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Rezension: Juden in Rheinhessen

Rheinhessen, das ist das Hinterland von Mainz und Worms, zweier Städte, die in der Geschichte der europäischen Judenschaft eine zentrale Rolle gespielt hatten. Rheinhessen, das war ein Teil des Départements Mont-Tonnerre, der auf dem Wiener Kongreß dem Groherzogtum Hessen(-Darmstadt) und bei Rhein zugeschlagen worden war, in dem aber weiterhin der Code civil galt, und wo die Juden voll emanzipiert waren (Napoleons "décret infame" diskriminierte, hatte aber kaum praktische Auswirkungen).  Für die Judenemanzipation kämpften die Revolutionäre von 1848 als eine der "rheinischen Institutionen".

Aber nicht nur, dass hier die Juden in einer sehr viel besseren Situation als sonstwo im Deutschen Bund und zuvor unter den Kurfürsten von Mainz oder der Pfalz waren, auch die Quellenlage für ihre Situation und ihren Personenstand ist ausgesprochen gut, weil sich französische und hessische Bürokratie ergänzend überlagern. Zu den Zivilstandsregistern kam 1817 die im übrigen Hessen seit 1804 praktizierte "Spezialmusterliste", aus der sich in Mainz die bis zum 2. Weltkrieg reichenden "Familienregister" entwickelten. Aus den von Rohde nicht konsultierten jährlichen "Tableaux de la population" konnte 1801 eines der frühesten vollständigen Adressbücher Deutschlands extrahiert werden. Doch damit sind wir bei der speziellen Situation in Mainz. in den kleineren Städten (Worms, Bingen, Alzey, Oppenheim) und erst recht in den ländlichen Gemeinden war die Situation und auch die Quellenlage durchaus anders. Rohde bewältigt diesen ungeheuren Stoff in einer ungemein detailreichen Darstellung und mit brauchbarer Systematik, er stellt überzeugend die jüdische Seite in den Zusammenhang der gesamtgesellschaftlichen und -wirtschaftlichen Entwicklung der Region. Insofern ist dies ein grundlegender Beitrag nicht nur zur jüdischen Wirschafts- und Sozialgeschichte, sondern auch zur allgemeinen Regionalgeschichte. Vielleicht ist die Zusammenfassung etwas zu vage, gewiss muss diese erste Zusammenschau durch spezielle örtliche und genealogische Untersuchungen untermauert werden. Sie bildet für diese einen zuverlässigen Rahmen.

Nur ein wirklich entscheidender Wunsch bleibt offen: der nach einem Register. Wie kann man sonst eine solche Fülle an Material überblicken? Natürlich gibt es auch kleinere Einwände: Wenn auf S. 131 eine Kurve der Eheschließungen 1760–1817 abgebildet (und behandelt) wird, ist die statistische Basis falsch. Es geht nur um die Jahreszahlen der 1817 noch am Ort bestehenden Ehen, nicht der, sagen wir 1767, insgesamt geschlossenen, von denen die meisten nach 50 Jahren durch den Tod geschieden waren.

Von kleineren Lücken sei nur eine hier erwähnt.S. 278, Fußnote 1063 heißt es: "Zacharias Löwenthal war Doktor der Philosophie… Es ließ sich jedoch nicht ermitteln,… wo er danach gearbeitet hat." Nun denn: Er hieß ab 1857 Carl-Friedrich Loening, war geboren in Ladenburg 1810 August 4, starb 1884 März 6, war bis zum von Gutzkows "Wally, die Zweiflerin" ausgelösten Verbot 1835 Oktober 20 Verleger des "Jungen Deutschland". Offensichtlich hat die Mitgift seiner Frau Anna Reinach aus Mainz (ihre Schwester war die Stammutter der auf der selben Seite behandelten Juristenfamilie Dernburg) ihm geholfen, den Zusammenbruch seines Verlages zu überwinden. Mitbegründer der "Literarischen Anstalt" (ab 1859 Rütten & Loening), verlegt diese Karl Marx' "Die heilige Familie" und Hoffmanns "Struw­wel­peter". Er ließ sich 1847 Juli 12 in Mainz mit seiner Familie lutherisch taufen, war 1848 im Hessischen Landtag, wurde 1852–1854 mit seiner Familie aus Frankfurt ausgewiesen. Der jüngste Sohn Gottfried Eugen trat 1879 in den Verlag ein, Edgar und Richard wurden nationalliberale Anwälte in Heidelberg, Richard später Prof. iur. in Halle. Die Tochter Marie Cäcilie Elise heiratete 1873 Otto von Gierke (1841–1921), einen bedeutenden Juristen und Rechtshistoriker.

Nachweise

Verfasser: Josef Heinzelmann

Rezensiert wurde: Matthias Rohde, Juden in Rheinhessen. Studien zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Diss. Mainz 2002), Der Andere Verlag, Tönning 2007

Erstellt: 2007

Geändert: 20.07.2012