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Hinweis

Dieser Artikel wurde ursprünglich für das Glossar von regionalgeschichte.net verfasst. Im Zuge der Umgestaltung des Glossars zu einem primären definitorischen Glossar im Jahr 2018, wurde dieser Beitrag aus dem Glossar entfernt und wird stattdessen hier als kurzer Aufsatz zur Verfügung gestellt.

Reisen im Mittelalter

Der König, der Adel und die Geistlichkeit reisten viel. Denn Herrschen bedeutete im Mittelalter reisen, man reiste nicht zum Vergnügen. Auch Händler und Kaufleute, Handwerksburschen, Spielleute und Schausteller waren ständig unterwegs Für die anderen Menschen blieb das Reisen dagegen ein seltenes und aufgrund der schlechten Straßenverhältnisse auch noch anstrengendes Erlebnis. Es bestand für "normale" Menschen auch wenig Grund zum Reisen. Man hatte seine Familie und Verwandten im Dorf und pflegte Kontakte mit Familienmitgliedern in den Nachbardörfern. An bestimmten Tagen besuchte man vielleicht den Markt in der nahegelegenen Stadt. Außerhalb des Nahbereiches kannten viele Menschen niemanden, zu dem sie hätten reisen können. Ferien- und Urlaubsreisen, wie wir sie heute unternehmen, kannten die Menschen bis ins 18. Jahrhundert hinein nicht.

Herrschen durch Reisen

Der deutsche König hatte keine feste Residenz, es gab keine Hauptstadt. Die Hauptstadt des Königs, so heißt es, war der Sattel seines Pferdes. Die Könige des Mittelalters bevorzugten zwar je nach politischer immer wieder bestimmte Aufenthaltsorte, Pfalzen, Klöster, Städte oder Burgen (Residenzen), über eine Hauptstadt verfügten sie aber nicht. Berlin, die alte preußische Residenzstadt, wurde erst 1871 Reichshauptstadt.

Um seinen Herrschaftsanspruch in allen Landesteilen zu demonstrieren, die Huldigung der Königsleute, Reichsstädte und Reichsdörfer entgegenzunehmen, musste der Herrscher ständig unterwegs sein. Nur so konnte der mit den Großen des Reiches Kontakte pflegen und die Verwaltung des Reichsgutes, des zum Königtum gehörenden Besitzes, kontrollieren.

Ähnliches galt für die anderen Landes- und Territorialherren. Auch sie mussten ihre teilweise weit verstreut liegenden Besitzungen inspizieren. Der Ritter hatte im Rahmen seines Lehnsdienstes viele Tage im Jahr dem Lehnsherrn in dessen Kriegs- und Fehdezüge zu folgen. Er hatte die herrschaftlichen Gerichtstage zu besuchen. Bedeutendere Herren hatten sich immer wieder am Aufenthaltsort des reisenden Königs einzufinden. Hohe Herren waren verpflichtet, den König bei seinen Umritten und Italienreisen zu begleiten. Dann konnten sie leicht Monate- oder jahrelang von zu Hause weg sein. Nur ausnahmsweise wurde ihnen gestattet, einen würdigen Stellvertreter zu entsenden.

Widrigkeiten des Reisens

Reisen war im Winter einfacher als im Sommer, da der Frost zwar lästig war, dafür die Wege hart und begehbar waren. In tief verschneiten Wintermonaten war dagegen an eine Fortkommen, welcher Art auch immer, fast nicht zu denken.

Doch auch im Flachland kamen Reisende bei trockenem Wetter auf den engen und holprigen Wegen nur langsam vorwärts. Längst nicht alle Überlandstraßen waren für Wagen oder Kutschen geeignet, auf ihnen kam man nur zu Fuß oder auf dem Rücken eines Pferdes vorwärts. Wenn bei schlechtem Wetter die Wege verschlammten, war Reisen fast nicht möglich. Von widrigen Wetterverhältnissen einmal abgesehen, lief man unterwegs ständig Gefahr, von Räubern beraubt oder von Landesherren angehalten und um Geleit- und Wegegeld erleichtert zu werden. Übernachtungen unterwegs waren, wenn man der Überlieferung glauben darf, ebenfalls kein Vergnügen. Auf dem Land gab es nur wenige Herbergen und auch die Gasthäuser in den Städten ließen es wohl zuweilen an einfachstem Komfort und Sauberkeit vermissen.

Reisegeschwindigkeiten

Die Reisegeschwindigkeit betrug zu Fuß etwa 4-6 km pro Stunde. Ein Wanderer brachte es auf etwa 40 km pro Tag, wenn er mehrere Tage unterwegs war und seine Kraft einteilen musste. Ein Läufer, der eine Botschaft übermitteln wollte, schaffte eine Tagesleistung von ca. 65 Kilometer. Die Stafettenläufer in Indien sollen Nachrichten an einem Tag über 300 Kilometer befördert haben.

In nicht zu bergigem Gelände legte ein Kaufmann mit Wagen und Gefolge ungefähr 30-45 Kilometer an einem Tag zurück. Für die Strecke von Köln nach Utrecht, je nach Reiseroute etwas mehr als 200 Kilometer, benötigte ein Gespann fünf Tage. Von Breslau nach Wien (ca. 450 Kilometer) brauchte man zehn Tagen, von Augsburg nach Mailand (ca. 500 Kilometer) zwölf und von Nürnberg nach Venedig (ca. 650 Kilometer) 14 Tage.

Ein Reiter legte etwa 60 Kilometer pro Tag zurück. Ein berittener Kurier, der sein Pferd öfters wechseln konnte, schaffte 80 Kilometer pro Tag, ein päpstlicher Eilbote kam 110 Kilometer voran. Eilboten in Frankreich und Spanien waren mit ca. 200 km pro Tag noch schneller. Die Pferdestafette im Mongolenreich soll es gar auf 375 Kilometer gebracht haben.

Bei ausgedehnten Auslandreisen stand die Reisegeschwindigkeit nicht so sehr im Vordergrund. Man wollte zwar zügig, aber auch sicher reisen. Als Graf Philipp von Katzenelnbogen im Jahr 1433 eine Orientfahrt unternahm, sah sein Reiseplan folgendermaßen aus:

Reisetage/Datum Reiseroute
14. Juli Abreise in Darmstadt über Ulm, Innsbruck, Ampezzo, Treviso nach Venedig
30. Juli Ankunft in Venedig
10. August Abreise aus Venedig mit dem Schiff
25. August Ankunft in Kreta
07. September Abreise von Kreta mit dem Schiff
11. September Ankunft in Alexandria

Bei den Kreuzzügen und Pilgerfahrten mussten die Reisenden mit ähnlichen Reisezeiten rechnen. Am 25. April 1483 brach beispielsweise ein spätmittelalterlicher Pilger in Oppenheim am Rhein auf. Binnen 15 Tage traf er in Venedig an. Er musste ca. 750 km Reiseweg überwinden, schaffte also pro Tag etwa 55 km. Bis er in Venedig alle Formalitäten für die Schiffsreise nach Palästina erledigt hatte, waren drei Wochen vergangen und erst am 7. Juli konnte er die Seereise in Jaffa beenden. Er war demnach mehr als zehn Wochen unterwegs.