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Die Stadtgründung von Mainz

von Wolfgang Stumme

Erste Siedlungen im Mainzer Raum waren keltischen Ursprungs. Das Gebiet der späteren Mainzer Innenstadt war vor Ankunft der Römer wegen ausgedehnter Feuchtareale nicht besiedelt. [Anm. 1]
Lange wurde davon ausgegangen, dass die Römer erstmals unter Marcus Vipsanius Agrippa im Jahre 38 v. Chr. gegenüber der Mainmündung einen verschanzten Militärstützpunkt errichtet haben. Diese Schilderung, die aus der Feder des römischen Geschichtsschreibers Dio Cassius stammt, konnte bislang nicht bestätigt werden. [Anm. 2]
Es ist dagegen unstrittig, dass sich – ausgehend von dem 13/12 v. Chr. von Nero Claudius Drusus errichteten Legionslager auf dem Kästrich, das die Römer Mogontiacum [Anm. 3] nannten – später Mainz entwickelte. Doch der Aufbau eines Militärstützpunktes ist nicht mit der Gründung einer Stadt gleichzusetzen, auch wenn die Stadt später den Namen dieses Legionslagers übernahm.
Drusus konzentrierte sich in dieser Zeit fast ausschließlich auf die Feldzüge gegen germanische Stämme, denn Augustus strebte den Schutz Galliens und des römischen Reichsgebietes durch die militärische und politische Sicherung des rechtsrheinischen Gebietes bis zur Elbe an. [Anm. 4] Diese Expansionsbestrebungen endeten abrupt mit der Niederlage des Varus im Jahre 9 n. Chr.
Auf der Grundlage archäologischer Befunde ergibt sich für diese Zeit unterhalb des Legionslagers das Bild einer aufstrebenden Garnisonssiedlung. [Anm. 5] Hier waren einige Lagerdörfer entstanden, sog. canabae legionis, in denen Händler, Handwerker und Wirte sowie Angehörige der Soldaten lebten. [Anm. 6]

Im ersten Jahrhundert n. Chr. entstanden außerhalb des Legionslagers erste repräsentative Steinbauten, wie der Drususstein, das römische Theater, eine Therme oder die Wasserleitung zum Kästrich. Der militärisch bedingte Ausbau der Straßen [Anm. 7] und der Brückenbau kamen auch den canabae legionis zugute. [Anm. 8]
Die Canabae wuchsen zu einer größeren, städtisch geprägten Siedlung zusammen. Ab dem Jahr 90 n. Chr. wurde Mogontiacum Sitz der Verwaltung der Provinz Germania superior. [Anm. 9] Mogontiacum blieb allerdings im Gegensatz zu Colonia Augusta Treverorum (Trier) als Hauptstadt der Provinz Gallia Belgica und Colonia Claudia Ara Agrippinensium (Köln) als Hauptstadt der Provinz Germania inferior bis in die zweite Hälfte des 3. Jahrhunderts primär ein Militärstandort. Dies ist der Grund, warum die Stadt nie den großstädtisch geprägten Charakter der anderen großen Römerstädte in Deutschland aufwies.
Mogontiacum besaß sehr lange keinen Stadtrechtstitel wie eine Colonia (von Römern geplant angelegte schachbrettartige Siedlung auf zuvor unbewohntem Gebiet) oder ein Municipium (bereits bestehendes Gemeinwesen, dessen Pflichten und Rechte gegenüber Rom durch Verträge geregelt waren). Die zivile Siedlung bestand bis zur Bedrohung durch die Alemannen im Jahre 260 aus canabae legionis. Mogontiacum war auch keine Civitas – eine halbautonome Verwaltungseinheit der mittleren Ebene. Die Civitates bestanden aus einem städtischen Zentrum und dem Umland wie z. B. Civitas Mattiacorum (Wiesbaden) oder Civitas Taunensium (Frankfurt).

Mogontiacum war keine Stadt im rechtlichen Sinne. Die Einwohner Mogontiacums bezeichneten sich selbst in der Stiftungsinschrift zur Mainzer Jupitersäule als Canabarii, Bewohner einer canabae legionis.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Mainz sich aus Lagervorstädten entwickelt hat. Ab dem ersten Jahrhundert nach der Zeitenwende wuchsen diese Siedlungskerne zusammen, und es entwickelten sich stadtähnliche Strukturen. Eine rechtliche Anerkennung als Municipium durch das römische Reich ist erst in den letzten Jahrzehnten des dritten Jahrhunderts erfolgt, als die zivilen Siedlungskerne unterhalb des Legionslagers mit einer Mauer (um 270 n. Chr.) umgeben wurden. [Anm. 10] In der Mitte des 4. Jahrhunderts wurde das Legionslager aufgegeben und abgerissen. [Anm. 11]

Ein bestimmtes Datum für die Gründung der Stadt lässt sich nicht bestimmen. Dennoch hat die Stadt Mainz im Jahre 1962 ihr zweitausendjähriges Bestehen gefeiert. 

Verfasser: Wolfgang Stumme

Redaktionelle Bearbeitung: Jasmin Gröninger

Verwendete Literatur:

  • Cüppers, Heinz: Die Römer in Rheinland-Pfalz. Hamburg 2002.
  • Huber, Wilhelm: Das Mainz-Lexikon: Mainz 2002.
  • Keim, Anton M.: Geschichte des 2000jährigen Reiches. In: 2000 Jahre Mainz am Rhein 1962. Offizieller Festkatalog. Mainz 1962, S. 9 – 26.
  • Schaab, Karl Anton: Geschichte der Stadt Mainz, 1. Band. Mainz 1841.
  • Witteyer, Marion: Mogontiacum: Neuigkeiten und Altbekanntes aus dem römischen Mainz. In: Dumont, Franz, Scherf, Ferdinand, (Hg.): Mainz – Menschen, Bauten, Ereignisse. Eine Stadtgeschichte. Mainz 2010, S. 18 – 34.

Aktualisisert am: 04.08.2016

Anmerkungen:

  1. Vgl. Witteyer, Marion: Mogontiacum: Neuigkeiten und Altbekanntes aus dem römischen Mainz. In: Dumont, Franz, Scherf, Ferdinand, (Hg.): Mainz – Menschen, Bauten, Ereignisse. Eine Stadtgeschichte. Mainz 2010, S. 18 – 34 (S. 20). Zurück
  2. Vgl. Huber, Wilhelm: Das Mainz-Lexikon. Mainz 2002, S. 262. Zurück
  3. Das Castrum wurde nach der keltischen Gottheit Mogon benannt. Zurück
  4. 12 v. Chr. führte Drusus eine römische Flotte entlang der Nordseeküste; im folgenden Jahr zog er von Vetera, dem heutigen Xanten, entlang der Lippe gegen die Sugambrer und weitere Stämme. Im Jahre 10 v. Chr. kämpfte er, von Mogontiacum kommend, gegen die Chatten. Im darauf folgenden Jahr setzte er den Feldzug fort und erreichte die Elbe in der Gegend von Magdeburg. Zurück
  5. Vgl. Witteyer, Marion, a.a.O., S. 34. Zurück
  6. Vgl. Schaab, Karl Anton: Geschichte der Stadt Mainz, 1. Band. Mainz 1841, S. 88: „Von Drusus Tod, oder dem Jahre 9 vor Christi Geburt an, bis zur Ankunft der Kaiser Trajan und Hadrian , besonders bis zur Ankunft der XXII. Legion in Mainz, im Jahre 81 nach Christi Geburt, ist keine Hauptveränderung im Mainzer Kastrum in topographischer Hinsicht vorgefallen; wenigstens haben wir darüber keine urkundlichen oder sonstige authentischen Beweise. Kleine Ansiedelungen oder Niederlassungen vor oder neben dem Kastrum mögen wohl geschehen seyn, aber sie bildeten noch keine römische Bürgerstadt.“ – Die in den Jahren 63 – 67 errichtete Jupitersäule wurde von Bewohnern einer Canabae (canaba[rii]) gestiftet. Zurück
  7. Die wichtigste römische Straße führte vom Legionslager über die Emmerich-Josef-Straße zum Schillerplatz und entlang der Emmeransstraße und Reichklarastraße; über die Zeughausstraße ging es dann zur römischen Rheinbrücke. Diese West-Ost-Verbindung ist atypisch für römische Stadtgründungen, deren decumanus maximus einen geraden Verlauf hatte. Einen cardo maximus in Nord-Süd-Richtung, über den jede von den Römern gegründete Stadt ebenfalls verfügte, gab es in Mainz nicht. Zurück
  8. Vgl. Witteyer, Marion, a.a.O., S. 34. Zurück
  9. Witteyer, Marion, a.a.O., S. 34: "Die Einrichtung der Provinz Germania superior mit zentralem Verwaltungssitz in Mainz blieb anscheinend ohne Auswirkung auf die innerörtliche Entwicklung.“ Zurück
  10. Vgl. Keim, Anton M.: Geschichte des 2000jährigen Reiches. In: 2000 Jahre Mainz am Rhein 1962. Offizieller Festkatalog. Mainz 1962, S. 9 – 26 (S. 11).  Zurück
  11. Cüppers, Heinz: Die Römer in Rheinland-Pfalz. Hamburg 2002, S. 458. Zurück