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  • Stumme, Wolfgang: Die Gründung der Johannes Gutenberg-Universität und die französische Kulturpolitik nach 1945

Die Gründung der Johannes Gutenberg-Universität und Französische Kulturpolitik nach 1945

von Wolfgang Stumme

Johannes-Gutenberg-Universität, Studenten[Bild: Stadtarchiv Mainz]

Vor allem dem Stadtkommandanten der französischen Militärverwaltung in Mainz, Colonel Louis-Théodore Kleinmann (1907 – 1979), ist es zu verdanken, dass Mainz nach dem Krieg wieder eine Universität bekam. [Anm. 1] Kleinmann hatte bei einer Besprechung in Baden-Baden, wo die französische Militärverwaltung unter General Koenig residierte, im Sommer 1945 erfahren, dass die Franzosen zusätzlich zu den Universitäten Tübingen und Freiburg im Breisgau eine weitere Universität im bevölkerungsreicheren Norden ihrer Zone planten. Im Gespräch waren Speyer, Neustadt, Trier und Mainz. Trier und Mainz waren schon einmal Universitätsstädte. Die übrigen Städte  hatten einen nicht zu übersehenden Vorteil gegenüber Mainz: Sie hatten kaum Kriegsschäden erlitten.
Wieder in Mainz suchte Kleinmann sofort das Gespräch mit Oberbürgermeister Emil Kraus und dem Kulturdezernenten Michel Oppenheim. Sie waren sich schnell einig, dass zunächst niemand über die Gründung einer Universität in der Öffentlichkeit sprechen sollte. Denn die Bevölkerung, die überwiegend keine Wohnung und keine Arbeit, dafür aber ständig Hunger hatte, hätte für ein derartiges Vorhaben überhaupt kein Verständnis aufgebracht. Dennoch stimmten sie darin überein, dass sie alles tun sollten, um die Universität nach Mainz zu holen.
Die enge Zusammenarbeit zwischen dem französischen Stadtkommandanten und den Spitzen der Mainzer Stadtverwaltung führte schließlich zum Erfolg.
Trotz aller Schwierigkeiten war es am 22. Mai 1946 soweit. Die Mainzer Universität wurde feierlich eröffnet. Insgesamt gab es 57 Lehrstühle; Medizin und Naturwissenschaften kamen erst im Wintersemester 1946/47 hinzu.
Dies war dem Direktor der Education Publique der französischen Besatzungszone, General Raymond Schmittlein, in seinem Bemühen, eine neue deutsche Elite heranzubilden, die nichts mehr mit dem Nationalsozialismus zu tun hatte, jedoch nicht genug. [Anm. 2]
Unter seiner Verantwortung entstanden auch das Dolmetscherinstitut in Germersheim [Anm. 3], die Verwaltungshochschule in Speyer, die Akademie der Wissenschaften und Literatur in Mainz sowie das universitätsunabhängige Institut für Europäische Geschichte, ebenfalls in Mainz. [Anm. 4] Diese Institutionen bestehen noch heutzutage. Sie sind ein unverzichtbarer Bestandteil der Bildungsangebote unserer Zeit.

Verfasser: Wolfgang Stumme

Redaktionelle Bearbeitung: Sarah Traub

Verwendete Literatur:

  • Defrance, Corine: Die Franzosen und die Wiedereröffnung der Mainzer Universität. In: Kulturpolitik im besetzten Deutschland 1945 - 1949. Hrsg. von Clemens, Gabriele. Stuttgart 1994, S. 117 – 128.
  • Defrance, Corine: Mainz in der französischen Kulturpolitik, 1954 – 1951. In: Mainzer Zeitschrift, Jahrgang 98, 2003, S. 73 – 84.

Aktualisiert am: 25.10.2016

Anmerkungen:

  1. Die erste Universität in Mainz wurde 1477 gegründet und 1798 von den Franzosen geschlossen. Es waren dann wieder die Franzosen, die eine neue Universität in Mainz gründeten. Die Mainzer fanden Nichts dabei, trotz der fehlenden 148 Jahre im Jahre 1977 das 500jährige Bestehen ihrer Universität zu feiern. Zurück
  2. Vgl. Defrance, Corine: Mainz in der französischen Kulturpolitik, 1954 – 1951. In: Mainzer Zeitschrift, Jahrgang 98, 2003, S. 73 – 84. Zurück
  3. Das Dolmetscherinstitut wurde 1949 als weitgehend selbständiges Auslands- und Dolmetscherinstitut in die 100 Kilometer rheinabwärts gelegene Johannes Gutenberg-Universität Mainz eingegliedert. Seit 1992 ist das Institut in den Fachbereich Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft der Mainzer Universität integriert worden, und seit 2009 heißt das Institut „Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft“. Zurück
  4. Defrance, Corine: Die Franzosen und die Wiedereröffnung der Mainzer Universität. In: Kulturpolitik im besetzten Deutschland 1945 - 1949. Hrsg. von Clemens, Gabriele. Stuttgart 1994, S. 117 – 128. Zurück