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Burgenflucht

Phänomen des 14. und 15. Jahrhunderts

Zwischen Alpen und Rhein dürften im Verlauf des 14. und 15. Jahrhunderts rund 75 % der noch um 1300 bewohnten Burgen verlassen und dem Verfall preisgegeben worden sein. Diese "Burgenflucht" hatte wirtschaftliche und gesellschaftliche Ursachen.
Die bedeutenden Landesherren schufen im unmittelbaren Umfeld ihrer Residenz einen beamtenähnlichen Verwaltungsapparat, der zum großen Teil von den Ministerialen getragen wurde. Die neuen Aufgaben erforderten, dass sie nicht mehr nur zeitweise ihrem Herrn zu Diensten sein mussten, sondern sich als 'Beamte' ständig in seiner Umgebung aufzuhalten hatten. Dies bedeutete in der Regel den Umzug von der Ministerialenburg auf dem Lande an den Residenzort des Herrn.
Auch Burgen des hohen Adels wurden aufgeben. Auslöser dieser Entwicklung war der einschneidende Bevölkerungsrückgang aufgrund der schweren Hungersnöte und großen Pestepidemien. Von diesen Plagen, die zwischen 1340 und 1440 mehr als ein Drittel der europäischen Bevölkerung dahinrafften, blieb der Adel nicht verschont. Zum einen wurde er selbst Opfer der Seuchen. Zum anderen sanken seine Einnahmen dramatisch, da er aufgrund der dezimierten Bauernschaft auf einen Großteil der Abgaben aus der Landwirtschaft verzichten musste. Eine Ertragssteigerung durch intensivere Nutzung der Landwirtschaft war zudem mit den damaligen Anbaumethoden nicht möglich. Gleichzeitig stiegen die Kosten für Waffen, Kleidung und Pferde. Wollte der standesbewusste Adlige weiterhin als Ritter leben, war er auf neue Erwerbsquellen angewiesen. Die Veränderungen im geistigen und gesellschaftlichen Bereich, die Abkehr von den alten Ritteridealen manifestiert sich in der Person Kaiser Maximilians (1486-1519), der als "der letzte Ritter" bezeichnet wird. Er war das Bindeglied zwischen dem alten und dem neuen Weltbild, dem man sich aufgrund der wirtschaftlicher Notwendigkeiten, der sich wandelnden Lebensumstände und des sich wandelnden Lebensgefühls anpassen musste, wenn man nicht scheitern wollte.
Daher verließen viele Herren ihre Burg und traten in den Hof- und Kriegsdienst eines mächtigen und reichen Fürsten ein. Andere beschritten ganz neue Wege und nahmen ein Studium an einer der in dieser Zeit in Deutschland entstehenden Universitäten (Heidelberg, Prag, Krakau) auf, um dann in den Fürstenstädten und -residenzen eine Stellung anzutreten.
Doch nicht wenige Adlige blieben burgsässig. Weder der schwindende Verteidigungswert der Burgen noch ihre Unbequemlichkeit konnten manchen traditionsbewussten und sippenstolzen Adeligen dazu bewegen, die Wohnstatt seiner Väter zu verlassen. Wer von den Adligen auf dem Land blieb, war gezwungen, sich intensiv um die Bewirtschaftung seiner Acker-, Wiesen- und Waldflächen zu kümmern, um einen Ernteüberschuss zu erzielen, den er auf den städtischen Märkten zu Geld machen konnte. Zusätzliche Erwerbsquellen boten die Pferdezucht und die Beteiligung an Montanunternehmungen wie Silberbergwerke und Eisenverarbeitung. Wem es nicht gelang, sich den neuen Anforderungen anzupassen, wählte den gefährlichen Weg des Raubrittertums.

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