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Alltag im Nationalsozialismus

von Norbert Diehl

Deportation jüdischer Mitbürger

Im Nachrichtenblatt der Gemeinden Gau-Algesheim, Heidesheim und Wackernheim, Bezirksausgabe Gau-Algesheim vom 9. Dezember 1938, für deren Inhalt der Bürgermeister und Ortsgruppenleiter Erich August Best die Verantwortung trug, wurde der folgende Artikel veröffentlicht:

"In aller Deutlichkeit: Gut Freundschaft mit Juden? Wie? Gibt es sowas in Gau-Algesheim? Ja, lieber Volksgenosse, so etwas gabs bis vor kurzem hier in unserem Städtchen! Und zwar gab es einen Zeitgenossen aus der Weingasse, welcher mit den erst vor wenigen Tagen von hier verschwundenen Judenweibern Nathan/Mayer und Konsorten gute Freundschaft hielt. Diesem guten Mann lag es scheinbar sehr an einem gut nachbarlichen Einvernehmen mit den Judenweibern. Und wie in den Tagen des ruchlosen Mordes in Paris sich auch hier Bewohner darüber Luft machten und dem Judenhaus einen abendlichen Besuch abstatteten, da fühlte sich dieser Zeitgenosse in der Nachtruhe gestört. Er fiel mit allerlei Betitelungen über die Ruhestörer her; hatte er doch die Pflicht, auf Grund seiner überaus guten Freundschaft zu den Judenweibern sich als Beschützer dieser aufzuspielen. Daß er bei der Herrichtung der verschobenen Fensterläden behilflich war, das so nebenbei. Aber nicht genug, lieber Volksgenosse: Nachdem die Judenweiber ihre Kisten und Kasten zur Abreise für immer gepackt hatten, fühlte sich der Herr Nachbar bemüßigt, den Judenweibern die Koffer zur Bahn zu bringen. Interessant ist nun dessen Antwort auf die Befragung nach dem Grund seines volksfremden Verhaltens: 'Es hätte sich ja doch kein anderer hierzu gefunden!' - Pfui!

Man hält es nicht für möglich, daß es noch derartige Leute gibt, die glauben, ohne den Juden nicht auskommen zu können, und sich so stellen, als ob sie die ganze Judenfrage überhaupt nichts anginge. Dieser Mann hat es trotzdem getan! Nun treffen ihn die Folgen: Er hat jetzt nicht nur die parteilichen und behördlichen Maßnahmen, sondern auch die öffentliche Verachtung seiner Volksgenossen zu tragen! Wer Juden bedauert und Freundschaft mit ihnen hält, ist ein Lump und Verräter!"

Boykottaufruf

Der in dem Artikel genannte Bürger war der 1888 in Perscheid geborene verwitwete Maschinist Josef Moritz aus der Weingasse 23. Im benachbarten Haus Weingasse 25 betrieb bis 1921 Sigmund Nathan (1838-1925) eine Metzgerei. Dessen Witwe Rosa Nathan geb. Marx (1849-1937) bewohnte in den dreißiger Jahren das Haus mit ihrer Tochter Elisabeth "Betti" Mayer, die nach dem Tode ihres Mannes Eduard im Jahre 1932 von Frankfurt in ihren Geburtsort zurückkehrte. 1934 zog auch ihr Sohn Leopold (1902-1990), der Schüler in der Meisterklasse von Max Beckmann war, von Frankfurt nach Gau-Algesheim um. Rosa Nathan starb 1937 und wurde als letzte Gau-Algesheimerin auf den Judenfriedhof bestattet. Mit seinem 1926 geborenen Sohn Willi fuhr Josef Moritz das Gepäck von Betti Mayer, deren Begleiterin unbekannt ist, zum Bahnhof. Das Haus in der Weingasse 25 musste im Rahmen der "Arisierung" zwangsweise verkauft werden; mit Schreiben vom 6. Januar 1939 meldete sich Betti Mayer aus Gau-Algesheim ab. Später wurde Betti Mayer in ein Frankfurter "Judenhaus" eingewiesen, im Viehwaggon ins Baltikum deportiert und bei Riga ermordet. Ihrem Sohn Leopold gelang über Luxemburg die Flucht nach Frankreich und schließlich unter dem Namen Leo Maillet in die Schweiz.

Quelle: Der Texte wurde regioNet von Herrn Norbert Diehl aus Gau-Algesheim zur Veröffentlichung überlassen.