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Die Hungerjahre nach dem Zweiten Weltkrieg am Beispiel von Rheinland-Pfalz

von Karl-Heinz Rothenberger

0.1.Forschungsstand

Das Thema Ernährung und Versorgungskrise nach dem Zweiten Weltkrieg – nicht nur in Deutschland, sondern ebenso in Europa und in der Welt – ist seit vier Jahrzehnten mit unterschiedlicher Intensität und wechselnden Forschungsakzenten Gegenstand wissenschaftlicher Erörterung. In den vierziger und fünfziger Jahren erschien eine Reihe medizinischer und agrarwissenschaftlicher Arbeiten zur aktuellen Ernährungslage, zu den Problemen der landwirtschaftlichen Produktivität und zur Welternährungslage. Die meisten von ihnen haben aber den engeren Rahmen der eigenen Fachdisziplin selten überschritten.[Anm. 1] Lediglich die verdienstvolle Arbeit von Justus Rohrbach und Hans Schlange-Schöningen hat den Problemkreis Ernährungs- und Landwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg umfassend behandelt, sich dabei aber auf die Bizone beschränkt.[Anm. 2]

In den sechziger Jahren ist die Ernährungskrise von Ernst-Günther Schenck[Anm. 3] in einem globalen Zusammenhang und von Hermann Arnold[Anm. 4] unter medizinischem und sozialhygienischem Aspekt behandelt worden. Gerade die letztere Arbeit hat der Forschung umfangreiches Zahlenmaterial über Körpergewichte der Bevölkerung, hungerbedingte Krankheitserscheinungen und Sterblichkeit geliefert. 1980 hat der Verfasser die Nachkriegsernährung und die landwirtschaftliche Produktivität am Beispiel von Rheinland-Pfalz umfassend dargestellt. Die Untersuchung wurde 1983 auf die Französische Besatzungszone ausgeweitet.[Anm. 5]

In den achtziger Jahren belebte sich wieder das Interesse an dem Thema. Neben regionalgeschichtlichen Studien[Anm. 6] und einer Untersuchung über die Bedeutung des Ernährungsproblems für die Politik der Westalliierten von Farquharson[Anm. 7] hat Rainer Hudemann die Schattenwirtschaft und das Hamsterwesen im Rahmen seiner Habil.-Schrift über Sozialpolitik im deutschen Südwesten dargestellt.[Anm. 8] Den vorläufigen Abschluss bildet die Göttinger Habil.-Schrift von Günter J. Trittel über Ernährungslage und -politik in der Bizone.[Anm. 9] Sie geht gewinnreich über die Darstellung von Rohrbach/Schlange-Schöningen hinaus, aber leider wird der globale Ansatz der vierziger und fünfziger Jahre, die deutsche Ernährungslage in den Rahmen einer weltweiten Ernährungskrise einzubetten, nur kursorisch mit einigen Zahlenangaben weitergeführt.

Manche neue Akzente hat die Frauenforschung der achtziger Jahre gesetzt, die aber für unser Thema weniger bedeutsam sind.[Anm. 10]

0.2.Die Ursachen der Versorgungskrise

Aus dem Bedingungsgeflecht sind vor allem drei Faktoren herauszuheben: die Welternährungskrise, der Rückgang der landwirtschaftlichen Produktivität und der Zusammenbruch der Infrastruktur.

Kinzhuber hat den Rückgang der Nahrungsmittelproduktion in Europa 1946 mit 37%, 1947 mit 25% gegenüber 1938/39 berechnet.[Anm. 11] Baade schätzte das Defizit allein in Osteuropa aufgrund von Vertreibung und Bodenreform auf 25 Millionen Tonnen Getreidewert.[Anm. 12] Das war das Doppelte des Welthandelsumsatzes an Weizen am Ende der dreißiger Jahre. Die USA und Kanada hatten zwar während des Krieges ihre Weizenproduktion kräftig ausgeweitet, dem stand aber ein starker Erzeugungsrückgang in Argentinien und Australien gegenüber. Zudem hat England einen Teil des australischen Weizens nach Indien geleitet, um die unruhigen Verhältnisse dort zu stabilisieren. Die Versorgungslast lag somit hauptsächlich auf den USA, doch hat erst die Rekordernte 1947 ihnen erlaubt, ihren Export stark zu erhöhen. In Anbetracht angespannter Ernährungsverhältnisse in den meisten europäischen Staaten, von denen nur die angelsächsischen Länder, Skandinavien und die Schweiz 1946/47 das Niveau der Vorkriegszeit erreichten, bestand für sie im Hinblick auf die Kriegsschuld bis 1947 keine Veranlassung, Deutschland vorrangig oder in gleichem Maße zu beliefern wie die übrigen Länder.

Die binnenwirtschaftlichen Ursachen der Ernährungskrise lagen vor allem in der unzureichenden Versorgung der Landwirtschaft mit Handelsdünger. Bedingt durch Rohstoffstreuung und Spezialisierung hatte sich die deutsche Industrie seit dem 19. Jahrhundert zu einem Konglomerat von Zuliefererindustrien entwickelt, deren Geschäftsverbindungen nun durch die Zonengrenzen unterbrochen waren. Wohl besaß die Französische Zone mit der BASF eine bedeutende Erzeugungsstätte für Stickstoffdünger, aber die Produktion war durch Zerstörungen noch stark eingeschränkt. Die großen Kaligruben lagen in der sowjetisch und in der britisch besetzten Zone, Phosphorsäure wurde an Ruhr und Saar gewonnen. Indem die Militärregierung sowohl Phosphorsäure von der Saar als auch Stickstoff von der BASF in Ludwigshafen für den Bedarf des Mutterlandes abzweigte, war der Bedarf der Französischen Zone an Handelsdünger, ohne den die Landwirtschaft in Deutschland schon längst nicht mehr lebensfähig war, nur zum geringen Teil gedeckt. Hinzu kamen der nicht zu unterschätzende Verlust der großen ostdeutschen Saatzuchtanstalten sowie der Rückgang des Viehbestandes. Das minderte die Ertragsleistung des Bodens (fehlender Stallmist). Man kann für Rheinland-Pfalz 1945 einen Ertragsrückgang bei den Feldfrüchten gegenüber den dreißiger Jahren um ein Drittel bis ein Viertel annehmen. Die Produktivität des Bodens nahm in den folgenden Jahren noch weiter ab.

Die Ernährungswirtschaft hatte nicht nur Erzeugungs-, sondern nicht geringere Erfassungs- und Verteilungsprobleme. Die Zerstörung der meisten Brücken und zahlreicher Bahnlinien, die schweren Schäden am Straßennetz und der Mangel an Kraftfahrzeugen und Treibstoff sowie die Behinderungen im Post- und Telefonverkehr haben bis 1947 eine einigermaßen gleichmäßige Verteilung der Lebensmittel auf die einzelnen Landesteile, Städte und Kreise nicht gelingen lassen. Hinzu kam der Ernährungsegoismus der Regionen. Mit der Auflösung des Reichsnährstandes ging zudem die ständische Organisation der Landwirtschaft verloren, die bis Kriegsende wirkungsvoll gearbeitet hatte. Die staatlichen Beamten als Kontrolleure bildeten dafür keinen vollwertigen Ersatz. Und die Strafandrohungen und -maßnahmen der Militärregierung verpufften z.T. an der kleinagrarischen Struktur der Landwirtschaft, die mit ihren vier Millionen Handtuchfeldern kaum wirkungsvoll zu kontrollieren war. Nichts macht dies deutlicher als der Umfang des Schwarzen Marktes. Die Freigabe des landwirtschaftlichen Marktes und insbesondere der Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse kam aus sozialen Gründen nicht infrage. Bei der Knappheit der Lebensmittel wären die Ärmsten verhungert.

0.3.Hunger als Folge von Ausbeutung?

Obwohl die deutsche Bevölkerung durch die Presse zumindest in Umrissen über die kritische Ernährungslage in anderen europäischen Ländern informiert war, hat sie doch überwiegend die Krise als Folge einer gezielten Strafpolitik der Besatzungsmacht betrachtet. Theodor Eschenburg bezeichnete die Französische Zone als "Ausbeutungsko­lonie". Werner Abelshauser sprach 1983 von einer „Politik der Ausbeutung für französische Wirtschaftsinteressen“.[Anm. 13] Unbestreitbar hat Frankreich das Wirtschaftspotential seiner Zone für seinen Wiederaufbau verwendet und dabei offene und verdeckte Mittel angewendet. Gemeint sind nicht die legalen Reparationen, sondern der Verkauf von Wirtschaftsgütern der Zone unter Welthandelspreisen sowie die Verwendung von Dollars aus Importüberschüssen der Zone als französische Devisenkredite. So entstand die Situation, dass die französisch besetzte Zone einerseits 19 Millionen Dollar Exportüberschüsse und 336 Millionen Dollar als Devisengewinne aufwies, andererseits die Bevölkerung hungerte.[Anm. 14] Abelshauser prüfte aber nicht, ob der Weltgetreidemarkt Käufe in Höhe dieser Mittel zuließ. Galt die Ausplünderung auch für den Ernährungssektor? Gingen die "Restriktionen des Importes ... vor allem zu Lasten der Lebensmitteleinfuhren", wie Abelshauser feststellt? Mit Hudemann möchte ich meinen, dass der Vorwurf der Ausbeutung sich nicht ohne weiteres auf den Ernährungssektor übertragen lässt. Den Franzosen im Mutterland ging es selber schlecht. Ende 1945 brachen in Lyon Hungerunruhen aus, die Brotrationen lagen in Frankreich bis 1949 nicht über denen in der Französischen Zone. Im Durchschnitt war die Versorgung der Franzosen 1946/47 rund 20% geringer als vor dem Krieg und verschlechterte sich 1947/48 nochmals um 10%.[Anm. 15]

Unbestreitbar haben die französischen Besatzungstruppen (Kriegsende: 1 Million, Januar 1946: 200.000, Mai 1947: 75.000, Mai 1948: 53.000) sowie die zahlreichen Beamten und Familienangehörigen, wozu zeitweise noch 40.000 Erholung suchende französische Kinder kamen, in ihrer Zone paradiesisch gelebt mit hohen Fleisch- und Butterrationen. Aufs ganze gesehen aber hat diese Minderheit von 5% bis abnehmend 2% der Bevölkerung die Rationen der Normalverbraucher doch nur etwa um 100 Tageskalorien gemindert. Die negative Wirkung des französischen Wohllebens lag mehr im psychologischen Bereich.

Demgegenüber sind die großen Anstrengungen der Militärregierung für die Sicherstellung und gleichmäßige Verteilung der Lebensmittel zu nennen, was bei der zusammengebrochenen Infrastruktur und Verwaltung und angesichts der verlorengegangenen Staatsautorität für die deutsche Bevölkerung lebenserhaltend war. Zwischen der Militärregierung und der Zentrale in Paris hat es "mehrfach heftige Konflikte" gegeben, weil Baden-Baden eine Erhöhung der Ernährungsrationen forderte, Paris aber diese nicht zuletzt im Hinblick auf das Ernährungsniveau im Mutterland für zu hoch hielt.[Anm. 16] Dieser Hinweis von Hudemann sollte Anstoß sein, das Verhältnis von Militärregierung und Zentralregierung näher zu beleuchten, als dies in diesem Zusammenhang geschehen kann. Vermutlich wird sich das Bild der Militärregierung danach positiv aufhellen, und statt der Vorstellung von einem einheitlichen Zusammenwirken von Militärregierung und Zentrale gegen die deutsche Bevölkerung könnte sich eine Konstellation ergeben, bei der die Militärregierung als Prellbock zwischen Bevölkerung und Zentralregierung erscheint.

0.4.Die Versorgung der Bevölkerung

Die Fakten sind mehrfach ausgebreitet worden und sollen darum hier nur in Kürze wiedergegeben werden. Der Kalorienwert der täglichen Nahrungsmenge je Kopf der Bevölkerung in der Französischen Zone betrug 1946/47: 1.829 Kalorien, 1947/48: 1.752 Kalorien. Diese Werte beziehen sich auf die Gesamtbevölkerung, also einschließlich der bäuerlichen, was die recht hohen Werte erklärt. Gliedert man aus dem Komplex die Hauptgruppe der Normalverbraucher aus, ergibt sich folgendes Bild:

0.4.1.An erwachsene Normalverbraucher ausgegebene Kalorien

Prov. Rhld.-Hessen/Nassau Stadt Trier Stadt Landau
1945 (2.Halbj.) ? 960 955
1946 1.074 922 1.124
Rheinl.-Pfalz
1947 1.183 1.137 1.042
1948 1.584 1.532 1.572

Damit wurde der Kalorienbedarf zu 40-50% gedeckt. Die Rationen der jugendlichen Normalverbraucher und Kinder unterschieden sich nur gering davon. Das führte bei dem hohen Kalorienbedarf der Jugendlichen zu einer Bedarfsdeckung von nur 30-40%, bei Säuglingen hingegen zu einem Überschuss von 30%.

Die Lebensmittelrationen bestanden überwiegend aus Kartoffeln (12-15 kg/Monat) und Brot (200-250 g/Tag), daneben aus 300 g Fett (Butter, Margarine, Öl), 125 g Käse und 400-500 g Fleisch, jeweils monatlich. Teigwaren (200-500 g) wurden erst Anfang 1947, Mehl ab Ende des gleichen Jahres ausgegeben, Zuckerzuteilungen erfolgten bis Ende 1947 nur sporadisch 6-8 mal im Jahr, Milch stand nur für Kleinkinder zur Verfügung. Der Volkswitz hat die Eintönigkeit der Ernährung treffend in folgendem Dialog karikiert:  

     Ehemann: Was gibt es heute zu essen?
     Ehefrau: Kartoffeln.
     Ehemann: Und was dazu?
     Ehefrau: Gabeln.  

Die so beschriebene Ernährungslage vermittelt das Bild einer höchst egalitären Gesellschaft, in der die Not alle gleichgemacht hat. Aber dies widerspricht der Wirklichkeit. Das Bild der Nachkriegsernährung ist, auch in der wissenschaftlichen Literatur, zu stark von der Versorgungslage der städtischen Normalverbraucher geprägt und vernachlässigt die bäuerliche und nichtbäuerliche Landbevölkerung. So erfasst sie auch nur unzureichend das beträchtliche Ernährungsgefälle innerhalb der Gesellschaft, das Anlass für erhebliche Konflikte gab. Es geht im folgenden darum, dieses undifferenzierte Bild am Beispiel von Rheinland-Pfalz zu nuancieren. Das Ergebnis lässt sich tendenziell auf die gesamte Französische Zone übertragen, teilweise auch auf andere deutsche Regionen.

Die Bevölkerung von Rheinland-Pfalz umfasste 2,8 Millionen Menschen. Von diesen waren 465.000 (= 16,5%) bäuerliche Vollselbstversorger, die ihren gesamten Bedarf an den Hauptlebensmitteln selbst deckten. Das ihnen aus der eigenen Ernte überlassene Deputat ergab einen Kalorienwert von mehr als 2.000 und war etwa doppelt so hoch wie die Rationen der Normalverbraucher.

0.4.2.Rationen pro Kopf im Jahre 1946/47

Vollselbstversorger erw. Normalverbraucher
Kartoffeln 275,0 kg 150,0 kg
Brot 275,0 kg 82,5 kg
Vollmilch 182,5 kg 0,0 kg
Fett 7,2 kg 2,4 kg
Fleisch 25,0 kg 6,3 kg

Hinzu kamen bäuerliche Schwarzschlachtungen und Hinterziehungen der Ernte, so daß die Gruppe der Vollselbstversorger im Kern von der Ernährungskrise nicht berührt wurde.

Nicht wesentlich ungünstiger waren die Verhältnisse bei den Teil-Selbstversorgern mit Butter, Fleisch und/oder Getreide, die 390.000 Personen (= 13,9%) der Bevölkerung ausmachten. Insgesamt also waren 30,4% der Bevölkerung, was die Grundnahrungsmittel betrifft, von der Ernährungskrise im Kern nicht betroffen. Damit sollen Probleme bei der Säuglingsnahrung und der verbreitete Mangel an Zucker u.a. nicht bestritten werden.

Gut zwei Drittel der Bevölkerung (1947: 1,9 Mill. Personen = 69,6%) waren Normalverbraucher, von denen wiederum ein Viertel Sonderzulagen erhielt. Diesen Zugewinn kann man aber außer Betracht lassen, weil er durch erschwerte Arbeit oder durch den intrafamiliären Ausgleich aufgezehrt wurde. Gravierender ist ein anderes Faktum. Rheinland-Pfalz war ein agrarisches Land, in dem es nur sechs Städte mit mehr als 50.000 Einwohnern gab, die in der dörflichen Landschaft wie Großstädte anmuteten; selbst die Kreisstädte wiesen selten mehr als 5.000-7.000 Einwohner auf. Wir müssen also wiederum zwischen städtischen und ländlichen Normalverbrauchern unterscheiden. Nur ein knappes Drittel der Normalverbraucher (ca. 500.000 = ca. 17% der Bevölkerung) wohnte in größeren Städten. Sie sind es, die von der Ernährungskrise am härtesten getroffen wurden. Und sie sind es auch, die das Bild vom Elend der Zeit geprägt haben. Dies war aber nur ein Sechstel der Bevölkerung. Die überwiegende Mehrheit der Normalverbraucher (ca. 1,4 Mill.), knapp die Hälfte der Gesamtbevölkerung, lebte dagegen in Dörfern, wo sich für viele neben Gartenanbau und Kleinviehhaltung (Grüner Markt) doch Möglichkeiten zur Beschaffung von zusätzlichen Lebensmitteln beim Bauern durch Arbeit oder Tausch ergaben.

Die Normalverbrauchergesellschaft der Nachkriegszeit war nicht allzu konform. Die beiden nachstehenden Statistiken zeigen beträchtliche Differenzen, wenngleich solche punktuellen Aufnahmen nicht überschätzt werden sollten.

Nach Untersuchungen des Gesundheitsamtes Trier ergab sich bei 6.739 Kindern der Stadt im Mai/Juni 1946 folgender Gesundheitszustand:

21,4% normal
42,2% verschlechtert
29,7% schlecht
6,7% unterernährt

Die breite Streuung bei den Gewichtsmessungen, die das Gesundheitsamt der Stadt Landau bei seinen Untersuchungen in der benachbarten Gemeinde Nußdorf feststellte, vermittelt den gleichen Eindruck einer sehr unterschiedlich ernährten Gesellschaft:

Vollernährt Vollernährt Unterernährt Unterernährt
Übergewicht mehr als 5% Normalgewicht Untergewicht 5-15% Untergewicht mehr als 15%
Bauern 34,0% 29,6% 26,4% 10,0%
Normalverbraucher (Einheimische) 17,2% 24,9% 31,0% 26.8%
Normalverbraucher (Flüchtlinge) 13,6% 27,5% 44,4% 14.5%
Durchschnitt 21,6% 27,3% 33,9% 17,1%

 Bei den Übergewichtigen sind sicher auch krankhafte Wasseransammlungen im Körper (Hungerödeme) enthalten, so dass dieser Wert nicht überschätzt werden darf.

Das Rationierungssystem hat auch im individuellen Bereich seinen Anspruch der bedarfsgerechten Versorgung nicht erfüllt. Säuglinge haben einen Verbrauch von 700 Kalorien pro Tag, Erwachsene von 2.000-3.000, Jugendliche von 3.000-3.800. Demgegenüber reichte das Rationenspektrum nur von 900 bis 1.100 Kalorien, so daß der Bedarf der Säuglinge zu 130%, der der Erwachsenen zu 40-50%, der der männlichen Jugendlichen nur zu 30% gedeckt wurde. Auch wenn innerhalb der Familien die Eltern einen gewissen Ausgleich herstellten, war in Anbetracht der niedrigen Rationen der Verzichtsspielraum doch gering. Keine Altersgruppe ist darum von der Versorgungskrise härter getroffen worden als Jugendliche und Heranwachsende.

Die Nachkriegsernährung der Normalverbraucher war nicht nur mengenmäßig, sondern auch qualitativ unzureichend. Gravierendste Defizite waren der Mangel an Eiweiß und Fett. Eiweiß, dessen Bedeutung als hauptsächlicher Vitalitätsträger bekannt ist, war in der Kost nur zu 25-30 g/Tag enthalten gegenüber der vom Völkerbund angesetzten Norm von 65 g Tag. Die Hungerjahre waren nicht nur ein Hunger nach Kalorien, sondern auch nach Eiweiß. Daneben war der Fett-Haushalt mit 12-13 g/Tag gegenüber der Norm von 55 g/Tag hochdefizitär. Abgesehen von der Schwächung der körperlichen Widerstandskraft durch Fettmangel (Tbc-Anfälligkeit) ist Fett der Träger des Geschmacks und vermittelt ein höheres Sättigungsgefühl. Ohne Fett lassen sich gewisse Speisen gar nicht zubereiten. In ihrer Fettnot haben die Hausfrauen die Pfannen mit Kaffee-Ersatz ausgerieben, um ein Anbrennen der Kartoffeln zu verhindern.

Bei der Darstellung der Hungerjahre kommen meistens die seelischen und sozialen Folgen der Verhältnisse zu kurz. Dagegen empfiehlt sich keine bessere Lektüre als Hilde Thurnwalds exzellente zeitgenössische Darstellung des Lebens der Berliner Familien in der Nachkriegszeit.[Anm. 17] Die Neuherausgabe dieses inzwischen sehr raren Buches ist ein Desiderat. Zweifellos hat die Notlage die Solidarität der Familien erhöht und die verwandtschaftlichen Beziehungen in hohem Maße wiederbelebt. Das war für viele Städter lebenserhaltend. Aber es herrschte nicht überall die Idylle vor. Hunger macht einerseits apathisch und träge, andererseits aggressiv, gereizt und streitsüchtig. Er weckt den Egoismus und lässt anerzogene Moralvorstellungen zurücktreten. Er bewirkte nach dem Kriege eine spezifische Hungerkriminalität: z.B. der Polizist, der einbricht, weil er den Hunger nicht mehr erträgt. Ständige Sorgen und ein vitaler „Lebens­hunger“ veranlassten manche Frau, den Ehemann zu verlassen, weil die Bekanntschaft mit einem französischen Soldaten sie aller Lebenssorgen enthob.

Dabei bildete der Hunger nur die eine, wenngleich für viele die wichtigste Lebenssorge. Es gab die Wohnungsnot: 5-8 qm Wohnraum pro Person in den Städten, 10-12 qm in den Landkreisen. Für viele ein jahrelanges Leben in Baracken, Hütten und Kellern. Verschärft wurde die Not durch den Mangel an Heizmaterial. In Extremsituationen verheizte mancher die Möbel. Hinzu kam der Mangel an Kleidern und Schuhen. Nur eine statistische Zahl: Gemessen an den jährlichen Zuteilungen hatte jeder Normalverbraucher in der Provinz Rheinland-Hessen/Nassau alle sechs Jahre Anspruch auf ein Paar Lederschuhe mit Holzsohle und alle fünfzig Jahre Anspruch auf ein Paar Schuhe mit Ledersohle.

0.5.Die Bedeutung von Hamsterwesen und Schwarzem Markt

Für die ländlichen Normalverbraucher sollte man den Grünen Markt, also Kleintierhaltung und Selbstanbau, im Umfang nicht unterschätzen, wenngleich die Verhältnisse nicht für alle gleich waren. Ein Gartengrundstück von 10 x 15 m erbringt immerhin 2-3 Zentner Kartoffeln, die Jahresration eines Normalverbrauchers. Die private Hühnerhaltung war so verbreitet, dass bei Eiern 45% der Bevölkerung von den Ernährungsämtern als autark bezeichnet wurden. Gleiches kann man für Stallhasen annehmen. Die Kleintierhaltung – "Kellerschwein", "Balkon-Huhn" und "Speicher-Geiß" – war selbst in den Städten anzutreffen.

In Anbetracht der nur 30-50% des Normalbedarfs deckenden Rationen drängt sich die Frage nach dem Umfang der Hungersterblichkeit auf. In den rheinland-pfälzischen Quellen findet sich dafür kein unmittelbarer Beweis. Über den mittelbaren Hungertod durch erhöhte Infektionsanfälligkeit infolge geschwächter körperlicher Verfassung könnte indessen die Entwicklung der Sterblichkeitsziffern in Rheinland-Pfalz Auskunft geben:

Sterbefälle auf 1.000 Einwohner:
     1938 = 11,3
     1946 = 13,1
     1947 = 12,9
     1948 = 11,7
     1949 = 11,1  

Für den deutlichen, aber nicht exorbitanten Anstieg der Kurve müssen neben der Unterernährung auch Folgesterblichkeit durch Kriegseinwirkungen, mangelnde medizinische Versorgung und unzureichende Wohnungsverhältnisse in Betracht gezogen werden. Andererseits bestätigen die nachweislich hohen Sterblichkeitsziffern in geschlossenen Anstalten wie psychiatrischen Kliniken, deren Patienten fast ausschließlich von den offiziellen Rationen lebten, nicht nur die Unzulänglichkeit der Rationen, sondern geben auch einen Hinweis auf die Bedeutung des Schwarzen Marktes. In der Tat hat er für das Überleben vieler Menschen eine große Bedeutung gehabt. Dabei darf jedoch ein zweiter Faktor nicht unterschätzt werden, die Fähigkeit des Körpers zur Anpassung an Mangelsituationen.

In meiner Untersuchung von 1980 habe ich dem ersten Faktor eine geringere, dem zweiten eine größere Bedeutung zugemessen. Hudemann hat das Gewicht der beiden Faktoren umgedreht. Seiner methodisch wegweisenden Untersuchung ist wohl zuzustimmen, obwohl sie nicht alles erklärt.

In Notzeiten tritt ein lebensrettender Mechanismus im menschlichen Körper ein, denn mit der Gewichtsabnahme wird zugleich der Grundumsatz gesenkt, und zwar um mehr, als dem Körpergewichtsverlust entspricht. Paradox ausgedrückt, ein hungernder Mensch hat nicht nur weniger Lebensmittel, er benötigt auch weniger! So kann eine Bevölkerung Unterernährung über längere Zeit durchstehen, vorausgesetzt, dass die Absenkung nicht plötzlich erfolgt. Durch die langsame Verringerung der Rationen während des Kriegs war diese Voraussetzung gegeben. Im Anschluss an Untersuchungen des Max-Planck-Instituts für Arbeitsphysiologie in Dortmund für die Jahre 1942 bis 1947 geht Hudemann vom "Erhaltungsminimum" von rund 1.530 Kalorien unter Normalbedingungen für Erwachsene aus. Durch Gewichtsabnahmen und Einschränkung der Bewegung, wie sie im Fernbleiben vom Arbeitsmarkt zum Ausdruck kam, wurde dieses "Erhaltungsminimum" weiter abgesenkt, so daß die Spanne zwischen den offiziellen Rationen von 1.000-1.200 Kalorien und dem Erhaltungsminimum sich beträchtlich verringerte.[Anm. 18] Die Rationen deckten nun einen höheren Anteil des Bedarfs, als sich aus meinen früheren Berechnungen ergab.

Entsprechend setzt Hudemann den Umfang des durch Hamsterwesen und Schwarzen Markt erzielten Nahrungsgewinns niedriger an als ich. Meine 1980 geschätzte Annahme von ca. 1.000 Kalorien Hamstergewinn pro Tag und Kopf habe ich 1983 nach unten korrigiert. Die von mir nun angenommenen 400-500 Kalorien hält Hudemann immer noch für „sehr unwahrscheinlich“, d.h. zu hoch. "Insgesamt dürfte das Ausmaß des von Normalverbrauchern aus parallelen Quellen erworbenen Ernährungsanteils von rund 20-30% im Jahre 1945/46 auf rund 10-15% in den Jahren 1947/48 gesunken sein..."[Anm. 19] Das entspräche etwa 200-300 Tageskalorien in 1945/46 und etwa 100-200 Kal. in 1947/48.

Es bleiben einige Zweifel. Wird hier nicht der Umfang des Grünen und des Schwarzen Marktes unterschätzt? Ist der Absentismus von der Arbeitsstelle auf Schwäche und bewusste Bewegungsbeschränkung zurückzuführen, oder entsprang er nicht auch oft genug Hamsterfahrten? Warum waren die Züge so überfüllt, bei denen Menschen kiloschwere Lasten stunden- und tagelang mit sich schleppten, wozu ihnen eigentlich die Kraft fehlen musste? Die Nachkriegsgesellschaft war eher mobil und umtriebig als stumpf-sesshaft!

Die Französische Zone nahm im Herbst 1945 den Sportbetrieb wieder auf. Wie erklärt sich plausibel, dass die jungen Männer ein so energiezehrendes Spiel wie das Fußballspiel neunzig Minuten lang durchstehen konnten, anstatt schon nach wenigen Minuten wegen Erschöpfung aufzugeben?

Man sollte auch in diesem Falle eher die Ungleichheit als die Gleichheit betonen. Die einen hatten große Hamstererfolge, die ihnen eine erträgliche Existenz bescherten, die anderen waren erfolglos und litten bitterste Not bis an die Grenze der Existenz. Dies galt vor allem für ältere Menschen, Alleinstehende, Witwen mit Kindern und ausgebombte Habenichtse. Not macht die Menschen nicht gleich, sondern lässt die Unterschiede um so deutlicher hervortreten. Die Unterschiede in den Gewichtsmessungen sind ein Indiz mehr dafür.

Ein Blick auf die Siedlungsstruktur von Rheinland-Pfalz führt dazu, den Schwarzen Markt nicht zu unterschätzen. Die Städte waren von einem dichten Kranz von Dörfern umgeben. Im Umkreis mit einem Radius von 30 km lagen: in Trier 314 Dörfer, in Kaiserslautern 378 Dörfer. Zwischen Stadt und Land bestanden durch ständige Zuwanderung seit dem 19. Jahrhundert vielfache verwandtschaftliche Beziehungen, die intakt geblieben waren.

Aber der Erfolg des Hamsterers lag nicht nur daran, auch nicht nur am Umfang von Geld- und Warenbesitz, sondern auch in seiner personalen Struktur begründet. So sicher Betteln und Hamstern nicht jedermanns Sache sind, so erfolgreich waren einige. Not macht erfinderisch!

0.5.1.Leben und Versorgung der städtischen Normalverbraucher 1945-1948 im Zeitraffer

0.5.2.Übergangszeit

Der Neubeginn erfolgte unter glücklicheren Umständen, als in Anbetracht der Zerstörungen hatte befürchtet werden müssen: ·      Die Felder waren durch die hinreichende Düngemittelversorgung während des Krieges – die Ernte 1943 war die bis dahin zweitbeste in diesem Jahrhundert – noch nicht ausgeraubt;

  • die Amerikaner führten hinter der kämpfenden Truppe 600.000 t Getreide zur Versorgung der Bevölkerung und zur Feldbestellung ein;
  • die Besetzung erfolgte im März, so dass die Aussaat rechtzeitig erfolgen konnte;
  • die deutsche Ernährungsverwaltung wurde mit Ausnahme des für die Erfassung der Ernte zuständigen Reichsnährstandes unter alliierter Oberaufsicht fortgeführt. Die Maßgaben und Befehle der französischen Ernährungsoffiziere waren trotz mancher herrischer Eingriffe in den Verwaltungsgang im wesentlichen richtig und verantwortbar. Sie wurden von den lokalen Ernährungsoffizieren mit großer innerer Selbstbeteiligung und beträchtlichem technisch-organisatorischem Aufwand umgesetzt.

Die in den ersten Wochen nach Kriegsende durch Plakatanschlag angekündigten Rationen von 500 bis 1.000 Kalorien sind nicht ernstzunehmen. Sie standen oft nur auf dem Papier. Dafür verschafften sich die Menschen durch Plündern von Wehrmachtdepots sowie Kauf aus den Restbeständen des Handels und nicht abgelieferten Erntekontingenten der Bauern, was ihnen zum Leben fehlte. So war die Versorgung im wesentlichen sichergestellt. Für die Ausgebombten wurden in den Städten "„Volksküchen" eingerichtet. Hauptprobleme bildeten örtlich Trinkwassermangel und vor allem Milchknappheit, die zusammen mit fehlenden Breien wesentlich zu der hohen Säuglingssterblichkeit beitrug.

0.5.3.Winter 1945/46

Auch wenn sich die Verhältnisse inzwischen konsolidiert hatten, gelang es der Ernährungsverwaltung doch nicht, die vorhandenen Lebensmittel annähernd gleichmäßig über das Land zu verteilen. Ursache waren die zerstörten Verkehrswege und Kommunikationsmittel, aber auch die französische Politik der politischen Parzellierung der Zone, die keine größere Verwaltungseinheit als den Regierungsbezirk zuließ. Zwischen den Landkreisen des Regierungsbezirks Trier schwankten die Rationen im November 1945 zwischen 45 und 100% des Rationssolls, im April 1946 noch zwischen 80 und 100%. In Trier wurden im ersten Halbjahr 1946 durchschnittlich 759 Kal./Tag ausgegeben, in Landau 1.080 Kal. Als Folge des Ernährungsgefälles bildeten sich Brot- (und Salz-)straßen von der Mosel an den Rhein und Kartoffelstraßen aus der Pfalz in den Hunsrück. Der Schwarzmarktpreis für Kartoffeln lag damals bei 8 RM/Ztr. (offizieller Preis: 3,50 RM). Als größten Erfolg konnte die Militärregierung verbuchen, dass die vorgesehene Einkellerungsmenge von 3 Ztr. Kartoffeln pro Normalverbraucher im großen und ganzen überall ausgegeben wurde, was bei den starken Schwankungen der Brotrationen ein Stabilitätsfaktor war. Die auf 300 g pro Tag festgesetzte Menge Brot wurde im Februar 1946 auf 250 g, im April auf 200 g zurückgenommen, weil die notwendigen Importe ausblieben. Damit sank der Kalorienspiegel unter 1000. Geringe Zuteilungen von monatlich 300-400 g Fleisch, 200-300 g Fett, 100-200 g Käse und im Abstand von zwei bis drei Monaten 200 g Zucker fielen kaum ins Gewicht.

0.5.4.Frühsommer 1946

Ähnlich wie bei Naturgesellschaften hat sich die Nachkriegsernährung wieder dem Rhythmus der Natur angepasst. In den Herbstmonaten standen Kartoffeln ausreichend zur Verfügung und konnte die Brotration angehoben werden, im Frühjahr hingegen, als die Vorräte knapp wurden, sanken die Kalorien um 10% ab. Am kritischsten waren jeweils die Monate Mai und Juni, bis die Frühkartoffeln gereift waren, die die Brücke zwischen der alten und der neuen Ernte bildeten. Der Juni-Bericht 1946 des Wirtschaftsamtes Landau schildert plastisch den ersten Höhepunkt der Versorgungskrise:

"Täglich sprechen Hunderte von Personen beim städtischen Wirtschaftsamt vor, die flehendlichst bitten, sie doch nicht verhungern zu lassen... Sie versichern, daß sie schon wochenlang ohne Kartoffeln und tagelang ohne ein Stückchen Brot sind und sich von durchgemahlenem Salat und ebenso behandelten Kartoffelschalen ernähren. Das Durchsuchen von Müllkästen nach Abfällen ist eine tägliche Beschäftigung hungernder Kinder..."

Mit einer Sonderaktion zwang die Militärregierung die Bauern zu einer einmaligen Abgabe von jeweils einem halben Zentner Kartoffeln und Getreide pro Betrieb und stellte so mit Mühe den Anschluss an die neue Ernte her. Auf dem Schwarzen Markt, auf dem die Bevölkerung nun in größerem Umfange als zuvor ihre Ersparnisse einsetzte, stieg der Kartoffelpreis auf 200 RM/Ztr. an. Lebensmittelspenden aus Irland, Kinderspeisungen in "Schweizer Dörfchen" und Kindererholungen in der Schweiz sowie Lebensmittelpakete aus den USA (CARE, CRALOG und Private) trafen ein. Man erfuhr in Deutschland, daß das Ausland auf die Not aufmerksam geworden war.

0.5.5.Winter 1946/47

Das Wohl und Wehe der städtischen Bevölkerung hing von der ausreichenden Zuteilung von Kartoffeln ab. Während es im Nordteil des Landes weitgehend gelang, die angekündigten 3 Ztr. pro Normalverbraucher zuzuteilen, schwankten in der Pfalz die Zuteilungen regional stark. Vor allem Ludwigshafen wurde unzureichend beliefert, und darum ist die Stadt im folgenden Frühjahr zum politischen Unruheherd geworden.

In Erwartung amerikanischer Weizenlieferungen hatte die Militärregierung im September 1946 die Brotration wieder auf 300 g angehoben. Aber Mitte November mußte die Erhöhung zurückgenommen werden. Hoffnungslosigkeit breitete sich aus. Entscheidungen solcher Art hatten starke Rückwirkungen auf die Seelenlage der Menschen, Versorgungsschwankungen bewirkten ständig z.T. extreme psychische Wechsellagen. Sie haben sich in der Erinnerung der Zeitgenossen ebenso gut erhalten wie der Hunger.

Gegen die Fettnot sammelte die Bevölkerung in den Wäldern Bucheckern; für 6 kg tauschten die offiziellen Sammelstellen 1 Liter Öl ein. Die Stimmungslage wurde bedrückend, als feststand, dass auch für diesen Winter keine Kohlenzuteilungen zu erwarten waren. Wegen Kohlenmangels stilliegende Bäckereien zeigten die Knappheit an. Die Menschen schlugen das ihnen zugeteilte Holz selbst in den Wäldern. Dann setzte im Dezember ein Winter ein, der zu den härtesten in diesem Jahrhundert zählt. Drei Monate Frost mit Temperaturen bis zu minus 20 Grad. Mosel, Nahe und Lahn waren zweimal zugefroren, am Rhein bildete sich eine Eisbarriere von St. Goar bis Mannheim, die die Schifffahrt stilllegte. Der Frost erlaubte keine Hamsterfahrten mehr. In den beschädigten Häusern mit ihren zugigen Fenstern sanken die Temperaturen nachts unter Null Grad. Aus Verzweiflung wanderte manches Klavier durch den Kamin. Die Sterblichkeitskurve nahm in diesen Monaten einen sprunghaften Anstieg von 11,4 im November auf 17,4 im Februar, jeweils bezogen auf 1.000 Einwohner.

Gegen die Kälte richteten die Städte öffentliche Wärmehallen ein. Es wurden Steckrüben zum Strecken der Kartoffelvorräte ausgegeben. Mehr und mehr Menschen verpflegten sich in Volksküchen, weil der Hausbrand nicht zum Zubereiten des Mahles ausreichte.

0.5.6.Sommer 1947

Der Sommer 1947 stellte den Tiefpunkt in der Nachkriegsernährung dar. Im März hatte sich die Lage zunächst gebessert, als nach Ende der Frostperiode die Kartoffeltransporte wieder aufgenommen werden konnten und der Militärregierung erstmals Importe von Hülsenfrüchten gelangen, so dass der Kalorienabfall nicht mehr als die üblichen 10% betrug. Dann aber fiel wegen mangelhaften Saatgutes die lebenserhaltende Frühkartoffelernte schlecht aus. Die erwarteten Weizenimporte blieben aus. Das Brot wurde bis zur Hälfte mit Maismehl gestreckt; Deutschland hieß im Volksmund "Maisopotamien". Die Kalorien sanken erstmals seit neun Monaten unter 1.000, im August 1947 unter 900, örtlich auf 600-700 pro Tag ab. In einer Resolution hielten die Betriebsräte von Annweiler der Landesregierung ihre Juli-Ration vor: 15 1/2 Pfund Brot, 340 g Fleisch, 125 g Käse und 200 g Linsen, aber keine Kartoffeln. Das ergab 594 Kalorien. Auf dem Schwarzen Markt stieg der Kartoffelpreis auf 600 RM pro Zentner an.

Die Ernte 1947 betrug nur noch 40% der Vorkriegsernten, weil die Böden inzwischen ausgelaugt waren und Hitze und Trockenheit dieses "tropischen" Sommers, des heißesten seit einem Vierteljahrhundert, ihnen die letzte Kraft raubte. Die Viehweiden verbrannten, die Kartoffeln erreichten oft nur die Größe von Tischtennisbällen. Im Januar 1948 würde die Ernte aufgezehrt sein.

Die Leidensschwelle der Bevölkerung war – insbesondere nach dem zehrenden Winter – überschritten. Im Juli 1947 traten die Steinbrucharbeiter von Kusel in den Hungerstreik, im August gingen in Ludwigshafen und Kaiserslautern die Menschen auf die Straße. Die ersten Anzeichen eines grundlegenden Wandels der Stimmungslage und des Selbstgefühls der Menschen wurden erkennbar, die sich im Frühjahr 1948 verstärkt fortsetzten. Die Neigung zum schuldbewussten Gedulden wich zunehmend Empörung, Protest und Drohung mit Gewalt. Betriebe in der Pfalz und in Rheinhessen meldeten Abwesenheitsquoten bis zu 30%, weil die Menschen es für nutzbringender hielten, ihre Kräfte für Hamsterfahrten einzusetzen. Gewichtsmessungen in Industriebetrieben ergaben Untergewichte bis zu 10 kg.

Die Militärregierung ging mit rigorosen Maßnahmen gegen Lebensmittelhinterziehungen der Bauern vor, was die Städter beruhigte. Vor allem verringerte sie durch Massenschlachtungen den Viehstapel. Das erhöhte die Fleischration der Normalverbraucher, stellte aber eine Hypothek für die Milch- und Fettversorgung im folgenden Jahr dar.

0.5.7.Herbst 1947

Die Weizenrekordernte in den USA wendete die bisherigen Verhältnisse. In Erwartung zukünftiger Lieferungen gab die Militärregierung ab Oktober zusätzlich 800-1.000 g Mehl pro Normalverbraucher im Monat aus. Infolge des "Schweinemordes" konnte die Kartoffelversorgung in bisherigem Umfang im allgemeinen gewährleistet werden. Die Kalorien stiegen im Winter also wieder auf 1.200 an. Es war aber den Fachleuten klar, dass dieses Niveau nur bis Januar/Februar 1948 zu halten sein würde. Alles hing vom rechtzeitigen Eintreffen des amerikanischen Weizens ab.

0.5.8.Frühjahr 1948

Die Importerwartungen gingen in Erfüllung. Mehl, Brot und Teigwaren standen in größerem Umfange als früher zur Verfügung, Zucker, Hülsenfrüchte und Fisch wurden jetzt regelmäßig zugeteilt, so dass die Reduzierung der Fleisch- und Fettration als Folge der Schlachtaktion ausgeglichen wurde. Entgegen vorjährigen Erfahrungen sanken die Rationen auch nicht mehr im Frühjahr ab, sondern stiegen im Mai auf 1.400 und im Juni auf das Rekordniveau von 1.600 Kalorien an.

Um so überraschender, dass eben zu diesem Zeitpunkt die Proteststimmung ihren Höhepunkt erreichte. Am 7. Juni blieben in Ludwigshafen die Straßenbahnen im Depot und traten 15.000 Arbeiter und Angestellte in den Streik. Die BASF wackelte noch. Würde auch sie in den Ausstand treten, war ein landesweiter Generalstreik zu befürchten. Es ist dem Kabinett Altmeier in Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften gelungen, dies abzuwenden.

Der Grund für das antizyklische Verhalten der Menschen ist schwer zu deuten. Es mag zwei Gründe geben: Zum einen wurde die Unterernährung um so bedrohlicher empfunden, je länger sie dauerte, zum anderen könnten die Menschen die gewandelte Lage Deutschlands im Kalten Krieg geahnt haben, die sie vom politischen Objekt zum Subjekt machte. Hinter den Protesten verbarg sich demnach eine neues politisches Selbstgefühl. Im Juni 1948 drohte der Landtag von Rheinland-Pfalz seine Selbstauflösung an.

Im Zuge der Währungsreform und des sich in wenigen Wochen wandelnden Ablieferungsverhaltens der Bauern, als Ergebnis einer besseren deutschen Ernte, einer guten Ernte in den USA und der nun fließenden Marshallplan-Gelder erfolgte im Sommer 1948 die Wende. Im Juli 1948 stiegen die Kalorien auf über 2.000 an. Mit Ausnahme von Zucker und Fleisch waren alle Grundnahrungsmittel ausreichend vorhanden, Kartoffeln sogar im Überfluss. Sorgen bereitete allerdings der starke Anstieg der Lebensmittelpreise, vor allem bei Fleisch. Diese Preisentwicklung war der Hauptgrund dafür, dass die Regierung noch bis Anfang 1950 an dem System der Zuteilung mittels Lebensmittelkarten festhielt, obwohl die Wirklichkeit darüber hinweggegangen war. Endgültig im März 1950 schlossen die Ernährungsämter ihre Pforten und wurde Otto Normalverbraucher zur historischen Figur, wie ihn Gerd Fröbe im Film dargestellt hat.  

Anmerkungen:

  1. Erinnert sei vor allem an die wirtschafts- und agrarwiss. Schriften von Fritz Baade, Hugo Böker, Ferdinand Grünig, Radoslaw Kinzhuber, Friedrich Jerchow und Hans Liebe sowie die medizinischen Untersuchungen von Willi Boettcher, Hugo Lohmann und Wilhelm Eugen Lohr; ausführliche Bibliographie bei Rothenberger (wie Anm. 5). Zurück
  2. Justus Rohrbach: Im Schatten des Hungers. Dokumentarisches zur Ernährungspolitik und Ernährungswirtschaft in den Jahren 1945-1949, hg. von Hans Schlange-Schöningen, Hamburg und Berlin 1955. Das Buch, das von dem Mitarbeiter Schlange-Schöningens verfasst wurde, wird meist unter dem Namen Schlange-Schöningens zitiert. Zurück
  3. Ernst-Günther Schenck: Das menschliche Elend im 20. Jahrhundert. Eine Pathographie der Kriegs-, Hunger- und politischen Katastrophen Europas, Herford 1965. Zurück
  4. Hermann Arnold: Hunger. Beiträge zur Sozialhygiene der chronischen Unterernährung. Habil.-Schrift med. Fakultät Saarbrücken 1970 (Annales Universitatis Saraviensis, Medizin). Zurück
  5. Karl-Heinz Rothenberger: Die Hungerjahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Ernährungs- und Landwirtschaft in Rheinland-Pfalz 1945-1950, Boppard 1980 (Veröff. d. Komm. d. Landtages f. d. Gesch. d. Landes Rheinland-Pfalz, Bd. 3); ders.: Ernährungs- und Landwirtschaft in der Französischen Besatzungszone 1945-1950, in: Claus Scharf und Hans-Jürgen Schröder (Hg.): Die Deutschlandpolitik Frankreichs und die Französische Zone 1945-1949, Wiesbaden 1983, S. 185-203. Zurück
  6. Gabriele Stüber: Der Kampf gegen den Hunger 1945-1950. Die Ernährungslage in der Britischen Zone Deutschlands, insbesondere in Schleswig-Holstein und Hamburg, Neumünster 1984; Michael Wildt: Der Traum vom Sattwerden. Hunger und Protest, Schwarzmarkt und Selbsthilfe in Hamburg 1945-1948, Hamburg 1986; Reinhold Billstein: Streiks und Hungerdemonstrationen in Köln 1946-1948, in: ders. (Hg.): Das andere Köln. Demokratische Traditionen seit der Französischen Revolution, Köln 1979, S. 403-445. Zurück
  7. John E. Farquharson: The Western Allies and the Politics of Food. Agrarian Management in Postwar Germany, Leamington 1985; ders.: Landwirtschaft und Ernährung in der Politik der Alliierten, in: Joseph Foschepoth (Hg.): Kalter Krieg und deutsche Frage, Göttingen 1985. Zurück
  8. Rainer Hudemann: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953. Sozialversicherung und Kriegsopferversorgung im Rahmen französischer Besatzungspolitik, Mainz 1988 (Veröff. d. Komm. d. Landtages f. d. Gesch. d. Landes Rheinland-Pfalz, Bd. 10). Zurück
  9. J. Trittel: Hunger und Politik. Die Ernährungskrise in der Bizone (1945-1949), Frankfurt/New York 1990. Zurück
  10. Gabriele Stüber: Zwischen Trümmern und Wiederaufbau 1945-1950. Nachkriegsalltag aus Frauenperspektive, in: Heide Gieseke und Hans-Jürgen Wünschel (Hg.): Frau und Geschichte. Ein Reader, Landau 1995, S. 229-249. Zurück
  11. Radoslaw Kinzhuber: Die Wechselbeziehungen zwischen den europäischen Ländern auf dem Gebiet der Ernährungswirtschaft unter besonderer Berücksichtigung des Getreideaustauschs vor dem Zweiten Weltkrieg und seiner Entwicklungstendenzen nach 1945. Agrarwiss. Diss. Hohenheim 1949, S. 90ff. und 135. Zurück
  12. Fritz Baade: Brot für ganz Europa. Grundlagen und Entwicklungsmöglichkeiten der europäischen Landwirtschaft, Hamburg/Berlin 1952, S. 131. Zurück
  13. Werner Abelshauser: Wirtschaft und Besatzungspolitik in der Französischen Zone 1945-1949, in: Scharf/Schröder, Die Deutschland-Politik Frankreichs ... (wie Anm. 5), S. 118. Zurück
  14. Ebd., S. 118f. Zurück
  15. Hudemann (wie Anm. 8), S. 62; Rothenberger, Hungerjahre (wie Anm. 5), S. 38. Zurück
  16. Hudemann (wie Anm. 8), S. 62. Zurück
  17. Hilde Thurnwald: Gegenwartsprobleme Berliner Familien, Berlin 1948. Zurück
  18. Hudemann (wie Anm. 8), S. 114ff. Zurück
  19. Hudemann (wie Anm. 8), S. 114ff. Zurück