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Die Rekonstruktion des Klosters auf dem Rupertsberg

von Gerhard Roese 1998, stark überarbeitet und neu vorgelegt 2013

Am westlichen Naheufer, gegenüber der Stadt Bingen am Rhein lag ab der Mitte des 12. Jahrhunderts, von Weingärten umgeben das Kloster Hildegard von Bingens auf dem Rupertsberg.

Abb. I [Aus: Daniel Meisner, Thesaurus Politicus, spätere Ausgabe des Originals von 1630, Ende 17. Jh.]

Seine zeitweise glanzvolle, später aber auch von Beschädigung und seit dem Dreißigjährigen Krieg von Zerstörung (1632 durch die Schweden) gekennzeichnete Geschichte endete wohl ab 1839 mit den Plänen zur Anlage der Eisenbahnlinie von Bingerbrück über Bad-Kreuznach nach Saarbrücken. Apsis, Türme und Chor der Ruine der ehemaligen Klosterkirche waren spätestens 1858 verschwunden, nachdem man den Felsen, auf dem sie errichtet worden waren, für den Gleisbau entlang dem West-Ufer der Nahe weggesprengt hatte.


0.1.Nonnengräber auf dem Rupertsberg

Bei diesen Sprengungen soll auch die Gruft Hildegards aufgerissen worden sein. Peter Bruder schreibt anno 1882: "Im Jahre 1858 beim Durchbrechen des Berges zum Zwecke der Bahnanlage sah man noch dieses Gewölbe. Es war einer Gruft ähnlich, gemauert, mit viereckigen Fließen geplättet, von Mannshöhe; das Innere füllte Schutt, sonst war nichts zu entdecken." Der enthaltene Sarkophag war einer zeitgenössischen Zeitungsmeldung zufolge aus der aufgesprengten Gruft geborgen und nach oben geschafft worden. Weiter schreibt Peter Bruder: "Beim Anlegen eines Kellers im Jahre 1851 stießen die Arbeiter auf Begräbnißstätten, Gebeine etc. An den Schädeln waren die Kopfkränzchen noch deutlich erkennbar, welche den Nonnen in den Sarg mitgegeben werden."

Hier sind wohl die Nonnengräber unter dem Kirchenfußboden ausgehoben worden. Die angegebene Jahreszahl 1851 ist interessant, weil der Gasthof "Zum Rupertsberg", das Herthersche- und heutige Würthsche Haus (Rupertsberg 16) über dem Keller, welchem die Nonnengräber weichen mussten, also dem Mittel- und südlichen Seitenschiff der Kirchenruine erbaut worden ist. Gesichert ist, dass das Haus 1819 noch nicht stand und wohl auch noch nicht 1851, wollte man es nicht nachträglich unterkellert haben. Sehr wahrscheinlich wurde es erst nach den Sprengungen für die Bahntrasse 1857/58 über dem Keller von 1851 errichtet. Noch um 1790 bot die Ruine der Klosterkirche dieses Bild:

Abb. II [Christian Georg Schütz, Ansicht der Ruine der Klosterkirche von Nord-West. Durch Markierungen ergänzt vom Autor]

0.2.Der Grundriss der Kirche

Auf dieser Abbildung kann man erkennen, dass die westliche Giebelwand der Kirche um 1790 bereits fast vollständig fehlte und sich nur im Westgiebel des südlichen Seitenschiffes, der damals die später in das südliche Seitenschiff eingebaute Marienkapelle abschloss, erhalten hatte. Der Westgiebel des Hochschiffs war von einem quer zum Kirchengiebel stehenden Wohnhaus überbaut, dessen östliche Traufseite etwa auf der Achse der von Westen zweiten, vermauerten Arkade gestanden haben musste. Bis dorthin reichte das nördliche Seitenschiff nach Westen. Die westlichste Arkade der nördlichen Hochschiffwand scheint mit Blick auf die Abbruchkante der Hochschiffwand entlang der Ostkante des westlichsten Fensters zum damaligen Zeitpunkt bereits nicht mehr existiert zu haben. Die westliche Traufseite des über dem Westen des ehemaligen Hochschiffs errichteten Wohnhauses überflügelt die Kontur des ehemaligen Kirchengiebels gar. Insgesamt lässt sich dieser Grundriss erkennen:

Abb. III

Daraus folgt, dass der Gasthof "Zum Rupertsberg" die westliche Giebelwand der Kirche nicht einschließen kann, weil sie, als er erbaut wurde bereits nicht mehr existierte. Man hätte sie in Fortsetzung der Giebelwand der aufgegebenen Marienkapelle rekonstruieren müssen. Nach dem Abbruch des kleinen barocken Wohnhauses hatte man (von Pater Otto bereits 1779 als "Hofhaus" angegeben) zwar im Süden - dank der Marienkapelle - noch eine Hochschiffwand vorgefunden, die ihre ursprüngliche Ausdehnung nach Westen aufwies, nicht aber im Norden, wo sie über dem ersten westlichen Pfeiler endete. Statt die nördliche Hochschiffwand nach Westen zu rekonstruieren, richtete man sich nach der etwas geringeren Westausdehnung der nördlichen Hochschiffwand und die Westwand des Gasthofes (heute Haus Würth) westlich an die ersten westlichen Hochschiff-Pfeiler an. Diese Beobachtung wird sich noch als bedeutsam erweisen.

Leider schweigt Peter Bruder vollständig über die Marienkapelle (?), welche in den vier westlichen Jochen des südlichen Seitenschiffes der Basilika irgendwann nach der Zerstörung der Klosterkirche 1632 notdürftig eingerichtet worden war. Die Aufhebung dieser Kapelle muss dem Bau des Hertherschen Gasthofes, der sie fast vollständig überformen wird, voraus gegangen sein. Gut denkbar ist die Aufgabe dieses Oratoriums in der Zeit nach 1839, im Zuge der Planungen für die Eisenbahnlinie.

Seit 1998 existieren fotogrammetrische Bauaufnahmen des Landesamtes für Denkmalpflege in Mainz vom ehemaligen Gasthofes "Zum Rupertsberg". Diese wurden angefertigt, weil man von jeher weiß, dass sich in in dem Gebäude Reste der südlichen Hochschiffwand der abgebrochenen Klosterkirche befinden, die nach den Sanierungsarbeiten in Folge eines Brandes in dem Gebäude wieder sichtbar gemacht worden waren. Projiziert man diese Bauaufnahme-Zeichnung

Abb. IV

in den auf dem Grundriss, Abb. III rekonstruierten Schnitt der Kirche, so ergibt sich dieses Bild:

Abb. V

0.3.Das Kirchenschiff

Rot angelegt ist der Keller unter dem Hochschiff der Kirche; wohl der Bereich, in dem 1851 beim Anlegen des Kellers die Überreste der Nonnen exhumiert worden waren. Sehr gut erkennt man hier auch, dass die Kellerdecke den Kirchenfußboden gut einen Meter nach oben durchbricht. Damit scheidet jeder Gedanke daran, dass der Keller unter der Kirche angelegt worden sein und etwas mit einer Krypta oder Gruft weiter östlich zu tun gehabt haben könnte, definitiv aus. Ein guter Grund dafür, dass der Keller den Kirchenfußboden durchbricht, könnte sein, dass man beim Ausschachten unterhalb der Gräber auf Felsen gestoßen war, bevor man die Tiefe erreicht hatte, welche notwendig gewesen wäre, um die damals geringstmögliche Wölbung der Tonne über dem Keller unter den Kirchenfußboden zu legen. Sicher war das auch nicht mehr nötig, denn die Kirche gab es, abgesehen von Resten insbesondere der südlichen der Hochschiffwand, wohl nicht mehr. Eine weitestgehend aufrechtstehende Kirchenruine oder gar Kirche durch Anlage eines Kellers zu unterminieren, wäre sicher all zu gewagt gewesen.

Weil die Türme den Damen die Sicht auf den Altarbereich verdeckt hätten (siehe Abb. III), ist der Damenchor zwischen den Türmen, vor dem Chor und der Apsis mit dem Hochaltar rekonstruiert. Um ausreichend Platz für alle Nonnen zu bieten, ist er über die drei östlichsten Joche angenommen. Dafür spricht auch die rundbogig geschlossene Maueröffnuung (siehe Abb. II), welche in der nördlichen Sargwand, etwas oberhalb der Arkadenscheitel, etwa in Höhe der Decke des nördlichen Seitenschiffes sitzt, in dessen Dachraum sie führt. Ihre Position ist mittig über dem Scheitel der zweiten Arkade von Osten und säße somit exakt in der Mitte des Damenchores, wenn man diesen mit drei Arkaden (Jochen) Tiefe annimmt.
Da es sich bei dieser Maueröffnung nur um den Zugang zu einer Schwalbennestorgel handeln kann und diese sicher am günstigsten über der Mittelachse des Damenchores angeordnet wäre, dürfen wir unsere Annahme von drei Jochen Tiefe des Chores hierdurch bestätigt sehen.
Gleichzeitig finden wir in dem Vorhandensein einer Orgel (in diese Rekonstruktion eingesetzt ist maßgleich die Valeria-Orgel zu Sitten, CH. Von 1435, incl. Windmaschine im Dach des Seitenschiffs) an dieser Stelle eine plausible Erklärung für den ziemlich unüblichen Versatz zwischen Seitenschiff- und Obergadenfenstern. Die Seitenschifffenster müssen in den Achsen der Arkaden sitzen. Öffneten sie sich gegen die Pfeiler würde das die Belichtung der Seitenschiffe zu sehr beeinträchtigen. Bei den Obergadenfenstern spielt das keine Rolle, sie könnten unter dem Gesichtspunkt der Lichtausbeute eben so gut über den Pfeilern, statt über den Arkadenscheiteln angeordnet sein. Säßen aber im Falle der Rupertuskirche die Obergadenfenster über den Seitenschifffenstern, in den Achsen der Arkaden, ertönte die - wenn auch kleine - Orgel direkt unter, bzw. vor einem mehr oder weniger flexibel bleiverglasten Obergadenfenster. Das ergäbe einen ziemlich erbärmlichen Klang und gefährdete das Fenster. Vor der massiven Mauer jedoch wird der Klang der Orgel gut reflektiert und man hat die notwendige Akkustik.

0.4.Das ehemalige Chorschrankenportal

Abb. VI

Wenn man jetzt den Plan (Abb. IV) der fotogrammetrisch gegebene Hochschiffwand mit fünf Arkaden in den Schnitt der Kirche (Abb. V) mit neun Arkaden einsetzt und drei Arkaden im Osten für den verlorenen Chor der Damen und die westlichste Arkade, die ja offenbar nicht wieder aufgebaut worden war, frei lässt, kommt die Ostwand des Gasthofes exakt auf der westlichen Chorschranke zu stehen (Abb. III und V). Daraus folgt, dass das spätgotische Portal (Abb. VI) am Herterschen- (heute Würthschen) Haus sicher nicht (was schon technisch fast unmöglich gewesen wäre und durch nichts motiviert) von irgendwo anders hierher gebracht und an gut versteckter Stelle neu eingebaut worden ist, sondern in situ steht und den südlichen Durchgang der westlichen Chorschranke zum Damenchor darstellt. (Vergleiche Abb. IV wie perfekt die Höhe des Portals (Gewände im Schnitt erkennbar) zur Kämpferhöhe der Hochschiffarkaden passt.) Für den Grundriss des Chores bedeutet das, dass es zwei westliche Zugänge zum Chor gab - den erhaltenen südlichen und einen nördlichen in der Achse, in der sich heute an seiner Stelle ein Hanggeschoss- (Keller-) Fester befindet.

Abb. VII

Diese Tatsache bedeutet auch, dass es mindestens einen geschützten Sitzplatz zwischen den beiden Chorschrankendurchgängen auf der Ost-Westachse des Chores und genau gegenüber dem Hochaltar gegeben hat - nicht hatte, denn dieser Platz ist in Gestalt der Chorschrankenmauer zwischen dem erhaltenen Portal und dem benachbarten Fenster heute noch vorhanden. Als bester Platz, des Chores wie der ganzen Kirche, darf man davon ausgehen, dass er für die Äbtissin des Klosters reserviert gewesen war. Die erste Äbtissin hier ist Hildegard von Bingen gewesen. Auffällig an dem erhaltenen Chorschrankenportal ist die überproportionale Höhe des Durchgangs. Sie dürfte den hochragenden Vortragekreuzen geschuldet sein, hinter denen die Damen in den Chor eingezogen waren. Im Blick auf den Querschnitt durch die Basilika von Westen erkennt man die ganze Höhe dieses Portales und seines verschwundenen Pendants.

Abb. VIII

Die beiden Wappen, die das Portal zeigt, sind interessant. Das südliche Wappen mit den beiden Wolfsangeln ist das des einflussreichen Mainzer Domkapitulars Bernhard von Breidenbach (1440 - 1497), zwischen 1469 und 1473, Amtmann des (Mainzer) Domkapitels auf Burg Klopp, mächtigster Mann in Bingen. Von Breidenbach war ein Vertrauter des Mainzer Erzbischofs, Erzkanzlers und Kurfürsten Berthold von Henneberg (1441/42-1504), der das Grab Hildegard von Bingens 1489 und 1498 öffnen und die Reliquien Hildegards entnehmen ließ.


Abb. IX

Das diagonal gestreifte, nördliche der beiden Wappen ist wohl das des Bernhard Vertrauten Wolf von Bicken (um 1440 -1510). Er war Generalvikar von Mainz und gehörte 1489 zu der Kommission, welche die zweite Öffnung des Grabes Hildegard von Bingens und die Erhebung ihrer Reliquien unternahm. Es sieht also ganz so aus, als seien Bernhard von Breidenbach und Wolf von Bicken die beiden, welche durch die Erhebung der Gebeine Hildegards deren Heiligsprechung am Papst vorbei durch den lebendigen Kultus ("per vitam cultus") vollzogen, die beiden Stifter des bzw. der ehemals zwei gotischen Portale, von denen das südliche noch an dem Platz steht, an dem es wohl im Zuge der Anlegung der Gruft für die Gebeine Hildegards, (sowie der des Rupertus und seiner Mutter) im Zentrum des Chores - handschriftliche Notiz auf Blatt 1r des "Wiesbadener Riesenkodex: "...gewölb, welches im Chor ohnfer zwanzig schritt vom hohen Altar gewesen ist..." (Das sind ca. 12 m westlich des Hochaltars in der Apsis) - an Stelle eines romanischen Vorgängers errichtet worden war. In Analogie zur Situation der Apsis wird hier von einer Gotisierung der westlichen Chorschranke ausgegangen, die den Bestand zwar "modernisiert" jedoch nicht grundlegend verändert. Dieses sparsame Vorgehen könnte dem Respekt auch vor dem baulichen Erbe der Heiligen Hildegard geschuldet gewesen sein?

Entsprechend der Notiz im Wiesbadener Riesenkodex ist die Hildegardisgruft in der Rekonstruktion in der Mitte des Chores der Damen angenommen.

0.5.Die Klosteranlage von der Nahe her gesehen

Auch von der Süd-Ost- Seite der Klosterkirche besitzen wir eine Ansicht. Dieser Prospekt ist von J. A. Ackermann, um 1790, vom Fluss aus gesehen:

Abb. X

Daraus lässt sich schließen, dass diese Ansicht wohl nachträglich, im Atelier aus Erinnerungsfragmenten, vielleicht aus Detailskizzen zusammen gestellt worden ist. Tatsächlich ist dieses Bild ziemlich heterogen. Einzelne, sehr exakte Beobachtungen - wie das fachwerkartige obere Giebeldreieck der Marienkapelle, welches aus dem (nach 1632 erneuerten) Dachwerk des Oratoriums gebildet ist, oder die Baunarben an Süd- und Ostseite des Südturmes, die zu Dormentbau und östlichem Turmanbau gehören, sowie eine Türöffnung in der Südseite des Südturmes, welche vom Giebel des Dormitoriums zu einer Mauertreppe in der Turmmauer führte, sind zwar notiert, doch, genau wie die Tür vom östlichem Kreuzgangflügel ins südliche Seitenschiff, nicht so exakt positioniert, wie man sie hätte angeben können, wenn es möglich gewesen wäre, unmittelbar vor Ort arbeiten zu können. Wir dürfen von diesem Blatt also nicht den selben Zeugniswert erwarten, wie von der von Land aus, unmittelbar am Objekt gezeichneten Ansicht.
Das gilt auch mit Blick auf die angegebenen Rundbogenfriese. Laut Schütz hatte es unter der Traufe des Hochschiffs keinen gegeben. Zu solch einem Trauf-Fries hätten als die Fassade vertikal gliedernde Elemente Lisenen gehört, welche (wie an den Türmen und der Apsis) die Fenster gruppenweise rahmende Blendnischen geschaffen hätten, doch von diesen Lisenen fehlt jede Spur. Deshalb ist kein Rundbogen-Trauffries rekonstruiert. An den Türmen waren die Rundbogenfriese laut Schütz weniger bogenreich, dafür aber waren die Bögen größer. Sehr interessant ist die Achermannsche Darstellung der Apsis der Kirche. Sie zeigt die bewachsene Gewölbekalotte unter dem vergangenen Dach über der Apsis und sie gibt die ehemals rundbogigen, ursprünglich romanischen Fenster der Apsis explizit als spitzbogig an. (Dass alle drei Fenster der Apsis in der Süd-Ost-Schrägansicht erscheinen, während doch das nord-östliche aus dieser Perspektive eigentlich nicht sichtbar sein dürfte, ist ein weiterer Hinweis darauf, dass diese Ansicht nicht vor der Natur gezeichnet worden ist.) Wir finden in der Angabe der Apsisfenster als spitzbogig einen wertvollen Hinweis darauf, dass die Kirche (vielleicht im späten 15. Jahrhundert?) zwar gotisiert worden war, jedoch nur innerhalb der Bestandsstrukturen, die zwar moderat umgeformt, nicht aber durch ganze Bauglieder im neuen Stil ersetzt worden waren - ganz so, wie später manch kleinere Kirche barockisiert worden ist. Daraus, dass die Scheitel der Spitzbogenfenster zu dicht unter den Rundbogenfriesen zu sitzen scheinen, kann man schließen, dass den Rundbogenfenstern nachträglich nur ein Spitzbogen "aufgesetzt" worden war, was den geringst möglichen baulichen Aufwand der Gotisierung bedeutet.
Eine weitere interessante Angabe dieses Blattes (Abb. V) ist der Rest des westlichen Klausurgebäudes. Ein schmaler, zweigeschossiger Baukörper (von Pater Otto 1779 als Kelterhaus bezeichnet), sowie ein Mauerzug weiter bis an die Kirche. Das alles sind Reste des ehemaligen westlichen Klausurgebäudes. Ganz im Süden, parallel zur Kirche, ist noch ein Stück Mauer angegeben, das zur Bebauung der Südflanke der Klausur gehört hatte, wahrscheinlich ein Rest der Südmauer der Küche.
Sehr rätselhaft erscheint eine lange Mauer zwischen der Kirche im Norden und den südlichen Mauerresten, welche gleichzeitig vor dem Westflügel der Klausur steht. Wenn man ausschließen will, dass es einen Baukörper gegeben hatte, welcher über der Diagonalen des Kreuzhofes gestanden hatte, macht schon die Beschreibung der Lage der rätselhaften, mit Arkaden versehenen Mauer klar, dass sie nur zum östlichen Klausurflügel gehört haben kann.
Die Arkaden lassen spontan an die Bögen des Kreuzgangs denken, doch die sollte man größer, höher und entsprechend weniger zahlreich annehmen. Vor allem aber sollten sie auf einer Mauer aufsitzen und nicht im Boden enden. Ein Blick auf den gut zehn Jahre früheren Zustand der Klausur, den Pater Otto 1779 von Westen aus gesehen gibt, bringt Klarheit.

0.6.Der Plan Pater Ottos

Abb. XI.

Zu seiner hier nachträglich colorierten schwarz-weiß-Zeichnung von 1779 macht Pater Otto unter anderem folgende Angaben: Hofhaus - (gelb markiert), Capelle - (blau markiert), Kelterhaus und Keller - (braun markiert). Bei dem grün markierten Bereich handelt es sich um die Trümmer des Südflügels der Klausur, in dem sich das Refektorium und im Osten die Küche befunden haben müssen. Falls es Keller unter diesem Bau gab, was nicht unwahrscheinlich ist, könnten diese unter dem Schuttberg noch erhalten gewesen sein. Rot markiert ist in der Flucht der Süd-West-Ecke des Südturmes die Mauerstruktur, welche bei Ackermann (vergl. Abb.X) aus der gegenüberliegenden Sicht noch so rätselhaft, aber immerhin dem östlichen Klausurgebäude zuzuordnen erscheint. Es handelt sich also tatsächlich um eine Längswand des ehemaligen Dormentbaus, und zwar um dessen westliche Traufseite. Jetzt wird auch klar, um was es sich bei den seltsamen, bis auf den Boden reichenden "Arkaden" handelt - es sind wohl nachträglich (offenbar schon vor der Zerstörung des Gebäudes 1632) zugemauerte Türen. Direkt über den vermauerten Türen bemerken wir Sohlbänke und Reste der seitlichen Gewände von kleinen Fenstern. Spätestens jetzt ist klar, dass diese Mauer keine Kreuzhof-Arkadenwand gewesen sein kann, wollte man nicht von einem Kreuzgangflügel mit durchfenstertem Obergeschoss ausgehen.
Hinter den hier angegebenen Türen lassen sich unschwer Zellen rekonstruieren. Diese waren über den westlich vor der Gebäudefassade stehenden, östlichen Kreuzgangflügel durch einen gedeckten Gang mit der Kirche verbunden. Über deren östlichen Seiteneingang in das südliche Seitenschiff (vergleiche Abb. X, Achermann und XI, Pater Otto) konnten die Nonnen, welche in den Zellen unter dem Dormitorium gearbeitet hatten, bei jedem Wetter trockenen Fußes und schnell in die Kirche gelangen, um an den vorgeschriebenen Chorgebeten teilnehmen zu können. Was die Nonnen in diesen Zellen gearbeitet haben, bleibt unklar. Wir wissen jedoch, dass das Kloster auf dem Rupertsberg ein berühmtes Scriptorium besaß und dass dort wertvolles, textiles Kunsthandwerk hergestellt wurde.

Weil die Arkaden der südlichen Hochschiffwand (die östlichsten drei halbhoch vermauert als südliche Chorschranke, sowie deren östlicher Seiteneingang und die beiden westlich folgenden Arkaden ganz offen) hier, bei Pater Otto als gänzlich zugesetzt und nicht mehr erkennbar angegeben sind, wird angenommen, dass die kleine Treppe, sowie die Türe im Turm, vor der sie endet, nicht bauzeitlich sind, sondern spätere Umbauten zu unbekanntem Zweck.

0.7.Der Hertersche Plan

Abb. XII

Zu den aussagefähigsten Quellen zur Rekonstruktion des Klosters auf dem Rupertsberg gehört der Plan, den sich der damalige Käufer des aufgegebenen Klosters, Franz Herter, 1819 von seinem neuen Besitz angefertigt hatte. Wohl nach 1851 (wie gezeigt) errichtete er auf seinem Grundstück das Gasthaus "Zum Rupertsberg", das Hertersche, heute Würthsche Haus. 
Der Nachlass, in dem sich sämtlichen Akten, Dokumenten, Plänen und alle Ergebnisse der Familienforschung Herter befanden, ist vor wenigen Jahren vernichtet worden, weswegen sich auch das überlieferte Entstehungsdatum des Planes, 1819 nicht mehr belegen lässt, es sei denn, der Plan ist bereits anderenorts mit Datierung publiziert worden. Der vernichtete Plan war tituliert mit dem Satz: "Ein Luftaufnahm des Herrn Franz Herter seyn Haus Stallung Weinberg Hof und Garten". 1997 wurde der Originalplan fotokopiert, schwarz-weiß (Vergrößerung A3) und in Farbe (Originalgröße, etwa A4). Allerdings nur eine Planhälfte - die andere war zurückgefaltet und wurde nicht kopiert, so dass sich die im Kopf der erhaltenen Karte gemachten Angaben heute nicht mehr sicher zuordnen lassen.
Leider hat sich von der Farbkopie nur eine Variante erhalten, in der der rekonstruierte Klostergrundriss eingetragen ist. Deshalb ist in der von den jüngsten Eintragungen weitestgehend verschont gebliebenenen schwarz-weiß-Version des Planes die ehemalige Farbigkeit rekonstruiert worden. Es handelt sich also nicht um einen Farbscan des Originals, sondern um eine Rekonstruktion von dessen ehemaliger Farbigkeit. Die von Franz Herter später mit Bleistift hinzugefügten Schriftzüge waren in der Schwarzweißkopie nur sehr schlecht lesbar. Sie sind digital nachbearbeitet wieder in den Plan eingesetzt worden, um ihre Lesbarkeit etwas zu verbessern.

Abb. XIII

Alle Flächeninhalte sind in „Ruthen und Schu“ angegeben. Eine preußische Rute ab 1816 (hier gemeint?) enthält 12 Fuß („Schu“) und war ca. 4,6m lang.

Gelb dargestellt sind die Flächen des alten Klosters, welche Franz Herter gekauft hatte. Blau scheint Herter Flächen übermalt zu haben, die er verkauft hat, wie unten das Gärtchen im Eingangsbereich des Klosters (Nord-Ost-Ecke), sowie den Brunnen am entgegengesetzten Ende des Geländes, Rot sind Gebäude und Umfassungsmauern eingezeichnet und braun die Wege.

Offenbar hat Franz Herter nicht das gesamte Klosterareal (gelb) erwerben können. Anderweitig verkauft worden zu sein scheint der Bereich des Südflügels des Konvents (Refektorium) unter dessen Ruine ziemlich wahrscheinlich eine Kelleranlage erhalten geblieben ist, so wie den halben (westlichen) Kreuzhof. Herter notiert dort mit Bleistift: „Zollamt, resp. Jetziger Beamtenbau“. Diesen Teil des ehemaligen Westflügels der Klausur (Abb. XII) gibt Pater Otto als Kelterhaus an. Was Franz Herter an ehemaligem Creuzgarten (so nennt ihn Pater Otto) fehlt, scheint also dem Zollamt als umgebenden Hof zugeschlagen worden zu sein.

Herter scheint sich von den blau markierten Flächen – im Bereich des ehemaligen Kreuzgartens eine Fläche mit (Obst-?) Bäumen und im Eingangsbereich der Garten oberhalb der Treppe – wieder getrennt zu haben.
Neben die Treppe im Eingangsbereich des Kloster schreibt er: „1852, das Gärtchen habe ich an Höfler verkauft und würde die Treppe links nebenan verlegt.“
Diese Notiz bezieht sich offenbar auf das blau markierte Gärtchen, welches er mit Punkten „bepflanzt“ dargestellt hat – vielleicht Gemüse?
Ebenfalls an diesem Gärtchen notierte er leider ziemlich unleserlich vielleicht: „Kelterhaus…“

Bei den Gebäuden (rot) fällt auf, dass der Planverfasser offenbar nicht alle gemauerten Objekte auf dem Grundstück notiert hat. So hat er beispielsweise den dort stehenden Mauerabschnitt der südlichen Hochschiffwand sowie einen Rest der westlichen Chorschranke - noch heute im ehemaligen Hause Herter (heute Würth) erhalten - nicht eingetragen.
Gleiches gilt auch für „des Herrn Franz Herter seyn Haus...“ - darunter, unter
„2) Das Wohnhaus enthält...“ aufgeführt, fehlt in dem Plan anscheinend.  An der Stelle, an welcher Schütz (Abb. II) und Pater Otto (Abb. XI) um 1790 und 1779 das „Hofhaus“ angeben – wischen den Westenden der beiden Hochschiffwände – spart Herter einen adäquaten Bereich von der „Bepflanzung“ mit Weinstöcken aus. Dazu, vielleicht als Hof, den Bereich des nördlichen Seitenschiffes vor der Nordseite des Hofhauses.
Hat Herter auch das Wohnhaus nicht eingetragen - lediglich als nicht bepflanzten Bereich markiert, so hat er doch die anscheinend beziehungslos und isoliert im Gelände liegende Treppe in der Süd-Ost-Ecke des Geländes, die vom Weg (braun) zum Brunnen (blau) hinab zu führen scheint notiert und rot angelegt.
Womöglich lag der Weg (braun) vom Südturm zur Süd-Ost-Ecke des Geländes auf der Krone der im Hangbereich stehengebliebenen Ostwand des ehemaligen  Ostflügels der Klausur? Die Treppe aus sieben Stufen (so viele gibt zumindest der Plan an,  und damit vermittelte sie maximal 1,5 m Höhendifferenz) hätte in diesem Fall nicht zum alten Klosterbestand gehört. In der Höhendifferenz zwischen dem Weinbergsweg oben und dem davor liegenden Streifen, bzw. daunter könnte theoretisch der Keller unter dem östlichen Klausurgebäude gesteckt haben. Ob er von Hildegard aber bereits angelegt worden ist, ist unsicher, nachträglich eingebaut worden ist er hingegen wohl ziemlich sicher nicht mehr. Einen Hinweis auf diesen Keller enthält der Hertersche Plan nicht. Rot dargestellt sind außerdem die Kapelle im südlichen Seitenschiff samt Außentreppe, Südturm (-Stumpf?) und Apsis. Der Bereich des Nordturmes ist als bepflanzt dargestellt. Von dem ehemaligen Abgang in die Krypta vom Nordturm aus ist keine Spur notiert. Wenn der Bereich der Apsis und des Nordturmes bepflanzt dargestellt sind, scheint das ein Hinweis darauf zu sein, dass die unter den mit dem Alter immer tiefer wurzelnden Weinstöcken liegenden Gewölbe der Krypta den Weinanbau nicht ausschlossen? Schließlich wächst Wein auch auf relativ schwachen Humusschichten über massivem Felsen.
Ebenfalls keine Spur hat Herter von dem Turm in der Umfassungsmauer (Abknick Wallweg), der sogenannten „Kanzel“ (auf die später eingegangen werden wird) angegeben. So bleibt offen, was genau sein Kriterium für die Kennzeichnung von Gebäudeteilen in rot gewesen sein könnte.

Bei den Wegen (braun) fällt auf, dass der Weg parallel zum ehemaligen südlichen Seitenschiff der Basilika so schnurgerade ausfällt, als bildete er noch 1819 den ehemaligen Kreuzgangflügel ab.

0.8.Die Nikolauskapelle

Abb. XIV

Auch dieses Luftbild von 1957 ist Grundlage der Rekonstruktion des Klosters als ummauertes Gebäudeensemble. Es dient der Beantwortung der Frage, wo die ehemalige Nikolauskapelle im Bezug auf die Gebäude des Klosters stand. Die Nikolauskapelle war die Kapelle der Nahe-Schiffer, hatte also einen anderen Bauherren und Eigentümer als das Kloster und auch ein anderes Klientel, nämlich die Naheschiffer. Außerdem dürfte selbst ein denkbarer romanischer Vorgängerbau dieser Kapelle erst nach der Errichtung des Klosters erbaut worden sein.

Daniel Meisner (Abb. XV) gibt sie um 1620 (gedruckt später) jedoch im Mauerverband mit dem Kloster an und zwar in etwa an dessen Nord-Ost-Ecke, dort wo 1852 Herter sein Gärtchen an Höfler verkauft hatte.

Abb. XV

Hätte sie aber im Mauerverband mit dem Kloster gestanden, hätte sie 1857 beim Eisenbahnbau dem Gleisbau weichen müssen.
Die Nikolauskapelle stand an ihrem ursprünglichen Platz aber noch nachweislich 1957 (Datum des Luftbildes Abb. XIV) und auch noch 1958 (Datum des Fotos, das hier in Umzeichnung wiedergegeben wird, Abb. XVI) Sie wurde 1958 zwar neu aufgebaut und in einen sie in Nord-Südrichtung überflügelnden Profanbau integriert, aber es handelte sich im Kern, dem "drei Sechstel-Schluss", etwas von den Seitenwänden und den Strebepfeilern, aber immer noch um den historischen Bau, der auch 1632 von den Schweden zerstört worden und 1790 (Darstellung von Ackermann, Abb. XVI) noch nicht wieder aufgebaut war.
Möglicherweise ist die Ruine auch erst in den 1850er Jahren im Zuge des Eisenbahnbaus und für den Eisenbahnbetrieb als Profanbau wieder hergestellt worden?

Abb. XVI: Zustand der Nikolauskapelle 1958

Abb. XVII

So stellt Ackermann die Ruine der Nikolauskapelle noch um 1790 dar. Es steht also fest, dass die Nikolauskapelle nicht nur nicht auf das Klostergelände gehörte, sondern dort auch nicht gestanden haben kann, sondern - wie das Luftbild (Abb. XIV) zeigt - etwas weiter nördlich und ein gutes Stück weiter östlich, hart am Fluss und weit genug östlich, um nicht dem Gleisbau zum Opfer zu fallen.


Abb. XVIII: Für die Nikolauskapelle lässt sich diese Form rekonstruieren.

Abb. XIX
Abb. XX

Der Eingang der Kapelle muss seitlich gewesen sein. Hätte er westlich gelegen, hätte jeder Eintretende wegen der minimalen Raumtiefe unvermittelt vor dem Altar gestanden und den dort Stehenden oder Knieenden im Rücken. Die Chronisten (diejenigen unberücksichtigt gelassen, die zu erkennen geben, dass sie nur fremde Vorlagen abgezeichnet haben) sind sich ausweislich ihrer Ruinendarstellungen einig, dass der Kapelleneingang am Westende der Nordwand lag und merkwürdigerweise auch, dass er rundbogig, nicht spitzbogig war, was sogar gelegentlich besonders betont wird. Vielleicht ein Hinweis auf einen romanischen Vorgängerbau?
Der Dachreiter der Kapelle ist minimal rekonstruiert und gerade groß genug für eine kleine Glocke. Diese hätte man mit Hilfe eines Seiles, das durch den Schlussstein des Gewölbes und weiter an der Wand entlang geführt sein könnte, läuten gekonnt haben.

Bis auf den alten Wallweg, der in der modernen Straßenführung fort zu leben scheint, sind 1957 weiter keine Strukturen des alten Klosters mehr auf dem Luftbild zu erkennen: Das Zollamt (Kelterhaus des Klosters, Rest des westlichen Klausurgebäudes) ist verschwunden, die Ost-West-Achse des ehemaligen Refektoriums ist von zwei modernen Gebäuden mit Nord-Süd-Achse überbaut und dass diese in etwa auf dem alten Kreuzgarten stehen scheint reiner Zufall. Immerhin wäre es interessant zu erfahren, ob unter dem Südende dieser Gebäude ein langer, alter, tonnengewölbter Keller erhalten geblieben ist? Das könnte der Keller unter Refektorium und Küche gewesen sein.

Auf dem Luftbild (Abb. IV) erkennt man südlich sehr gut das Mansarddach des ehemaligen Gasthofs zum Rupertsberg und im Nord-Osten das Dach der Nikolauskapelle, bzw. das Dach über deren drei-Sechstel-Chorschlusses, der östlich aus der Kontur des Wiederaufbaus heraus ragt.

Wenn man jetzt das Luftbild, den Herterschen Plan und die auch daraus entwickelte Klosterrekonsteruktion übereinander legt, so bekommt man dieses Bild:

0.9.Wirtschaftsgebäude: Klosterküche, Kelterhaus und Stallungen

Zwischen Südgiebel des Dormentbaus (östlicher Klausurflügel) und Ostgiebel des Refektoriums (südlicher Klausurflügel) ist die Klosterküche angenommen. Mit ihrem Kamin könnte sie dem Dormitorium etwas Wärme gespendet haben und eine Anbindung an den Speisesaal wäre auch gewährleistet gewesen. Sollte sich, wie der Herter-Plan vermuten lässt, in diesem Bereich tatsächlich ein Brunnen befunden haben, so wäre das sicher kein Argument gegen eine Küche an dieser Stelle.

Der westliche Klausurflügel ist Pater Ottos Angabe folgend (Abb. XI) im Grundriss in drei Abschnitte geteilt angenommen. Der zuletzt erhaltene - oder (ohne Rundbogenfenster) nach 1632 wieder aufgebaute - war der südlichste Abschnitt, den Pater Otto 1779 zweigeschossig als "Kelterhaus und Keller" bezeichnet und das von Osten gesehen Ackermann (Abb. X) um 1790 bezeugt. Dieses Gebäude scheint Franz Herter zu Folge noch 1819, bzw. später, als "Zollamt, resp. Jetziges Beamtenhaus" weiter bestanden zu haben. Vom aufgehenden Mauerwerk des übrigen westlichen Klausurgebäudes ist um 1790 ansonsten nur noch der untere Teil der Westfassade erhalten gewesen und darin das nördliche Tor, welches ehemals in das Bauwerk geführt hatte und nach dessen Zerstörung in den Kreuzgarten. Herter gibt in seinem Plan von 1819 diese Mauer mit dem Tor nicht an. Vielleicht ist sie beim Verkauf des Kelterhauses an die Zollbehörde und die Zuschlagung der angrenzenden Flächen abgetragen worden? Die Zuschlagung der angrenzenden Flächen zum Beamtenbau, insbesondere der nördlichen Fläche wäre sinnvoll gewesen, befand sich darunter doch der von Pater Otto erwähnte Keller. Wenn es im Grundriss des Gebäudes drei Abteilungen gab, die anscheinend unabhängig von einander zugänglich waren (je ein Tor im Süd- und Nordkompartiment), so kann man wohl auch ein Tor in der Gebäudemitte annehmen.

Der Baukörper gegenüber der Westfassade der Kirche könnte der gewesen sein, den Franz Herter als seine "Stallung" bezeichnet. Dass an dieser Stelle gegenüber dem Haupteingang der Klosterkirche schon zu Hildegards Zeiten Nutzvieh gehalten worden war, darf man wohl bezweifeln. Es erscheint sogar unsicher, ob es an dieser Stelle überhaupt je ein Bauwerk gegeben hatte. Allerdings müssen auf dem Klostergelände Profanbauten gestanden haben, um den Betrieb zu gewährleisten. Es scheint einigermaßen sinnvoll, an der Stelle an welcher der "Wallweg" "nach der Chausse" abknickt, in der Klostermauer eine Pforte anzunehmen, durch welche das Kelterhaus gut von den umgebenden Weinbergen aus anzufahren gewesen wäre. In Verbindung mit dem hypothetischen Profanbau an Stelle der Herterschen Stallung ließe sich so ein Wirtschaftshof in der Süd-West-Ecke des Klosterareals denken, der nach Norden und der Kirche hin sogar durch eine ca. 8m kurze Mauer ganz vom übrigen Klostergelände abzutrennen gewesen wäre. Dieser Hof böte entlang der Umfassungsmauer noch einiges Potential zur Errichtung benötigter Wirtschaftsgebäude.

An der Stelle, an der die westliche Klostermauer nach Nord-Osten schwenkt, ist als Turm wohl die erhöhte Stelle angenommen, die laut Peter Bruder, im Rupertusbüchlein 1882, im Volksmund als "die Kanzel" bezeichnet worden war. Ihre Rekonstruktion basiert auf einem farbigen Aquarell von Caspar Schneider "Ruine des Klosters auf dem Rupertsberg" von um 1790.

Abb. XXI

0.10.Turm und Kanzel

Man erkennt sehr deutlich die Ruine eines Turmes, der offenbar vor einer Mauer, in die er nicht eingebunden gewesen zu sein scheint, errichtet worden war. Die dahinter stehende Mauer zeigt rechts einen (gotischen) Strebepfeiler, der statisch nicht notwendig gewesen wäre, wenn seine Funktion zuvor schon vom Turm übernommen worden wäre. Links weist die Mauer eine zugesetzte, rundbogige Tür in einer Mauernische auf. Bei dieser, gegenüber der Mauerfläche etwas zurückspringenden Nische, dürfte es sich um ein ebenfalls zugesetztes Tor in der Klostermauer gehandelt haben. Wann beide entstanden und wieder zugesetzt worden waren, lässt sich anhand dieser Darstellung nicht klären.
Von dem Turm lässt sich einigermaßen sicher ersehen, das es sich bei ihm um eine nachträgliche, fortifikatorische Maßnahme handelt. In seinem Fuß erkennt man noch Spuren einer rund- oder spitzbogigen Türöffnung. Dahinter sieht man die Reste einer steinernen Spindeltreppe. Die rückwärtige Mauerschale ist höher erhalten, als diejenige, auf die der Chronist geblickt hatte. Man kann sich gut vorstellen, dass diese Situation gut geeignet war, darin etwas einzurichten, dass im späteren 19. Jahrhundert noch als Kanzel in der Nähe des nördlichen Seitenschiffes der Kirche, vor deren Hof sich die Pilger versammelten und von welcher der Prediger an Wallfahrtstagen auf dem Rupertsberg das Wort Gottes verkündete, gedient haben konnte.
Da der Eingang zum Turm - falls er eine fortifikatorische Maßnahme war und nicht mitten auf dem "Wallweg" gestanden und diesen blockiert haben sollte - sich gegen den Klosterhof geöffnet haben müsste, ist das Aquarell von der Kirche aus gemalt worden sein. Der Strebepfeiler, hatte demnach östlich des Turmes gestanden und das Tor westlich davon. Der Strebepfeiler ist interessant, weil er - seine statische Notwendigkeit für die Standfestigkeit der Mauer vorausgesetzte - die in einer Abknickstelle der Mauer natürlich geringer war als auf gerader Strecke - davon zeugt, dass die Mauer insbesondere auf ihren geraden Strecken regelmäßig von derartigen Stützen aufrecht gehalten worden war. In der vorliegenden Rekonstruktion sind also an die Klostermauer angebaute Gebäude in den hypothetischen Rhythmus dieser Stützpfeiler eingefügt.
Das gilt insbesondere für die beiden weiter östlich gelegenen Grundrissquadrate, die dort angenommen sind, weil es sich hier um einen idealen Bauplatz handelt, von dem man sich schlecht vorstellen kann, dass er unbesetzt geblieben sein könnte. Direkt unter ihm und östlich anschließend ist (unterhalb einer kleinen Böschung?) auf dem Grundstück, das Herter als "1852 an Höfler verkauft" bezeichnet, ein weiteres, stark durchfenstertes, eingeschossiges Gebäude angenommen. Auf diesen Bau gibt es wahrscheinlich einen konkreten Hinweis:

Abb. XXII: Ein Aquarell von Johann Adam Ackermann, um 1800 (hier leider nur in Graustufen).

0.11.Die Kosterschule

Im Gegensatz zu seiner Ansicht des Klosters von der Nahe aus (Abb. X), die durchaus auch um 1800 entstanden sein kann, ist diese auf trockenem Boden entstanden. Der Künstler muss im Schatten von etwas großem gesessen haben. Was, ist nicht zu erkennen - vielleicht ein Baum? Die topografische Situation ist gekennzeichnet durch den sich unten y-förmig gabelnden Weg. Dessen oberer Ast steigt stärker an und läuft schräg auf eine Mauer - den Rest eines befensterten Gebäudes - zu. Der Weg strebt dann in der Mauerflucht des Bauwerkes leicht abschwenkend weiter bergan. Diese topografische Situation findet sich nur an einer einzigen Stelle des Klosterareals, so wie es von Herter überliefert ist: an dessen Nord-Ost-Ecke. Ganz offensichtlich an der Ecke des Gärtchens (blau mit gelben Wegen), aber nur theoretisch auch eine Mauerecke weiter südlich. Wenn man den Standort Ackermanns beim Malen dieses Aquarells also an der Nord-Ost-Ecke des Klosters annimmt, kommt das Licht von Süd-Ost - ex oriente lux.
Im Hintergrund fällt sofort die Befensterung der Nordmauer eines ursprünglich wohl einstöckigen Gebäudes auf, an welchem der Weg bergan vorbei führt - eine Kette romanisch aussehender Rundbogenfenster. Sollte es die in der Literatur erwähnte Schule gegeben haben, so könnte man sie sich hier sehr gut vorstellen. Im Vordergrund erkennt man auf den Schatten einer abgegangenen Mauer und einen dahinter liegenden Mauerwinkel. Dieser und der davor liegenden Mauerstreifen könnten zu einer baulichen Struktur gehört haben? Man könnte das Bild so verstehen, dass ein Bauwerk auf annähernd quadratischem Grundriss in die nordöstliche Mauerecke von Nord- und Ostmauer (des Gärtchens) eingeschoben worden ist. Genau so gut könnte ein solcher Baukörper an die Nord-Ost-Ecke herangeschoben worden sein, denn der Mauerblock, den man in der Bildmittelachse, ganz links sieht, weist kurz vor dem linken Blattrand eine vertikale Kontur auf, hinter der die Fläche wieder zurück springt, so als wäre dieser Block unterer Rest einer Quermauer. Leider behindern die vom Künstler auf den verschiedenen Mauerflächen angegebenen Schattenflächen die Orientierung des Betrachters mehr als sie diese befördern. Herter gibt hier eine unversehrte Ecke an, zeichnet davor aber ein Quadrat ein in das er etwas schreibt, das sich als "Kelterhaus" entziffern ließe.

Das Aquarell Ackermanns könnte man auch so lesen, dass sich ein - wahrscheinlich erst später hinzugefügtes Torhaus (Abb. XXIII) ergäbe. Leider lässt sich kein Anhaltspunkt dafür finden, wie dieses eventuelle Torhaus zu datieren wäre. Auch deshalb ist in dieser Rekonstruktion darauf verzichtet worden.

Abb. XXIII

0.12.Das Torhaus

Mit der Frage nach einem Torhaus stellt sich die Frage der baulichen Verbindungsstelle des Konvents mit der Aussenwelt. In dieser Rekonstruktion ist sie als schlichte Pforte - ein kleines Tor - in der Mauer angenommen, auf welche der südlich des Herterschen Gärtchens nach Westen abknickende Weg ansteigt. Nördlich dieser Stelle scheint Herter eine Böschung anzugeben. In der Rekonstruktion berühren sich hier der oberhalb liegende Wirtschaftsbau und das etwas tiefer liegende mögliche Schulhaus, so dass die Mauer mit dem Tor zum Klosterareal eine Fortsetzung der östlichen Giebelwand des oberen Gebäudes darstellt. Links der Pforte ist ein größeres Gebäude angenommen. In der Literatur kämen dafür insbesondere drei Funktionen in Frage: Sommerhaus, Propstbau und Gästehaus. Gut möglich, dass der Propstbau gleichzeitig Sommer- und Gästehaus gewesen war. Da man im Mittelalter sparsam mit Mauerwerk umging und gerne vorhandene Mauern nutzte, ist die nördliche Giebelwand des hypothetischen Propstbaus als vertikale Verlängerung der den Weg zur Pforte südlich begleitenden Stützmauer angenommen. Das bringt mehrere Vorteile: man kann die ohnehin unerlässliche Stützmauer nutzen, man kann auf dem vorhandenen, begrenzten Bauplatz größer bauen, man erhält eine gute Anbindung an den Zugang zum nördlichen Seitenschiff und man kann so bauen, dass der Schmuckgiebel am Turm über dem Abgang zur Krypta nicht verdeckt wird. Die umfassende Stützmauer vor der Flussseite des Klosters wies laut Herter etwa in der Flucht des angenommenen Probstbaus eine etwa halbkreisförmige Ausstülpung auf. Sehr wahrscheinlich ein späterer Wehrerker - wohl im Zusammenhang mit den von Meisner in diesem Bereich angegebenen Mauerzinnen C.

In der Rekonstruktion des Hildegard-Klosters ebenfalls nicht berücksichtigt ist der östliche Anbau in der Flucht des Südturmes der Kirche, dessen Baunarbe Ackermann angibt (ABB. X), weil er ebenfalls eine spätere Zufügung sein könnte. Mit seinem laut Ackermann (ABB. X) unterhalb des Turmzugangs des Dormentbaus (rundbogig) gelegenen Zugangs (spitzbogig) zur Mauertreppe im Südturm, böte er theoretisch die selben günstigen Voraussetzungen für einen Schlafssal, wie das Dormitorium selbst, was ihn aber wohl noch besser als Arbeitsraum der Nonnen geeignet erscheinen lässt.
Auf jeden Fall trennt er den der Klausur östlich vorgelagerten Hof derart in einen südlichen und einen nördlichen Abschnitt, dass der südliche fortifikatorisch betrachtet zum Zwinger wird (vielleicht trägt seine äußere Mauer deshalb keine Mauerzinnen siehe Daniel Meisner).

Abb. XXIV: Umzeichnung des Kupferstiches aus Daniel Meisners Thesaurus Politicus von 1623

Ergänzende Literatur

  • Die Valeria Orgel, Veröffentlichung des Instituts für Denkmalpflege an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, Bd. 8, Zürich, 1991, ISBN 3 7281 1666 1.
  • Ausstellungskatalog, Hildegard von Bingen 1098 - 1179, Philipp von Zabern 1998. ISBN 3 8053 2398 0.
  • Volk und Scholle, 7. Jg., Heft 9, Darmstadt, 1929.
  • St. Hildegard von Bingen. Die größte deutsche Frau. Festschrift zur Hildegardis-Jubelfeier. Bingen 1179-1929. Hrsg. Von Johannes Kohl, Bingen 1929.
  • St. Rupertus-Büchlein, Peter Bruder, Dülmen, 1882