Reichweiler in der Pfalz

Reichweiler

0.1.Ortsgemeinde in der Verbandsgemeinde Kusel

Einwohner am 30. 6.1999 am 30. 6. 2007
Gesamt: 602 549
Männlich: 295 277
Weiblich: 307 272
Insgesamt (2008): 581
Einwohner (2010): 540
Gemarkung: 386 ha davon 177 ha Wald
Das Dorf vor den preußischen Bergen

0.2.Geographische Lage

Reichweiler, ehemals im südöstlichen Teil des Landkreises Birkenfeld, heute im äußersten Westen des Landkreises Kusel gelegen, erstreckt sich am südlichen Fuße des Karrenberges. Dieser bildet einen Teil der mächtigen Bergkette ("Preußische Berge"), welche sich im Nordwesten des Pfeffelbachtales erhebt und eine durchschnittliche Höhe von fast 600 Metern erreicht. Der höchste Berg im Landkreis Kusel ist der Herzerberg auf der Gemarkung Reichweiler (585 m).  Eine sehr bedeutende Römerstraße, von Metz nach Mainz verlaufend, scheint den heutigen Ort Reichweiler nur tangiert zu haben, da dieser (siehe Name) erst in fränkischer Zeit gegründet wurde.

Heute hat Reichweiler Anschluss an die Bundesautobahn A 62, welche von Trier nach Landstuhl führt, für den Ort aber nicht von wirtschaftlicher Bedeutung ist. Die aus dem Saarland kommende und nach Thallichtenberg führende L 349 (Anschluss an die B 420) ist ebenso wie die K 61 bzw. ab Kreisgrenze K 57 nach Berschweiler nur für den Durchgangsverkehr von Bedeutung.

Von den Höhen aus hat man eine herrliche Aussicht. Fern im Norden ist der Höhenzug des Hunsrücks in seiner ganzen Länge deutlich sichtbar. Im Osten erhebt sich Deutschlands größte Burgruine Lichtenberg, im Südosten der Potzberg und der Donnersberg. Nach Westen erhellt sich ein weiter Ausblick ins Saarland. Fast überall an den Südabhängen der steilen, bis zu 250 Metern abfallenden Landstufe, die stellenweise bis 40° Neigung besitzt, findet sich Buchen- und Fichtenwald. Vereinzelt stehen auch die knorrige Eiche, Birke, Lärche und Kiefer. An den feuchteren Bachrändern wachsen Erle, Weide und Pappel. Die Hochflächen, der Nordabhang und das Pfeffelbachtal sind fast überall dem Ackerbau überlassen. An dem Südhang ist dieser wegen des starken Gefälles und der beim Anbau des Bodens verheerend wirkenden Regengüsse nicht möglich. Die Täler des Südhanges sind stark eingeschnitten. Die Bäche setzen ihre vertiefende Wirkung noch weiter fort, wie man besonders nach der Winterregenperiode beobachten kann. Der Höhenzug bildet die Wasserscheide zwischen Nahe und Glan. Die Gewässer nordwärts fließen der Nahe, die südwärts dem Glan zu.

0.3.Siedlung

Heute ist Reichweiler wie die meisten Dörfer der Umgebung eine typische Wohn- bzw. Schlafsiedlung. Größere gewerbliche Betriebe gibt es in Reichweiler nicht. Auch selbständige Landwirte sucht man vergebens. Die Landwirtschaft dient heute nur noch dem Nebenerwerb bzw. zur Selbstversorgung. Früher war der Ort ein reines Bauerndorf und entwickelte sich, v. a. etwa nach dem 2. Weltkrieg, vom Bauern- zum Arbeiterbauerndorf, die Folge einer wirtschaftlichen und sozialen Umstrukturierung, die nicht ohne Folgen auf die bauliche Substanz bleiben konnte. Der alte, ehemalige Ortskern ist als typisches Haufendorf zu bezeichnen, der Gemarkung angepasst, ein geschlossenes bebautes Dorf mit unregelmäßigem Grundriss und unterschiedlich großen Höfen. Die meist kurzen Straßen verlaufen, bedingt durch die Hanglage, parallel rechts und links der Hauptstraße, die sich von S nach N schlängelt. Typische Bauweise war das Einfirsthaus (Westricher Bauernhaus). Hier befanden sich Wohnung, Stall und Scheune unter einem Dach, manchmal in Giebel-, manchmal in Traufenstellung. Dies ergab ein lebendiges Straßenbild. Doch die Bauernhäuser haben größtenteils ihre landwirtschaftliche Funktion verloren. Die nicht mehr benötigten Wirtschaftsräume wurden einer anderen Nutzung zugeführt. Der dadurch bedingte Umbau ließ oft Schönheit und Originalität, das Regionaltypische zerstören, führte leider zu einem Gesichtsverlust des Dorfes. Das gilt umso mehr, als auch in Reichweiler mit Beginn der 50er Jahre des 2O. Jahrhunderts die uniforme Eigenheimbauweise einsetzte. Die Vielfalt wich der Einfalt, die Harmonie der Monotonie, die Kurve dem rechten Winkel. Neben den wahllos in den alten Ortskern, vielfach aber auch an den Rand der Ortslage gebauten Einfamilienhäusern besitzt Reichweiler ein Neubaugebiet, 1965 begonnen, drei Bauabschnitte. Name: Bruchwasem. Ein neuer Bebauungsplan mit Namen "Bangertstraße Südwest" wird derzeit in Angriff genommen.

0.4.Name

Der Ortsname Reichweiler wird heute allgemein als Weiler des Richo gedeutet. Die Ortsgründung erfolgte zur Zeit der fränkischen Landnahme. Orte auf die Endung - weiler entstanden bei ehemals römischen Landhäusern (villae rusticae), wird doch -weiler vom spätlateinischen Wort villare (wohnen) abgeleitet. In der unmittelbaren Umgebung (Nachbarorte Freisen und Thallichtenberg) sind solche villae rusticae nachgewiesen, der Nachbarort Schwarzerden war eine größere römische Siedlung. Ein weiterer Beweis für diese Annahme sind die vielen "Weilerorte" in unmittelbarer Umgebung. Auch die Wüstungen sollten hier nicht vergessen werden. Auf der heutigen Gemarkung gab es die ehemaligen Dörfer Gerweiler (an der Gemarkungsgrenze zu Oberkirchen und Freisen) und Würzweiler (heute im Neubaugebiet), Flurnamen künden davon.

0.5.Wappen

Das Wappen stellt im oberen Feld auf einem silbernen Grund den wachsenden blauen Veldenzer Löwen mit roter Zunge und roten Krallen dar. Reichweiler gehörte zwar nie oder nur für kurze Zeit der Grafschaft Veldenz an, doch wurde der Veldenzer Löwe deshalb aufgenommen, weil alle Gemeinden des "Amtes Burglichtenberg in Berschweiler" (Kreis Birkenfeld), zu dem Reichweiler damals gehörte, dieses Symbol in ihrem Wappen tragen und weil der Veldenzer Löwe auch im Wappen der Herzöge von Pfalz - Zweibrücken abgebildet war (Reichweiler war pfalz-zweibrückisch von 1559 - 1793). Im unteren Feld ist auf rotem Grund symbolisch durch ein Schwert, das auf die Stierhörner zeigt, das Mithrasdenkmal in einem goldfarbenen Kreis (Symbol des Sonnengottes im Mithrasdenkmal) dargestellt. Genehmigt durch Erlass des Min. des Inneren vom 13. 1. 1964.

0.6.Kurzgefasste Ortsgeschichte

0.6.1.Vor und Frühgeschichte, Römerzeit

Die Gegend um Reichweiler ist uraltes Siedlungsgebiet. Funde aus prähistorischer Zeit bezeugen dies. Eine Pflugschar aus der jüngeren Steinzeit, etwa 4 000 Jahre alt, gefunden auf der Gemarkung des Nachbarortes Schwarzerden, ist beredtes Zeugnis dafür. Häufige Funde aus der Früh- Latène (5. - Mitte 3. Jhd.) und Trevererzeit auf den Gemarkungen von Schwarzerden und Reichweiler hinter dem Mithrasdenkmal, v.a. in Form von Urnen, Leichenresten, Kriegsutensilien, zum Beispiel Schwertspitzen, Schildbuckel, täglichen Gebrauchsgegenständen, lassen, wenn auch nicht gut erhalten, auf eine mehr oder weniger sesshaftere Bevölkerung jener Zeiten schließen. Mehr Licht in das Dunkel der Geschichte erhalten wir durch zahlreiche Funde aus der Römerzeit, die auf den gleichen Gemarkungsteilen gefunden wurden. Eine Steinfigur, den römischen Schmiedegott (Vulkanus) darstellend, befindet sich im Saarländischen Landesmuseum in Saarbrücken. Sigellatagefäße, Tonkrüge, eine Weinkelle u.ä. wurden während Ausschachtungsarbeiten in den 20-er und 30-er Jahren gefunden. Eine Besonderheit stellt wegen seiner nicht allzu häufigen Verbreitung, v. a. wegen des bis weit ins Abendland vordringenden, von römischen Legionssoldaten angenommenen Götterkultes (etwa 1.Jhd. n. Chr.) das Mithrasdenkmal dar. Es ist ein Kultbild, das ursprünglich als Tempelteil zu einer römischen Siedlung gehörte. Auf einem fliehenden Stier reitet der persische Gott (die Personifizierung des himmlischen Lichtes) Mithras, dem Stier das Messer in den Hals stoßend, begleitet von Löwe, Hund, Schlange und Skorpion. Darüber Sonnengott und Mondgöttin im Halbkreisbogen. Der den Stier tötende Jüngling steht zwischen der Gottheit des ewigen Lichtes (Ahuramazda, Figur mit erhobener Fackel), und der der  Finsternis, Ariman (Gestalt mit gesenkter Fackel) so jedenfalls nach Meinung der Mithrasforscher und -deuter dieses Kultes. Ähnlichkeiten mit dem Christentum sind unverkennbar. Ergänzend ist darauf hinzuweisen, dass die reichhaltigen Funde sowohl aus der Kelten- als auch der Römerzeit, also auch das Mithrasdenkmal, siedlungsmäßig eindeutig zum Nachbarort Schwarzerden zuzuordnen sind und nur durch eine wohl im Mittelalter vorgenommene willkürliche Grenzziehung sich heute auf der Gemarkung von Reichweiler befinden. Grenze zwischen beiden Gemarkungen ist der Weißwieser- , später Pfeffelbach genannte Wasserlauf.

 

Mithraskult: Versuch einer Rekonstruktion des Bildwerkes

0.6.2.Mittelalter

Die fränkischen Könige teilten ihr Reich in Gaue ein (Gau = pagus. An der Spitze stand als Verwalter der Gaugraf). Mehrere Gaue wurden zu einer Provinz oder einem Herzogtum vereinigt. Das Dorf Reichweiler lag unmittelbar an der Grenze von zwei Herzogtümern und vier Gauen. Es gehörte zum Nahegau im Herzogtum Franken. Demnach sollte man annehmen, dass Reichweiler zur Grafschaft Veldenz gehörte. Eine der ersten urkundlichen Erwähnungen aus dem Jahr 1273 bezeugt aber die Zugehörigkeit zu den Grafen von Blieskastel. Wie es dazu kam, lässt sich urkundlich nicht belegen, aber vielleicht folgendermaßen erklären: Durch die Ablösung der römischen Geldwirtschaft in die germanische Naturalwirtschaft versprach nur der Grundbesitz Reichtum und Macht. Grund und Boden wurden aber nicht nur von weltlichen Herren, sondern auch von der empor blühenden Kirche begehrt. So ist es nicht verwunderlich, dass wir in unserer unmittelbaren Heimat sowohl geistliche als auch weltliche Territorien vorfanden. Unsere Heimat gehörte größtenteils geistlichen Herrschaften, die aber ihre Besitzungen als Lehen oder Vogteien an weltliche Herrscher abtraten. Die für unsere Gegend zu Bedeutung gelangten Erzbistümer bzw. Bistümer waren u.a. das Erzbistum Reims (vor allem Remigiusland) und das Bistum Verdun. Zu letzterem gehörte das Kloster Tholey mit weiten Besitzungen.

Eine der ältesten Urkunden aus der frühen Frankenzeit ist die vom 30.12. 634. Paulus, der Abt des Klosters Tholey und Nachfolger des Heiligen. Wendelinus, wurde 631 Bischof von Verdun. Er erhielt durch Testament von dem fränkischen Adligen Adalgisel - Grimo, große Ländereien um Tholey und weiterer Umgebung (St. Wendel, Baumholder) als Eigentum geschenkt, welche der Verduner Bischofskirche anvertraut wurden. Zu dieser Schenkung gehörte wohl auch das Dorf Reichweiler mit seiner Gemarkung.  Neben den geistlichen Territorien bildeten sich im Lauf der Jahrhunderte auch eine Vielzahl von weltlichen Herrschaftsgebieten. Die beiden für Reichweiler bedeutsamen waren die Grafschaft Veldenz und die Grafschaft Blieskastel Nachdem in den Reichsteilungen von 843 und 870 die geistlichen Territorien von Reims und Verdun im Westrich dem Deutschen Reich zugeteilt worden waren, versuchten weltliche Herren der angrenzenden Landschaften, sich des Bischofslandes zu bemächtigen. Durch Kauf und Teilung (die beiden Söhne des Nahegaugrafen Emich V., Emich VI. und Gerlach teilten sich zwischen 1112 und 1146 die Verdun'schen Lehen und das Remigiusland auf) kam das Remigiusland als Lehen an Graf Gerlach I. von Veldenz. Reichweiler im Grenzbereich zum alten Verduner Besitz wurde aber wohl abgetreten an die Grafen von Blieskastel. Nur so lässt sich erklären, dass die Gräfin Elisabeth von Blieskastel und Bitsch im Jahr 1273 das Dorf Reichweiler (ebenso Bubenhausen, heute in die Stadt Zweibrücken eingemeindet) mit allem Zubehör, dem Kloster Wörschweiler schenkte.

Ein wichtiger Tag für Reichweiler war der 26. Mai 1462. ("Tag nach St. Urbanstag") Damals hielt der Gerichtsherr, "Herr Niclassen, Apten zu Werßweiller, zu Reichwiller" einen Gerichtstag (Weistum) ab. Es ging u. a. um folgende Dinge: Grenzen des Gerichtbezirks, Recht und Befugnisse des Gerichtsherrn, Vergehen und ihre Bestrafung.

Auch nach der Besitzübergabe durch Gräfin Elisabeth von Blieskastel dauerten Güterübertragungen an das Kloster Wörschweiler an. Solche erfolgten z.B. durch eine Erben-Gemeinschaft am 16. Mai 1303 (18 Personen werden genannt, Fläche insgesamt 50 Fuß, Preis 45 Schilling Heller) und 1421 durch zwei Eheleute. Die Insassen des immerhin 35 Kilometer (Luftlinie) entfernten Klosters konnten ihren gesamten Besitz in Reichweiler nicht selbst bewirtschaften. Sie gaben ihn als Lehen weiter. So empfing am 29. August 1431 "Henichin Wolf von Spanheim vom Grafen Friederich v. Veldentzen" u. a. "die halben Güter" die Erbschaft und die Leute zu Richwilr", verpfändet sie bereits wieder zwei Tage später zurück, doch sieben Jahre später (2. Oktober 1438) wurden sie an die Veldenzer verkauft. Auch nichtadelige Lehensträger werden genannt, so z.B. der St. Wendeler Amtmann Peter Glock (1500), Georg Trompeter (1527) und Urban Zol (1541).

0.6.3.Neuzeit

Auch das Kloster Tholey war in Reichweiler begütert. Am 29. Mai 1700 erwarb die Abtei Tholey gewisse Zinsen zu Reichweiler von einem Herrn von Günderode, pfalz-zweibrückischer Amtmann wohnhaft auf der Burg Lichtenberg.

Nach den o.a. recht verworren erscheinenden Zugehörigkeitsverhältnissen liegen diese für die Folgezeit klar auf der Hand. Nach Aufhebung des Klosters Werschweiler (heute Wörschweiler)wurde Reichweiler im Jahre 1559 dem Oberamt Lichtenberg im Herzogtum Zweibrücken angegliedert. Innerhalb des Oberamtes Lichtenberg bildete es einen Teil des Nieder- oder Schultheißenamtes Konken.

0.6.4.Neueste Zeit

1792 drang ein Revolutionsheer unter Custine in die Pfalz ein. Noch im selben Jahr wurde auch das Oberamt Lichtenberg von den Franzosen besetzt. Am 23. Januar 1798 wurde das linke Rheinufer nach französischem Muster neu aufgeteilt. Reichweiler gehörte fortan zur Mairie Bourglichtenberg, dem Canton Coussel (Kusel), dem Arrondissement Birkenfeld und dem Département de la Sarre (Saar). Während und nach den Befreiungskriegen sah die Zugehörigkeit folgendermaßen aus:

1) Gemeinschaftliche Verwaltung durch die Siegermächte ab 12. Januar 1814 (Beschluss von Basel). Reichweiler gehörte damals zum Generalgouvernement Mittelrhein und Département Saar (Sitz Trier, später Koblenz)

 2) Änderung durch den Pariser Frieden (30. Mai 1814). Reichweiler wird zusammen mit dem gesamten Gebiet rechts der Mosel einer gemeinsamen österreichisch - bayrischen Landesadministrations - Commission mit Sitz in Kreuznach, später Worms, unterstellt.

 3) Territoriale Neuordnung Europas auf dem Wiener Kongress. Für kurze Zeit (16. Juni 1815-3. November 1815) wurde u.a. Reichweiler Preußen zugesprochen, jedoch mit der Verpflichtung, aus dem ehemaligen Saardepartement ein Gebiet von 69.000 Seelen an die Landesherren kleinerer Staaten abzutreten. So wurde Reichweiler am 11.September 1816 dem Herzog von Sachsen - Coburg zugesprochen, dessen neugegründetes Territorium am 6. März 1819 den Namen Fürstentum Lichtenberg erhielt. Reichweiler gehörte zum Amt Burglichtenberg im Kanton Baumholder, wurde am 1. Oktober 1822 mit dem Amt Berschweiler vereinigt. Der wenig beliebte Landesherr Herzog Ernst verkaufte schließlich für 2.100.000 Taler sein Fürstentum Lichtenberg durch Staatsvertrag vom 31. Mai 1834 an Preußen, in Besitz übergegangen am 22. September 1834. Aus dem Fürstentum Lichtenberg wurde der Kreis St. Wendel gebildet, in dem Reichweiler lag. Der Kreis wurde dem Regierungsbezirk Trier angegliedert.

4) Der Versailler Vertrag hatte einen neuen Saarstaat geschaffen. Von den 94 Gemeinden des Kreises St. Wendel waren 26 an das Saarland gefallen. Die restlichen, darunter auch Reichweiler, blieben bei Deutschland und bildeten nun den Restkreis St. Wendel - Baumholder (bis 1937).

5) Vereinigung des oldenburgischen Landesteils Birkenfeld mit dem Restkreis St. Wendel - Baumholder. Neue Kreisstadt wurde Birkenfeld, Regierungsbezirk Koblenz (1. April 1937).

6) Verbleib bis zur Verwaltungsreform 1969.  Seit dieser Zeit gehört Reichweiler zur Verbandsgemeinde Kusel, Kreis Kusel, Regierungsbezirk Rheinhessen Pfalz, Land Rheinland - Pfalz

0.7.Wahlergebnisse in Prozent, Bundestag Zweitstimmen

CDU SPD FDP Grüne Linke Sonstige
Landtag 2001 22,5 60,8 12,0 9,0 --- 10,0
Landtag 2006 18,3 58,6 2,7 3,4 1,0 5,8
Landtag 2011 14,7 48,3 0,7 18,2 4,9 13,2
Bundestag 2002 28,8 50,8 4,2 7,0 --- 9,2
Bundestag 2005 23,9 46,9 4,7 4,2 14,4 5,7
Bundestag 2009 19,0 33,3 9,5 9,2 21,1 7,8
Bundestag 2013 30,0 42,3 1,3 2,9 8,4 15,1

0.8.Zeittafel

Ab 500 v. Chr. Funde aus der Vor- und Frühgeschichte auf der heutigen Gemarkung von Reichweiler, ebenso solche aus der Trevererzeit, zeugen von einem keltisch- germanischen Siedlungsgebiet
2. Jhd. n. Chr. Zahlreiche, aber verhältnismäßig unbedeutende Funde aus der Römerzeit.
um 200 - 250 Mithrasdenkmal
um 500 Gründung des Ortes als fränkische Siedlung
bis 1273 Zugehörigkeit zur Grafschaft Blieskastel.
1273 Elisabeth von Blieskastel übergibt den Ort Reichweiler an das Kloster Werschweiler
26. Mai 1462 Weistum von Reichweiler
1559 Nach Aufhebung des Klosters Werschweiler wird Reichweiler dem Oberamt Lichtenberg im Herzogtum Pfalz- Zweibrücken zugeteilt.
1793 Reichweiler kommt zu Frankreich, Département de la Sarre, Arrondissement Birkenfeld, Canton Coussel, Mairie Burglichtenberg
1816-1834 Nach dem Wiener Kongress gehört Reichweiler zum Herzogtum Sachsen - Coburg - Gotha.
1834 Das Herzogtum Sachsen - Coburg - Gotha, in dem Reichweiler liegt, wird an Preußen verkauft.
1919-1937 Reichweiler gehört zum Restkreis St. Wendel Baumholder
1937-1972 Reichweiler wird dem Landkreis Birkenfeld, Reg.-Bez. Koblenz zugeordnet.
ab 1972 Zugehörigkeit zum Landkreis Kusel im Reg.-Bez. Rheinhessen - Pfalz, Land Rheinland - Pfalz.

0.9.Religiöse Verhältnisse

Das kirchliche Leben der Bewohner von Reichweiler dürfte durch die Zugehörigkeit zum Kloster Wörschweiler bzw. Tholey bestimmt worden sein. Schon sehr früh, sicherlich vor 1559, besaß Reichweiler eine Kapelle. Auf ihren Standort weist nur der heutige Flurname "hinter der Kirch" hin. 1570 schrieb die Gemeinde zu Reichweiler an den Fürsten zu Zweibrücken, dass ihre Kapelle schon seit vielen Jahren verkommen sei. Ebenfalls sehr früh hat die Reformation Eingang im Herzogtum Zweibrücken gefunden. Einen eifrigen Streiter für die evangelische Sache fanden die Protestanten in Herzog Wolfgang. Er veranlasste u.a. die Abhaltung von Kirchenvisitationen. Eine solche fand 1565 in Reichweiler statt. Bis zu diesem Zeitpunkt war Reichweiler noch nach Ketternostern (Oberkirchen) "gepfarrt". Im Mai 1566 erging ein Schreiben von den Räten zu Zweibrücken an den Landschreiber zu Lichtenberg, in dem den Untertanen zu Reichweiler befohlen wurde, nunmehr der Pfarrei Pfeffelbach anzugehören. Seit dieser Zeit gehören die evangelischen Einwohner zu Pfeffelbach, die katholischen zu Oberkirchen. Einen eigenen Friedhof besitzt Reichweiler erst seit 1851, vorher wurden die Toten über den so genannten Leichenweg (heute Flurname) nach Pfeffelbach gebracht, um auf dem dortigen Friedhof beerdigt zu werden.

0.10.Bewohner

Im Jahr 1609 hatte der Ort 68 Einwohner, 13 Männer, 16 Frauen, zwei Knechte, drei Mägde und 34 Kinder. 1675 waren es fünf Familien, 1772 28 Familien, und 1816 227 Einwohner. Ab dieser Zeit ist ein stetiger Anstieg zu verzeichnen. Zwischen 1945 und 1958 wurden 15 Flüchtlinge und 11 Evakuierte aufgenommen. Die Entwicklung der Einwohnerzahlen ist den folgenden statistische Tabellen zu entnehmen.

0.11.Statistische Wiedergabe I

Jahr gesamt männlich weiblich evangelisch katholisch ohne Konfession ohne Angabe
1830 283 141 142 189 94 --- ---
1843 291 134 157 202 89 --- ---
1965 507 247 260 359 148 --- ---
1999 602 295 307 412 163 11 16

0.12.Statistische Wiedergabe II

1608 68 Einwohner
1675 5 Familien,
1772 28 Familien
1816 227 Einwohner.
1830 283 Einwohner
1861 337 Einwohner
1871 360 Einwohner
1895 376 Einwohner
1939 392 Einwohner
1950 423 Einwohner
1965 507 Einwohner
1999 602 Einwohner

0.13.Schule, Kultur, Brauchtum

0.13.1.Schule

Erst seit Einführung der Reformation schenkte man v. a. den Schulen besondere Aufmerksamkeit. Die durch Aufhebung von Klöstern (u. a. Wörschweiler 1559) gewonnenen Mittel verwandte Herzog Wolfgang u. a. zur Gründung von Schulen und zur Besserung der Pfarrstellen. Die erste Unterweisung der Kinder geschah in der Regel durch die Pfarrer. Durch Bibel, Gesangbuch und Katechismus sollte die reformatorische Lehre gefördert werden. So entstanden zunächst am Sitz des Geistlichen die Kirchspielschulen. Im Jahr 1592 erhielt der Geistliche von Pfeffelbach vom Herzog den Befehl, Schule zu halten. Unterwiesen wurden die Kinder der zum Kirchspiel gehörenden Gemeinden Pfeffelbach, Reichweiler und Schwarzerden. Es mag kurios zu lesen sein, dass ein Gemeinsmann namens Simon Brill vom Schuldienst suspendiert wurde (nachdem sein Vorgänger Pfarrer Pfeil 1651 der Schularbeit müde war), da er selbst weder lesen noch schreiben könne, andererseits 1663 Johann Fischer Barthel sein Amt niederlegen musste, da die Alten fürchteten, die Kinder würden gescheiter als sie. Oftmals war die Schulstelle (Winterschule) verwaist. Gründe waren u.a. Nichtgewährleistung von Frondfreiheit, rückständiger Lohn, Zahlung von Hirtengeld etc.

Im November 1749 begann ein neuer Abschnitt für die Schulkinder von Reichweiler. Damals erhielten die beiden zu dem Kirchspiel Pfeffelbach gehörenden Gemeinden Reichweiler und Schwarzerden die Erlaubnis, eine eigene Winterschule zu errichten. Der Unterricht wurde jedes Jahr abwechselnd in Privathäusern beider Orte gehalten. Wechsel und Übersiedlung mit den Schulgeräten fanden jährlich an Lichtmess (2. Februar) statt.

Der Lehrer Johann Adam Decker unterrichtete 1792  23 Kinder in der Winterschule Reichweiler/Schwarzerden. Unterrichtsfächer waren: Religion, Lesen, Schreiben, Orthografie, Grammatik, Orgelschlagen, Schule halten und Seidenraupenzucht; später kam Geometrie hinzu.

Das Gehalt des Lehrers Decker, der 1833 von der Herzoglich Sachsen - Coburgischen Regierung ernannt wurde, betrug

1851 110 Taler  1855 140 Taler  1866 160 Taler.  Seine Pension betrug 1871   60 Taler.

Am 1. Mai 1871 wurde der Schulverband Reichweiler - Schwarzerden aufgelöst und jede Gemeinde erhielt ihre eigene Schule. Die katholischen Schulkinder von Reichweiler besuchten früher die Schule in Oberkirchen (bis 1814).

Mit dem Bau Volksschule Reichweiler wurde 1908 begonnen; meist einklassig (bis zu 90 Schüler), zweiklassig vom 01. Februar 1931 bis 30. November 1938 und ab 01 April 1957.

Schülerzahlen z.B.

Jahr           Konfession                          

                ev.     kath.     zus

 1898        34       23         57

 1910        45       21         66

 1966        41       23         64

Mit Beginn des Schuljahres 1970/71 wurde die Volksschule Reichweiler in die Volksschule Pfeffelbach integriert und verlor damit ihre eigenständige Existenz. Heute besuchen die Hauptschüler den Unterricht in Kusel, die Grundschüler den in Pfeffelbach.  

Das frühere Schulhaus dient als Bürgerhaus

0.13.2.Brauchtum, kulturelle Einrichtungen und Vereinswesen

An Brauchtum wird heute noch der "Wannerschdag" gepflegt. Er findet am Tag nach Weihnachten statt und wird in folgender Form begangen:

Jung und Alt wandern dann in verschiedenen Gruppen nach verschiedenen Himmelsrichtungen und kehren meist in einem Nachbardorf in ein Gasthaus ein, um sich an Speisen und Getränken zu laben. Am Abend trifft man sich im einzigen noch am Ort befindlichen Lokal. Hier legt dann der Ortsbürgermeister seinen Rechenschaftsbericht ab, zeitweilig mit einem Hammelessen verbunden, welches vom Jagdpächter gestiftet wird bzw. wurde. Die Sitte geht auf den Brauch zurück, dass an diesem Tag früher Knechte und Mägde ihren Dienstherrn wechselten.

Fastnacht wird wie in den umliegenden Gemeinden begangen. "Fastnachtskiechelcher" dürfen an diesem Tag auf dem Mittagstisch nicht fehlen.

Tanzveranstaltungen finden an verschieden Abenden zur Fasenacht statt.

Pfingsten

Des weiteren wären der Pfingstquack (2. Pfingsttag) zu nennen, ebenso die Kirmes (Kerwe) am 2. Sonntag nach Michaelis (meist am 4. Wochenende im September).

St. Martin

Das Martinsfest wird gemeinsam mit der Gemeinde Pfeffelbach begangen.

1.Mai

Eine Maifeier wird mit Maifeuer am Vorabend des 1. Mai an der Fuzzy Ranch veranstaltet (die Ranch ist eine von der Dorfjugend errichtete Hütte am Fuße des Karrenberges, ähnlich den Hütten des Pfälzerwaldvereins, aber in erster Linie für die Bevölkerung von Reichweiler bestimmt). Hier finden auch in den letzten Jahren für die Allgemeinheit Open-Air-Festivals statt.

Für kurze Zeit gab es einmal in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine Gemeindebücherei, die aber nur wenig in Anspruch genommen wurde. Ansonsten werden die kulturellen Einrichtungen der näheren und weiteren Umgebung (Kusel, St. Wendel, Kaiserslautern, Saarbrücken) genutzt.

Die Tätigkeit der Vereine ist recht rege. An Vereinen hat Reichweiler u.a. aufzuweisen: Angelsportverein Reichweiler-Schwarzerden, Ev. Frauenhilfe, Landfrauenverein, Sängergruppe, Sportverein mit Sportplatz und Tennisanlage, Teufelskopf-Wanderer

0.14.Nachweise

Verfasser: Heinz Kirsch

Redaktionelle Bearbeitung: Ernst Schworm

Literatur:

  • Altpeter, Heinrich: Amt Burglichtenberg im Landkreis Birkenfeld, Birkenfeld 1962.