Ebersheim in Rheinhessen

Geschichte und Schicksale der Ebersheimer Juden

von Rudolf Büllesbach

Juden in Mainz

Wenn von bemerkenswerten Judengemeinden in alten deutschen Städten gesprochen wird, kommt üblicherweise die Rede auf Frankfurt am Main, auf Köln, vielleicht auf Berlin oder auf Wien oder Prag. Selten fällt in diesem Zusammenhang auch der Name der Stadt Mainz. Zu Unrecht: Im Jahre 1432 legte der Rat der Stadt Mainz in einem Gerichtsverfahren eine Urkunde vor, aus der hervorging, dass "die Juden zu Mentz gewesen sind, nämlich 500 Jahre und länger, bevor das Stift zu Mentz gebaut worden sei." Wenn der Inhalt dieser Urkunde stimmt, dann hätte die jüdische Geschichte in Mainz bereits im ersten vorchristlichen Jahrhundert begonnen. Ohne Zweifel wären die Mainzer Juden damit die am längsten bezeugten Juden auf deutschem Gebiet.

Juden in Ebersheim

Bar-Mitzwa von Fritz Goldschmitt im Jahre 1934[Bild: Rudolf Büllesbach]
Familie Lazarus Goldschmitt vor ihrem Haus in Ebersheim[Bild: Rudolf Büllesbach]
Familie Nathan Goldschmitt im Haus Töngesgasse in Ebersheim[Bild: Rudolf Büllesbach]
Haus und Geschäftsraum von Sofie Berney in Ebersheim[Bild: Rudolf Büllesbach]

Juden in Ebersheim sind seit Mitte des 18. Jahrhunderts urkundlich erwähnt. Es waren die Familien Berney, Goldschmitt und Simon. Später kamen noch die Familien Mayer, Kahn, Nathan und andere dazu. Diese Familien lebten in Ebersheim in einem stark katholischen Umfeld. Im Jahr 1833 konnte man in Ebersheim insgesamt 947 Einwohner zählen, davon 905 Katholiken, 1 evangelischer und 41 jüdische Mitbewohner. Bis zum Jahr 1861 stieg die Zahl der jüdischen Bewohner auf 58.

Mainzer Straße in Ebersheim mit früherer Synagoge 1912[Bild: Rudolf Büllesbach]

Bereits im Jahr 1853 war eine Synagoge in der Mainzer Straße (heute: Konrad-Adenauer-Straße) gebaut worden. Der jüdische Friedhof in Ebersheim wurde ebenfalls vermutlich zu dieser Zeit angelegt. Der genaue Zeitpunkt lässt sich nicht bestimmen. Der älteste Grabstein datiert aus dem Jahr 1870. Auch bei den Straßennamen fand sich der jüdische Einfluss wieder: Der Teilabschnitt der Töngesstraße zwischen Neugasse und Römerstraße hatte im Sprachgebrauch den Namen "Judengasse". Wann dieser Name entstand, ist unbekannt.

Um das Jahr 1900 lebten in Ebersheim 52 jüdische Bewohner (Hechtsheim: 97, Harxheim: 22, Nieder-Olm: 19). In den kommenden Jahren verringerte sich die Zahl der jüdischen Bewohner stetig (1925: 25 Juden, 1932: 25, 1938: 13 Juden). Die letzte Beisetzung auf dem jüdischen Friedhof fand im Jahr 1935 statt.

Verschiedene jüdische Familien aus Ebersheim wanderten ins Ausland aus. Eine der Gründe für die Auswanderungen findet sich darin, dass die Juden kein Ackerfeld besaßen und deshalb als Geschäftsleute nicht örtlich gebunden waren. Sie gingen dorthin, wo sie die besten Bedingungen finden konnten. Und das häufig mit Erfolg: Der Ebersheimer Arthur Simon wanderte beispielsweise 1903 in die USA aus und wurde dort ein erfolgreicher Geschäftsmann. Sein Sohn Herbert Simon wurde noch erfolgreicher: Der Sohn eines Ebersheimers erhielt 1978 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften.

Werbeannonce der Metzgerei von Bernhard Goldschmidt zu Ebersheimn von 1913[Bild: Rudolf Büllesbach]
Werbeannonce der Metzgerei von Heinrich und Lazarus Goldschmitt in Ebersheim von 1913[Bild: Rudolf Büllesbach]
Werbeannonce der Metzgerei Nathan Goldschmitt in Ebersheim von 1932[Bild: Rudolf Büllesbach]
Werbeannonce des Gemischtwarenladens von Rosel Goldschmitt aus Ebersheim von 1932[Bild: Rudolf Büllesbach]

Von solchen beruflichen Erfolgen waren die in Ebersheim lebenden Juden weit entfernt. Die jüdischen Mitbürger verdienten ihren Lebensunterhalt in unterschiedlichen Berufen. Sie waren Metzgermeister (Nathan und David Goldschmitt, Markus und Siegfried Mayer), Viehhändler (Lazarus und Bernhard Goldschmitt, Leopold Simon), Weinkommissionär (Leopold Goldschmitt) oder Kaufleute (Ludwig Goldschmitt, Simon Nathan, Samuel Mayer). Fanny Nathan war Ellenwarenhändlerin und Sophie Berney führte in der Römersträße/Ecke Großgewann ein Geschäft für Kurzwaren und verkaufte Tabak und Zigaretten. Genauso normal wie die Berufe war das Engagement im Ort. Die jüdischen Mitbürger engagierten sich in den Vereinen und gestalteten das Leben im Ort mit. Beim 50jährigen Jubiläum des Gesangvereins „"Concordia" im Jahre 1913 gehörten beispielsweise Simon und Leopold Goldschmitt dem Ehrenausschuss oder David Goldschmitt dem Musik- und Vergnügungsausschuss an.

Aber nicht nur bei den örtlichen Feiern waren jüdische Familien voll integriert. Als Soldaten kämpften junge Ebersheimer Juden im ersten Weltkrieg. Zwei Tafeln am Kriegerdenkmal erinnern noch an Berthold Kahn und Julius Goldschmitt, die beide im ersten Weltkrieg in Frankreich gefallen sind.

Verfolgung ab dem Jahr 1933

Erniedrigung, Demütigung und Entrechtung der Juden standen ab 1933 im nationalsozialistischen Deutschland immer mehr auf der Tagesordnung. Auch in Ebersheim wurde den jüdischen Bewohnern das Leben immer schwerer gemacht.

Sie wurden aus den Vereinen ausgeschlossen und häufig beschimpft. Manche versuchten zu verhindern, dass die Bevölkerung bei ihnen kaufte. Andere erlagen der Versuchung, jüdische Mitbürger aus nichtigen Gründen anzuzeigen. So wurde beispielsweise Otto Nathan im November 1933 in das KZ Osthofen eingewiesen, weil er einem Ebersheimer SA-Mann erklärt hatte, "dieser können ihm nichts anhaben". Die Einweisung wurde weiterhin damit begründet, Otto Nathan habe "ein Schreiben der Parteileitung zwecks Überwachung von jüdischen Lebensmittelgeschäften an die Zürich-Zeitung in der Schweiz" gesandt. Im Juni 1934 gerieten Nathan Goldschmitt und Sophie Berney in die Mühlen der Ämter. Beiden wurde vorgeworfen, sie hätten sich geäußert, ein Ebersheimer "habe sein Pferd von einem Juden gekauft". Nathan Goldschmitt musste eine Buße von 40 Reichsmarkt bezahlen. Sophie Berney musste sich entschuldigte.

Diese Beispiele zeigen beispielhaft, wie der Druck auf die jüdischen Familien immer weiter erhöht wurde. Der Höhepunkt war schließlich die "Reichspogromnacht" vom 9. auf den 10. November 1938, die auch in Ebersheim zu einem entscheidenden Einschnitt  wurde.

Viele Ebersheimer Zeitzeugen erinnern sich übereinstimmend, wie in der Nacht auf den 10. November SA-Leuten auf Lastwagen aus Richtung Zornheim und Nieder-Olm nach Ebersheim kamen und anschließend im Ort ihr Unwesen trieben. Die Synagoge wurde angezündet und brannte ab. Die SA drang in die  Häuser von Bernhard Goldschmitt (auf dem Platz, wo heute der Weinbrunnen steht), Leopold und Nathan Goldschmitt (Konrad-Adenauer-Straße), Rosel Goldschmitt (Neugasse) und Sophie Berney (Ecke Römerstraße/Großgewann) ein. Federbetten und kleinere Einrichtungsgegenstände wurden auf die Straße geworfen. Möbelstücke wurden zertrümmert und die Häuser geplündert. Manche waren bemüht, der SA Einhalt zu gebieten. Dies aber nicht aus Protest, sondern weil die Betreffenden vorher die Häuser von jüdischen Familien gekauft hatten und der Eigentumswechsel auf den SA-Listen noch nicht vermerkt war. Die meisten Ebersheimer Familien blieben allerdings in ihren Häusern, teils aus Entsetzen und teils aus Angst vor möglichen Konsequenzen.

Für die jüdischen Familien in Ebersheim bedeutete die Reichspogromnacht der Abschied von der Hoffnung, dass alles vielleicht doch noch gut gehen könnte. Es war jetzt offensichtlich, dass es zukünftig kein gemeinsames Miteinander zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Familien mehr geben wird. Noch in der Nacht des 10. November 1938 zogen 11 jüdische Mitbürger zu Verwandten und Bekannten.

Schicksale der Ebersheimer Juden

Mit der öffentlichen Erniedrigung bei der Reichspogromnacht sollten die Juden in Deutschland zum Auswandern gebracht werden. Die physische Vernichtung stand im Jahr 1938 noch nicht auf dem Programm. So waren die in jenen Tagen verhafteten Juden vor allem wohlhabende, gut situierte Bürger. Sie und ihre Angehörigen sollten mit der Demütigung dazu gebracht werden, möglichst rasch das Land zu verlassen. Das Kalkül hatte Erfolg: In der Zeit nach den Pogromen emigrierten so viele Juden wie in all den Jahren seit 1933 nicht. Diese für Deutschland geltende Entwicklung verlief für die Ebersheimer Juden genau umgekehrt. Die Auswanderungswelle war für diese im Jahr 1938 im Wesentlichen abgeschlossen.  Aufgrund der besonderen politischen Rahmenbedingungen und den beginnenden Verfolgungen waren die Jungen und solche, die Geld hatten, bis 1938 nach Übersee ausgewandert. Hierzu zählten zum Beispiel die Familien Mayer und  Nathan sowie die jungen Goldschmitts.

Fast alle Ebersheimer Juden, die bis zur Reichspogromnacht noch in Ebersheim lebten, hatten keine Chance oder kein Geld mehr zur Auswanderung. Ihre Schicksale machen heute noch betroffen:

Nathan Goldschmitt (der "Natche") und sein Frau Mathilde wohnten in Ebersheim lange Zeit zur Miete in dem Eckhaus Töngesstraße/Neugasse. Sie zogen später um in die Konrad-Adenauer-Straße. Die Söhne Lothar und Fritz wanderten in die USA aus. Die Tochter Hilde musste in Ebersheim bleiben, da sie für eine Auswanderung zu jung war. Nach der "Reichspogromnacht" wohnte die Familie in Weisenau in der Rheinstraße. Sie wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert.

Lazarus Goldschmitt (der "Lazer") aus der Dalbergstraße wohnte bis zu seinem Tod im Jahr 1940 in der Seilerstraße in Mainz. Dort wurde ebenfalls Rosel Goldschmitt (die "Rosel") einquartiert, die in der Neugasse gewohnt hatte. Rosel Goldschmitt wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und am 31. März 1944 für tot erklärt.

Bernhard Goldschmitt (der "Schwarz Jud" wegen seiner dunkeln Hausfarbe) und seine Frau Sara lebten in der Schulstraße an der Ecke, an der heute der Weinbrunnen steht. Beide flohen in der Nacht zum 10. November 1938 in die Breidenbacherstraße nach Mainz. Begleitet wurde sie von Sophie Berney (die "Sofie"), die in der Römerstraße ein Geschäft geführt hatte und deren Haus am 9. November ebenfalls verwüstet wurde. Am 27. September 1942 wurden die Bewohner der Breidenbacherstraße nach Theresienstadt deportiert.

Isaak, Leopold (der "Löbche") und Nelly Goldschmitt wohnten bis 1938 in der heutigen Konrad-Adenauer-Straße. Das Schicksal von Isaak Goldschmitt ist nicht bekannt, da er auf keiner Deportationsliste steht. Nelly Goldschmitt wohnte bis zur Deportation nach Theresienstadt in der Schusterstraße in Mainz. Leopold Goldschmitt wohnte zuletzt in der Gonsenheimer Straße, bevor auch er 1942 nach Theresienstadt deportiert wurde.

Gegen das Vergessen

Am 9. November 2008 erinnerte die Ortsgemeinde Ebersheim gemeinsam mit der katholischen und evangelischen Kirchen an die "Reichspogromnacht" 1938. Bei einem Rundgang zu den Orten ehemals jüdischer Häuser erfuhren mehr als 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer vieles über die Schicksale der Ebersheimer Juden. An den einzelnen Orten informierte der frühere Ortsvorsteher Klaus Nauth insbesondere auch an die Ereignisse von 70 Jahren. Die Führung wurden ergänzt durch Informationen von Georg Bertz, der vor mehr als 20 Jahren die Schicksale von den jüdischen Familien erforscht und in dem von Friedrich Eckert herausgegebenen Buch "Juden in Ebersheim" zusammengefasst hatte. Dieses Buch bildet auch eine wichtige Grundlage für diesen Artikel.

Wie nachhaltig die damalige Zeit bei den überlebenden Juden wirkte, zeigt der folgende Auszug aus einem Brief. Im September 1957 schrieb Ludwig Goldschmitt aus Baltimore:

"…Baltimore … ist ein freies Land (Wir haben keinen Hitler). Meine Liebe, ich muß dich etwas fragen. Hast Du nachdem meine Schwester Rosel und Nathan mit Familie, sowie Isaak, Leopold und Nelly, Bernhard und Sara, Sophie Berney weggebracht wurde, etwas von ihnen gehört. Haben sie jemals geschrieben. Es war ein Jammer solche Leute umzubringen. Diese Mörderbande."

Nachweise

Verfasser: Rudolf Büllesbach

Redaktionelle Bearbeitung: Dominik Kasper

Verwendete Literatur:

  • Eckert, Friedrich (Hrsg.): Juden in Mainz-Ebersheim. Mainz 1992.
  • Hedwig Brüchert (Hrsg.): Die Synagogen der Mainzer Vororte Bretzenheim, Ebersheim, Hechtsheim und Kastel. Im Auftrag des Vereins für Sozialgeschichte Mainz e.V. Mainz 2008.
  • Webseite zur Ebersheimer Geschichte: www.ebersheimer-geschichte.de

Aktualisiert am: 14.06.2014