meiner Abreise noch nichts gehört; es soll wieder da unten im Gleisdreieck gewesen sein. Die Taktik des Feindes ist jetzt eine ganz andere hier bei uns; es sind nur selten größere Kampfverbände, sondern immer mit Bomben ausgerüstete Jabos, die sich den ganzen Tag in der Gegend herumtreiben und hie und da mal was fallen lassen. dadurch wird aber erreicht, dass die gesamte Bevölkerung von der Arbeit fern und in den Schutzkellern verbleiben muss! An normale Arbeit ist überhaupt nicht mehr zu denken, denn man muss immer auf dem Sprung sein. Meine Briketts habe ich immer noch nicht und werde sie wohl auch nie bekommen und so habe ich immer ein kaltes Zimmer und keine richtige Verpflegung mehr, jedenfalls mittags nicht.[Anm. 1] Da die Regierung z. Z. aus Saarbrücken zurückkommt, ist hier eine große Zimmernot und mit dem Essen wird es zusätzlich schwieriger. 700 Personen in dem kleinen Speyer mehr, macht doch viel aus. Du meintest, dass nach Saarbrücken noch nicht hereingeschossen würde. Damals vielleicht noch, nicht aber wenige Tage später [Anm. 2] Da ging der Rummel los und aus dem Zeitungsbericht siehst Du, dass Saarlautern schon Kampfzone ist. An dieser Stelle muss also schon ein Einbruch in den Westwall vorliegen. (...) Gestern Abend muss wohl wieder in Karlsruhe oder in der Gegend angegriffen worden sein, denn der ganze Himmel war rot und viele Flieger zogen über uns dahin. (...)

24.11.44, Speyer (fwk): (...)  Kaum hatte ich den letzten Brief abgesandt, erhielt ich die Nachricht, dass Saarburg gefallen ist. (...) Am Montag Mittag rückten die Amerikaner ein und Kreuzberg erzählte mir später, dass sie dort noch nach dem Einrücken des Feindes eine Zeit lang mit dem dortigen Fernsprechamt Verbindung hatten und von einer lothringischen Telephonistin Nachrichten durchgegeben bekamen. In der Zwischenzeit fiel dann Straßburg, Hagenau und zuerst Zabern. (...) Es gibt hier nur einen Gesprächsstoff – wie wird es kommen? [Anm. 3] Man hört in den letzten Tagen kaum noch Schiessen. Der Feind rückt allem Anschein nach zügig vor und wir können uns in den nächsten Tagen schon auf amerikanischen Besuch gefasst machen, wenn der Westwall auch nicht halten sollte. Hier glaubt kein Mensch mehr an ein Durchhalten der Unseren. Die Stimmung ist dem entsprechend (...)

26.11.44 (rb aus dem WE Lager Börrstadt) – (...) Unser Lagerleiter sagte, wir seien dazu da, für unser neues Deutschland zu sterben. Unsere Lieder, die wir singen, kennzeichnen unsere Lage, z.B.: Auf einmal ertönt das Signal: Schlagbereit! Verschwunden sind alle Gedanken von Glück und von Liebe, von bester Zeit, denn wir, wir dürfen nicht schwanken. An modernsten Waffen ausgebildet, kommen wir bald zum Militär. (...)

3.12.44 (rb) - (...) Wegen der Frontnähe werden wir vielleicht verlegt oder der Lehrgang wird früher als vorausgesehen, abgeschlossen oder noch zum Arbeitsdienst oder (...) wenn das so weitergeht noch auf den Mond. Die amerikanischen Tiefflieger sehen ganz gut aus. Allerdings so tief, dass ich des Flugzeugführers Gesichtszüge erkennen konnte waren sie nicht. Jedenfalls war in den Kurven der Kopf des Piloten deutlich zu sehen. (...)

5.12.44 (lk) – (...) Es ist wieder Alarm und ich sitze hier im Keller des Gymnasiums und schreibe auf den Knien. Es ist 5 h Nachmittag und seit heute morgen ununterbrochen Alarm mit 1 Stunde Pause in der aber Voralarm war, ich schnell zum Essen und nach Hause raste. Die Tiefflieger sind jetzt dauernd da, auch ohne Alarm und es kracht und knattert eigentlich dauernd ohne Unterbrechung. Seid froh, dass ihr nicht mehr da seid, es ist schlimm geworden! Als ich gerade in der Gimmeldingerstr. auf dem Rad dahin sauste, kamen die Biester an, ich runter und an Kiesslings Hauswand gedrückt, mit vielen Menschen und meinem früheren Direktor Keppner. So trifft man sich wieder! Ganz tief sind sie dann über uns weg und so geht das nun Stunde um Stunde. Der Onkel [Dr. Kirchner] wartet schon seit heute morgen, dass er aus dem Haus kann, aber es ist nicht möglich. (...) Schon wieder Voralarm! So was habt Ihr ja noch nicht erlebt! Heute sind sogar die ersten Bomben gefallen und eben wieder! Es muss Richtung Maikammer sein. – Eben Voralarm! Es ist einfach toll! Den ganzen Tag Alarm! Es wird täglich schlimmer! Draußen dröhnt es und rumst bald näher, bald ferner – aber wir haben uns auch daran schon gewöhnt.

11.12.44 (lk) – (...) Hier kann man nicht schreiben bei diesem Lärm und ich will für heute Schluss machen. Draußen ist alles voller „Jabos“ und Richtung Maikammer fallen wieder Bomben. (...)

13.12.44 (lk) – Gestern hatten wir nun den ersten kleinen Angriff auf Neustadt, d.h. unten aufs Gleisdreieck. 20 Jabos stürzten sich eine ¼ Stunde lang über der Stadt herunter mit Bomben und Bordwaffen. Es war recht ungemütlich. Daraufhin blieb der Strom aus und wir dreie machten den Laden zu und wanderten mit einem Strom Neugierigen hinaus, um zu sehen was los war. Die Bahn sieht bös aus, das Gaswerk ist kaputt und die Ibag. Der Vater von Herrn Schreiber ist dort schwer zusammengeschossen worden. (...) Es ist ½ 2 und schon wieder Voralarm! 10 Jabos fliegen da oben kreuz und quer und an der Bahn werfen sie wieder ihre Eier. Sie knattern aus allen Rohren und gehen in 10 m Höhe übers Haus. Es ist ein teuflisches Spiel das sie treiben, aber wir haben uns nun auch schon daran gewöhnt. Tante und Klärchen machen unten ihre Küche als ob nichts wäre, nur ab und zu springt man mal ans Fenster und guckt wo sie jetzt wieder reinpfeffern. Es ist ein fürchterlicher Lärm! Eben ist einer so tief hinten am Haus vorbei, dass wir deutlich die beiden Piloten sahen. Unten bei der Bahn brennt es wieder, es steigen große dichte Rauchwolken auf. Beim Papa in Speyer ist es noch doller! Dort treiben sogar amerikanische Flugschüler ihr Spiel und üben in diesem Gelände! Ist das nicht ein Hohn? (...) Noch immer sind die Jabos da und ich kann, obwohl es schon bald 3 Uhr ist, nicht aus dem Haus. Das wage ich nun doch nicht. Jetzt gibt es sogar Alarm!! Auch das noch! (...)                                                                        

19.12.44, Speyer (fwk): (...)  [viel Privates, u. a. im Zusammenhang mit dem späteren Staatsminister Wilhelm Bökenkrüger, s.a. unter dem 29.12.]. Bis Landau schiessen sie jetzt mit 21 cm Langrohr¬geschützen herein, doch munkelt man hier auch von einer Gegenoffensive wie bei Aachen; wir wollen das Beste hoffen. Der tägliche Strom südpfälzischer Bauern, die nun schon zum zweiten mal die Heimat verlassen müssen ist zu schrecklich. Überall hört man, dass die hohen Herrn Bürgermeister usw. an erster Stelle ausreißen und die Leute im Stich lassen. Hier ist es gestern beim Verladen von Bergungsgut auch zu Demonstrationen gekommen, denn die Leute bekamen nichts mehr abgenommen und das Verpackte steht auf dem Bahnhof in Waggons und kommt nicht weg; die hohen Stadtväter sollen ihr Hab und Gut schon frühzeitig beiseite geschafft haben. (...)
20.12.44 (dw) (...) Alle höheren Schulen im Gau Westmark sollen durch KLV [Kinderland-verschickung] nach Bayern verschickt werden. (...) Im übrigen flogen beim Fliegerangriff am Freitag dort (im Gymnasium) sämtliche Fenster und Türen hinein. (...)
Das Leben hier ist noch ähnlich wie damals, als Ihr noch hier wart, nur um einige Grad kriegsmäßiger. Die Alarme dauern länger und es kracht öfter, lauter und näher, das Gas und der Strom sind öfter abgestellt und die Züge haben noch mehr Verspätung, bzw. verkehren überhaupt nicht mehr. Sonst sieht es in Neustadt, das jetzt Frontstadt ist und 40 km hinter der HKL [Hauptkampflinie] liegt, noch „friedensmäßig“ aus. Man kann sogar Christbäume kaufen. (...)   Es sieht so aus, als müsste ich nächstes Jahr auch beim Schanzen mithelfen. Glaubhafte Ausreden habe ich nicht mehr auf Lager. Ausreden wie „noch nicht 15 Jahre“ kann ich jetzt auch nicht mehr gebrauchen. Ewig drücken kann ich mich nicht und will es auch gar nicht, obwohl ich jetzt lieber beim Konfektbacken helf als beim Schanzen. Bei Saarlautern beweist es sich ja, ob die Schanzerei überhaupt Zweck hatte, oder nicht. (...)

21.12.44 (kg) (...) In Neustadt sieht es jetzt ganz anders aus. Wir haben den ganzen Tag Fliegeral. oder Voral. u. jeden Tag schmeißen die „Hunde“ Par Bomben auf Neustadt. Die Fliegerangriffe gehen immer gegen die Bahnstrecke u. bis jetzt immer am Tage. Dort steht auch die Flak, leichte u. schwere. Wenn die schwere schießt, kracht es so laut, dass das Haus zittert. Die leichte Flak knallt sehr heftig. (...) Verzeih mir vielmals, weil ich mit vielen Feler den Brief abschicke, ich kann nicht besser. (...)
[Klara Göring war eine gebürtige Russin und soweit mir erinnerlich, von dem Vater der Frau Kirchner, einem Generalarzt, auf einem Schlachtfeld im Osten ‚aufgelesen' und in der Familie Kirchner aufgenommen worden.]

25.12.44 (lk) (...) Wir haben mehr Alarm und Tieffliegerbeschuss denn je, aber wir haben uns gestern wieder gewundert, wie gleichgültig man geworden ist. Man gewöhnt sich an alles! Gestern haben die Jabos fürchterlich gehaust. Papa konnte sich daher erst bei Dunkelheit zu Bett legen, weil wir am Tag ununterbrochen auf dem Sprung in den Keller waren. (...)

26.12.44, Neustadt, Gimmeldingerstr. 37 bei Dr. R. Kirchner (fwk)  (...) Während ich Omas Brief lese, in dem sie uns ein „geräuschloses Fest“ wünscht, donnert die Flak gerade Musik dazu. Ach unser armes Neustadt (...) Am 24. wurde man mindestens alle Stunde in den Keller gehuscht. Die Situation ist für uns eine sehr unangenehme geworden, denn die Flakstellung an der Ibag ist, nachdem sie einen herunter geholt hatten, total mit mehreren  hundert Bomben ausgebombt worden und nun sind die Brüder auf den Gedanken gekommen uns die Flak vor die Nase zu setzen. Ich könnte Euch die neue Stellung genau beschreiben, aber der Brief könnte mal in unrichtige Hände kommen und so ist es besser ich schreibe nichts darüber, es ist eben in unserer unmittelbaren Nähe. (...) Der 24. war einfach toll, man kam überhaupt nicht mehr zur Ruhe. Wir hatten von morgens 8 bis abends 11 Uhr nur ein mal Alarm, der am Tage höchstens zwei bis drei mal in kurze Voralarmstufen zurückgesetzt wurde. Auch der erste Feiertag brach mit einem herrlichen Winterwetter an, der feindlichen Luftwaffe war es tatsächlich gelungen den gesamten Zugverkehr um Neustadt stillzulegen, alle sich in Neustadt kreuzenden Strecken waren unterbrochen und am ersten Feiertag ging es morgens um 9 Uhr schon wider los. Fast immer, wenn ein Angriff auf die Bahnlinie in der Stadt geplant ist, wird unsere Batterie mit Tieffliegern zugedeckt um sie am Zielschiessen zu hindern. Dann donnern die Maschinen, wie eine Meute losgelassener Hunde über unser Dach hinweg und schießen aus allen Rohren, was nur heraus will und wir husch husch in unser Kellerchen. Am ersten Feiertag morgens fielen auch wiedermal Bomben in die Stadtmitte von Neustadt und zwar in der Gegend der kath. Kirche am kath. Schwesternhaus, dabei sind ganze Wohnblocks unbewohnbar geworden. Nachmittags kam dann der große Angriff. (...) Lieselotte wollte sich gerade bei Weylands an den Kaffeetisch setzen, als ihr von hinten das Doppelfenster des Esszimmers unsanft mit Fensterkreuz und Verzierungen auf den Rücken geschleudert wurde. Der Tisch wurde umgeschleudert und als Lieselotte bis zur Treppe geflohen war, krepierten schon die nächsten Bomben wodurch sie die Treppe hinunter bis zum Keller geschleudert wurde. Weylands sitzen jetzt mit den beiden alten Damen in der eiskalten Wohnung ohne jede Scheibe. Gott sei Dank ist niemandem etwas ernstliches passiert. Ich saß zu Hause und machte mir die furchtbarsten Vorstellungen, den aus der Stadt quollen riesige Rauchwolken und Brände waren zu sehen. Zu sehr in Unruhe wartete ich den Voralarm nicht erst ab und ging in die Stadt um Lieselotte zu suchen. Klara war schon unverletzt im Kirchnerhaus angekommen. Sie war mitten im Schlamassel drin gewesen, aber wenn sie aufgeregt ist, versteht man sie nicht und ich hatte nur aus ihr herausbekommen können, dass bei Weylands und all den Häusern da droben [Mozartstraße] die Fensterscheiben drin wären. – Eben ist wieder Hauptalarm! Ich war eben auf dem Ausguck, da droben in Eurem Zimmer. Entweder haben sie uns im Augenblick nicht in ihrem Programm oder kommen später auf unsere Belange zurück! – und so will ich also weiterschreiben: In der unteren Hauptstraße ging es schon los. Bei Kirner-Steiner waren die Schaufensterscheiben heraus und von da ab bei fast jedem zweiten Geschäft. In der Mitte der Hauptstraße war durch Stadtwacht abgesperrt. Ich konnte nur noch sehen, dass bei Pius Huber ein oder mehrere Häuser zusammengeschmissen waren. Ich musste nun zur Seite ausweichen, da war es aber auch nicht besser, denn ich kam in die Gegend, in der der Vormittagsangriff gewütet hatte, in der Gegend des Schwesternhauses. Über der ganzen Stadt lag ein dichter Nebel von Mörtelstaub und Brandgeruch, sodass man, obwohl es noch hell war, nur noch ungenau sehen konnte. Am Bismarckdenkmal arbeitete die Feuerwehr mit Hochdruck, denn der Zuckerspeicher der Firma Deutsch stand in hellen Flammen. Das Hotel „Lamm“ war mal gewesen, in der ganzen Heizmann-Gegend [Konditorei, heute Sixt] ist kein Fenster mehr heil. Die Post steht wohl noch, aber der Teil gegen die Zwockelsbrücke, in welchem Weylands Büro war, ist stark angeknackst. Bombentreffer im Turm der Post und dem ganzen Dachstuhl und gleich hinter der Post liegt ein abgeschossener feindl. Flieger, der dort samt einem alten Güterschuppen der Reichsbahn verbrannte. Das Kurt-Faber-Haus hat einiges abbekommen. Dort war gerade ein Lazarett unter-gebracht und so hat es viele Tote und „Verwundete unter den Verwundeten“. dann sind in der Schillerstrasse, in der Waldstraße und noch anderswo in der uns so bekannten Gegend Bomben gefallen und unendlich viel Bordwaffenbeschuss. Es war noch überall ein heilloses Durchein-ander, die Drähte der elektr. Straßenbahn hingen noch herunter, die Zwockelsbrücke sieht furchtbar aus, es hat in Neustadt viel Menschenleben gekostet. Ich fand Lieselotte bei Weylands in heillosem Durcheinander vor, (...) und bin mit ihr gleich nach Hause gegangen. Heute ging es schon wieder um Punkt 9 Uhr los. Ich konnte den Angriff auf die Bahnanlagen in Neustadt vom Fenster oben gut beobachten. Drei Feindflieger waren in großer Höhe über der Stadt erschienen und gingen langsam auf Abwurftiefe herunter. Sie wurden sofort von der Neustadter Abwehr bekämpft. Es donnerte, dass man nichts mehr verstehen konnte, der ganze Himmel war bedeckt voller Sprengwolken. Unsere Batterie schoss aus allen Rohren. Da sie Leuchtmunition beigegurtet hatte, konnte man den Standort der Geschütze gut erkennen und die Geschosse verfolgen. Es gelang ihnen aber nicht einen herunter zu holen, obwohl es manchmal fast so aussah. Bald fielen die ersten Bomben und die Sprengwolken zeigten sich über der Stadt. Es soll in der Landauerstrasse wieder eine gefallen sein und die Demeta soll etwas abbekommen haben. Nach diesem Angriff hatten wir den heutigen Vormittag etwas Ruhe, aber jetzt am Nachmittag scheint es wieder loszugehen. Es brummt wieder von allen Seiten und der Drahtfunk spricht von „leichter bis mittlerer Jabotätigkeit“. (...) Jetzt, wo alle Zugverbindungen abge¬brochen sind, wird kaum eine Möglichkeit bestehen Koks nach Neustadt zu bringen und in den nächsten Tagen wird das große Frieren beginnen. (...) Lieselotte hat gestern ihren Brief Nr. 8 abgesandt. Der Brief war schon im Kasten ehe der Zauber los ging , aber die Ecke der Post an der der Kasten ist, ist nicht beschädigt; wir waren beide noch gestern Abend dort und haben nachgesehen.

28.12.44 (dw) – (...) Hier gehen wir bei Vollalarm aus dem Keller und halten uns bei Voralarm auf dem Sprung oder suchen gleich diesen kalten Ort auf. Von Lilo hast Du vielleicht schon gehört, wie wir den ersten Weihnachtsfeiertag verbrachten, nämlich mit Fensterzunageln. 5 Min. vor Kaffeetrinken flogen unsere so behüteten Scheiben herein. Im Keller waren wir damals aber nicht. Hinter Schränken und unter Betten (zu diesen „Helden“ auch ich gehöre) erwarteten wir die nächsten Bomben, bzw. mancher sein Lebensende. Unser Christbaum nebst Anhang und den Büchern (oder Geschenken), die darunter lagen hielten dem „feindlichen Luftdruck“ stand. 5 ½ Wochen Weihnachtsferien sind eigentlich ziemlich viel. Ich wünschte schon manchmal insgeheim, wir hätten wieder Schule. Morgens muss ich um 8 h schon aufstehen, denn um ½ 9 h ist Voralarm., bzw. blasen die Jabos mit ihren Bordwaffen die  [?]. Der Voralarm kommt nämlich manchmal nicht mehr mit. Dann geht es los: rauf, runter, gucken, horchen und was noch dazu gehört. Mir kommt es wie im Frieden vor, dass es eben einmal ruhig ist, nachdem es heute morgen anständig gerappelt und gewackelt hat. Das Mittagessen wird in Raten eingenommen und meist wie im Hotel, in Hut und Mantel. (...) Jetzt hacken sie wieder auf mir herum, ich soll Milch holen, obwohl sie genau wissen (oder nicht), dass bei Voralarm die Geschäfte geschlossen sind, weil sie aus den Ereignissen der letzten Tage gelernt haben. Neuigkeiten in Schlagzeilen: kein Licht, kein Gas, kein Essen, Glasscheiben kehren, Fenster entkitten, Post, Lamm [ein Hotel in der Landauerstraße], Bäckerei Nicolai, Spielwarengeschäft Seeger, das Haus neben der Schillerhalle, die Siedlungen im Gleisdreieck, und die Häuser an der kath. Kirche und ums Volksbad sind kaputt. (...) Mutti vergaß den Vitrinenschlüssel abzuziehen. Unten ist ein Rest unseres Konfektes. Eben habe ich den Rest zu einem Restchen gemacht. Wenn es bemerkt wird, kann ich immer noch sagen, dass der Luftdruck Schuld sei. Er hat sie durcheinander geworfen, dass sie jetzt nach weniger aussehen.

29.12.44 (rb) - (...) Bei uns ist in der Zwischenzeit allerhand passiert. In die verschiedensten Teile der Stadt, besonders längs der Bahn, fielen eine ausreichende Zahl Sprengbomben. Die Schäden sind bestimmt nicht klein. Heftiger Bordwaffenbeschuss, besonders während der Feiertage, jagt uns immer wieder in den Keller. Jetzt soll ich als Fronthelfer schanzen. (...)

29.12.44, Neustadt, Gimmeldingerstr. 37 bei Dr. R. Kirchner (fwk)  (...) Mit der Post klappt doch aber eigentlich alles recht schön. Meine Postsendungen 1 – 15 sind von Euch bis jetzt bis auf   Nr. 1 und Nr. 8 (...) restlos bestätigt und wir bekommen Eure Briefe auch alle, wenn auch mal etwas durcheinander. (...) Ich bin immer nur mit den Fingern an der Schreibmaschine aber mit beiden Ohren vor dem Fenster, denn draußen hört man schon wieder verdächtige Geräusche – ein Gemisch aus Motorengesumme, Flak- und Bordwaffenbeschuss und gerade jetzt ein Bomben-abwurf. Es ist alle Tage dasselbe. Seit heute morgen heben sie direkt hinter Jahnkes eine Stellung aus, der Kreis wird immer dichter und damit Lieselottes Wohnung immer gefährdeter. Heute bekommen wir etwa 8 Flaksoldaten unten ins Esszimmer auf Stroh. Der Dr. Breit auch und alle Häuser hier in der Gegend. (...) Eben kommt Herr Doktor nach Hause und hat von dem Feldwebel gehört, dass direkt hinters Haus auch eine Flakbatterie kommen soll. (...)
Wenn unser Vorstoß bei Aachen nicht gekommen wäre, wären wir entweder für lange getrennt oder drüben, denn der Feind säße dann auf jeden Fall hier. Alles freut sich über unseren Erfolg – bis auf Herr B.[Bökenkrüger], der ja schon zu Haus nur noch englisch spricht, um sich möglichst schnell angleichen zu können.

3.1.45, Speyer (fwk): (...)  Wir lebten die letzten Tage [in der Gimmeldinger Straße in N.] in einer Flakstellung, die Tag für Tag mehrmals von Tieffliegern angegriffen wurde. (...)  Zum Samstag bin ich zum kasernierten Volkssturm einberufen! (...) Speyer ist das reinste Friedensidyll gegen Neustadt. (...) Wenn Flaksoldaten, die von der Front kommen zu mir sagen: Na, bei Ihnen hier ist aber allerhand los!“, dann könnt Ihr gewiss sein, dass das hier kein Pappenstiel ist. Erst musste Lieselotte bei Weylands in den Schlamassel hineinkommen und ich dann am 1.1.45 – Dieter zeigte mir gerade die Fenster, die seit dem 17.9. neu verkittet waren, als es schon krachte und ehe ich noch hinter dem Tisch heraus war, flog ich schon 3 m in den Korridor hinein und landete auf der alten Dame Weyland und die Fenster waren wieder hin. So geht es in Neustadt den ganzen Tag, jedes Leben außerhalb des Hauses ist unterbunden. Das Häuslingsche Haus in der Schillerstrasse hat einen Volltreffer, des gleichen das Lichtenberger¬sche in der Landauerstrasse. Vom Bahnhof sind viele der kleineren Nebenbauten hin und Tag für Tag Angriffe auf die Stadt und vor allem die Gegend um die Bahn herum. (...)

6.1.45, Speyer (fwk): (...)  hier ist alles in gehobener Stimmung. Allein am gestrigen Tage sollen über 100 Orte zurückerobert worden sein. Weißenburg ist wieder in deutschem Besitz [4.1.] und unsere Truppen sollen schon auf der Zabener Stiege sein. Die nächsten Orte gehören schon zum Kreis Saarburg. St. Avold ist wieder in deutscher Hand und unsere Gefechtsvorposten wurden in Lubeln freudig von der Lothringer Bevölkerung begrüßt. den Kanonendonner hört man nur noch ganz schwach von der Front und des nachts gehen ungeheure Truppenkontingente hier durch zur Front. Im Schnee waren heute morgen überall die Ketten der Panzer abgedrückt und die ganze Nacht hörte man es rattern. Dafür beharkt uns der Feind um so mehr mit seiner Luftwaffe. Gestern wurde das arme Neustadt zum ersten mal mit starken Verbänden angegriffen. Die ganze Hambacher Höhe ist ein Trümmerfeld. Das Haus von Architekt Kempf am steilen Viehberg links ist von einem Volltreffer zerstört worden. Desgleichen das Böhm'sche oben am Viehberg. Weylands haben wieder alle Fenster drin und er war unten in der Stadt und ist seiner Frau und Mutter nicht einmal zu Hilfe gekommen und hat Vollentwarnung abgewartet. (...)  Der steile Viehberg ist ein Trichterfeld; überall liegen die verstümmelten Leichen von Menschen herum, die sich dort hinauf flüchten wollten und gerade in den Segen hineinliefen. Es galt wohl der Bahn, aber die Rauchzeichen sind vom Wind abgetrieben und so lösten die Feindflieger die Bomben zu früh oder zu spät aus und alles ging zu weit gegen Hambach zu. Dr. Bernds Haus brennt noch und unten in der Stadt brennen Öl- und Benzinlager. Auf dem Güterbahnhof wurde ein Munitionszug getroffen. Auch am Gäubahnhof soll es bös gewirkt haben. (...) Lebensmittel kann man in Neustadt gar nicht mehr kaufen – alles lebt von den Soldaten mit. Frau K.[irchner] ist beleidigt darüber, dass die Soldaten Lieselotte so helfen. Immer wenn Lieselotte mit den Soldaten spricht, zieht sie eine Schnauze – sie in die Länge und er in die Breite. (...) Ich habe keine Ruhe mehr zum Schreiben, denn bei dem Geklapper der Maschine hört man nicht was draußen vor sich geht.

15.1.45 (lk) – (...) Heute Abend standen schon die ersten Sterne am Himmel, alles war schon unterwegs, da fielen die Bomben. Aber Unkraut verdirbt anscheinend nicht – man lebt!!!!! Aber wie ! – Bei Weylands oben [Mozartstr.] ist ziemlich alles hin. Sie sind den ganzen Tag oben im Klosterbunker, erst am Abend kommen sie heim, um immer wieder vor neuen Trümmern zu stehen. Alle Türen und Fenster sind rausgerissen. Kein Gas, kein Wasser, kein Licht! (...) Hier ist es halt immer wieder die ganze Gegend und die Bahn und die innere Stadt, die Hambacher Höhe, die es abkriegen. Es sieht schon ganz nett aus hier! Gauleiter Stöhr schrieb letzte Woche in der Zeitung: „Liebe Neustadter Soldaten! Wenn ihr wiederkommt, sieht Euer Neustadt schöner aus denn je!!!!!!!! Ha, wollen wir es hoffen. (...)

21.1.45 (rb) – (...) Am 5. Januar fiel unser schönes Heim den Amerikanern zum Opfer. Fünf Bomben verwandelten es zu einem Trümmerhaufen. Alle sind wir bis auf kleine Schürfungen gesund. Bald darauf erhielt ich die Einberufung zum RAD [Reichsarbeitsdienst]. (...)

29.01.45 (dw) - (...) jede Woche zweimal Fenster zunageln und Scherben kehren wird auf die Dauer doch zu viel. Von dem jetzigen Zustand in unserem Wohnzimmer würdest Du bestimmt erschrecken. Im Wohn- und Herrenzimmer ist noch alles so, wie nach den letzten 2 Jaboangriffen. Mein Respekt vor den Jabos ist nach diesen wieder gewaltig gestiegen, nachdem ich ihn nach dem Bombenteppich am 5. I. verloren hatte. Damals kamen wir gerade noch rechtzeitig in den Keller, dann ging es schon los. Wir waren aber nicht überrascht, wir hatten ja die Rauchzeichen gesehen. Ich fühle mich hier [Weinstr. 151 bei Brand] im Warmen und von den Fliegern weiter weg doch wohler, als zuhause [in der Mozartstr.] im Durchzug und auf der Lauer nach Brummen. Papa machte uns nach jedem Angriff den Kopf voll, wir müssten in den Bunker. Oma und Tante hatten die letzten Angriffe auch schon im Keller vom Kloster erlebt. Mutti und ich blieben aber immer noch im Hause. Einmal rückten wir aus in den Wald, um Holz zu holen. An diesem Tag kamen keine Flieger. Am nächsten Tag gingen wir bei Vollalarm in den Bunker, bzw. ich in den Wald mit Kameraden. Als schon vorentwarnt war und langsam 4 h wurde, gingen wir heim. Dort hängte ich noch Fenster (Glas!) ein. 5 Minuten danach, kamen die Jabos und schmissen auf den Viehberg ein Mine. Alle Fenster kaputt, mit Ausnahme von 2 noch nicht eingehängten. (...) Abends nach dem Nachtessen gingen wir von 8 – 10 oder ½ 11 h auf den Zickzackweg rodeln. Trotz Dunkelheit ging es ganz phantastisch. Wir fuhren eingehängt, d.h. einer liegt auf dem Bauch und zieht die anderen nach. (...)
Die Schule haben wir hier an den Nagel gehängt. Die KLV) [Kinderlandverschickung] klappt auch nicht. Zum Schanzen bekam ich auch wieder eine Einladung. 4 Wochen bin ich zurückgestellt. (...) Weißt Du schon, dass Dein Freund Rudi [Weyland] total ausgebombt ist?

17.2.45 (dw) – (...) Seit voriger Woche haben wir Mittwochs und Samstags Morgens 1 ½ Stunden Schule. Es ist ganz nett, dass man sich mit seinen Kameraden auch mal wieder trifft. Bei diesen Schulverhältnissen kommt natürlich nicht viel heraus. Wenn schon vor 9 h Voralarm ist gehen wir sofort nach Hause. Die Aufgaben, die wir aufbekommen, sind auch noch  zu bewältigen. Wie sieht es bei Euch in Bezug auf Schule aus? Geht der Betrieb immer noch „friedensmäßig“ weiter? (...) Was machen die Flieger dort droben? Man hört im Radio öfter vom Mitteldeutschen Raum und Thüringen. Bei uns geht der Betrieb weiter, wie früher, nur mit dem Unterschied, dass es statt um ½ 10 h schon um 8 h Voralarm gibt und abends erst um 6 und manchmal später abbläst. Die letzten Angriffe waren nicht in unserer Nähe, sondern meist in ihrer Stammgegend, dem Gleisdreieck. Hier in Hambach haben sie auch manchmal die Flak angegriffen. Bis auf eine Bombe in der oberen Burggasse (in Richtung Maxburg) fielen alle ins freie Feld. Landau hatte in den letzten Tagen einige Bombenteppiche von schnellen Kampfflugzeugen über sich ergehen lassen müssen. In die Landauer Wohnung ging direkt gegenüber ein Volltreffer hinein. Ich warte jeden Tag auf meinen Schanzbefehl. Zur Zeit bin ich im Heimateinsatz auf der Fahrbereitschaft als Melder eingesetzt. Ich muss jeden schulfreien Morgen und jeden Abend auf die Fahrbereitschaft und Beorderungen ausfragen, die Herrn Fahrer, deren Telefon zur Zeit nicht geht, herbeizitieren und sonst noch allerhand anderes, z.B. Telefondienst machen, wenn bloß eine oder zwei Personen da sind (es sind nämlich 3 Apparate da). Man erfährt dort allerhand und das Ganze ist eine interessante Abwechslung. (...) Wie ist das Essen bei Euch? Bei uns wird es immer schmäler. Seit neustem gibt es kein Weißmehl, keine – [?]waren und keinen Gries mehr im Gau Westmark. Nur Kranke und Kinder unter 3 Jahren bekommen auf abgestempelte Marken Brötchen und Mehl. Ferner gibt es seit Dienstag keine Butter mehr. Bis am nächsten Dienstag gibt es wieder. Auf der Fahrbereitschaft habe ich es noch rechtzeitig erfahren und wir konnten soweit vorsorgen, dass sie bis morgen noch langt. In der Woche gibt es nur noch 2 Mal Magermilch. Kartoffeln müssen abgegeben werden. (...)
Am Montag muss Papa wieder einrücken. Er kommt nach Worms zum Ers. Batl. seiner alten Einheit. Es ist ein anderes Handwerk, als Barrasunteroffizier, wie als Volkssturmzugführer in den Krieg zu ziehn.

15.3.45 (dw) – (...) Ich schreibe eben in der Pause eines 5-tägigen Volkssturmlehrgangs. Wir kommen in den Tagen nur zum Essen und Schlafen nach Hause. Der Kurs ist interessant und macht viel Freude. Wir haben am zweiten Tag schon mit praktischen Übungen begonnen und auf dem Schießstand im Ordenswald mit dem Karabiner scharf geschossen. Die Panzerfaust kommt auch noch dran. Der ganze Jahrgang 1929 wird zum Volkssturm einberufen und ausgebildet. Wir bekommen sogar Soldbücher. Im Ernstfalle sage ich dann nur [?] „Anglo-amerikanische Luftlandetruppen oder Panzerspitzen“. Die Flieger lassen uns hier überhaupt keine Ruhe. In der Mozartstraße gab's inzwischen noch zweimal Scherben, bzw. Kartonfetzen. Erstens in der Nacht vom 22. zum 23. und dann noch einmal ein Jaboangriff. Die Ereignisse in der Nacht wurden durch die Tatsache verschönert, dass wir alle noch in den Betten lagen. Ich wurde durch den wunderschönen Ton „schschschbung“ aufgeweckt und dann gings aber im Galopp. Ich wurschtelte mich in die Kleider und war total angezogen nur leicht „schief gewickelt“. Kein Gürtel und kein Knopf war zu. Zwischendurch krachte und pfiff es dauernd. Ich war gerade fertig und hatte ein paar Klamotten auf dem Arm, als das Licht mit einem Knacks ausging. Nun wars duster, d.h. eigentlich gar nicht, denn draußen wars hell zum Zeitungslesen. Um ganz Hambach herum bis Edenkoben und Neustadt lagen die Brandbomben, die Gott sei Dank fast alle in freies Gelände gefallen waren. Als wir dann alle glücklich im Keller und mit Hilfe der Wunderlampe[?] und der Helle, die draußen herrschte, im Keller versammelt waren, war der Angriff vorbei. Als wir nach einiger Zeit nachschauten, war eigentlich kaum mehr was zu sehen, nur in Richtung [?] brannte es. Die Sprengbomben haben auch allerhand angerichtet. Auf dem Bahnhofsplatz und gegenüber der Volksbank in der Landauerstraße, wo es 30 Tote gab, weil der Keller (öffentlicher LS-Raum) durchschlagen wurde, sind die unserem Hause am nächsten gefallenen Bomben gewesen. Der Rest fiel im Gleisdreieck und in Winzingen. Ein Jaboangriff gegen den Bahnhof fiel auch etwas (300 m!) daneben. Die Bomben fielen hinter der Stadtgrenze, in der Höhe der Grünen Insel, bei Paulus im Haltweg in den Garten (das große Holzhaus mit dem hohen Giebel) und in der Waldstraße. Gestern fielen sie (die Bomben) im Tal bei Oehlert, in der Karolinenstraße direkt auf die Bahnlinie und 2 gingen ins Quittkart'sche Haus in der Schillerstr. und machten es zu einem Trümmerhaufen. Heute sind keine Bomben gefallen, nur kurze Schießereien und häufiges Brummen. (...) Wir rasten heute wieder im Wald herum, warfen Handgranaten und schießen mit MGs usw. Bringt ihr in Thüringen noch die Energie zum Schule halten auf? Bei uns ist der 2 mal wöchentlich 2 Stundenunterricht schon in vollem Schwung. Viel kommt nicht dabei heraus, aber man kann wenigstens sagen, wir hätten Schule. (...) Vorgestern war ich in „Königswalzer“. Der Film gefiel mir so ganz gut, nur habe ich grobe Uniformschnitzer festzustellen. (...) Das Haus [in Landau] steht noch trotz Bomben im Garten und vor der Haustür. (...)

Daten und Erläuterungen zu in den Briefen erwähnten Ereignissen

Juli 1944 Die Alliierten betrachten linksrheinisches Gebiet als Operationsraum für ihre taktischen Luftflotten. Angriffe auf Einzelobjekte steigerten sich in den folgenden Monaten bis kein einzeln fahrendes Auto, ja noch nicht einmal mehr ein harmloser Fußgänger vor den „Jabos“ sicher war. Bauern mussten zur Feldarbeit zuerst einen 'L-Graben' angelegen, in den sie bei einem Jabo-Angriff hineinsprangen um je nach Anflugrichtung sich in (relative) Sicherheit bringen zu können.
14.06.44 Die Alliierten betrachten linksrheinisches Gebiet als Operationsraum für ihre taktischen Luftflotten. Angriffe auf Einzelobjekte steigerten sich in den folgenden Monaten bis kein einzeln fahrendes Auto, ja noch nicht einmal mehr ein harmloser Fußgänger vor den „Jabos“ sicher war. Bauern mussten zur Feldarbeit zuerst einen 'L-Graben' angelegen, in den sie bei einem Jabo-Angriff hineinsprangen um je nach Anflugrichtung sich in (relative) Sicherheit bringen zu können.
31.08.44 Befehl der Evakuierung aller Reichsdeutschen aus Lothringen. Starke unkontrol-lierte Flüchtlingsströme behinderten deutsche Truppenbewegungen. Die von Gauleiter Bürckel angeordnete Aktion war tatsächlich etwas verfrüht ergangen. General Patton wurde mehrere Wochen vor Metz aufgehalten, da dort eine Panzeroffiziersschule lokalisiert war. Die durch den NS-Staat geprägten Offiziers-anwärter kannten das Gelände um Metz bestens und haben sich, zwar sinnlos, aber im Gefühl ihre Heimat zu verteidigen, äußerst tapfer gewehrt.
04.09.44 Abschwächung des Evakuierungsbefehls („Empfehlung zum Aufbruch“).
08.11.44 Angriff von Pattons 3. US-Armee auf Metz.
12.11.44 Befehl zur vollständigen Räumung von Metz (die Parole „Heim ins Reich“ war zur bitteren Ironie geworden).
21.11.44 Metz wird den Amerikanern überlassen.
28.11.44 Die Dienststelle des „Reichsstatthalters der Westmark und Chef der Zivilverwal-tung Lothringen“ wird mit dem größten Teil des Personals nach Speyer verlegt (ab dem 28.11.44 wurde Saarbrücken von Artillerie beschossen).
16.12.44 Beginn der Ardennenoffensive (Ende: Januar 45).
31.12.44 Unternehmen „Nordwind“: Ein Angriff mit drei schnellen Verbänden und fünf Infanteriedivisionen zwischen Blies und dem Raum ostwärts Bitch in Richtung Zaberner Steige (Generaloberst Blaskowitz, Oberbefehlshaber der Heeresgruppe G, Gefechtsstand im Bürklin-Wolf'schen Weingut in Wachenheim). Die Heeresgruppe G war durch Abgabe von Verbänden an die Heeresgruppe B zur „Abwehrschlacht östlich von Aachen“) geschwächt. Den von allen Seiten zusam-men¬gekratzten Kräften gelangen aber rasch beachtliche Geländegewinne. Am 4. Januar wurde Weißenburg wieder in Besitz genommen und bald fand kein Beschuß deutschen Gebiets mehr statt. Im weiteren Verlauf wurde die Maginot-linie und die Stadt Hagenau zurückerobert. Ende Januar war die Front wieder bis zu 35 km von der Südpfalz entfernt. Die Amerikaner waren so bestürzt, dass Eisenhower erwog, das gesamte Elsaß zu räumen. (J. Nosbüsch)
12.01.45 Russische Großoffensive. Der dadurch bedingte Abzug der 21. Panzerdivision von Weißenburg und der 6. SS-Panzerarmee aus den Ardennen beschleunigte das Ende unserer Offensiven.
25.01.45 Mein Vater, damals Kreisabteilungsleiter der DAF, bekommt Krankheitsurlaub bewilligt und konnte in das damals noch vom Krieg verschonte Friedrichroda in Thüringen zu seiner Familie kommen. (Er hat noch am 10.03.45 eine Reise-genehmigung bei seiner Dienststelle zur Rückreise beantragt.)
21.03.45 Die Amerikaner in Neustadt.
08.04.45 Einnahme von Friedrichsroda.

Es wird besonders jüngeren Lesern dieser Erinnerungen auffallen, dass die hier ‚zu Wort gekommenen', so unterschiedlich geprägt sie auch waren, sich damals nicht wirklich vollkommen vom Nationalsozialismus distanziert haben. Dies mag einmal daran liegen, dass wir dazu neigen zu vermeiden, die eigene Jugendzeit in Bausch und Bogen in Misskredit zu bringen. Es erstaunt, dass eine Zeit akuter physischer Bedrohung rückblickend gar nicht als so schrecklich betrachtet wird; „. . . man lebte damals intensiver und nicht so ereignislos flach wie heute“. Das Kriegsende wird heute häufig als ‚Befreiung' interpretiert. Mit Abstand betrachtet erscheint dies natürlich richtig, wurde aber damals, weder vom Sieger noch vom Besiegten so empfunden! Mein national denkender Vater hat immer vom ‚Zusammenbruch' gesprochen, hatte es doch in unserer 1000jährigen Geschichte nie eine so vollständige Niederlage gegeben. Noch in die Kaiserzeit hineingeboren war er insofern, wie viele aus Veranlagung Begeisterungsfähige, ein leichtes 'Opfer' der Nationalsozialisten geworden. Fahnenschwenken und Trommelklang lagen ihm eben. Dem widerspricht nicht, daß er im Grunde gänzlich unpolitisch war; ich erinnere mich, daß er gelegentlich sagte „Politik interessiert mich erst, wenn sie zur Geschichte geworden ist“. Hinzu kommt die konsequente Ablehnung des Kommunismus durch das Bürgertum. Dies stützt die These, wonach es ohne den Bolschewismus, den Faschismus nie gegeben hätte.

Werner Krapp 2009


Zeitzeugen zum Kriegsende in Neustadt- Die Lebenserinnerungen von Helmut Wipprecht 

 

Anmerkungen:

  1. Es folgt die Beschreibung der prekären Ernährungssituation und Familiäres. Zurück
  2. Vom 28.11. an, Nosbüsch, S. 223. Zurück
  3. Es folgen trübe Gedanken zur Situation der einzelnen Familienmitglieder und allgemeine Ratlosigkeit. Zurück