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Rutschungen am Jakobsberg bei Ockenheim

von Johannes Preuß, Corinna Ihle und Thorsten Hens

Einer der schönsten Aussichtspunkte Rheinhessens ist das Hörnchen am Jakobsberg bei Ockenheim. Es liegt wenig nord-westlich des höchsten Punktes des Rheinhessischen Tafellandes, das hier mit 274 m NN Rhein und Nahe um 150-190 m überragt.

Vor der bewaldeten Kulisse des Taunus und Hunsrücks breitet sich ein überwiegend landwirtschaftlich genutztes Panorama aus, das durch Verkehrswege und Siedlungen unterbrochen wird. Offensichtlich folgt die Landnutzung einfachen Regeln. An den Hängen wächst der Rheinhessische und Rheingauer Wein. Talböden und Plateaus werden von Getreide und Hack­früchten eingenommen. Zur Zeit der Baumblüte erkennt man, daß Obstbäume - meist Sauerkirschen, aber lokal auch Äpfel - Teile des Nahe- und Rheintales einnehmen.

Nicht so wohlgeordnet ist die direkte Umgebung des Ockenheimer Hörnchens. Der Blick nach Nordosten - unten liegt Ockenheim, oberhalb das Kloster Jakobsberg - geht über verbuschtes Gelände, teils waldartig, mit eingestreuten Obstbäumen. Auch in südlicher Richtung vom Hörnchen stocken überwiegend Büsche und Bäume, obwohl doch hier Hangneigung und Hangrichtung für den Weinbau besonders günstig wären.

Eine Erklärung für dieses abweichende Bild liefern Luftbilder von 1991 und 1945. Wo heute Wald und Gebüsch stehen, hatte sich vor 1924 ein Stück des Hanges in Bewegung gesetzt. Der Geologe Lauber schildert den Vorgang wie folgt:

"Die Rutschung 1924 ereignete sich im letzten Drittel des Januars, als nach dem sehr kalten und schneereichen Winter 1923/24 plötzlich Tauwetter mit starken Regenfällen eingetreten war. Sie betraf ein Areal von etwa 6,25 ha. Die Abbruchstelle liegt zwischen 260 und 240 m NN. Hier ist eine Scholle von rund 20 m größter Mächtigkeit und rund  100 m Breite bogen­förmig über Nacht ausgebrochen und abgerutscht. Dabei zerbrach die Scholle in einer Entfernung von etwa 90 bis 100 m vom höchsten Ab­bruchrand ungefähr parallel zu diesem in zwei, die sich terrassenförmig gegeneinander absetzen. In etwa 300 m Entfernung von der obersten Abbruchstelle (200 m NN) kamen die letzten Bewegungen im Sommer 1924 zum vorläufigen Stillstand. Das Gelände des Abhanges ist jedoch noch auf weitere 200 m durch Stauchungen von der Rutschung beeinflußt. Die Erdbewegungen waren so stark, daß Teile der davon betroffenen Weinberge über Nacht vollständig verschwunden waren. Das Rutschgelände befin­det sich seit dieser Zeit in einem Zustand dauernder Veränderung, in dem immer wieder kleinere Rutschbewegungen eintreten, die den steilen Abbruchrand, die aufgestauchten Terrassen und die Bo­denwellen allmählich einebnen".

Aus: Preuss, J ., Th. Hens, und C. Ihle (1997): Rutschungen am Jakobsberg bei Ockenheim. In: Kandler, O., W. Licht und E. Rettinger – Pädagogisches Zentrum/Institut für Geschichtliche Landeskunde (Hrsg.): Der Landkreis Mainz-Bingen. PZ-Information 1/97, S. 30-31. Bad Kreuznach.

Zitiert wird: H.L. Lauber: Untersuchungen über die Rutschungen im Tertiär des Mainzer Beckens, speziell die vom Jakobsberg bei Ockenheim (Bingen). In: Geologie und Bauwesen 13 (1941), S.27-59, hier S.29.