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Carl Zuckmayer

0.1.Leben

Portrait von Carl Zuckmayer[Bild: Bundesarchiv, Bild 146-2005-0008 / CC-BY-SA]

Geboren in der rheinhessischen Gemeinde Nackenheim, wuchs Carl Zuckmayer als Sohn eines Fabrikanten für Weinflaschenkapseln im nahegelegenen Mainz am Bonifatiusplatz auf. Der unbeschwerten Kindheit folgte das Notabitur 1914 am Humanistischen Gymnasium in Mainz (heute Rabanus-Maurus-Gymnasium) und Zuckmayer meldete sich, wie viele junge Mainzer, sogleich als Kriegsfreiwilliger. Im hessischen Feldartillerie-Regiment Nr. 61 (Darmstadt) nahm er an den Kampfhandlungen an der Westfront, u.a. in Nordfrankreich und bei der Schlacht an der Somme, teil. Angesichts der Schrecken des Krieges verkehrte sich die anfängliche Kriegseuphorie bald ins Gegenteil und Zuckmayer versuchte mehr und mehr, die Fronterfahrung durch das Schreiben von Gedichten zu verarbeiten.

In der Zwischenkriegszeit widmete er sich vollends seiner Schriftstellertätigkeit und es zog ihn in das pulsierende Berlin, wo er u.a. mit Bertolt Brecht Dramaturg am Deutschen Theater war, v.a. aber zu einem der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller der Weimarer Republik aufstieg. Der Durchbruch gelang ihm 1925 mit der in seiner rheinhessischen Heimat spielenden Komödie „Der fröhliche Weinberg“, für die er mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet wurde. Mit dem Volksstück fand er das Genre, das mit den Motiven der Volksnähe und Menschlichkeit auch seine folgenden Stücke wie „Schinderhannes“ (1927), „Katharina Knie“ (1928) und „Der Hauptmann von Köpenick“ (1931) dominieren sollte.

Diesem Erfolg wurde mit der Machtübernahme Hitlers jedoch ein abruptes Ende gesetzt. Auf Grund von Zuckmayers jüdischem Hintergrund – seine Mutter Amalie geb. Goldschmidt war jüdisch-evangelischer Abstammung – und seiner offenen Sympathie zur Weimarer Republik wurden seine Stücke ab 1933 nicht mehr aufgeführt. Ein zusätzliches Publikationsverbot führte dazu, dass er nach Wien flüchtete, 1938 nach Zürich und im Jahr darauf in die USA emigrierte, wo er bis zum Ende des 2. Weltkriegs lebte. Mühsam versuchend, beruflich dort Fuß zu fassen, betrieb er bis Kriegsende mit seiner Frau eine Farm in Vermont. Während dieser Zeit entstand ein weiteres großes Werk, das Drama „Des Teufels General“, welches das Schicksal des bekannten deutschen Fliegergenerals Ernst Udet zum Inhalt hat, der zur tragischen Figur des Dritten Reiches wurde – ein im Nachkriegsdeutschland stark rezipiertes Stück. 1946 als Kulturbeauftragter des US-Kriegsministeriums erstmals wieder in Deutschland, lebte Zuckmayer von 1947 bis 1958 abwechselnd hier und in den USA.

1952 erhielt er den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt a.M. 1958 verlegte er seinen Wohnsitz in das schweizerische Saas-Fée, das auch zu seinem Altersdomizil wurde. Zwar konnte er als Dichter nicht mehr an die Erfolge der Vorkriegszeit anknüpfen, seine Autobiographie „Als wär's ein Stück von mir“ (1966) erlangte jedoch noch einmal Bestsellerstatus. Seine langjährige Heimatstadt Mainz verlieh ihm 1961 die Ehrenbürgerwürde. Er starb am 18. Januar 1977 in Saas-Fee in der Schweiz.

0.2.Zuckmayer und der Erste Weltkrieg

In seiner autobiographischen Schrift „Als wär's ein Stück von mir. Horen der Freundschaft“ (Erstausgabe 1966)[Anm. 1] verarbeitet Carl Zuckmayer im gleichnamigen Kapitel 4 die Zeit des Ersten Weltkriegs. Anfang Juli zum Beispiels schrieb er Gedichte von denen er selbst sagt, dass „sie mehr als jede Schilderung Aufschluß geben über den Seelenzustand eines jungen Menschen, der noch nicht von der nationalen Erregung überwältigt war." [Anm. 2]

„Einmal, wenn alles vorüber ist,

Werden Mütter weinen und Bräute klagen,

Und man wird unterm Bild des Herrn Jesus Christ

Wieder die frommen Kreuze schlagen.

Und man wird sagen: es ist doch vorbei!

Laßt die Toten ihre Toten beklagen!

Uns aber, uns brach es das Herz entzwei

Und wir müssen unser Lebtag die Scherben tragen."[Anm. 3]

0.2.1.Am 1. August auf dem Schillerplatz in Mainz

Später berichtet er von der Ankündigung der Mobilmachung am 1. August 1914 durch den Gouverneur der Festung Mainz Hugo von Kathen auf dem Schillerplatz in Mainz:

„Es war Samstag, der erste August. In unserer Gegend, der Mainzer Neustadt, war alles totenstill, kein Mensch und kein Fahrzeug auf der Straße, die Häuser wie ausgestorben. Aber von der Stadtmitte her, hörte man, undeutlich und verworren, ein leises Brausen von vielen Stimmen, Gesang, Militärmusik. Ich lief in die Stadt. Je näher ich dem Schillerplatz kam, auf dem sich das Gouvernement der Garnison befand, desto dichter wurde das Gedränge: so ging es sonst nur zu, wenn an Fassnacht der Rosenmontagszug erwartete wurde. Aber die Stimmung war anders. Obwohl man Rufen, auch Schreien und Lachen hörte, war in dem ganzen Getriebe eine zielhafte Geschlossenheit, nichts von müßiger Neugier, so als hätte jeder dort, wo alle hinströmten, etwas Dringendes, Unaufschiebbares zu tun. Mitten durch all die Menschen marschierten kleine Kommandos der Gouvernements-Wache, die an den Straßenecken noch druckfeuchte Plakate anschlugen, darauf stand in großen, weithin lesbaren Buchstaben:

"Seine Majestät der Kaiser und König hat die Mobilmachung von Heer und Flotte angeordnet. Erster Mobilmachungstag ist der zweite August. Gez. Wilhelm, I. R."

Sonst nichts. Wer damals dabei war, hat diesen Text nie vergessen. Da und dort traf ich Schulkameraden oder Freunde aus der Nachbarschaft, und auch das gehörte zu dem Unfaßlichen: wir sprachen kaum miteinander, wir berieten uns nicht, wir schauten uns nur an, nickten uns zu, lächelten: es war gar nichts zu besprechen. Es war selbstverständlich, es gab keine Frage, keinen Zweifel mehr, wir würden mitgehen, alle. Und es war – das kann ich bezeugen – keine innere Nötigung dabei, es war nicht so, daß man sich etwa vor dem anderen geniert hätte, zurückzubleiben. Man kann vielleicht sagen, daß es eine Art von Hypnose war, eine Massenentscheidung, aber es gab keinen Druck dabei, keinen Gewissenszwang. Auch in mir, der ich am vorletzten Abend noch zu einer Holländerin gesagt hatte: ‚Nie werde ich in den Krieg gehen!‘ war nicht mehr der leiseste Rest einer solchen Empfindung.

Der weite Schillerplatz vorm Gouvernement war schwarz von Menschen, man erwartete wohl eine offizielle Kundgebung, eine Ansprache des Gouverneurs oder dergleichen, aber es geschah nichts, die Militärmusik spielte die prächtigen alten Märsche, da und dort hörte man ein paar Stimmen ‚Hurra‘ rufen oder das Deutschlandlied singen, aber das verebbte gleich wieder, es ging ernst und würdig zu, fast feierlich, trotz der immer dichter gedrängten Menschenmenge. Extrablätter der lokalen Zeitungen wurden angeboten in denen man las, daß Rußland entgegen seinem ausdrücklichen Versprechen seine gesamte Riesenarmee mobilisiert habe, daß die ‚russische Dampfwalze‘ mit ungeheurem Einsatz von Divisionen auf die deutsche Ostgrenze zustampfe, daß Frankreich ohne Warnung mobil gemacht habe und den deutschen Westen bedrohe. Wir sprachen nur noch davon, bei welchem Regiment man sich am besten melden sollte. Einer unserer Freunde, Sohn eines höheren Offiziers, informierte uns, daß mit den Kriegserklärungen am nächsten Tag zu rechnen sei und daß dann wohl überall Freiwillige angenommen würden. Am liebsten wären wir gleich alle zusammen in eine Kaserne gelaufen und gar nicht mehr heimgegangen. Wir hatten die Arme ineinandergehakt und bildeten eine Kette, um ins [sic!] im Gedränge nicht zu verlieren – ich weiß noch heute den Namen jedes einzelnen, der da mit mir ging: Karl Gelius, Franz Klum, Leopold Wagner, Heinz Römheld, Geo Hamm, Richard Schuster, Ferdinand Pertzborn, Fritz Hahn –, ich sehe ihre siebzehnjährigen Gesichter, wie sie damals waren, jung und frisch, ich könnte sie nie anders sehen, denn sie sind nicht gealtert. Sie sind alle tot, kriegsgefallen, jeder der hier Genannten. Zum Abschluß spielte die Militärkapelle, in langsamen Takt, das Lied vom Guten Kameraden, und wir sangen mit, ohne noch die Bedeutung dieser Strophe zu erahnen: ‚Es hat ihn weggerissen – Er liegt zu meinen Füßen – Als wär's ein Stück von mir.‘ "

0.2.2.Die erste Veröffentlichung Zuckmayers

Kurz darauf, am 11. August 1914, wurde in der Mainzer Tageszeitung Neuester Anzeiger das erste Gedicht von Carl Zuckmayer veröffentlicht:

"Uns alle hat ein großes überwältigt,

nicht hohler Rythmenrausch, nicht Herdentriebe,

ein Großes, schön und grausam, fast wie Liebe,

das unsre Seelenkraft vertausendfältigt.

Dies sei nun unser Glaube, hehr und licht,

wir wollen ihn wie ein Naturgesetz erleben: daß, wenn wir immer fallen,

unsere Seele Weben sich ringend mit dem wahrhaft Göttlichen gemischt!" [Anm. 4]

Nachweise

Verfasser: Steffi Egenolf, akt. und erw. v. Katharina Thielen

Erstellt am: 12.08.2013

Literatur:

  • 2000 Jahre Mainz - Geschichte der Stadt digital
  • Buchinger, Susanne: Als wär's ein Stück von mir. Carl Zuckmayer und seine Haltung zu Krieg und Revolution. In: Mainz und der Erste Weltkrieg, Mainz 2008, S. 165 – 176. (Mainzer Geschichtsblätter 14)
  • Kieser, Harro: Carl Zuckmayer. Materialien zu Leben und Werk. Frankfurt a.M. 1986.
  • Zuckmayer, Carl: Als wär's ein Stück von mir. Horen der Freundschaft. Frankfurt a. M. 1980.

 

 

Anmerkungen:

  1. vgl. Zuckmayer, S. 166. Der Auspruch „Als wär's ein Stück von mir“, der gleichzeitig auch der Titel der Autobiographie ist geht auf das Lied „Der gute Kamerad“ (1809) von Ludwig Uhland zurück.  Zurück
  2. Zuckmayer, S. 161. Zurück
  3. Zuckmayer, S. 162. Zurück
  4. zit. nach Buchinger, S. 168. Zurück