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Das Kreuznacher Kurbad zu Beginn des Ersten Weltkrieges im Spiegel der Presse.

von Jörg Julius Reisek

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges brachte den Kreuznacher Kurbetrieb in wenigen Tagen zum Erliegen. In der Kur- und Badestadt wurde es plötzlich still. Die folgenden Lokalnachrichten aus dem Kreuznacher Tageszeitungen dokumentieren die Entwicklung eindrücklich.


Oeffentlicher Anzeiger, 1. 8. 1914:

„Wie es einem gehen kann, wenn man die erlassenen Verbote nicht beachtet, sollte gestern eine in der Pension R. in Kreuznach zur Kur weilende 30jährige Dame aus der Gegend von Königsberg erfahren. Trotz mehrfacher Warnungen hielt sie sich längere Zeit auf der Ebernburger Eisenbahnbrücke auf und zeichnete die Brücke ab. Sie wurde daraufhin unter dem Verdacht der Spionage für Rußland verhaftet und nach Kreuznach gebracht, wo sie wieder freigelassen wurde.“

„Im Kurtheater wird heute abend statt ,Clavigo‘ das vaterländische Schauspiel ,Colberg‘ von P. Heyse zu kleinen Preisen aufgeführt...“

General-Anzeiger, 3. 8. 1914:

„Kreuznach in der Schicksalsstunde: ...Auch die Kurindustrie unserer schönen Badestadt hat - man kann es heute an dieser Stelle aussprechen - leider inmitten der vollen Blüte einen ungeheuren Schaden erlitten, der täglich auf viele tausende Mark zu bemessen ist...“

„Die jetzigen Kriegstage im Nahetal: … Im Kur- und Geschäftsviertel der Stadt, auf der Post und der Bahn mit den vielen durchrasenden Zügen berührten gestern und vorgestern zugleich eine seltsame Regsamkeit und eine ungewollte Stille. Konnte das Kurorchester auch nicht an die Ausgabe und Durchführung eines Konzertprogramms in üblichem Umfange denken, so spielte es doch auch gestern, Sonntag abend, vor dem verhältnismäßig gering erschienenen Publikum, eine Reihe von Nummern in Anpassung an den patriotischen Ernst der schweren Zeit. Schon am Samstag abend war es ganz eigentümlich ergreifend, wie man, weit in die umliegenden Straßen hinein, plötzlich den machtvollen tausendstimmigen Gesang aus dem Kurpark hören konnte „Deutschland, Deutschland über alles“, die „Wacht am Rhein“ u. a. Fast das gesamte Publikum umstand während des Gesanges, die Männer entblößten Hauptes, die Kapelle, die wieder und wieder eine patriotische Weise in den Strophenwiederholungen anfügte. Nach jedem Liede rauschte spontan Beifall für die Musiker und schließlich machte sich ein plötzlich angestimmtes dreifaches Hoch auf den Kaiser brausend Luft...“

Oeffentlicher Anzeiger, 3. 8. 1914:

„Eingestürzt ist die Brücke vom Kurpark zum Kinderspielplatz, als sie vorgestern von den drei Schweizer Kühen passiert wurde, die auf dem Spielplatz stationiert sind.“

„Das Kurtheater hat seine Spielzeit beendet.“

„Die Kurkapelle spielte gestern abend wieder unter lebhaftem Beifall patriotische Weisen, wobei das Publikum begeistert mitsang. Die Kapelle spielt noch etwa 14 Tage lang, gleich von 4 - 6 Uhr und von 7.30 bis 9 Uhr. Musikdirektor Inderan rückt morgen zur Armee ein, fast jeden Tag müssen einzelne Mitglieder der Kapelle sich stellen, die so allmählich aufgelöst wird…“

Oeffentlicher Anzeiger, 4. 8. 1914:

„Herr Adolf Düringer, der Vorsitzende des Vorstandes der Solbäder-Aktien-Gesellschaft, sprach anläßlich des gräßlichen Attentats in Sarajevo der Schwester der ermordeten Gemahlin des österreichisch-ungarischen Thronfolgers, Gräfin Henriette Chotek-Khevenhüller, die im Jahr 1890 mit ihren Eltern und ihrer ermordeten Schwester mehrere Monate im Kurhaus in Bad Kreuznach zur Kur weilte, sein Beileid aus...“

„Der Lesesaal befindet sich jetzt im neuen Bäderhause und ist abends bis 9 Uhr geöffnet.“

[Die aktuellen Tageszeitungen konnten dort gelesen werden.]

Oeffentlicher Anzeiger, 5. 8. 1914:

„Sämtliche Schauspielerinnen und Sängerinnen des Kreuznacher Kurtheaters stellten sich dem Roten Kreuz zur Verfügung. Bravo!“

Oeffentlicher Anzeiger, 6. 8. 1914:

„Die Kurkapelle spielt seit gestern nicht mehr. Die meisten Mitglieder wurden eingezogen.“

„Durch eigene Schuld verhaftet wurde gestern ein Musiker der Kurkapelle, der mit einem hier weilenden russischen Ehepaar Freundschaft geschlossen hatte und in dieser ernsten Zeit mit seinen ausländischen Freunden zum Rheingrafensteiner Wald spazieren ging. Die Verhaftung erregte einen großen Menschenauflauf, wurde aber wieder aufgehoben, als sich herausstellte, daß der Festgenommene ein harmloser Landsturmmann aus Sachsen ist.“

Oeffentlicher Anzeiger, 7. 8. 1914:

„Der Musiker Paul Heidenreich, der als Spion verhaftet war und sich als harmloser Landsturm-Mann entpuppte, teilt uns mit, daß er mit der Dame, die übrigens Finnländerin ist, nicht auf dem Rheingrafenstein, sondern auf dem Damenweg war. Die Verhaftung hätte er einer Anzeige zu verdanken.“

Oeffentlicher Anzeiger, 11. 8. 1914:

„Die Erbitterung der deutschen Bevölkerung gegen unsere Feinde ist verständlich. Es muß aber schon im Interesse der im Ausland lebenden Millionen von Deutschen dringend davor gewarnt werden, dieser Erbitterung in einer Weise Ausdruck zu geben, die weder unserem Ansehen in den neutralen Staaten, noch der guten Sache dient, für die wir kämpfen.

Viele Hotels und Pensionen sind mit Ausländern angefüllt, die zu uns gekommen sind, um hier von der deutschen Kunst und der deutschen Wissenschaft zu lernen. Sie haben gewiß keinen Krieg gegen Deutschland gewünscht, und es wäre traurig, wollte man sie und die anderen harmlos hier lebenden Fremden nun wie schutzloses Wild hetzen...Wir bitten das Publikum dringend, sich auch in Momenten begreiflicher Erregung nicht zu Ausschreitungen hinreißen zu lassen und den großartigen Eindruck nicht zu mindern, den die ernste, ruhige Festigkeit des deutschen Volkes in diesen schweren Tagen auch auf jeden fremden Zuschauer gemacht haben muß.“

Oeffentlicher Anzeiger, 11. 8. 1914:

„Bad Münster am Stein: Herr Fritz Krüger hat dem Bürgermeister angezeigt, daß er sein Gasthaus von jetzt an nicht mehr ,Pariser Hof‘ sondern ,Deutsches Haus‘ nennt.“

Oeffentlicher Anzeiger, 14. 8. 1914:

„...Es ist still geworden in allen Badeorten, nicht nur in Kreuznach...“

„Es ist still geworden… "

Nachweise

Verfasser: Jörg Julius Reisek

Redaktionelle Bearbeitung: Dominik Kasper

Dieser Artikel erschien im Nahelandkalender 1993.

Erstellt: 06.04.2010