Mainz in Rheinhessen

Georg Drescher (1870-1938)

von Wolfgang Stumme

Radrennbahn in Mainz, 1922[Bild: Städtisches Sportamt]

(*17. März 1870 in Mainz, + 23. Oktober 1938 in Wien)
Georg Drescher war wohl der vielseitigste und erfolgreichste Sportler, den Mainz je hatte. Er stellte Weltrekorde auf, nahm an Olympischen Spielen teil, und er gründete zahlreiche Sportvereine. Seinen Lebensunterhalt verdiente er als Fahrrad- und Motorradhändler.
Im Alter von 14 Jahren trat er in den ersten Mainzer Turnverein ein, der auf Anregung von Turnvater Jahn [Anm. 1] 1817 gegründet wurde. Bei diesem Turnverein errang er sieben erste Preise im Geräteturnen und in der Leichtathletik. Doch sein sportliches Interesse erstreckte sich bald auch auf andere Sportarten.
Wenige Jahre später wurde er in den Vorstand des von ihm und 11 anderen jungen Männern gegründeten Athletik Sport Vereins ‚ASV Mainz 88‘ gewählt. Drei Jahre später hat er als Erster Vorsitzender des ASV die Initiative zur Gründung des Deutschen Athleten Verbandes ergriffen.
Unter den Kraftsportarten, die der ASV anbot, interessierte ihn Ringen und Gewichtheben. Zwischen 1892 und 1896 stellte er sechs Weltrekorde auf, die zu seinen Zeiten nie gebrochen wurden – allerdings wurde manche Disziplin der Gewichtheber nur in den ersten Jahren wettkampfmäßig betrieben, z. B. das von Drescher geschätzte ‚einarmige „Drücken in Grätschstellung“.
Doch bald interessierte ihn der Radsport noch mehr als der Kraftsport. Im Mainzer Radsportverein von 1889, der sich anfangs ‘Mainzer Bicycle-Club Moguntia’ nannte, fuhr er seine ersten Radrennen noch mit einem Hochrad mit Vollgummibereifen auf einer Rennbahn am Schlossplatz. Mit viel Übung gelang es ihm, die Risiken des Hochrades – wie z. B. das schwierige Aufsteigen auf den Sitz, der oberhalb des hohen Vorderrads angebracht war, zu meistern: Weil bei Hochrädern die Kraftübertragung auf das Antriebsrad direkt über die Pedale erfolgte und es keinen Lehrlaufmechanismus gab, legten die Hochradfahrer bei längeren Talfahrten ihre Beine über den Lenker. Bei Unebenheiten in der Fahrbahn war die Unfallgefahr besonders hoch.
Als in dieser Zeit der schottische Tierarzt John Boyd Dunlop seine Luftreifen patentieren ließ und das Niederrad entwickelt wurde, war die Zeit des Hochrads vorbei. Die ersten Niederräder hatten schon zwei gleich große Räder und nutzten den Kettenantrieb
Der ‚Mainzer Bicycle-Club Moguntia‘ wollte eine Radrennbahn bauen. Ein Grundstück im Grüngürtel, südlich des Gautores, war bald gefunden. Zur Finanzierung sollte eine von der Stadt Mainz genehmigte Lotterie beitragen. Doch das Geld reichte bei Weitem nicht. So ließ Georg Drescher mit eigenen Mitteln für ca. 30.000 Mark eine Radrennbahn aus Beton errichten. Da die Bahnlängen üblicherweise so gewählt werden, dass eine bestimmte Zahl ganzer Runden 1000 m ergeben, entschied er sich für eine 333,33 m lange Bahn. Die Bahn hatte eine Breite von 7 m, und die Kurven eine Höhe von 3,5 m.
Der Innenraum war groß genug für einen Fußballplatz. Dort spielte fünf Jahre lang der Fußballverein ‚Hassia‘, der erst 1910 einen eigenen Platz mit Tribüne und Umkleideräumen erhielt. ‚Hassia‘ schloss sich 1912 mit der ‚Hermannia 07‘ zum „1. Fußballverein Mainz 05“ zusammen.
Das Velodrom, wie die Radsportbegeisterten die Radrennbahn nannten, wurde 1897 mit einem Radrennen eingeweiht, bei dem Georg Drescher selbstverständlich teilnahm. Drei Jahre später startete er im Sprint bei den Olympischen Spielen in Paris.
Am liebsten fuhr er jedoch Steherrennen. [Anm. 2] Anfangs noch im Windschatten von einem Niederrad, auf dem vier, fünf oder sechs Radfahrer hintereinander saßen. Bei den ersten Steherrennen kam es darauf an, Höchstgeschwindigkeiten zu erzielen. Erst später hat man dann Rennen gegeneinander ausgetragen. Als dann Motorräder als Schrittmacher aufkamen, war Georg Drescher einer der ersten, der im Windschatten probierte, möglichst nahe an der hinter dem Motorrad montierten Rolle zu bleiben. Klappte das mal nicht, dann war er – wie man so schön sagt – ‚von der Rolle‘. [Anm. 3]
Sein größter Erfolg war 1901 der Gewinn des ‚Amateur-Europameistertitels‘ eines Stehers hinter schweren Motoren über 100 km. Zwei Jahre später wurde er ‚Deutscher Meister‘ über 25 km. 12 mal war er in dieser Sportart ‚Hessen-Meister‘. 1900 nahm er bei den Sprintwettbewerben der Radfahrer an den Olympischen Spielen in Paris und 1911 bei der Weltmeisterschaft im Steherrennen über 100 km teil. Sein fortgeschrittenes Alter – bei der Weltmeisterschaft war er bereits 41 Jahre alt – dürfte ein Grund dafür gewesen ist, dass er keine Medaillen mit nach Hause brachte. Dennoch: Über 500 Preise hat er allein als Radrennfahrer gewonnen.
Doch auch in anderen Sportarten leistete er Erstaunliches. So hat Drescher bei den Billard-Weltmeisterschaften 1914 in Paris einen vierten Platz belegt.
Drescher war in Mainz ein viel gefragter Mann. So war er eine Zeit lang Vorsitzender des Mainzer Billard-Clubs, des Mainzer Hockeyclubs, des Mainzer Eislaufvereins und der Mainzer Rudergesellschaft 1898.
Während des Ersten Weltkrieges wurde in Mainz kaum noch Sport betrieben. Denn die Turnhallen und Sportplätze wurden vom Militär genutzt. Die Mitglieder der Turn- und Sportvereine, die an der Front waren, wurden von ihren Vereinen mit Briefen und Päckchen unterstützt. Unmittelbar nach dem Krieg waren Wettkämpfe nur innerhalb der französischen Besatzungszone wieder zugelassen.
Zu Beginn der 1920er Jahre war im Velodrom viel los, sowohl auf der Radrennbahn als auch auf dem Sportplatz. Im ‚Verein der Sportfreunde Mainz‘, der sein Domizil an der Radrennbahn hatte, trafen sich Turner, Leichtathleten, Schwimmer, Radfahrer, Fußballer und Hockeyspieler. Dieser Verein führte auch Großveranstaltungen durch, wie z. B. so genannte ‚Internationale Olympische Wettkämpfe‘, an denen ausländische Sportler sowie mehrere deutsche Meister und Rekordinhaber teilnahmen, oder den Staffellauf ‚Rund durch Mainz‘.
Doch bald kündigte sich das Ende der Radrennbahn an. 1926 war in einem Stadtplan des Tiefbauamtes bereits zu erkennen, dass eine Straße durch die Radrennbahn geplant wurde. In dieser Zeit hatte das allgemeine Interesse am Radsport bereits nachgelassen, und die Rennbahn, die Risse im Beton aufwies, hätte gründlich saniert werden müssen. Mit dem Bau der Straße ‚Am Fort Elisabeth‘ wurde die ehrwürdige Sportstätte nach 31 Jahren abgerissen. [Anm. 4]
Auf einem weiteren Gebiet hat sich Georg Drescher besonders engagiert. Er war vor und nach dem Ersten Weltkrieg über viele Jahre Präsident der Prinzengarde, in der er auch über fast drei Jahrzehnte das Amt des ‚Närrischen Kriegsministers‘ ausübte. Daneben war er Sitzungspräsident beim Mainzer Carneval Verein, dem MCV.
Georg Drescher besuchte 1938 die Europameisterschaften der Gewichtheber in Wien. Dort erlitt er einen Herzinfarkt, den er nicht überlebte. Beigesetzt wurde er in Mainz.

Verfasser: Wolfgang Stumme

Redaktionelle Bearbeitung: Jasmin Gröninger und Sarah Traub

Verwendete Literatur:

  • Rösch, Heinz-Egon: Sport in Mainz. In: Dumont, Franz, Scherf, Ferdinand, Schütz, Friedrich (Hrsg.): Mainz. Die Geschichte einer Stadt. Mainz 1999. S.983-1020)

Aktualisiert am: 29.07.2016

Anmerkungen:

  1. Friedrich Ludwig Jahn (1778 – 1852) war 1814 und 1815 in Mainz. Zurück
  2. Der Begriff „Steher“ leitet sich vom englischen „stayer“ ab, d. h. jemand mit Ausdauer („to stay“ – durchhalten, bleiben). Zurück
  3. Inzwischen verwendet man diese Redewendung auch für Menschen, die zum Beispiel verwirrt, aber auch erschöpft sind. Zurück
  4. Der heutige Wasserspielplatz „Am Planschbecken“ verleitet zu der Annahme, dass die Radrennbahn parallel zur Straße ‚Am Fort Elisabeth‘ gelegen habe. Dies war nicht der Fall. Zurück