Rheingauer Heimatforschung

Der große Brand von Oestrich

                                        von Rudolf Rosensprung

                        aus den Rheingauischen Heimatblättern

                                               Nr. 2 / 1965

Vor   330   Jahren

Während der 30jährige Krieg viele deutsche Landstriche zur Wüste machte, wurde im Rheingau kein einziger Ort vollständig vernichtet, und die Häuserzahl sank hier nur um etwa ein Sechstel. Den größten Verlust hatte Oestrich zu beklagen, wo ein Brand während der Schwedenzeit fast zwei Dritte! des Hausbesitzes in Schutt und Asche legte.

Örtliche  Tradition

Als die Schweden im Dezember 1631 den Rheingau eingenommen hatten, legten sie der Bevölkerung die schwersten Kontributionen auf, anfangs monatlich 3000, dann 2000 und zum Schluß 1600 Reichstaler. In dau­ernder Angst vor Repressalien machten es die Gemein­den — wenn auch unter den größten Opfern — mög­lich, pünktlich ihren Verpflichtungen nachzukommen. Nur Oestrich war eines Tages, wie die örtliche Überliefe­rung berichtet, nicht rechtzeitig dazu in der Lage; man war um einen Tag im Rückstand geblieben. Als man dann die Summe vollständig beisammen hatte, sandte der Rat eilends eine Deputation mit dem Gelde nach Geisenheim, doch es war schon zu spät. Zur gleichen Zeit traf ein schwedisches Brandkommando in Oestrich ein mit dem Auftrag, den Ort an allen vier Ecken an­zuzünden. In einem Anflug von Mitleid sollen die Sol­daten dem entsetzten Volke zugesichert haben, we­nigstens die Kirche zu schonen. In aller Eile hätten die Bewohner ihre wichtigsten Habseligkeiten dorthin ge­tragen, um das Nötigste zu retten. Doch auch die Kirche fiel den Flammen zum Opfer, so daß die meisten Oestricher nur mit dem nackten Leben davonkamen. Es ist eigentlich zu verwundern, welch geringe Kennt­nisse wir heute noch besitzen über ein Geschehen, das für Oestrich so furchtbare Folgen hatte. Das mag daran liegen, daß in Zeiten der Not kaum jemand daran denkt, der Nachwelt einen schriftlichen Bericht zu hin­terlassen. Nicht einmal das Jahr steht heute eindeutig fest. Fand der Brand im Jahre 1633 statt, wie aus einem Schreiben der Oestricher Gemeinde hervorgeht, in dem gesagt wird, dass „.... wie bekannt, in Anno (16)33 unsere Kirche, Rathaus und Flecken durch die Schweden erbärm­lich eingeäschert"  worden sei oder war es 1635, wie aus einem Rats­protokoll hervorgeht :

„Vor dem 30-jährigen Krieg hat Oestrich gehabt 219 Haus. Anno 1635 seindt nach beschehenem Brand und Schwedischeswesen noch übrig blieben 85 Haus, seindt also verbrändt und in die Asche gelegt wordte 134 Haus ohne Stall und Scheune".

Einige Tatsachen sprechen jedoch klar für 1635. Nach einer Notiz aus den Oestricher Gemeindeabrechnunqen (HStA. Wiesbaden, Abt. 360/Oestrich Nr. 9) auf Bl. 100 wurde 1634 noch Weingeld „aufs Rathaus" geliefert. Der Brand, der auch das Rathaus vernichtete, muß also nach 1634 gewesen sein.

Aufschlußreich ist hier die Mittelheimer Chronik. Sie zählt in gewissen Abständen die Häuserzahlen der Landtafel des Rheingaues auf, so für 1603, 1633, 1639

1603                             2713
Dezember 1633         2575
1639                             2253

Bis 1633 waren also im Rheingau 138 Häuser abgängig, von denen jedoch (nach der Eintragung vom Dezember 1633) auf Kiedrich 18, auf Hallgarten 27 und auf Gei-senheim 39, insgesamt also 84 Häuser entfallen. Bis zu diesem Zeitpunkt kann demnach Oestrich nicht 134 Häuser verloren haben. Die spätere Senkung des Haus­besitzes aber wird 1639 begründet mit „großen Brand­schäden, welche einige Orte erlitten" hatten.

Auf das Jahr 1635 weist außerdem die schlechte finan­zielle Lage Oestrichs hin, wie aus der Landschreiberei­rechnung zu entnehmen ist (HStA. Wiesbaden, 108/ 2299). Während 1635 alle Orte ihr Markengeld entrich­ten, kann Oestrich seine 40 fl ebensowenig zahlen wie die Abgabe vom Backhaus, und von den 18 fl Brunnenzinsen können „dies Jahr bei den Vermöglich­ten" nur 6 fl erhoben werden.

Der Brand kann also weder vor Dezember 1633 (Zahlen der Landtafel !), noch 1634 (das Rathaus stand noch !), sondern erst 1635 stattgefunden haben, wie die schlechte finanzielle Lage des Ortes schließen läßt und wie es seit jeher die Ortstradition berichtet.

Der Südteil  litt am  meisten

Über den Verlauf der Feuersbrunst finden wir nirgends einen Bericht. Gewisse Schlüsse aber lassen sich ziehen aus einem im Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden vorlie­genden Güterstockbuch der Gemeinde Oestrich aus den Jahren nach 1650 (360/Oestrich, 5). Hier sind ein­getragen die Grundstücke mit den Namen der Be­sitzer, der Lage zum Nachbargrundstück und der Nut­zung. Von den ursprünglich 219 Plätzen sind allerdings nur ca. 200 verzeichnet als „Haus", „Hofreith" oder „verbrannter Hausplatz".

Dabei ergibt sich folgende Übersicht für das erste Jahr­zehnt nach dem Friedensschluß:

Häuser Hofreite u. Brandpl.
A) Nordteil
An der Bach, Tiefengaß und Schmalgaß 42 3
Steckerweg, Knobelsborn, an der Linde 24 4
Römergaß 15 2
Mühlen 3 -
Nördlich der Hauptstraße 84 9
A) Südteil
Schlehdorn, westlicher Ortsanfang, am Niedermarkt - 13
An der Straße 3 3
Kranengaß, Kapellenplatz 5 11
Am Rhein 5 12
Am Markt, sowie „unter" und „hinter dem Markt" 14 17
Kreuzgaß und Burggaß 11 4
Ohne Angabe der Straße 4 8
Südlich der Hauptstraße 42 68
Summe für ganz Oestrich 126 77

Da nach dem Ratsprotokoll 85 Häuser den Brand überstanden hatten, sind bis kurz nach dem 30 jähr. Kriege wieder etwa 40 Häuser neu errichtet worden.

Nördlich der Straße sind nur 9 Hofreite (nicht Brand­plätze !) verzeichnet, und die Straßenzüge erscheinen geschlossen und beinahe unversehrt. Offenbar hat das Feuer hier nicht gewütet.

Im Südteil jedoch finden wir neben 42 Häusern 68 Hausplätze, die zumeist als „verbrannte Hausplätze" bezeichnet werden. Dies läßt den Schluß zu, daß im wesentlichen der Südteil von Oestrich niederbrannte samt Kirche und Rathaus. Nur vereinzelt waren hier Gebäude stehengeblieben, wie z. B. das „Wirts- und Wohnhaus am Rhein" (Hotel Schwan) oder das „Wohn-und Bierhaus am Markt", die heutige Krone.

Da nach der Überlieferung das Brandkommando den Ort „an allen vier Ecken" anzündete, andererseits aber hauptsächlich das Gebiet zwischen Rhein und Haupt­straße in Mitleidenschaft gezogen wurde, muß zur Zeit des Brandes Südwind geherrscht haben, der die Feuer­straßen vom Rhein her nach Norden trieb. Hingegen konnten die sicher auch am Nordrand entfachten Brände nicht weitergreifen. Dies dürfte wohl auch den Namen „Brandpfad" erklären, an dem kein Haus ver­zeichnet ist, obwohl er selbst schon erwähnt wird.

Daß die Hauptstraße dem Feuer Einhalt gebot, ist erklärlich. Bei Großfeuern entsteht im Zentrum ein starker Aufwind, der die Luft von allen Seiten in die Flammen zieht und an günstigen Stellen diesen selbst wieder eine Grenze setzt. Ebensowenig konnten die Flammen den Marktplatz überspringen, so daß auch das Gasthaus zur Krone erhalten blieb.

Der Version, daß die Schweden die Kirche verschonen wollten, kann durchaus Glauben geschenkt werden. Denn sonderbarerweise zündeten sie das Gasthaus zum Schwan nicht an. Wenn sie tatsächlich die Kirche stehen lassen wollten, dann durften sie bei vorherrschendem Südwind die südlich der Kirche liegenden Häuser eben­falls nicht niederbrennen. Das taten sie denn auch nicht. Möglicherweise hat dann der Funkenflug das Kirchendach entzündet und so die gute Absicht der Soldaten zunichtegemacht. Dies sind natürlich nur vage Vermutungen; vielleicht lagerten im Keller des Wirts­hauses noch einige gute Tropfen, an denen sich die ewig durstigen Soldatenkehlen während der makabren Arbeit laben wollten. Wer weiß es ? Die Kirche brannte jedenfalls ab.

Dies Schicksal blieb dem Kran erspart. Ihn hat nach der Landschreibereirechnung „der Feind mit sich hin­weggenommen".

Jahrzehntelang dauerte der Wiederaufbau, an den die verarmte Oestricher Bevölkerung mit Eifer nach dem Friedensschluß heranging. Den wirtschaftlichen Auf­schwung verdankt die Gemeinde einem Fremden, dem Johann Hupert von Berghausen, durch Errichtung neuer Gewerbe wie Weberei und Gerberei, einer Ziegelei und Bierbrauerei. Um den Aufbau der Kirche machte sich Pfarrer Johann Stark verdient. Das erste gemein­same Wiederaufbauwerk war der Kran, zu dem auch Mittelheim Holz und Geld beisteuerte: Nach der Mittel-heimer Chronik wurde im Jahre 1652 „ein neuer Kran zu Oestrich gemacht". Drei Jahre später, 1655, baut ein Winkeler Bürger das Gemeindebackhaus wieder auf, und 1658 wird die Kirche „ins Trockene gebracht", d. h. mit einem neuen Dach versehen, über 100 Jahre aber mußten noch vergehen, bis Oestrich um 1781 den Vor­kriegsstand wieder erreicht hatte.

Rudolf Rosensprung

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