Mainz in Rheinhessen

Johann Maria Kertell (1771-1839)

Die Familie Kertell stammte ursprünglich aus Oberursel (Taunus) und nannte sich bis 1770 noch „Kürtell". Die Eltern von Johann Maria Kertell waren Johann Baptist Kertell (*26.05.1744 in Oberursel; † 12.09.1832 in Mainz) und Clara Kertell, geb. Heibig (*12.06.1748 in Oberursel; † 06.09.1814 in Mainz). Vermutlich um 1770 siedelten die Eltern nach Mainz über, um im Unternehmen von Johann Baptists Großvater, Johann Babieri, mitzuarbeiten. Dieser stammte ursprünglich aus Italien und betrieb in Mainz eine Ölseifensiederei, die später von Kertells Vater übernommen wurde. Die Geschäfts- und Wohnräume der Familie befanden sich im Bockshöfchen l. Heute steht an dieser Stelle das Gebäude der Bischöflichen Bauverwaltung, an dessen Rückwand eine Gedenktafel für Kertell angebracht ist. [Anm. 1]
Das Geschäft der Familie florierte und war Anfang des 19. Jahrhunderts bereits die größte Seifenfabrik Süddeutschlands. 1802 kaufte Johann Baptist Kertell für seine Familie den ehemaligen Stadthof des Klosters Arnsburg in der Grebenstraße. [Anm. 2] Johann Baptist Kertell war Mitglied der Mainzer Bürgergarde. Diese trat vorwiegend bei festlichen Gelegenheiten auf, leistete jedoch auch Wachdienst an den Stadttoren. Einer Erzählung nach soll Johann Baptist Kertell am 21. Oktober 1792, als die französischen Revolutionstruppen vor Mainz standen, als Kommandant für die Bewachung des Neutors verantwortlich gewesen sein. Zur Mittagszeit habe er jedoch seinen Posten und das Kommando kurzerhand an seinen Sohn Johann übergeben – und zwar um das heimische Essen nicht zu verpassen. Dieser soll dann den herannahenden Franzosen widerstandslos das Tor überlassen und mit der Bürgergarde abgerückt sein. [Anm. 3]

Johann Maria Kertell wurde am 18. Mai 1771 in Mainz geboren und in der dortigen St. Ignaz Kirche getauft. [Anm. 4] Obwohl in Kertells Geburts-, Ehe- und Sterbeurkunde nur der Name Johann Kertell zu lesen ist, nannte er sich selbst Zeit seines Lebens Johann Maria Kertell. Auch in der Familienchronik und auf seinem Grabstein findet sich dieser Namenszusatz. Es handelte sich wohl um einen damals geläufigen Zusatz bei erstgeborenen Söhnen. [Anm. 5]
Johann Maria Kertell strebte zunächst ein Priesteramt an und wollte Theologie studieren. Wahrscheinlich aufgrund der damaligen Unruhen, bedingt durch die Französische Revolution und die Zeit der Aufklärung, sowie im Hinblick auf das florierende Familienunternehmen, entschied er sich dann doch für eine kaufmännische Lehre. Seine Ausbildung absolvierte Kertell von 1791 bis 1795 in Köln. Nach der Lehre arbeitete er zunächst im Ölseifengeschäft seines Vaters, bis er dann im Jahr 1797 am Liebfrauenplatz 12 (heute Optiker Müller) eigene Geschäftsräume erwarb und die Produktengroßhandlung „Gebr. Kertell" gründete. [Anm. 6] Sein Startkapital belief sich auf 20.000 Gulden und ein Darlehen seiner Eltern in gleicher Höhe – Kertell war also schon zu diesem frühen Zeitpunkt ein vermögender Mann. [Anm. 7]

Im Jahr 1804 heiratete Johann Maria Kertell Johanna Heimes (*02.06.1782 in Mittelheim, † 20.05.1847 auf dem Steinheimer Hof in Oberwalluf), die Tochter eines Schultheißen aus Mittelheim. Kertell hatte Johanna auf einer Geschäftsreise im Rheingau kennengelernt, als sein Pferdefuhrwerk vor dem Haus der Familie Heimes verunglückte. Die Trauung fand am 22. April 1804 statt; aus der Ehe gingen elf Kinder hervor, fünf Jungen und sechs Mädchen. Fünf davon verstarben bereits im Kindesalter, nur ein Sohn und drei Töchter überlebten den Vater. [Anm. 8]
Zur Zeit seiner Eheschließung besaß Kertell bereits ein größeres Vermögen, das er nun vor allem in Immobilien und Ländereien anlegte. Grundbesitz war zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Voraussetzung für die von ihm wohl schon früh angestrebte politische Karriere. Nach der Hochzeit erwarb er ein Haus am Karmeliterplatz 2 (ehemaliger Mainzer Hof), das als Wohn- und Geschäftsgebäude dienen sollte. In den kommenden Jahren kamen dazu noch zahlreiche weitere Besitzungen, wie der Bensheimer Hof, das Leeheimer/Ingolheimer Gut, der Steinheimer Hof [Anm. 9], das Weingut Niedersaulheim und der Lendeshof im Binger Wald (heute Hofgut der Fam. Racke). Darüber hinaus besaß Kertell einige Ländereien, wie die Mombacher Wiesen, die Eltviller Aue [Anm. 10] und den Mainzer Michelsberg. Den Bensheimer und Steinheimer Hof bewirtschaftete Kertell selbst; Letzterer beherbergte die von ihm betriebene erste „Backsteinbrennerei nach holländisch-belgischer Art“ der Region. [Anm. 11] Insgesamt umfasste sein Grundbesitz fast 600 ha Wiesen, Äcker und Weinberge. [Anm. 12]

Johann Maria Kertell war ein erfolgreicher Geschäftsmann, baute nach seiner Hochzeit jedoch auch stetig seine politische Karriere weiter aus. Bei der Mainzer Bevölkerung besaß Kertell unter anderem aufgrund seines Engagements für zwei der größten Wahrzeichen der Stadt einen besonders guten Ruf: Zusammen mit dem damaligen Mainzer Bischof Colmar kämpfte er für den Erhalt des Mainzer Doms. Dieser war bei der Belagerung der Stadt 1793 stark beschädigt worden. Nur mit Mühe gelang es, den eigentlich schon zum Abriss freigegebenen Dom zu retten. Außerdem verhinderte Kertell nach dem Abzug der Franzosen aus Mainz 1814 die erneute Nutzung des Kurfürstlichen Schlosses als Kaserne. [Anm. 13]
Kertell war Mitglied des Mainzer Stadtrates und Vizepräsident der Handelskammer. Darüber hinaus setze er sich auch in besonderer Weise für die neuen Verkehrsmittel und die Infrastruktur ein. Ab 1826 gehörte er zum Vorstand der neu gegründeten Dampfschifffahrtsgesellschaft von Rhein und Main und übernahm 1835 das Präsidentschaftsamt einer Gesellschaft für den Bau der Taunusbahn. [Anm. 14]

Nach der Neuordnung der politischen Verhältnisse in Mainz durch den Wiener Kongress, der die Zugehörigkeit zum Großherzogtum Hessen ab 1816 beschloss, wurde Johann Maria Kertell 1820 Abgeordneter der Zweiten Ständekammer des Landtages in Darmstadt. Politisch stand er dem „Ersten Mainzer Kreis“ unter Colmar und Liebermann nahe und setze sich für liberale Reformen ein. Seine Forderungen betrafen unter anderem eine stärkere Selbstverwaltung der Provinz Rheinhessen, Streichungen bei den Militärausgaben und die Liberalisierung der hessischen Verfassung. [Anm. 15] Aufsehen erregte Kertell mit einem Antrag zur Öffnung der Kammersitzungen für die Öffentlichkeit. Der liberale Katholik war zudem großer Verfechter der deutschen Einheitsbestrebungen und unterstützte im Zuge dessen alle Initiativen für eine Stärkung des Zollvereins und die Erlangung der deutschen Einheit. Kertell setzte sich im Hessischen Landtag auch für die Gleichberechtigung von Minderheiten, wie etwa der Juden, ein. In kirchlichen Kreisen stieß er mit der Forderung nach einer Besteuerung des Kirchenbesitzes nicht gerade auf Begeisterung. [Anm. 16]

Heute ist Johann Maria Kertell vor allem für seine Verdienste um die Mainzer Fastnacht bekannt und gilt als einer ihrer Gründungsväter. Durch seine geschäftlichen Verbindungen nach Köln seit seiner Ausbildungszeit lernte er den Kölner Karneval kennen, der sich in den 1820er Jahren zu einer politischen Plattform des Bürgertums entwickelte. Ausschlaggebendes Ereignis für die Wiederbelebung der Mainzer Fastnacht waren die sogenannten Kölner Wirren, die ihren Höhepunkt in der Verhaftung des Kölner Erzbischofs Clemens August Freiherr von Droste zu Vischering erreichten. Kertell sah durch diese Ereignisse und auch durch eigene politische Rückschläge die mühsam errungenen Rechte der Bürger gefährdet – in der Fastnacht sah er die Möglichkeit eines Forums für politische Kritik. [Anm. 17] Im Jahr 1837 gründete Kertell die Mainzer Ranzengarde. Sie war die erste Garde in Mainz und nach den Kölner „Roten Funken" und einer Düsseldorfer Garde die dritte bekannte Traditionsgarde am Rhein. Als Gründer war Kertell erster Generalfeldmarschall der Garde und bekleidete das Amt des Präsidenten. Das erste Hauptquartier befand sich in der Hauptwache im Mitterhäuschen am Gutenbergplatz. Als Schlachtruf wählte die Garde ein abgewandeltes Zitat des französischen Generals Cambronne [Anm. 18]: „Die Garde isst und trinkt, aber sie übergibt sich nicht!" Die Mainzer Ranzengarde war außerdem maßgeblich an der Entstehung des Mainzer Carneval Vereins beteiligt. An Fastnacht 1838 führte Johann Maria Kertell als Generalfeldmarschall die Garde im ersten Rosenmontagsumzug durch die Mainzer Straßen.

Nur ein Jahr später, am 24. Mai 1839, verstarb Kertell im Alter von 68 Jahren in Mainz. Den rasanten Aufstieg der Mainzer Fastnacht und der Ranzengarde konnte er selbst nicht mehr miterleben. Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung wurde Kertell in Mainz beigesetzt; die Schiffe im Hafen und die Rheinischen Dampfboote setzten ihre Flaggen auf Halbmast. [Anm. 19] Auch über die Grenzen des Großherzogtums hinaus fand sein Tod Beachtung, überregionale Zeitungen wie die Augsburger Zeitung berichteten über Kertells Tod.

Johann Maria Kertells Grab befindet sich noch heute auf dem Mainzer Hauptfriedhof. Am 14. September 1996 wurde vor dem Fort Hauptstein ein Platz nach ihm benannt. [Anm. 20]

 

 

Nachweise

Verfasser: Sarah Traub

Redaktionelle Bearbeitung: Christoph Schmieder

Verwendete Literatur:

  • Frieß-Reimann, Hildegard: „Johann Maria Kertell (1771-1839) – Gründer der Mainzer Ranzengarde und seine Zeit“ (Ausstellung). In: Fastnacht / Karneval im europäischen Vergleich. Hrsg. von Michael Matheus (Veröffentlichung des Instituts für Geschichtliche Landeskunde an der der Universität Mainz e.V., Reihe Mainzer Vorträge, Bd. 3). Stuttgart 1999. S.85-90.
  • Kläger, Michael: Johann Maria Kertell (1771-1839). In: Mainz – Menschen, Bauten, Ereignisse. Eine Stadtgeschichte. Hrsg. Im Auftrag der Stadt Mainz von Franz Dumont und Ferdinand Scherf. Mainz 2010. S.140f.
  • Wucher, Hermann: Auszüge aus dem Leben von Johann Maria Kertell, dem Gründer unserer Ranzengarde. URL:  www.mainzer-ranzengarde.de (Aufruf am 31.05.2016).

Aktualisiert am: 07.06.2016

Anmerkungen:

  1. Kläger, Michael: Johann Maria Kertell (1771-1839). In: Mainz – Menschen, Bauten, Ereignisse. Eine Stadtgeschichte. Hrsg. Im Auftrag der Stadt Mainz von Franz Dumont und Ferdinand Scherf. Mainz 2010. S.140f. S.140. Zurück
  2. Heute befinden sich dort das Archiv und die Bibliothek des Priesterseminars. Zurück
  3. Kläger. S.140. Zurück
  4. Kläger. S.140. Zurück
  5. Wucher, Hermann: Auszüge aus dem Leben von Johann Maria Kertell, dem Gründer unserer Ranzengarde. URL:  http://www.mainzer-ranzengarde.de/?tid=52 (Aufruf am 31.05.2016).  Zurück
  6. Kläger. S.140. Zurück
  7. Wucher. Zurück
  8. Kläger. S.140. Zurück
  9. Den letzten noch existierenden Grenzstein von diesem Besitz, mit seinen Initialen J. K., bekam die Mainzer Ranzengarde durch die Vermittlung von Hermann Wucher 1998 von der Familie Sebastian Fischer, direkten Nachkommen aus der Linie von Kertells Frau, die heute noch Pächter dieses Gutes sind, geschenkt. Zurück
  10. Diese trug damals auch seinen Namen und ist den alten Eltvillern auch heute noch als Kertell-Aue ein Begriff.  Zurück
  11. Kläger. S.140. Zurück
  12. Frieß-Reimann, Hildegard: „Johann Maria Kertell (1771-1839) – Gründer der Mainzer Ranzengarde und seine Zeit“ (Ausstellung). In: Fastnacht / Karneval im europäischen Vergleich. Hrsg. von Michael Matheus (Veröffentlichung des Instituts für Geschichtliche Landeskunde an der der Universität Mainz e.V., Reihe Mainzer Vorträge, Bd. 3). Stuttgart 1999. S.85-90. S.86. Zurück
  13. Kläger. S.140. Zurück
  14. Frieß-Reimann. S.85. Zurück
  15. Kläger. S.140. Zurück
  16. Kläger. S.140f. Zurück
  17. Kläger. S.141 und Frieß-Reimann. S.87. Zurück
  18. General Cambronne war 1815 in der Schlacht von Waterloo Gegenspieler von Blücher und Wellington. Zurück
  19. Kläger. S.141. Zurück
  20. Kläger. S.141. Zurück