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3.3 Erinnerungsgemeinschaften

Als Verfasser der Vertriebenenheimatbücher treten zumeist die Vertriebenen selbst in Erscheinung. Faehndrich definiert die Autorenkollektive und Mitwirkenden als Erinnerungsgemeinschaften. [Anm. 1]
Sie entwickelt dabei den von Pierre Nora[Anm. 2] und später Jan Assmann[Anm. 3] verwendeten Begriff der Gedächtnisgemeinschaft weiter, um ihn weiter zu präzisieren und einzugrenzen. Laut Faehndrich handelt es sich bei einer Erinnerungsgemeinschaft um „eine Gruppe, die sich über eine zentrale, von allen geteilte Erfahrung als Gruppe zusammengefunden hat und für die die Erinnerung an diese Erfahrung, wie bei den Vertriebenen an den Heimatverlust und das Leben in der alten Heimat, als Gründungsmythos fungiert.“[Anm. 4]
Aufgabe der Erinnerungsgemeinschaft ist laut Faehndrich die „permanente Bearbeitung und Erinnerung an diesen Gründungsmythos.“[Anm. 5] Dies habe zwei Funktionen. Zum einen seien die Stärkung des Zusammenhalts der Gruppe durch die wiederholte Bearbeitung der Gründungserfahrung wichtig. Zum anderen nennt Faehndrich die Weitergabe der Erinnerung an den Gründungsmythos an nachfolgende Generationen, weitere gesellschaftliche Kreise oder gar die Gesamtgesellschaft. Letzteres resultiere oft aus dem Empfinden, dass die eigene Erfahrung gesamtgesellschaftlich nicht ausreichend repräsentiert sei.[Anm. 6]
Organisiert wurde und wird die Erinnerungsgemeinschaft vielmals innerhalb der Heimatorts- oder Kreisgemeinschaften (HOG/HKG). Die HOG können als kleinste soziale Einheit, als Zusammenschluss von Menschen aus demselben Ort gesehen werden, innerhalb welcher die öffentlich oft nicht verstandene, gemeinsame Erinnerung artikuliert werden kann. Sie organisieren sich unter dem Dach der Vertriebenenverbände. Durch die Vertriebenenverbände kam es zu Versuchen, die Erinnerungskonstruktion der HOG aus verbandspolitischen Interessen zu beeinflussen.[Anm. 7]

Anmerkungen:

  1. Faehndrich. S. 40. Zurück
  2. Nora, Pierre: Zwischen Geschichte und Gedächtnis. Berlin 1990. S. 11. Faehndrich kritisiert die Nennung des Begriffs „Gedächtnisgemeinschaft“ ohne fehlende Definition. Siehe: Faehndrich S. 39. Zurück
  3. Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. München 2007. S. 30. Für Faehndrich ist Assmanns Auslegung der Gedächtnisgemeinschaft zu weitläufig, sodass es sich bei jeder sozialen Gruppe gleich um eine Gedächtnisgemeinschaft handele. Siehe. Faehndrich S. 39. Zurück
  4. Faehndrich. S. 40. Zurück
  5. Ebenda. Zurück
  6. Ebenda. Zurück
  7. Ebenda. Zur Diskursverhärtung und „historical engineering“ siehe auch Faehndrich S. 197 – 210. Zurück