Westerwald

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Wer war Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818-1888)?

[Bild: Sarah Traub, IGL]

Heiliger oder starrköpfiger Christ? Die Bewertungen durch Zeitgenossen und in der Nachwelt schwanken bis heute.[Anm. 1] Beide Sichtweisen werden Raiffeisens ereignisreichem Lebensweg nicht gerecht und verstellen den Blick darauf, dass er vor allem eines war: ein Mensch mit Ecken und Kanten – mit einem häufig nicht leichten Familienleben[Anm. 2], mit gesundheitlichen Schwierigkeiten, mit viel Eigeninitiative, Wagemut und Beharrlichkeit.

Er wollte die Lage der weniger gebildeten Bevölkerung im ländlichen Raum verbessern und Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Dazu gründete er Darlehnskassen, die „den kleinen Leuten“ Kredite zur Verfügung stellen sollten. Er vertrat durchaus bevormundende Vorstellungen, aber es ging ihm nicht darum, sich zu profilieren.

Es versteht sich von selbst, dass Raiffeisen wie alle Menschen ein „Kind seiner Zeit“ (Michael Klein) und dadurch von bestimmten Denkhorizonten geprägt war. In seinen Aktivitäten lässt sich vor allem ein „nüchterner Wirklichkeitssinn“[Anm. 3] erkennen, da er stets auf die Umsetzbarkeit seiner Ideen bedacht war. Er galt als Praktiker, verkehrte in vornehmen Kreisen (so mit dem Fürsten von Wied oder Professoren wie Theodor Freiherr von der Goltz) und konnte sich über politische oder wissenschaftliche Themen austauschen, ohne jemals ein Studium absolviert zu haben.

Dabei überspielte er chronische Krankheiten, die von seinen Biographen „Typhus“[Anm. 4], „nervöses Kopfübel“[Anm. 5] bzw. „Neurasthenie“ (Nervenschwäche) sowie „Rheumatismus“[Anm. 6] beschrieben wurden. Seit seinem 24. Lebensjahr kämpfte er mit einem Augenleiden, das sich schubweise verschlimmerte und ihn im Laufe seines Lebens nahezu erblinden ließ.[Anm. 7] Trotz dieser gesundheitlichen Einschränkungen setzte er seine Ideen mit großer Willensstärke und Hartnäckigkeit in die Tat um und wurde deshalb von so manchem Zeitgenossen als stur bezeichnet. In jedem Fall muss Raiffeisen ein sehr überzeugender Mensch gewesen sein – sonst hätte er es nicht an jedem neuen Arbeitsort (Weyerbusch, Flammersfeld, Heddesdorf) innerhalb kurzer Zeit geschafft, so viele Wohlhabende für seine Vereine zu gewinnen. Seine Idee strahlte international aus – vom Westerwald in die Welt. 2016 nahm die UNESCO schließlich die Genossenschaftsidee in die Repräsentative Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf.

Lange wurde in der Geschichtsschreibung versucht, Raiffeisens Lebenslauf zu idealisieren – seine Äußerungen gegen Juden im Kontext von Wucherei wurden nach der NS-Zeit kaum noch erwähnt, der Tod des Vaters wurde vorverlegt[Anm. 8], dessen anzunehmender Alkoholkonsum verschwiegen oder übertrieben[Anm. 9], innerfamiliäre Konflikte ausgeblendet.[Anm. 10]

Raiffeisen und die Juden

Raiffeisen identifizierte für die Rheinprovinz, und später auch für andere Regionen wie Oberschlesien, Kredit- und Viehwucher als bedeutenden Missstand[Anm. 11], dem seine Darlehens-Vereine abhelfen sollten. Erstmals äußerte er sich in diesem Zusammenhang wohl im Jahr 1880 gegen Juden.[Anm. 12] Er gestand aber auch zu: „Ohne Zweifel gibt es schöne und edele Charaktere unter den Juden, ja solche, welche manchen Christen zum Vorbilde dienen könnten.“ Wie in zahlreichen Aussagen wird hieran die elitäre Einstellung von Raiffeisen deutlich, denn diesen stellte er die "gewöhnlichen Juden, z. B. in Schlesien", entgegen.[Anm. 13] Das Handeln „sehr vieler Juden [sei] ein nicht minder staatsgefährliches, als das der Sozialdemokraten.“[Anm. 14] Das zeigt, zumal Raiffeisen den Juden „Christen“ und nicht „Deutsche“ gegenüberstellt, dass es ihm nicht um die Nationalität ging. Wie viele antisemitische Autoren kritisierte er allerdings, dass nur wenige Juden „productive Geschäfte“ betrieben.[Anm. 15]

Die teilweise vertretene Ansicht, Raiffeisen sei „deutlich antisemitisch geprägt“[Anm. 16] gewesen, ist jedoch nicht zu belegen und folgt zum Teil aus der Stilisierung Raiffeisens zum Antisemiten in der NS-Zeit.[Anm. 17] Raiffeisen „war jeglicher Verhetzung abhold", erklärte selbst der ihm gegenüber kritische Biograph Faßbender.[Anm. 18]

Raiffeisen und seine Familie

Raiffeisen war ein Vater wie andere. Die Beziehung zu seinen Kindern war nicht konfliktfrei. Amalie, seine älteste Tochter, übernahm wohl schon nach dem Tod der Mutter deren Stellung im Haushalt und wurde von ihrem Vater nach seiner Pensionierung für die Darlehnskassen und den Weinhandel vereinnahmt.[Anm. 19] Er verhinderte, dass sie sich verheiratete.[Anm. 20] Sowohl zu seinen verheirateten Töchtern Caroline Hurter (Gutschdorf in Schlesien) und besonders Bertha Fuchs (Wörth am Main) sowie zu seinem Sohn Rudolf bestanden zeitweise mehr oder weniger große Spannungen.

Nach dem Tod seiner ersten Ehefrau und seiner Frühpensionierung heiratete er Ende 1867 erneut. Seine zweite Frau, Maria Penserot, war die Witwe eines Pfarrers aus Kreuznach.[Anm. 21] Wenig ist über sie bekannt, abgesehen davon, dass sie mit der apokalyptischen Bewegung der Irvingianer sympathisierte. Anschließen konnte sie sich dieser aber erst nach Raiffeisens Tod.[Anm. 22]

Nachweise

Verfasser: Ute Engelen

Verwendete Literatur:

  • Abresch, Werner; Kaiser, Friedhelm, Zukunft gewinnen. F.W. Raiffeisen. Ein großes Leben in Bildern und Dokumenten, Hannover 1968.
  • Faßbender, Martin, F. W. Raiffeisen in seinem Leben, Denken und Wirken im Zusammenhange mit der Gesamtentwicklung des neuzeitlichen Genossenschaftswesens in Deutschland, Berlin 1902.
  • Kaltenborn, Wilhelm, Schein und Wirklichkeit. Genossenschaften und Genossenschaftsverbände. Eine kritische Auseinandersetzung, Berlin 2014.
  • Klein, Michael, Leben, Werk und Nachwirkung des Genossenschaftsgründers Friedrich Wilhelm Raiffeisen 1818-1888. Dargestellt im Zusammenhang mit dem deutschen sozialen Protestantismus, Köln 1997, zugl. Diss. Univ. Heidelberg 1994 (Schriftenreihe des Vereins für Rheinische Kirchengeschichte, 122).
  • Koch, Walter (Hg.), F. W. Raiffeisen. Dokumente und Briefe 1818-1888, St. Wolfgang 1986.
  • Koch, Walter, Neue Erkenntnisse zum Leben von Friedrich Wilhelm Raiffeisen, in: Hesse, Otmar; Pauly, Albert (Hg.), Einer für alle – alle für einen. Friedrich Wilhelm Raiffeisen zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Referate und Berichte von einer Studientagung vom 31.10.-2.11.1986 1987 (Evangelischer Informationsdienst für Jugend- und Erwachsenenbildung auf dem Lande. Beihefte, 3), S. 19-31.
  • Koch, Walter, Amalie Raiffeisen (1846-1897), in: Klein, Susanne (Hg.), Von Frau zu Frau. Auf der Suche nach der verschütteten Geschichte bedeutender Frauen in und um Neuwied, Neuwied 1995 (Teil II), 43-61.
  • Koch, Walter (Hg.), F.W. Raiffeisen. Statute, Dokumente und Schriftwechsel mit den Behörden 1846-1888, 2. verb. u. erw. Aufl. 1996, Quellensammlung.
  • Krebs, Willy, Aus dem Leben Friedrich Wilhelm Raiffeisens, 2. Aufl., Neuwied 1925.
  • Raiffeisen, Friedrich Wilhelm, Die Darlehnskassen-Vereine als Mittel zur Abhilfe der Noth der ländlichen Bevölkerung, sowie auch der städtischen Handwerker und Arbeiter. Praktische Anleitung zur Bildung solcher Vereine, gestützt auf sechszehnjährige Erfahrung als Gründer derselben, Neuwied 1866.
  • Seelmann-Eggebert, Erich-Lothar, Friedrich Wilhelm Raiffeisen. Sein Lebensgang und sein genossenschaftliches Werk, Stuttgart 1928.

Erstellt am: 08.12.2017

Anmerkungen:

  1. So auch Koch, Walter, Neue Erkenntnisse zum Leben von Friedrich Wilhelm Raiffeisen, in: Hesse, Otmar; Pauly, Albert (Hg.), Einer für alle - alle für einen. Friedrich Wilhelm Raiffeisen zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Referate und Berichte von einer Studientagung vom 31.10.-2.11.1986, 1987 (Evangelischer Informationsdienst für Jugend- und Erwachsenenbildung auf dem Lande. Beihefte, 3), S. 19-31, S. 30. Zurück
  2. Vgl. z. B. die Einschätzungen „harmonisches Familienleben“, „Im häuslichen Frieden“: Abresch, Werner; Kaiser, Friedhelm, Zukunft gewinnen. F.W. Raiffeisen. Ein großes Leben in Bildern und Dokumenten, Hannover: Steinbock 1968, S. 57. Eine differenzierte Sicht findet sich bei Koch 1987, S. 23ff. Zurück
  3. Seelmann-Eggebert, Erich-Lothar, Friedrich Wilhelm Raiffeisen. Sein Lebensgang und sein genossenschaftliches Werk 1928, S. 46. Zurück
  4. Faßbender, Martin, F. W. Raiffeisen in seinem Leben, Denken und Wirken im Zusammenhange mit der Gesamtentwicklung des neuzeitlichen Genossenschaftswesens in Deutschland, Berlin: Paul Parey 1902, S. 17. Zurück
  5. Raiffeisen 11. März 1888+, Blätter für Genossenschaftswesen 1888, S. 99, zit. nach Faßbender 1902. Zurück
  6. Faßbender 1902, S. 22. Zurück
  7. Krebs, Willy, Aus dem Leben Friedrich Wilhelm Raiffeisens, 2. Aufl, Neuwied 1925, S. 27, 94. Zurück
  8. Koch 1987, S. 19. Zurück
  9. Koch 1987, S. 22. Zurück
  10. Klein, Michael, Leben, Werk und Nachwirkung des Genossenschaftsgründers Friedrich Wilhelm Raiffeisen 1818-1888. Dargestellt im Zusammenhang mit dem deutschen sozialen Protestantismus, Köln: Rheinland 1997, Zugl. Diss. Univ. Heidelberg 1994 (Schriftenreihe des Vereins für Rheinische Kirchengeschichte, 122), S. 111f. Zurück
  11. Raiffeisen, Friedrich Wilhelm, Die Darlehnskassen-Vereine als Mittel zur Abhilfe der Noth der ländlichen Bevölkerung, sowie auch der städtischen Handwerker und Arbeiter. Praktische Anleitung zur Bildung solcher Vereine, gestützt auf sechszehnjährige Erfahrung als Gründer derselben, Neuwied: Strüder 1866, S. 1ff. Zurück
  12. Klein 1997, S. 109ff. Zurück
  13. Koch, Walter (Hg.), F.W. Raiffeisen. Statute, Dokumente und Schriftwechsel mit den Behörden 1846-1888, 2. verb. u. erw. Aufl. 1996, Quellensammlung, S. 352. Zurück
  14. Koch 1996, S. 353. Zurück
  15. Koch 1996, S. 353. Zurück
  16. Kaltenborn, Wilhelm, Schein und Wirklichkeit. Genossenschaften und Genossenschaftsverbände: eine kritische Auseinandersetzung, Berlin: Das Neue Berlin 2014, S. 83. Zurück
  17. Klein 1997, S. 111. Zurück
  18. Faßbender 1902, S. 42. Zurück
  19. Koch, Walter, Amalie Raiffeisen (1846-1897), in: Klein, Susanne (Hg.), Von Frau zu Frau. Auf der Suche nach der verschütteten Geschichte bedeutender Frauen in und um Neuwied, Neuwied 1995 (Teil II), 43-61, S. 46, 48. Zurück
  20. Faßbender 1902, S. 48f. Zurück
  21. Koch, Walter (Hg.), F. W. Raiffeisen. Dokumente und Briefe 1818-1888, St. Wolfgang 1986, S. 96. Zurück
  22. Klein 1997, S. 96f.; Krebs 1925, S. 103. Zurück